Mütter sind auch nur Menschen

Roman
 
 
Aufbau (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Februar 2019
  • |
  • 297 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8412-1651-9 (ISBN)
 
Marie und ihre Freundinnen haben es geschafft, ihren Nachwuchs ohne größere Schäden durch die 1. Klasse zu bringen. Eigentlich Zeit, sich jetzt einmal wieder um das eigene Leben zu kümmern - vor allem wenn es um die Liebe geht, liegt hier einiges im Argen. Oder ist Romantik etwa retro? So scheint es zumindest Jakub, Maries Freund und Patchwork-Partner zu sehen, denn in ihrem Beziehungsalltag hat sich vor allem eines eingeschlichen: Routine, Fußball und offengelassene Zahnpastatuben. Zu allem Übel ist da auch noch Constantin, ihr Ex aus München, der jede Gelegenheit nutzt, ihr wieder nahe zu sein. Gut, dass wenigstens die vier Frauen zusammenhalten ... Doch dann droht Katrin in die 24/7-Helikopter-Mutti-Falle zu tappen, während Marie sich nicht entscheiden kann zwischen Jakub und Constantin. Da tritt plötzlich ein dritter Mann in ihr Leben. Dummerweise ist er genauso attraktiv und genauso unerreichbar wie Constantin - oder etwa nicht? Das Kleeblatt Marie, Alexa, Katrin und Olivia geht in die zweite Runde!
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,29 MB
978-3-8412-1651-9 (9783841216519)
Hanna Simon, 1970 in Bielefeld geboren, arbeitete lange Zeit als Projektleiterin. Deswegen schafft sie es auch immer, die großen und kleinen Familienkatastrophen zu ignorieren, abzuwenden oder aufzufangen - und das meistens sogar fast perfekt. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in der Nähe von Frankfurt am Main.

1


Der heilige Georg im Kampf mit dem Drachen

(Öl auf Leinwand, 1560, Jacobo Tintoretto)

»Wie war das?« Marie starrte die blonde Frau, die so fordernd vor ihr stand, entsetzt an. Die sah aus, als wäre sie eine Premiumkundin und dürfte sich alles erlauben, was sie wollte. Marie vergaß dabei, ihr den Becher Kaffee zu reichen.

»Sie haben ganz richtig gehört.« Nun nickte die Frau zufrieden und störte sich nicht daran, dass einige Leute sich schon umdrehten. »Ich erwarte von den Lehrern nicht nur Vermittlung von Allgemeinwissen, sondern auch von umfassenden Englisch- und Mathematikkenntnissen, dazu sollte bei den Schülern sehr bald eine große Wortgewandtheit im Deutschen erkennbar werden. Schließlich bezahlen wir Eltern Schulgeld und das nicht zu knapp.« Die Frau nahm mit einer merkwürdig gezierten Handbewegung den Kaffeebecher und hob dann den Zeigefinger.

Marie war sprachlos. Sie strich sich ihre langen, dunklen Locken nach hinten.

Auf dem schönen Schulhof der altehrwürdigen Grundschule spendeten ein paar alte Linden Schatten vor der heißen Sommersonne, die Blätter rauschten und einige Vögel tschilpten vor sich hin. Marie hörte in einiger Entfernung einen Bus hinter der alten Backsteinmauer herfahren, die das Schulgelände zur Straße hin abschloss. Was für ein friedlicher Ort das war, hier im Herzen Berlins, ideal, um zu lernen, fand sie.

Marie seufzte kurz.

Was allerdings störte, war definitiv diese Mutter.

»Ich werde ein Auge drauf haben! Und ich bin nicht die Einzige!« Sie zeigte mit großer Geste über den Schulhof, dorthin, wo die übrigen Eltern standen, die schon voller Freude auf ihre Kinder warteten, die heute eingeschult wurden.

Marie war fasziniert davon, wie diese Erwachsenen das Gebäude anstarrten. Als meinten sie, gleich würde sich ein fauchender Drache aus dem großen Schornstein erheben, mit ihren Kinder in seinen Klauen. War Marie vor einem Jahr auch so verängstigt gewesen am ersten Schultag ihres Kindes, ihres Florians? Vermutlich.

Sie versuchte, mit einem Blick abzuschätzen, was das für Eltern waren. Waren es normale Eltern wie sie selbst: etwas unsicher, ja, fast etwas traurig darüber, dass der sprichwörtliche Ernst des Lebens für ihre Kinder begann?

