Antoine und Julie

Die großen Romane
 
 
Atlantik Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-01143-2 (ISBN)
 
ZEIT FÜR MICH - ZEIT FÜR SIMENON

Die Liebe von Antoine und Julie war nie ungestüm, sie hat sich langsam und geduldig eingestellt. Die anfängliche Zweckgemeinschaft zwischen dem Vorstadt-Zauberkünstler und der Tochter aus vornehmem Hause wird zu einem funktionierenden Gespann. Doch als mit den Jahren seine Auftritte an Glanz verlieren, sucht Antoine Geborgenheit in den Kneipen und im Glas und wird immer unberechenbarer. Während er seine Trunksucht nicht wahrhaben will, gerät das gemeinsame Glück und die Welt der zurückhaltenden Julie zunehmend ins Wanken.

Bandnummer: 77

  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,65 MB
978-3-455-01143-2 (9783455011432)
Georges Simenon, geboren am 13. Februar 1903 im belgischen Lüttich, gestorben am 4. September 1989 in Lausanne, gilt als der »meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« (Die Zeit). Seine erstaunliche literarische Produktivität (75 Maigret-Romane, 117 weitere Romane und mehr als 150 Erzählungen), viele Ortswechsel und unzählige Frauen bestimmten sein Leben. Rastlos bereiste er die Welt, immer auf der Suche nach dem, »was bei allen Menschen gleich ist«. Das macht seine Bücher bis heute so zeitlos.

Erster Teil


1


Diesmal machte es klick, als er, einfach so und ohne ersichtlichen Grund, die Nummer mit der magischen Uhr zwischen die Ringe des Fakirs und den wandernden Würfel einschob. Sie stand zwar nicht auf dem Programm, aber Antoine hatte auch an gewöhnlichen Abenden immer ein paar zusätzliche Kunststücke in Reserve, die er dann, je nach Reaktion des Publikums, früher oder später einstreuen konnte.

Bis dahin hatte alles gut geklappt. Er war schon einmal, vor elf oder zwölf Jahren - noch vor Julies Zeit -, in Bourg-la-Reine gewesen, aber der Festsaal war anders gewesen. Antoine hatte auch die Straße nicht wiedererkannt, so wenig wie das Viertel, in dem damals viel weniger Mietshäuser standen. Sein Auftritt war um Punkt neun. Um acht war er mit dem Bus angekommen, mit seinen beiden flachen Koffern, die seine Arbeitsgeräte und seinen Frack enthielten.

Seine Plakate hatte man links und rechts des Eingangs angeschlagen. In der Kälte und im Halbdunkel hatte er sie kaum gesehen. Er verwendete seit zwanzig Jahren dieselben Plakate. Vom Korridor aus hörte man Stimmengewirr in dem allzu großen Saal mit den billigen Klappstühlen und der kalten Beleuchtung.

Er erkannte inzwischen auch immer auf den ersten Blick das zuständige Komitee-Mitglied aus all den geschäftig herumeilenden Personen mit Armbinde heraus.

Man führte ihn hinter die Kulissen. In Wirklichkeit war die Bühne nur ein Podium, das man über eine Trittleiter erreichte, und dahinter war ein knapper Meter Raum zwischen der bemalten Leinwand und der Mauer.

»Es ist eng hier«, hatte sich der Mann entschuldigt. »Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie es mich bitte wissen. Der erste Teil beginnt gleich.«

Der Mann stand unter Druck. Alle Herren mit Armbinde liefen mit wichtigen Gesichtern hin und her und riefen sich quer durch den Saal Anweisungen zu. Die Zuschauer saßen unterdessen auf ihren Klappstühlen und warteten.

Eine gute Viertelstunde später hatte dann endlich jemand mit einem Hammer dreimal auf den Fußboden geschlagen, woraufhin jemand anderer auf dem Klavier einige Chansons klimperte, die in dem kahlen Saal unschön hallten.

»Meine Damen und Herren, liebe Freunde vom Förderverein, ich habe das Vergnügen, Ihnen heute Abend .«

Antoine brauchte seine Hose nicht zu wechseln, da er schon in einer schwarzen Hose von zu Hause gekommen war. Dafür befestigte er jetzt in aller Ruhe und mit präzisen Bewegungen seine steife Hemdbrust an seinem Hemd und nahm nur mit halbem Ohr wahr, was jenseits der bemalten Leinwand vor sich ging.

