Meine Schwiegermutter trinkt

Roman
 
 
Luchterhand Literaturverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. Juni 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07373-2 (ISBN)
 
Wie man eine Geiselnahme im Supermarkt überlebt und den Respekt seiner Ex-Frau wiedergewinnt.

Ist es ein Traum oder ein Wunder? Hat der neapolitanische Anwalt Vincenzo Malinconico, der Pechvogel vom Dienst, der Meister des erbärmlichen Scheiterns, wirklich einmal Glück? Hat ihn die wunderschöne Staatsanwältin Alessandra tatsächlich erhört und ihn darüber hinweggetröstet, dass seine Frau Niven ihn hinausgeworfen hat? Und könnte jetzt ein normales, vielleicht sogar glückliches Leben beginnen? Ach Vincenzo, alter Träumer .

Es gibt Menschen, die ziehen das Pech förmlich an. Es gibt Menschen wie Vincenzo Malinconico. Eigentlich wollte er nur noch schnell ein wenig Pesto im Supermarkt besorgen, als er in eine für ihn überaus typische Situation gerät. Ein Ingenieur, der die Sicherheitsüberwachung in ebendiesen Supermarkt installiert hat, hat seinen Sohn verloren. Den Mafiaboss, den er dafür verantwortlich macht, hält er zwischen den Milchprodukten und der Fleischtheke als Geisel, um ihm vor laufenden Überwachungskameras den Prozess zu machen. Vincenzo wird dazu gezwungen, den Pflichtverteidiger zu spielen. Und sein Talent zur Schusseligkeit ist die einzige Chance, dass die Situation nicht eskaliert . Nach »Ich habe nichts verstanden« hat der italienische Woody Allen ein weiteres Mal zugeschlagen. Und wieder können wir nicht anders, als Vincenco mit seinem unwiderstehlich hochkomischen und zutiefst anrührenden Geplauder sofort ins Herz zu schließen.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Luchterhand
  • 1,00 MB
978-3-641-07373-2 (9783641073732)
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Der allgemeine Sinn für Ästhetik

Zuallererst müsste ich mal lernen, mich um meinen eigenen Kram zu kümmern und etwas misstrauischer gegenüber Unbekannten zu sein. Dazu hatte mir schon meine Großmutter geraten. Und meine Großmutter hat immer recht, so viel ist sicher. Großmüttern machst du nichts vor (anders als manchen Müttern, die ihre Sprösslinge erst auf YouTube sehen müssen, damit sie mitkriegen, wie die ihre Klassenkameraden drangsalieren). Und wenn sie, meine Großmutter, mir jetzt zuschaut, dann hat sie bestimmt ihren hellen Spaß. Vermutlich hat sie ein paar Freundinnen dazu eingeladen (ich weiß sogar, welche), sitzt vorm Himmels-TV und genießt es, wenn sie wieder mal recht behält (im Nachhinein zu sehen, wie recht man doch hatte, ist einfach das Größte).

Weil ich ja eher ein zurückhaltender Typ bin, sollte es mir eigentlich nicht schwerfallen, mich etwas mehr um meinen eigenen Kram zu kümmern.

Wenn es nach mir ginge und mir nicht immer das landläufige Denken in die Quere käme, könnte ich übrigens auf eine Menge Sachen verzichten, zum Beispiel darauf, mit anderen über Gott und die Welt zu reden. Nicht dass ich mich für was Besseres hielte - aber wenn man's recht bedenkt, ist das Reden über Gott und die Welt einfach nur eines: anstrengend. Du musst dich auf grobe Vereinfachungen einlassen, musst Dinge runterspielen, die dir wichtig sind, und ab und zu musst du dem Gesprächspartner sogar noch in die Augen schauen (obwohl es welche gibt, die dazu einfach nicht in der Lage sind und ihr Gesicht die ganze Zeit drei viertel von dir weggedreht halten).

