Leichenroulette

Roman
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. August 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-05652-0 (ISBN)
 
Spannend, witzig, kultverdächtig!

Eigentlich ist Hermine eine ganz normale Bankangestellte. Niemand würde glauben, dass sie in ihrer Freizeit heimlich mordet. Doch jetzt, mit über fünfzig, ist sie fest entschlossen, sich keine Gemeinheit mehr gefallen zu lassen - eher geht sie über Leichen. Und so muss zuerst Herr Wegner, ein Freund ihres Mannes, dran glauben, wenig später ihr Gatte selbst und schließlich der Investmentbanker Florian. Jedes Mal sieht es nach einem tragischen Unfall aus, denn als passionierte Krimileserin weiß Hermine, wie man seine Spuren verwischt. Und besser, man verscherzt es sich nicht mit ihr - denn ihre Mordlust ist gerade erst geweckt .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,60 MB
978-3-641-05652-0 (9783641056520)
3641056527 (3641056527)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kapitel 1


1

Dick, dick, zu dick - das waren die Worte, die sich wie ein roter Faden durch meine Kindheit zogen. »Frau Meier, Ihre Hermine wird immer runder. Diese vielen Süßigkeiten! Man sieht sie aber auch dauernd naschen.« Gerne machten freundliche Nachbarinnen aus der Schlossergasse meine Mutter beim morgendlichen Einkaufstratsch darauf aufmerksam, dass ihre einzige Tochter fast einer kleinen Tonne glich.

Schon im Kindergarten habe ich gern gegessen. Selbst die in der Nachkriegszeit bei der sogenannten »Ausspeisung« verabreichte dicke Erbsensuppe mundete mir vortrefflich. Voll Gier musste ich jedes Mal schlucken, wenn man unser Mittagsmahl in einer großen Milchkanne aus Aluminium herbeitrug, der Deckel sich klappernd öffnete, mir ein köstlicher - von anderen Kindern als ekelhaft empfundener - Geruch in die Nase stieg, der gusseiserne Schöpflöffel in den zähen Brei tauchte.

Zu Hause hingegen war für mich immer Ostern, da meine selbst schlanke und ranke Mutter dazu überging, ihre Lebensmittel vor meinen gierigen Händen zu verstecken. Doch ich suchte beharrlich und fand - Rosinen, die Kochschokolade, die Eierbiskotten. Die Strafe folgte auf dem Fuß. Sehr anpassungsfähig, änderte ich blitzschnell meine Taktik und half emsig in der Küche, wobei immer das eine oder andere Häppchen für mich abfiel. Ganz nebenbei lernte ich ausgezeichnet kochen.

Abgesehen von meinen Figurproblemen, die mich getreulich weiterbegleiten sollten, gestaltete sich meine Kindheit gar nicht so schlecht. Ob ich allerdings, wie die Schauspielerin Lilli Palmer in ihrer Autobiografie »Dicke Lilli, gutes Kind« über sich selbst schrieb, auch ein gutes Kind war, könnte man bezweifeln.

Ich stamme aus einer kleinen Stadt in einer wildromantischen, aber ärmlichen Region im Norden Österreichs an der böhmisch-mährischen Grenze. Mit Eltern und Großmutter lebte ich in einer etwas düsteren, zur Gasse hin gelegenen Wohnung eines Mietshauses, im Schatten der imposanten barocken Stadtpfarrkirche. Das ehemalige bäuerliche Anwesen war sehr alt; es bestand aus einem kleinen Haupthaus, einer durch ein schweres Tor geschützten Einfahrt, einem für wilde Spiele bestens geeigneten Innenhof und einem winzigen »Ausnahmstüberl«. Auf engstem Raum vereinte sich ein wahrer Mikrokosmos menschlicher Existenzen. Das Zusammenleben der sogenannten »Parteien« verlief zu keinem Zeitpunkt konfliktfrei und bot den Kindern der Mieter - meiner besten Freundin Mizzi und mir sowie den zwei Buben Raini und Günther - stets Unterhaltung.