Wieder spielte das Klavier. Ein Bariton sang. Sorgfältig befestigte Antoine an seiner Weste, an seiner Hose und dann im Futter des Fracks die verschiedenen für seine Zauberkunststücke notwendigen Taschen - mit Bewegungen, die er nun schon jahrelang, an bis zu zweihundertfünfzig Abenden im Jahr, in immer derselben Reihenfolge fast automatisch ausführte.

Er baute seinen Tisch mit den Nickelbeinen auf und breitete die mit einem A aus Goldfaden geschmückte rote Samtdecke darauf aus.

Als der Bariton sein Lied beendet hatte, streckte das Mitglied des Komitees den Kopf durch den Vorhang.

»Brauchen Sie noch etwas?«

»Danke.«

Er überließ nichts dem Zufall. Jedes seiner Requisiten hatte seinen festen Platz in seinen Taschen und in den verschiedenen unsichtbaren Versenkungen des Tisches, und wie immer hatte Antoine Requisiten für drei oder vier zusätzliche Nummern in Reserve.

Er hatte nicht die Absicht, die Nummer mit der Uhr vorzuführen, die stets riskant war, weil man dazu einen Zuschauer um seine Mitarbeit bitten musste und es passieren konnte, dass man an den Falschen geriet. Es kam ganz auf die Zusammensetzung des Publikums, auf die Atmosphäre an. Manche Burschen wollten ihren Freunden unbedingt beweisen, dass sie sich nicht an der Nase herumführen ließen. Einmal hatte ein Metzger in einem Dorf plötzlich die Samtdecke mit dem Monogramm vom Tisch hochgehoben und war in schallendes Gelächter ausgebrochen, als er die Filztasche entdeckte, in der ein lebendiges Kaninchen steckte.

Jetzt war ein junges Mädchen mit Singen dran und blieb mitten in der dritten Strophe stecken. Antoine war der einzige Profi des Abends, dessen erster Teil von den Vereinsmitgliedern bestritten wurde.

Als Letztes kam ein Wunderkind dran, ein acht- oder neunjähriger Junge, der Geige spielte. Dann zeigten das Getrampel auf dem Parkett und das Quietschen der Klappstühle die Pause an.

»Wollen Sie etwas trinken?«

»Nein, danke.«

»Nicht vor Ihrem Auftritt, wie? Ich verstehe.«

»Nie.«

Er war aufrichtig. Die Wahrheit war zwar komplizierter, doch was den Kern betraf, log er nicht. Kinder, Männer, auch einige Frauen riskierten einen Blick hinter den Vorhang, wo Antoine im Frack neben seinem Tischchen saß, bereit für seinen Auftritt, nur noch ohne die schwarze Halbmaske. Vielleicht wunderten sie sich über sein Allerweltsgesicht. Oder dass er viel älter aussah als auf dem Plakat.

Er hatte das leichte Make-up aufgelegt, wie immer in den kleineren Sälen. Er war daran gewöhnt, dass ihn die Leute angafften, und ließ sich nicht verunsichern, sondern schlug seelenruhig die Beine übereinander und rauchte eine Zigarette.

Bei Amateurvorstellungen dauerten die Pausen immer länger als in den richtigen Theatern, und die Organisatoren hatten Mühe, die Zuschauer dazu zu bewegen, ihre Plätze wieder einzunehmen.

