Die Freiheit am Morgen

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. Oktober 2013
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81226-8 (ISBN)
 
Von den Abgründen des Glücks und den Fallstricken der Freiheit. Ein verblüffend stilsicheres Debüt.

Samstagabend, Berlin Mitte. Der junge Anwalt Paul Stern muss noch schnell ein paar Akten kopieren. Dann ist das brandeilige Projekt abgeschlossen, das ihm sein Chef am Vortag auf den Tisch gelegt hat. Die Chance zum großen Karrieresprung. Doch um 22:57 Uhr setzt ein Papierstau nicht nur den Kopierer außer Gefecht. Auch in Pauls Kopf brennt eine Sicherung durch.

Eine kleine weiße Lichtkugel zerspringt in seinem Kopf. Dann wird es dunkel ...« Als Paul Stern auf dem Boden vor dem Kopierer wieder zu sich kommt, reibt er sich benommen die Augen und sieht anschließend alles ganz klar. Schon am nächsten Tag kündigt er völlig überraschend seinen Job bei der renommierten Anwaltskanzlei. Statt sich weiter in der Karrieremühle zu zerreiben, will er sich treiben lassen und neu erfinden. Statt Plänen nachzujagen, will er dem Zufall eine Chance geben. Und dieser Zufall führt ihn in der Silvesternacht nicht nur in die Villa der Medienlegende Tasso Vonderweide, sondern kurz darauf auch in die Arme von Mara, einer Frau aus einer ganz gegensätzlichen Welt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,96 MB
978-3-455-81226-8 (9783455812268)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Martin Simons, geboren 1973, aufgewachsen in Selm, lebt in Berlin. Er hat Rechtswissenschaft studiert, arbeitete als Jurist und Journalist und ist heute Autor und Unternehmer. 2009 veröffentlichte er den Essay Vom Zauber des Privaten. Die Freiheit am Morgen ist sein Romandebüt.

Am Abend hat er sich einen Überblick darüber verschafft, was er bis morgen dreiundzwanzig Uhr erledigt haben muss. Er hat erwartet, dass es viel ist, aber es ist noch viel mehr. Er fragt sich, ob Koch das bewusst ist. Er sollte durcharbeiten, bis ihm die Augen zufallen, sich kurz im Ruheraum hinlegen und dann gleich weitermachen. Angeblich erreicht man so den Tunnel, jenen Zustand, in dem man weder Hunger und Durst noch Müdigkeit und Zeit spürt. Er kennt den Tunnel nur vom Hörensagen.

Um halb elf kann er sich nicht mehr konzentrieren. Er wirft einen Blick auf sein Telefon, hofft auf eine Nachricht von Kathrin, aber es wird bloß eine ihm unbekannte Nummer angezeigt. Er ruft zurück. Eine Frau meldet sich mit einer Stimme, tief und weich, die ihm einen Schauer über die Haut jagt. »Ich bin wieder da.«

»Ja?«

»Du erkennst mich nicht«, sagt die Frau in einem veränderten Tonfall und lacht. »Emmi!«

Damit hat er nicht gerechnet. Er spürt, wie sein Brustkorb warm und weit wird.

»Ich sitze im Nikolai. Kommst du vorbei?«

Er sollte widerstehen, er weiß. Dennoch steigt er zehn Minuten später in ein Taxi und redet sich gegen alle Vernunft ein, dass ihm nach einem Glas mit Emmi die Arbeit leichter fallen wird.

Die Stadtlandschaft gleitet an ihm vorbei, gleitet schon seit Jahren so an ihm vorbei, vielleicht ohne Spuren zu hinterlassen. Er merkt, wie der Fahrer ihn im Rückspiegel mustert. Er wirkt intelligent, ist in seinem Alter, was mag er denken? Zu seinem italienischen Anzug mit Einstecktuch, seinen Schuhen aus blondem Kalbsleder, seiner Brille aus mattem Horn? Als sie vor dem Lokal halten, gibt er unwillkürlich ein übertriebenes Trinkgeld.

Emmi küsst ihn zur Begrüßung auf den Mund, faltet die Arme in seinem Nacken und strahlt ihn aus großen braunen Augen an. »Ich habe schon für uns bestellt. Ich bin dabei zu verhungern.« Auf dem Tisch stehen zwei Teller mit Entrecôte und Sauce Roquefort und eine Flasche Roséwein.

»Wie geht es dir?«

Er antwortet mit einer unbestimmten Handbewegung.

»Du bist also noch immer in der Kanzlei. Warum?«

»Ich höre auf, sobald ich jemanden finde, der mich fürs Bücherlesen, Weintrinken und Herumstreifen bezahlt.«

Sie lacht, schüttelt aber gleichzeitig den Kopf. »Du bist alt genug.«

Er ist froh, dass sie ihn nicht nach Kathrin fragt, obwohl sie von ihr weiß. Ihr beider Liebesleben ist ein Thema, das sie bei ihren Treffen wie auf Verabredung meiden.