Kaum weniger peinlich ist es, wenn du zusammen mit einem Nachbarn den Aufzug benutzt und dich verpflichtet fühlst, etwas zu sagen, obwohl du nicht die geringste Lust zum Reden hast, schon gar nicht mit dem da (der übrigens, wie dir gerade aufgeht, sowieso nie grüßt). Und so redet ihr dann den üblichen Schwachsinn daher. So was in der Richtung wie: höchste Zeit, dass es mal ordentlich kalt wird. Dieses undefinierbare Wetter nervt langsam wirklich. Und überhaupt, was soll man bei solchen Temperaturen eigentlich anziehen? Entweder ist man sofort erkältet, oder man bekommt Schweißausbrüche, wenn man sich noch was drunterzieht.

Ganz zu schweigen von den Situationen, in denen du auf eine Meinung reagieren musst, obwohl es dir erst mal die Sprache verschlägt. Das ist mir vor einiger Zeit bei einem Typen passiert, von dem ich nicht mal mehr den Namen weiß und der mir verklickerte (unglaublich, wie hemmungslos manche Leute vom Leder ziehen), die Scheibenputzer an den Ampeln würden sich lieber den ganzen Tag rumtreiben, anstatt wirklich zu arbeiten: Frag die doch mal, ob die morgens um fünf auf die Baustelle zum Malochen kommen wollen wie die italienischen Arbeiter, ereiferte sich der Typ, und du wirst schon sehen, was sie dir antworten.

»Ja wie - fest angestellt, mit Rentenanspruch?«, habe ich zurückgefragt.

Einen Moment lang herrschte peinliches Schweigen.

». fest angestellt, mit Rentenanspruch«, gab er schon etwas kleinlauter zurück.

Also ich möchte jetzt nicht als Soziopath gelten, aber nach einem Gespräch mit so einem Arsch kommst du dir am Schluss selber vor wie ein Arsch, auch wenn du ihm gar nicht die Stange gehalten hast. Ungefähr so, als hättest du die Gitarre deiner Jugend verhökert. Ja genau, so läuft das nämlich mit dem Reden über Gott und die Welt. Dieses zwanglose Gequatsche - frisch von der Leber weg, unverblümt und vor allem unter Ausschluss der Öffentlichkeit (da sagen die Leute am ehesten, was sie wirklich denken) - bringt die Sprache nämlich auf den Hund. Die Sprache, und davor schon das Denken. Wenn du vor einem Publikum sprichst, musst du für das, was du sagst, Verantwortung übernehmen - du kannst nicht eben mal locker dahinsagen, die Scheibenputzer hätten keine Lust zum Arbeiten. In der Öffentlichkeit regiert nämlich der allgemeine Sinn für Ästhetik, dieser mächtige soziale Hemmschuh, der immer mit der vagen, aber unverkennbaren Mahnung Wie-sieht-das-denn-aus daherkommt.

Typischerweise macht sich das >Wie-sieht-das-denn-aus< urplötzlich in Gestalt eines Zweifels bemerkbar, der dich automatisch bei etwas ausbremst (einer Handlung, einer Äußerung, einer Frage), an dem du eigentlich noch gar nichts finden kannst. In diesem Moment des Zweifels genügt dir die Eventualität, dass es möglicherweise als unpassend empfunden werden könnte.

Das >Wie-sieht-das-denn-aus< ist ein extrem flexibler ästhetischer Maßstab. Man weiß nicht, worin genau er besteht, aber er funktioniert. Verdammt gut sogar. Nimm nur mal die Sache mit dem Petting: Du reibst dich heftig an deiner Süßen, und irgendwann würdest du sie am liebsten kräftig bei einer oder sogar beiden Pobacken greifen, was zwar ein bisschen nach Lastwagenfahrer aussieht, aber einfach geil ist; sie hätte vielleicht nicht mal was dagegen (vielleicht würde sie in dem Moment sogar ein ordentliches Schinkenklopfen mögen), aber du lässt es bleiben. Warum? Ganz einfach: Weil das >Wie-sieht-das-denn-aus< wieder zugeschlagen hat. Und so geht ihr doppelt unbefriedigt nach Hause; erstens weil das Petting gewisse schmerzhafte Folgeerscheinungen hat (in eurem Alter müsstet ihr das eigentlich wissen) und zweitens weil ihr euch den Genuss eines Pograpschens versagt habt, an dem, genau besehen, nichts Schlechtes gewesen wäre.

So also funktioniert das mit dem >Wie-sieht-das-denn-aus<. Es ist eine Art unsichtbarer Zensor, der dich in vergleichsweise harmlosen Situationen vor Blamagen bewahren will.