»Geh du mit gutem Beispiel voran, Louis. Nimm schon mal Platz mit deiner Familie. Ich gehe raus und trommle die Restlichen zusammen.«

Antoine ließ nicht zu, dass ihm jemand half, sein Tischchen auf die andere Seite des Vorhangs zu tragen. Er wartete, bis die Zuschauer aufhörten zu husten, mit den Füßen zu scharren und in den Programmheften zu blättern. Dann erst verzog er den Mund unter seiner Samthalbmaske zu einem Lächeln und sagte feierlich:

»Meine Damen und Herren, ich habe die Ehre und das Vergnügen .«

Er sah die Gesichter in einem gräulichen Licht, das die Einzelheiten nicht verwischte, sondern sie noch hervorhob, und er hätte anschließend von jedem Einzelnen sagen können, wie er aussah. Ganz hinten im Saal blieben ein paar Männer unbeirrt an einer Theke stehen, die aus auf Böcken gelegten Brettern bestand, und manchmal hörte er das Zischen einer Bierflasche, die geöffnet wurde. Dieses Zischen hatte keinerlei Wirkung auf ihn. Auch nicht der Anblick der Flaschen, dieser hohen, schmalen, hässlich braunen Flaschen, die es bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Volksfesten gab.

Er hatte Julie versprochen, spätestens um Mitternacht zu Hause zu sein. Sie hatte ihn wie gewöhnlich bis zum Treppenabsatz begleitet und ihm den Schal gerichtet.

»Erkälte dich nicht.«

»Nein.«

Sie hatte ihn geküsst. Dann, als er mit seinen beiden flachen Koffern in den Händen die Treppe hinuntergehen wollte, hatte sie leise gerufen:

»Antoine .«

»Was ist?«

Er hatte schon drei oder vier Stufen unter ihr gestanden und zu ihr hinaufgeblickt. Trotz der schwachen Beleuchtung hatte er gesehen, dass ihre Lippen zitterten und sie sich zu einem tapferen Lächeln zwang.

»Nichts . Geh . Komm schnell wieder.«

Er hatte mit kleinen, leichten Kunststückchen angefangen, die Eindruck machten, wie etwa der Zauberstab, der magische Atem, die drei Halstücher. Er sprach wenig, da er nicht zu denen gehörte, die ihre Nummern mit prahlerischen Ansagen oder sogar mit Witzen ausschmückten. Was sprach, wenn man so sagen konnte, waren seine langen, weißen Hände, die aus den bis zu den Handgelenken hochgestreiften Manschetten ragten und die, wenn sie erst am Zug waren, gleichsam ein Eigenleben entwickelten, sich wie verselbständigten. Hier kamen sie wegen der fehlenden professionellen Beleuchtung, die es eben nur an gutausgestatteten Theatern gab, etwas weniger schön zur Geltung. Trotzdem folgten alle Blicke gebannt den Bewegungen seiner Hände.

»Ich nehme einen Ring wie diesen, einen zweiten wie den, und .«

Das Übrige sagten die Hände, und bald hörte man ein Ah der Verblüffung, ein Lachen, einen Beifallssturm.

Warum beschloss er plötzlich, die magische Uhr zwischen die beiden vorgesehenen Nummern zu schieben? Nur so. Um ihnen eine Freude zu machen. Weil es brave Leute waren, glücklich, dass sie hier in ihrer Sonntagskleidung im Saal sitzen durften.

»Würde einer der Herren aus dem Publikum sich freundlicherweise auf die Bühne bemühen und mir seine Uhr anvertrauen?«

Die Reaktion war mechanisch. Reihe um Reihe sahen sich die Zuschauer zu der jeweils nächsthinteren Sitzreihe um, und dabei entstand so etwas wie eine Wellenbewegung. An den Namen, die gerufen wurden, erkannte Antoine die beliebtesten Zuschauer im Saal. Endlich erreichte die Welle auch den hinteren Teil des Saales und dort einen großen Burschen von Mitte zwanzig, der mit einer Bierflasche in der Hand an der Theke lehnte.

»Geh schon, Eugène!«

Der schüttelte lächelnd den Kopf, sagte einige Worte, die man nicht verstand, und ließ sich dann doch in den Mittelgang schubsen, auf dem er mit wiegenden Schritten nach vorne ging.

»Es stört Sie doch hoffentlich nicht, dass sie aus Gold ist?«, rief er und geriet auf den Stufen zum Podium ins Stolpern.

Als er dem Publikum gegenüberstand, wiegte er sich immer noch hin und her und zwinkerte seinen Freunden zu.

In diesem Augenblick machte es klick, einfach so, zum ersten Mal seit mindestens drei Wochen, seit der Reise nach Le Havre, auf die anzuspielen oder an die auch nur...

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