Die Abtei der hundert Täuschungen

Ein Mittelalter-Thriller
 
 
Emons Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. November 2018
  • |
  • 408 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96041-378-3 (ISBN)
 
Das furiose Finale der Abtei-Trilogie.

Winter 1349. In den Wäldern nahe Ferrara treibt eine mysteriöse Gruppe maskierter Männer ihr Unwesen. Während Gerüchte über satanistische Rituale und die Apokalypse aufkommen, wittern andere eine dunkle Verschwörung. Maynard de Rocheblanche soll mit Unterstützung der Heiligen Inquisition Licht in die schaurige Geschichte bringen. Doch seine Untersuchungen gestalten sich schwierig, da die Prelati mehr Interesse an seinem eigenen Geheimnis als an der Auflösungdes Falls haben. Denn Maynard ist der Hüter des größten Mysteriums der Christenheit: Nur er kennt das Geheimnis des sagenumwobenen Lapis exilii.
Auflage
  • Deutsch
  • Köln
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  • Deutschland
  • 3,73 MB
978-3-96041-378-3 (9783960413783)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marcello Simoni, 1975 in Comacchio in der italienischen Provinz Ferrara geboren, studierte Literatur und arbeitete als Buchhändler und Archäologe. Sein Debütroman 'Der Händler der verfluchten Bücher' wurde über Nacht zum Weltbestseller. Der Mittelalter-Thriller gewann renommierte Literaturpreise und belegte Spitzenplätze in den Bestsellerlisten.

1


Abtei Santa Maria di Pomposa

10. Januar 1349

Gualtiero betrachtete die Wölbung der Apsis, dann die Fresken auf der Wand darunter. Heilige, Engel und Selige waren um den Christus Pantokrator versammelt, fügten sich perfekt in die Abmessungen des Bogens, der so zu einem Portal in die Ewigkeit wurde. Im Laufe der letzten Jahre hatte er sich schon oft vorgestellt, wie er selbst dieses Thema darstellen würde, und hatte dabei in Gedanken ständig die Abfolge der Bilder, der Farben und sogar die Nuancen der Schatten verändert, auf der Suche nach Vollkommenheit. Schließlich hatte Gualtiero sich damit abfinden müssen, dass sein Traum von einem anderen verwirklicht wurde.

Daher richtete er seine Augen mit einer gewissen Verbitterung auf den bärtigen Mann, der über ihm auf einem Gerüst stand und mit einem Fehhaarpinsel letzte Hand an sein Werk legte. Gerade arbeitete er an den Flügeln des Erzengels Michael, den er während der Seelenwägung abgebildet hatte. Gualtiero war fasziniert. Er hatte in den wenigen Tagen bei Mastro Vitale de Equis mehr gelernt als von seinem Vater während ihres ganzen Lebens auf Wanderschaft, und nun wusste er genau, was für eine Art Maler er werden wollte.

Da es Vitale an Hilfskräften mangelte, hatte dieser ihn als Gehilfen angenommen, allerdings unter der Maßgabe, dass er mit ihm nicht das Geld teilen musste, das der Abt für das Fresko ausgelobt hatte. Meist hatte Gualtieros Aufgabe zwar nur darin bestanden, die Farbpigmente vorzubereiten, den Putz aufzubringen und schwere Gegenstände umzustellen, aber er hatte trotzdem großen Nutzen aus dieser Zeit gezogen und sich abgeschaut, wie der magister pintor den Gesichtern Anmut und den Figuren Plastizität verlieh. Fragen zu stellen hatte er vermieden, da er wusste, wie sehr Künstler sich scheuten, ihre Geheimnisse preiszugeben. Außerdem hatte Gualtiero gehört, dass Mastro de Equis rasch den Pinsel mit dem Dolch vertauschen konnte, den zu führen er angeblich bei der Bürgerwehr des Viertels Porta Stiera in Bologna gelernt hatte.

»Seht Ihr Fehler?«, fragte der Maler plötzlich und kletterte vom Gerüst herab.

Gualtiero hatte das Gefühl, er erwartete jetzt ein Lob von ihm. Lächelnd breitete er die Arme aus. »Ich sehe keinen«, sagte er und widmete sich wieder dem unteren Teil des Freskos, das das Leben des heiligen Eustachius, des Schutzpatrons gegen die Pest, abbildete.