Vereinfacht könnte man das >Wie-sieht-das-denn-aus< oder den allgemeinen Sinn für Ästhetik definieren als die Furcht, etwas zu tun oder zu sagen, das dir später leidtun könnte. Um dich gegen seine Diktatur zu behaupten, musst du Stil haben und das auch wissen. Kurzum: Du brauchst großes Selbstvertrauen.

Damit habe ich auch schon den Grund benannt, warum ich mich gegen die Diktatur des >Wie-sieht-das-denn-aus< partout nicht wehren kann.

Der ganze Schlamassel mit dem Ingenieur fing vor knapp einer halben Stunde an. Ich suchte im Supermarkt gerade zwischen den Regalen mit den geschälten Tomaten und den Fertigsoßen nach dem fettreduzierten Pesto von Buitoni, als er mich ansprach: >Entschuldigung, Sie sind doch Rechtsanwalt Malinconico?<

Im Nachhinein ist mir auch klar, dass ich ihn nur kurz hätte fragen sollen, woher er mich eigentlich kennt. Spätestens als er mir erklärte, wie brillant ich vor Jahren einen alten Freund von ihm, der durch einen Arbeitsunfall zum Krüppel geworden war, verteidigt habe, hätte ich mich unter dem Vorwand >mein Auto steht in zweiter Reihe< schleunigst verdrücken sollen. Tatsache ist, dass ich so selten auf jemanden stoße, der mit meinen Dienstleistungen zufrieden ist und mir das auch sagt, dass ich die raren Lobhudeleien genieße. Frustration macht eitel.

Kaum hatte ich den Namen meines Ex-Mandanten gehört, sah ich im Geiste das Rubrum auf dem Aktendeckel vor mir, und die ganze Chose fiel mir wieder ein.

»Comunale, Vittorio - ja natürlich«, bestätigte ich und nickte dazu mehrfach wie ein Wackeldackel auf der Hutablage im Auto.

Rechtsanwälte erinnern sich an ihre Mandanten mit Nachnamen und Vornamen, in dieser Reihenfolge. Nicht nur wegen des Ablagesystems, sondern weil sie die Namen weniger mit einem Gesicht als mit dem Fall verbinden: Vittorio Comunale ist eine Person - Comunale, Vittorio aber ist der Titel einer Geschichte.

»Sie haben es doch erfahren, oder?«, schloss der mir zu dem Zeitpunkt noch unbekannte Mann; ein gepflegter, höflicher Herr um die fünfzig, sehr dünn, beinahe ausgezehrt, und mit solch sorgenvollem Gesicht, dass ich es vermied, ihn direkt anzuschauen. Wer weiß, dachte ich, vielleicht ist diese Schwermut am Ende noch ansteckend.

»Ja, aber leider zu spät. Ich wäre ja gern zur Beerdigung gegangen - sofern man in einem solchen Fall von >gerne< sprechen kann.«

Er lächelte. Im Hintergrund sendete das Radio Montagne verdi.

»Vittorio hat mir damals schon erzählt, dass Sie äußerst sympathisch seien, Herr Anwalt.«

»Das war er aber auch«, beeilte ich mich hinzuzufügen. »Er war einer von denen, die dem Leben einfach nichts verübeln können - um es einmal so auszudrücken. Nie, nicht mal unter den damaligen Umständen, habe ich in seinem Gesicht auch nur den Anflug eines Vorwurfs gesehen.«

Ehrlich gesagt hatte mich das Thema gepackt, aber mit meinen Augen hing ich Montagne verdi nach (wenn man eine Melodie erkennt, folgt man ihrer unsichtbaren Spur in der Luft wie einem Insekt). Meine Putzfrau singt das immer. Und nicht nur sie - ich habe meine Freunde gefragt, und die bestätigten mir, dass ausnahmslos alle Zugehfrauen um die fünfzig bei der Arbeit Montagne verdi vor sich hin trällern. Als wäre bei ihnen eine Software...

"Ein Klamauk-Krimi über einen sympathischen Tölpel mitten im Wahnsinn Neapels."
 
"Originell in leichtem Plauderton erzählt."

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