Wie eigentlich fast immer, wenn er Emmi sieht, hat sie Phantastisches zu erzählen. Diesmal ist sie gerade aus Indien zurück, wo sie in Begleitung eines Produzenten unterwegs war, der mit ihr eine Dokumentarfilmreihe plant. Sie soll als eine Art graphische Reporterin exotische Orte bereisen und ihre Eindrücke zu Skizzen, Zeichnungen, Bildern verarbeiten. Dabei wird sie gefilmt. Jeweils eine halbe Stunde aus Brasilien, China, Kuba, Mexiko und zum Auftakt eben Indien. Er kann sich vorstellen, welch entzückenden Anblick Emmi im zarten Morgenlicht vor dem Tadsch Mahal abgibt, wenn sie mit einer großen Brille in ihrem einschüchternd hübschen Gesicht malt, reißt, klebt, zeichnet, skizziert und collagiert.

»Wenn ich zeichne, denke ich nichts, es ist wie Meditieren, aber ich nehme viele Geräusche wahr, schon komisch. Es ist wie ein Wachtraum. Alle Sinne sind geschärft, aber das Bewusstsein macht Pause.«

Er trinkt einen Schluck Wein. »Das also ist auch Arbeit. Beneidenswert.«

»Oder?«, freut sie sich.

Wieder einmal findet er sie bezaubernd, wieder einmal fragt er sich, warum er trotz eigentlich unmissverständlicher Signale nie zugegriffen hat.

 

Nach dem Essen sind sie auf dem Weg zu einem Fest. Roland, ein Freund von Emmi, feiert mit seiner Galerie fünfjähriges Jubiläum.

In der gebrochenen Luft liegt eine Ahnung von Herbst. Er freut sich schon auf das leise Klacken der Bucheckern, die bald auf gekieste Wege fallen werden, wenn er morgens durch den Tiergarten ins Büro geht. Ein herzerwärmendes Geräusch im Vergleich zu den dumpf dröhnenden Kastanien.

Emmi hält seinen Arm und drängt sich in ihrem dünnen Kleidchen an ihn. Er fühlt sich mit jedem Schritt leichtsinniger, an seine Arbeit denkt er bloß mit einem inneren Schulterzucken. Er wird sie morgen erledigen, irgendwie und in heller Panik zwar, aber am Ende rechtzeitig, wie er am Ende noch immer alles rechtzeitig erledigt bekommen hat, soweit er sich erinnert.

Emmi führt ihn an der Hand in die von Menschen überlaufene Galerie, die im selben Haus wie seine Wohnung liegt, grüßt und küsst sich ihren Weg durchs Gedränge in die hinteren Räume, dorthin, wo etwas weniger Leute sind. Er freut sich, als sie ihm Roland vorstellt, der ihn interessiert.

Doch Roland ist abweisend, gerade, dass er seinen Gruß erwidert. Als er hört, dass er bei Tennenbaum & Koch Anwalt ist, bemerkt er, dass man sich für Geld immerhin schöne Kunst kaufen könne.

Er lässt Emmi mit Roland allein und hält Ausschau nach Getränken. An dem Tisch mit Bier, Wein und Spirituosen lobt ihn ein Mann für seinen maßgeschneiderten Anzug. Er stellt sich als Leeland vor und beklagt, wie verstörend die Nachlässigkeit der Berliner Gesellschaft in Kleiderdingen für einen Nordafrikaner sei. »Bei uns ist man eitel. Wer in die Öffentlichkeit geht, will sich dort sehen lassen können. Ein Gebot des Anstands, nicht?«

»Absolut.«

Sie verständigen sich über die ästhetischen Zumutungen aufgrund der Bequemlichkeit und Geschmacklosigkeit der Deutschen. Leeland und er stimmen überein, dass Jogger in hautengen Hosen, Stadttouristen mit Walkingstöcken, junge Mütter in Funktionskleidung amoralische Menschen sind, Verbrecher gegen den ästhetisch noch nicht behinderten Teil der Menschheit. Sein neuer Bekannter knetet ihm vor Einverständnis die Schulter.

Ein wenig später sucht er Emmi, findet aber nur Roland, der sich plötzlich für ihn interessiert. »Du kennst Leeland?«

»Nein.«

»Ein undurchsichtiger Kerl.«

»Findest du?«

»Ich weiß es. Mit dem willst du dich nicht einlassen. Was hat er über die Mädchen gesagt?«

»Welche Mädchen?«

»Ich würde gern wissen, was Mara mit ihm zu tun hat.«

»Wer?«

»Die Brünette.«

Er blickt sich zu Leeland um, der sein Glas hebt und zu ihm hinüber lacht. Er steht zwischen zwei Frauen. »Die mit den rötlichen Haaren?«

Roland schaut verwirrt. »Rot?«

»Mit dem kurzen Rock.«

»Genau.«

»Ist sie Russin?«

»Wie kommst du darauf?«, will Roland wissen.