Nach anfänglichem Zögern hatte Abt Andrea beschlossen, Eustachius mehr Kampfgeist zu verleihen, um mit diesem Bildnis dem Schrecken des Schwarzen Todes, der in den Landen der Emilia und der Romagna immer noch Opfer forderte, etwas entgegenzusetzen. Dennoch war es seltsam, an einem Ort des Gebets einen Heiligen auf einem Pferd zu sehen. Aufrecht im Sattel sitzend, dem Hirsch gegenüber, der ein Kruzifix in seinem Geweih trägt, zeigt Eustachius sich kriegerisch, der Falke auf seinem linken Arm verstärkt diesen Eindruck noch. Vitale musste zugeben, dass sein Bild einer Miniatur ähnelte, die Gualtiero vor einigen Monaten geschaffen hatte, was diesen mit Stolz erfüllte.

»Und was werdet Ihr nun tun, Meister?«

Ehe er antwortete, ließ de Equis seinen Blick über die langen Wände des Kirchenschiffs schweifen, die von alten und inzwischen verblassten Fresken bedeckt waren. Sie hätten restauriert werden müssen, aber die Abtei verfügte nicht über ausreichende Mittel, um ihn damit zu beauftragen, geschweige denn dafür, ein Werk ex novo anfertigen zu lassen. »Ich werde nach Bologna zurückkehren«, erklärte Vitale und strich sich mit den farbverschmierten Fingern über das Kinn. »Ich muss mich um meine Werkstatt kümmern und habe Aufträge zu erfüllen.«

»Ich frage mich, ob Ihr nicht zufällig -«

Vitale unterbrach Gualtiero mit einer Handbewegung. »Glaubt Ihr wirklich, ich wüsste nicht, was Ihr sagen wollt? Diese Frage treibt Euch seit unserer ersten Begegnung um.« Er betrachtete ihn mit aufrichtigem Bedauern. »Ihr scheint begabt, aber ich habe bereits einen Lehrling. Besser gesagt, einige. Ganz abgesehen davon seid Ihr für diese Aufgabe zu alt.«

»Aber ich habe bereits Erfahrung«, entgegnete Gualtiero, dessen Gesicht sich gerötet hatte. »Mein Vater war ein Mastro pittore. Ehe er starb, hat er mir alles beigebracht, was er wusste.«

»Ihr müsstet dennoch wieder von vorn beginnen. Ich habe meine eigenen Methoden und verlange, dass diese befolgt werden.«

Gualtiero ballte die Fäuste. Schließlich hatte er nicht nachgefragt, weil er sich zu viel anmaßte, sondern weil er dringend einen Beruf finden musste, um für sich und seine Liebste den Lebensunterhalt zu verdienen. Und ganz gleich, wie sehr er sich auch das Hirn zermarterte, er sah keine andere Lösung, als das eigene Talent zu nutzen. »Ihr habt recht, ich bin schon fast zwanzig«, gab er zu. »Dennoch würde ich die niedersten Aufgaben übernehmen, nur um Euch zufriedenzustellen.«

De Equis zögerte, aber ehe er noch etwas sagen konnte, ließ ihn ein Geräusch sich dem Eingang der Kirche zuwenden. Die Tür öffnete sich mit einem lang gezogenen Knarren, und eine in einen Kapuzenumhang gehüllte Gestalt trat ein.

Der Mann schloss hastig die Tür, um den pfeifenden Wind draußen zu halten, und kam durch das Kirchenschiff auf sie zu. Dabei schüttelte er den Schnee von der Garnache, die er über seiner schwarzen Kutte trug. Ein Hund folgte ihm hinkend.

»Ehrwürdiger Abt«, begrüßte ihn Vitale mit einer Verbeugung.