Es war eine schöne, spannende und abwechslungsreiche Zeit voll Geborgenheit und Sicherheit, aber mit festen Regeln und Normen. Bereits in der Volksschule scharte ich eine kleine Gruppe von gleichaltrigen Buben und Mizzi als einzigem Mädchen um mich. Sie waren meine »Vasallen« - das Wort hatte ich bei Erwachsenen gehört und übernommen -, denen unter meiner Leitung auch ganz ohne Gameboys und Computerspiele nie langweilig war. Mit Raini, Günther, Otti, Waldi, Seppi und Mizzi erforschte ich die tiefen und geheimnisvollen Keller, die sich wie ein Spinnennetz unter der Stadt hinzogen. Nach dem Vorbild von Abenteuerromanen, die wir aus der städtischen Leihbücherei bezogen, klopften wir die Wände auf der Suche nach eingemauerten Schätzen ab.

Der Unterricht endete um 12 Uhr, und einer eisernen Regel zufolge erledigten wir die Hausaufgaben sofort nach dem Mittagessen. Kaum war eine hübsche, kunstvolle »Zierleiste« säuberlich unter die Rechnungen und Übungssätze gemalt und die Schultasche für den nächsten Tag gepackt, veranstalteten wir auch schon auf dem Katzenkopfpflaster vor dem Haus polternd Rennen mit jenen kleinen Leiterwagen, die man damals allgemein zum Transport sperriger Sachen benutzte - sehr zum Missvergnügen der älteren Anrainer, die meist gerade dann ihr kleines Schläfchen hielten. Zum Gaudium meiner Vasallen setzte ich meine schönste Puppe - ein sinnreiches Geschenk einer Tante zur Förderung meiner weiblichen Eigenschaften - in das klapprige Gefährt. Flugs ging es die steile Gasse hinunter. Bald versanken die großen, tiefblauen, von dichten schwarzen Wimpern gesäumten Augen der zarten Porzellanfigur in ihrem lieblichen Blondkopf, was ihr ein sinister-dämonisches Aussehen verlieh. Wir bogen uns vor Lachen.

Einige Mütter sahen uns kopfschüttelnd zu. Naserümpfend stellten sie meine Mutter zur Rede: »Frau Meier, warum lassn's denn die Hermi mit solchen Gassenbuben herumrennen?« Ihren behüteten Töchtern untersagten sie den Umgang mit mir und meiner Bande. Das kam mir gelegen, denn ich verabscheute das kindische Getue der niedlichen Mädchen, wenn sie artig im Garten saßen, Kleidchen für ihre Püppchen nähten, mit ihnen sogar sprachen, sie badeten, spazieren führten und schlafen legten.

Ich als »Old Shatterhand« zog Buben und »Räuber-und-Gendarm«-Spiele bei einfallender Dunkelheit vor. Noch Jahre später vermeinte ich jenen prickelnden Schauer zu verspüren, der mir, versteckt hinter einem Hausvorsprung, über den Rücken jagte, wenn sich der »Gendarm«, nachdem er bis dreißig gezählt hatte, mit dem Ruf »Ich komme!« auf die Suche nach uns »Räubern« machte.

Häufige, kostenlose »Reality-Shows« ersetzten in der Schlossergasse 14 das Fernsehen, denn es wurde fast täglich gestritten. Zu verschieden waren die unter einem Dach vereinten Charaktere. Die Schwestern Fröhlich im ersten Stock distanzierten sich gerne von ihren als vulgär empfundenen Nachbarn. Altjüngferlich und pedantisch, litten die stets in Weiß gekleideten zwei Damen vor allem darunter, dass sie ihre Toilette mit dem in ihren Augen rohen und derben Ehepaar Prosch, dessen frechen Söhnen Raini und Günther, aber auch deren wechselnden »Bettgehern« teilen mussten.