»Sie sieht russisch aus.«

»Ihr Vater könnte Russe sein. Er ist Russe, glaube ich.«

»Was ist mit ihr?«

»Weiß ich nicht. Ich habe sie bei einem Essen getroffen. Da kam sie gerade zurück aus Marokko, wo sie jahrelang gelebt hat. Werde aus ihr nicht schlau. Sie hat was. Aber es kursieren wilde Gerüchte über sie. Ich frage mich, was sie mit einem Typen wie Leeland macht. So einer hat sie nicht verdient.«

»Wenn sie ihn will.«

»Das fände ich ungerecht.«

Er findet so viel Selbstgerechtigkeit bemerkenswert. »Wo ist Emmi?«

Roland hebt gleichgültig eine Schulter.

Er sollte Emmi suchen und sich verabschieden. Dann schleunigst ins Bett. Aber er bleibt. Er kann sich nicht aus der Atmosphäre lösen, sitzt auf einem Stuhl, trinkt zu viel Wein, ist gebannt von einem Andrang unbestimmter Wohligkeit.

Zweifellos tragen zu dieser Empfindung neben seiner zunehmenden Trunkenheit die vielen schönen Frauen und das eine oder andere bekannte Gesicht unter den Gästen bei. Ein Schriftsteller unterhält sich wenige Meter von ihm entfernt mit einem berühmten Maler und einem noch berühmteren Schauspieler. Es ist albern, er weiß, aber ihre Anwesenheit gibt ihm das sonst immerzu vermisste Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Von Zeit zu Zeit streift Emmi vorbei, stellt sich hinter ihn, massiert seinen Nacken, greift in sein Haar, trinkt von seinem Wein. Er genießt diese kleinen intimen Gesten, er genießt diese Verbundenheit – und ärgert sich, dass er sie genießt. Er will sich nicht schon wieder fragen müssen, was zwischen Emmi und ihm möglich wäre. Er war überzeugt, dass sich zwischen ihnen niemals Wärme entwickeln könnte. Aber vielleicht hat er sich getäuscht. Die Nichte von Julius Koch ist nicht mehr das junge verwöhnte Mädchen, das er vor sieben Jahren in der Kanzlei kennengelernt hat, als sie dort eine Woche lang die Kopierer ihres Onkels für ein Hochschulkunstprojekt blockierte.

Die ihm zwar einerseits gleich auf den ersten Blick gefiel, weil sie rein äußerlich seinem Traum von einer Frau auf eine Weise entsprach, die beinahe zum Lachen war. Sie sah aus, wie er sich eine Frau gemalt hätte. Dazu schien sie künstlerisch begabt, war mehrsprachig aufgewachsen und entstammte einer interessanten Familie, die sich mit altem Geld klassenkämpferische Ansichten leistete, ohne deswegen das Bedürfnis zu spüren, mit ihrem traditionellen Leben zu brechen. Einmal wurde er zu einer ihrer Jagden eingeladen, bei denen man schon zum Frühstück heiße Brühe mit Schnaps aus tönernen Bierkrügen trank, um anschließend mit englischen Flinten besoffen im Wald herumzuballern.

Die ihn andererseits aber auch befremdete, weil sie für sich nur das Beste akzeptierte und im Grunde ihres Herzens überzeugt zu sein schien, dass ihre Privilegien nicht bloß einem glücklichen Umstand entsprangen, sondern tatsächlich verdient und damit Ausdruck einer höheren, gerechten Ordnung waren.

Er beobachtet ihre Gestalt, eine lange aufrechte Linie der Anmut, und stellt sich vor, sie wäre seine Frau. Der Gedanke hat etwas Berauschendes. Er würde an ihrer Seite ein anderes Milieu kennenlernen, Maler, Schriftsteller, Musiker. Ihr...

»Martin Simons ist mit diesem
Buch ein anregendes Debüt gelungen. Ein bisschen Berlin-Roman, ein bisschen
Generationsporträt und vor allem ein Liebesthriller.«
 
»Der ehemalige Journalist Martin
Simons, 40, hat für seinen Debütroman eine nüchtern beschreibende Sprache
gewählt und zeichnet mit ihr eine Figurenwelt voller Alphatiere.«
 
»Eine sprachlich brillante,
moderne Version vom Hans im Glück, der am Ende alles verspielt.«
 
»Eine ungewöhnliche
Aussteiger-Geschichte.«
 
»Sehr flott geschrieben,
gleichzeitig versetzt es einen in Szenen der Ruhe, es gibt dabei sehr poetische
Beschreibungen von Landschaften und inneren Stimmungen, die dann oftmals in
Sinnesfragen münden. [...] Das Buch hat mich gefesselt. Sehr gelungen und
anziehend geschrieben. Zudem sehr vielfältig. Ernst und ironisch. Man wird
mitgerissen.«

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