Pater Andrea beachtete ihn nicht weiter, sondern schob stumm die Kapuze nach hinten, um das Fresko der Apsis besser bewundern zu können. Er war immer häufiger in der Kirche erschienen, und jeder Besuch hatte ihn zufriedener zurückgelassen. Doch so glücklich wie in diesem Augenblick hatte der Abt noch nie gewirkt. Er nickte beifällig und ließ den Blick über die tiefgründige Miene Christi und seine selig lächelnden Anhänger schweifen. Dann betrachtete er die vier Evangelisten weiter unten, die an ihren Schreibpulten sitzend dargestellt waren, und schließlich den Zyklus über den heiligen Eustachius. Als Letztes musterte er den Mönch, der zwischen dem Pantokrator und der engelshaften Madonna kniete. Dieser war fast schon am Rand des Freskos angeordnet, und er war auch der Einzige ohne Aureole, was ihm zusammen mit seiner Tonsur und dem bartlosen Gesicht eine entwaffnende Schlichtheit verlieh. »Wenn ich mich so unter all diesen Heiligen abgebildet sehe«, sagte Abt Andrea, »fühle ich mich etwas unwohl dabei, möchte ich doch keinesfalls, dass meine Mönche mir übermäßigen Hochmut vorwerfen könnten.«

»Falsch wäre es nur, wenn Ihr auf diesem Bild fehltet«, entgegnete Vitale. »Schließlich seid Ihr der Auftraggeber dieses Werks.«

»Das wäre ich, wenn die Goldflorin, mit denen ich Euch bezahle, aus meiner eigenen Tasche stammten«, wehrte Andrea ab.

»Das ist mir bewusst. Ein französischer Ritter, habe ich gehört .«

Abt Andrea lächelte nur und ging nicht auf das Thema ein, dann zeigte er auf das Fresko. »Ihr habt meinen Beifall, Mastro de Equis. Das ganze Kirchenschiff erstrahlt in neuem Glanz.«

»Ihr schmeichelt mir, ehrwürdiger Vater. Außerdem gilt: Color est lux

»Gut gesprochen, da wir uns in einem Benediktinerkloster befinden«, sagte Andrea spöttisch. »In einem Zisterzienserkloster würden wir der vanitas bezichtigt.« Er wartete ab, bis ihm der Maler zustimmte, dann wandte er sich Gualtiero zu. Als er dessen verzweifelte Miene bemerkte, runzelte Andrea die Stirn. »Kommt mein Besuch gerade ungelegen?«

»Keineswegs«, sagte de Equis. »Obwohl Euer Miniaturist -«

»Ich bin kein Miniaturist mehr«, stellte Gualtiero richtig und brach damit sein Schweigen.

»Ihr könntet es jederzeit wieder sein.« Abt Andrea klang hoffnungsfroh. »Eure Illuminationen auf Pergament sind ebensolche Meisterwerke wie die Fresken der Apsis von Mastro Vitale.«

Gualtiero war durchaus empfänglich für Lob, aber diese Worte kamen ihm übertrieben schmeichelhaft vor. »Ich danke Euch«, sagte er und neigte leicht den Kopf, »doch Ihr dürft es mir nicht übel nehmen, wenn ich es vorziehe, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten.«

Andrea zuckte zusammen. »Eures . Vaters?«, rief er erschrocken.

Gualtiero schaute ihn zunächst erstaunt, dann voller Verachtung an. »Ja, meines Vaters!« Obwohl er die Identität seiner wahren Eltern nur einem einzigen Menschen enthüllt hatte, einem Freund, dem er vertraute, war er doch nicht so naiv anzunehmen, dass niemand sonst dieses gefährliche Geheimnis kannte. Doch hätte er dabei niemals an den Abt von Pomposa gedacht. »Der Mann, der sich um mich gekümmert hat, seit ich in Windeln lag: Mastro Sigismondo de' Bruni, der ungerechtfertigt gehenkt wurde. Habt Ihr ihn vielleicht bereits vergessen?«

»Wie ich Euch gerade erklärte«, ging Vitale dazwischen, der nicht begriff, was da gerade vorging, »ich kann ihn nicht zu meinem Lehrling machen, weil -«

»Ja, und?«, fuhr Gualtiero nun auf und entlud seinen Zorn an ihm. »Dann empfehlt mich eben einem Meister, der es mit Euch aufnehmen kann!«

Mit nervösem Lachen wich de Equis zurück. »Etwas zu beharrlich, unser de' Bruni!«

»Etwas zu verblendet, wolltet Ihr wohl sagen.« Abt Andrea schien seine unglückliche Bemerkung inzwischen vergessen zu haben. Mit grimmiger Miene umrundete er Gualtiero und musterte ihn so genau, als wollte er seine Gedanken lesen. »Obwohl er diverse Gründe angeführt hat, hat er bislang nicht erklärt, weshalb er wirklich einen Beruf ergreifen möchte.«

Gualtiero...

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