In besonderer Erinnerung blieben zwei Monteure eines Wiener Elektrokonzerns, die bei uns in der tiefen Provinz Wartungs- und Reparaturarbeiten durchführten. Herr Prosch, ein bei den städtischen Wasserwerken beschäftigter und daher von allen nur »Wassermann« genannter hagerer und griesgrämiger Mann, gewährte ihnen Unterkunft. Er war froh über den kleinen Zusatzverdienst. Und da die jungen Männer im Schichtdienst arbeiteten, schien es ihm ganz logisch, ihnen die Bettbank in der Küche zur gemeinsamen, abwechslungsweisen Nutzung zu vermieten. Besuchte ich meine Spielgefährten, fand ich immer einen der Burschen tief schlafend vor. Er ließ sich weder durch die Kochgeräusche der Frau Prosch noch durch den Lärm, den wir verursachten, stören. Im Wachzustand prahlten die feschen Monteure mit ihrer Männlichkeit. Stolz erzählten sie, dass sie, wenn sich die Gelegenheit bot, bei der Arbeit hübsche und willige Ehefrauen, die sie allein antrafen, »vernaschten«. Wir spitzten unsere Ohren. Auch Herr Prosch amüsierte sich königlich, während er von einer der Einfachheit halber an einem Nagel im Türrahmen aufgehängten Speckseite, einem Geschenk seiner bäuerlichen Verwandten, kleine Stücke abschnitt und verzehrte.

Das Lachen verging ihm, als er wegen der mangelnden Hygiene der flotten »Bettgeher« vor dem Bezirksgericht landete. Dieser betrübliche Fall trat ein, nachdem der biedere »Wassermann« in höchster Erregung einem der Fräulein Fröhlich, das sich mit näselnder Stimme über die verschmutzte Toilette beschwerte, einen heftigen Schlag versetzte. Das vom Bezirksrichter verhängte Schmerzensgeld händigte er seinen triumphierenden Gegnerinnen in monatlichen Raten aus.

Seine privaten Querelen minderten den Status des »Wassermanns« nicht. Im Gegenteil, er galt als Held. Mit Argusaugen wachte er auch weiterhin über die »Bassena«, die einzige Wasserstelle zur Versorgung der Schlossergasse 14 mit dem unentbehrlichen Nass. Als ehrenamtlicher Experte entschied er Fragen, welche die Parteien des Hauses zutiefst bewegten: »Wer verbraucht viel, wer wenig Wasser? Wie sollen die Kosten gerecht verteilt werden?« Die Hausgemeinschaft, die sich - im besten Fall - einmal wöchentlich in das städtische »Tröpferlbad« begab und sich ansonsten mit oberflächlicher Säuberung in einer Waschschüssel, dem »Lavur«, begnügte, beobachtete missbilligend, welche Verschwendung meine auf höchste Sauberkeit bedachte Mutter betrieb. Nicht nur, dass sie unnötig oft die Holzfußböden unserer Wohnung schrubbte, auf ihr Geheiß hin zogen wir auch - damals eher unüblich - täglich frische Kleidungsstücke an.

Daraus resultierte, dass meine Großmutter einmal wöchentlich die Gemeinschaftswaschküche in Beschlag nahm. Ein beeindruckendes Schauspiel nahm seinen Lauf. Es dampfte und brodelte in den Kesseln über der Feuerstelle, die voll waren mit zuvor eingeweichten und dann mit Schichtseife auf der »Rumpel« geschrubbten Textilien aus Baumwolle oder Leinen. Es grenzte an Zauberei, wie die geschäftig hantierende Wäscherin zeitweise in den dichten Nebelschwaden vollkommen verschwand. Ich traute mich nie zu fragen, bei welcher Gelegenheit wir uns, nämlich mein Vater als Beamter in seinem Amt, meine Mutter zu Hause und ich in der Schule, jemals derart beschmutzten, um diese komplizierte Prozedur zu rechtfertigen. »Nur gekochte Wäsche ist wirklich hygienisch sauber«, belehrte uns meine Mutter, die nur mit Mühe davon abgehalten werden konnte, auch unsere Schuhe zu waschen. Auf jeden Fall verrechnete man meiner Familie das Doppelte der pro Person anfallenden Wassergebühren.

Im...

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