Oder waren die überspannt, ehrgeizig und wussten grundsätzlich alles besser?

Marie wandte sich wieder zu der blonden Frau, die vor ihr und dem wackeligen Tisch stand, auf dem liebevoll arrangiert Kaffeebecher, Milch, Löffel und ein paar bunte Servietten lagen, dazwischen ein paar Kaffeeflecken.

Definitiv gehörte diese Frau zu der zweiten Kategorie Eltern.

Marie drehte den Schlüssel an der roten Geldkassette auf und zu. Auf und zu. Sie wartete darauf, dass die Frau endlich bezahlte und - was viel wichtiger war - endlich ging.

»Da drüben gibt es auch Kuchen. Und Saft!«, versuchte Marie, die Frau loszuwerden.

»Hören Sie mir überhaupt zu?«, fragte die erbost und hatte immer noch den Zeigefinger erhoben.

»Ich? Nein«, sagte Marie wahrheitsgemäß. Sie hätte dieser hyperengagierten Mutter auch gar nicht zuhören können, denn die Liste an Forderungen, die sie da erhob, war länger als das momentan an der Schule kursierende Verzeichnis an glutenhaltigem Essen. Außerdem hasste Marie erhobene Zeigefinger wie die Pest.

»Das macht dann eins siebzig für den Kaffee. Mit den Erlösen des Kaffee- und Kuchen-Verkaufs finanziert die Klopstock-Grundschule die Anschaffung eines neuen Turngerätes.« Marie zeigte in die entsprechende Richtung, wo die Turnhalle stand.

»Ich habe irgendwo dazu auch eben noch ein paar Flyer gehabt, aber die hat wahrscheinlich der Wind verweht.« Marie lächelte aufmunternd, aber die Frau vor ihr ging nicht darauf ein.

»Hinten gibt es auch einen kleinen Basar, aber es ist nicht viel los. Die neuen Eltern haben anderes im Kopf, als etwas zu kaufen.« Marie wies noch einmal vage zu einem reichlich bebilderten Infoboard, das sich neben dem Kaffeestand befand, um zu zeigen, dass das Geld sinnvoll angelegt sein würde.

»Wie war das?«

»Turngerät,« wiederholte Marie und wusste längst, dass die Frau das nicht so gemeint hatte.

»Nein das vorher!«, kam es spitz.

»Eins siebzig!«

Die Frau holte Luft für eine weitere Ermahnung, doch sie ließ den Zeigefinger sinken und gab fürs Erste auf. Zugegeben, sie war ausgesprochen hübsch, was Marie in diesem Augenblick jedoch nicht besänftigen konnte. Die Haare waren offenbar wirklich blond oder sie hatte einen ausgezeichneten Friseur. Sehr weiblich war sie und dabei erstaunlich zierlich. Außerdem war diese Frau alarmierend hyperaktiv. Sie fuchtelte nicht nur sehr übertrieben mit den Armen herum und bewegte ihre Händen so, als legte sie großen Wert darauf, dass man ihre Ballettausbildung erkannte, nein, sie redete auch einfach so viel. Und so viel Blödsinn! Das kam erschwerend hinzu.

Marie war eigentlich nicht so forsch. Und Schlagfertigkeit war sowieso nicht ihre Stärke. Und wenn doch, dann nie den Menschen gegenüber, bei denen es ihr wichtig gewesen wäre.

Marie sah an ihrem fleckigen T-Shirt hinunter. Sie hatte sich eben mit Kaffee bekleckert. Obwohl sie Turnschuhe trug, taten ihre Füße vom Rumstehen schon weh. Die Ballerina vor ihr trug ein Designerkleid und elegante hochhackige Schuhe.

»Schulgeld! Ich sage nur immer wieder Schulgeld!«

»Aha, Schulgeld«, wiederholte Marie kraftlos.

Was glaubte diese Furie eigentlich, wo sie war? Auf einem Heidi-Klum-Entscheidungstag von GNTM - Germany's next Top Mother? Wo man als Mother noch mal alles geben musste? Denn am Ende konnte es nur eine geben?

Sie waren hier auf dem Schulhof einer süßen, kleinen Berliner Grundschule!

Marie sah sich verstohlen zum großen Schild an der Stirnseite des altehrwürdigen Backsteingebäudes um. Ja, definitiv war dies die Schule, die ihr Sohn besuchte.

Was redete diese Mutter da bloß? Und warum? Wie von so einer Art Elite-Akademie! Und was das angetretene Lehrer-Korps leisten musste! Hatte diese Frau vielleicht irgendetwas extrem falsch verstanden, als die ihr Kind hier angemeldet hatte?

Und richtig. Die blonde Mutter referierte, nun mit neuem Elan, im gleichen Stil weiter.

Marie sah über ihre Schulter zu ihren Freundinnen, die sich kaum halten konnten vor Lachen.

Da der größte Ansturm auf Kaffee und Kuchen vorbei war, hatten sich ihre zwei Freundinnen um die schwangere Katrin gesetzt. Die lag in einem Liegestuhl im Schatten eines kleineren Baums. Olivia, genannt Oli, und Alexa saßen auf dem kleinen, sorgfältig gepflegten Rasenstückchen zu ihren Füßen und sahen aus wie wachsame Hütehunde.

Alexa und Oli winkten zu Marie rüber und hatten jedes Wort mitangehört. Katrin schlief.

Natürlich nahmen ihre Freundinnen, Mütter wie sie, diesen Unsinn, den die Frau da von sich gab, nicht ernst.

Offenbar glaubte diese blonde Ballettbarbie-Mutter, dass Kinder nach Abschluss der ersten Klasse an dieser Schule schon bereit für das erste Staatsexamen sein sollten.

Marie schaute die Frau wieder an, in der Hoffnung, ihr Gespräch würde sich bessern. Marie öffnete mindestens zweimal den Mund, um durch einen cleveren Einwand den Redefluss ihres Gegenübers zu bremsen. Doch Fehlanzeige. Marie strich sich ihre Locken hinters Ohr und räusperte sich.

Irgendwas musste ihr doch einfallen?

Ballettbarbie holte tief Luft, als verlöre sie langsam die Geduld mit Marie. »Das ist doch ganz einfach, gute Frau. Sie als Lehrerin an dieser renommierten Gottlieb-Friedrich-Klopstock-Privatschule haben auch die Aufgabe, den Charakter meines Kindes zu formen .«, kam es ungebremst aus dem Lippenstiftmund. Marie hasste es, mit gute Frau tituliert zu werden.

»Friedrich Gottlieb!«, sagte Marie daher plötzlich und auch ein bisschen zu laut. Endlich. Die Frau kam aus dem Sprachfluss. Dem Himmel sei Dank!

»Wie bitte?«

»Friedrich Gottlieb Klopstock. Nicht Gottlieb Friedrich.« Marie wusste, dass das albern war, aber sie wollte einfach, dass diese Frau aufhörte zu reden.

Sie hatte Pech.

»Wie auch immer . dann halt Gottfried Dingens. Ich meinte eben nur: Pünktlichkeit, Höflichkeit, solche Dinge. Das müssen Sie den Kindern beibringen!«

Endlich kam Hilfe!

»Hallo, Sie! Sorry, meine Dame, aber unsere Marie ist keine Lehrerin. Und vielleicht sollten Sie sich um die Erziehung Ihres unpünktlichen Nachwuchses dann doch wirklich selber kümmern. Oder frühzeitig an Verhütung denken!« Alexa hatte sich erbarmt und trat energisch dazwischen. Sie hatte sich flink aus dem Gras erhoben und war mit ein paar Schritten zu ihnen herübergekommen. Es war deutlich zu erkennen, dass Alexa sich das Lachen nur mühsam verkniff, und ihr dunkelblonder Pagenkopf schwang dabei fröhlich hin und her.

»Nur mal zur Info. Wir hier sind die Mütter der zweiten Klasse, die anlässlich der Einschulung der Kleinen ein bisschen Kaffee auf dem Schulhof verkaufen. Und wir sind mit dieser Schule, so wie sie ist, sehr zufrieden. Ziemlich durchschnittliche Mütter, aber irgendwie schaffen wir es doch, den eigenen Kindern das mit der Pünktlichkeit und Höflichkeit selbst beizubringen.«

»Wie bitte?« Ballettbarbie vollführte eine merkwürdige Drehung ihres rechten Armgelenks und war endlich so weit, ihren Monolog sein zu lassen. »Keine Lehrerin? Oh Gott, das hoffe ich auch langsam, so wie die hier...

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