Vergiss mein nicht

Wie meine Mutter ihr Gedächtnis verlor und ich meine Eltern neu entdeckte
 
 
Verlag Herder
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. März 2013
  • |
  • 240 Seiten
 
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978-3-451-34737-5 (ISBN)
 
Ein mutiges und schmerzhaftes Buch. Zärtlich und realistisch - und immer wieder von entwaffnender Komik. David Sieveking erzählt die bewegende Geschichte seiner an Alzheimer erkrankten Mutter und entdeckt dabei auch die Liebesgeschichte seiner Eltern neu. Eine Erzählung, die den Umgang mit dem Sterben nicht ausspart - und gerade deshalb voller Leben steckt. Das Taschenbuch zum international gefeierten Dokumentarfilm.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
  • |
  • Deutschland
  • 3,74 MB
978-3-451-34737-5 (9783451347375)
weitere Ausgaben werden ermittelt
David Sieveking, geb. 1977 in Friedberg/Hessen, Filmemacher. 2010 feierte sein Debütfilm "David wants to fly" auf der Berlinale Premiere und kam international ins Kino. Sein Dokumentarfilm "Vergiss mein nicht" erhielt 2012 u.a. in Locarno den Kritikerpreis und wurde, wie schon sein Debütfilm, beim Hessischen Filmpreis als "bester Dokumentarfilm" ausgezeichnet.
  • Intro
  • [Impressum]
  • Kapitel 1: Kinderfragen
  • Kapitel 2: Film ohne Ende
  • Kapitel 3: Die letzte Lasagne
  • Kapitel 4: Delirium
  • Kapitel 5: Leichte kognitive Beeinträchtigung
  • Kapitel 6: Hoffnungsanker Depression
  • Kapitel 7: Vergessen zu vergessen
  • Kapitel 8: Bitte nicht totmachen!
  • Kapitel 9: Aspiration
  • Kapitel 10: Im kranken Haus
  • Kapitel 11: Irrtum zweiter Klasse
  • Kapitel 12: Die Mächte des Lichts
  • Kapitel 13: Bauchgefühl und Magensonde
  • Kapitel 14: Der letzte Reigen
  • Kapitel 15: Die Amsel

Kapitel 2


Film ohne Ende

Parallel zu den Dreharbeiten meines Debütfilms David wants to fly, die sich über mehrere Jahre hinzogen, entwickelte meine Mutter immer deutlichere Anzeichen einer Demenz. Es wurde schwerer, ihr zu erklären, woran ich da gerade arbeitete. Die Handlung meines Dokumentarfilms war schon für Nicht-Demente verwirrend genug: Ich hatte mich als Regisseur und Protagonist vor der Kamera einer ziemlich abgehobenen Meditationsbewegung angeschlossen, deren Gründer, ein gewisser Maharishi Mahesh Yogi, Ende der 60er-Jahre als Guru der Beatles weltberühmt geworden war.

Meine Mutter fand es, schon bevor sich ihre Verwirrung zeigte, schwer nachvollziehbar, warum ich mich einer religiös anmutenden Organisation anschloss, die einem indischen Guru huldigte. »So was macht doch bei uns keiner«, sagte sie befremdet. Sie hatte mich autoritätskritisch erzogen, war aus der Kirche ausgetreten und Esoterik lag ihr fern. »Wie geht es deinem Gurishi?«, fragte sie mich, nachdem wir 2008 die Beisetzung des gerade verstorbenen Maharishi in Indien gedreht hatten.

Bei der Premiere von David wants to fly auf der Berlinale 2010 konnte sich meine Mutter schon gar nicht mehr erklären, was ihr Sohn da auf der Leinwand verloren hatte. Sie blieb zwar während der ganzen Dauer des Films aufmerksam im Saal sitzen, aber als wir uns nach dem Film vor dem Kino begrüßten, fragte sie mich ganz verwundert: »Was machst du denn hier?«

Sie hatte schon wieder vergessen, dass ich gerade noch vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Kinosaal als Regisseur und Autor des Films vorgestellt worden war und Publikumsfragen beantwortet hatte. Sie wusste jedoch instinktiv, dass hier etwas Wichtiges für einen ihrer »Wichtigsten« geschehen war und flüsterte mir zu: »Du hast Glück.«

Doch leider war das Glück nicht von Dauer! Bald nach der glanzvollen Premiere herrschte gähnende Leere auf meinem Konto, und ich musste mir dringend ein neues Filmprojekt suchen. Gleichzeitig merkte ich, wie die Situation zu Hause meinem Vater über den Kopf wuchs. »Ich komme mit der Frau nicht klar«, sagte er mir resigniert am Telefon.

Meinen Geschwistern und mir fiel es nicht leicht, meine Eltern zu unterstützen. Wir sind alle berufstätig und wohnen über Deutschland verstreut. Zudem haben meine beiden sieben und zehn Jahre älteren Schwestern eigene Kinder. Auch meine Filme sind extrem hungrige Zeitfresser, die sehr viel Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, bis sie endlich alleine ›laufen‹ können. Während der jahrelangen Arbeit an meinem Debütfilm hatte ich sehr wenig Zeit für meine Eltern, und ich fragte mich, wie ich das beim nächsten Projekt ändern könnte. Ließen sich nicht Beruf und Familie verbinden, indem ich einen Film über meine Mutter drehte? So könnte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits hätte ich die Chance, mich intensiv um Gretel zu kümmern, andererseits könnte ein Film entstehen, der für meinen Lebensunterhalt sorgte. Der Plan klang verführerisch, und mein Vater war einverstanden. Aber ich musste zunächst herausfinden, wie meine Mutter reagieren würde. 2010 reisten mein Kameramann und ich für einen Probedreh zu meiner jüngeren Schwester nach Darmstadt. Jedes Jahr zu Ostern veranstaltet sie ein großes Fest mit Freunden und Familie. Gretel war unter den zahlreichen Gästen und der Schar von Kindern recht verloren und hielt sich eng an meinen Vater. Der war allerdings heilfroh, mal eine kleine Auszeit von seiner Frau zu nehmen, und so versuchte ich, Gretel ins Schlepptau zu nehmen, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Doch sobald mein Vater aus ihrem Blickfeld war, fragte sie unentwegt: »Wo ist Malte? Wo ist mein Mann?«

Außerdem war sie höchst besorgt, wie sie wieder nach Hause gelangen würde: »Ich hab überhaupt kein Geld, überhaupt kein Geld mehr.«

Ich versuchte, sie so gut es ging zu beruhigen. Um uns herum suchten die Kinder nach Ostereiern. Meine Mutter dagegen suchte ihren Mann. Das gemeinsame Treiben mit den Kindern ließ sie nach einer Weile vergessen, was genau ihr fehlte, und auch sie fing an, neugierig Hecken und Zäune zu inspizieren.

»Ich werde wieder Kind«, murmelte sie und drang in einen verwilderten Teil des Gartens vor. Ein paar Sonnenstrahlen brachen durch die Wolkendecke und beleuchteten ihr weißes Haar, das ihr Gesicht umwehte wie ein Heiligenschein, als sie vor einem dichten Gestrüpp haltmachte. Sie beugte sich zu einer Astgabel vor und holte ein kleines goldenes Osterei aus seinem Versteck. »Ich hab’s!«, triumphierte sie und steckte sich das Ei mitsamt der Verpackung in den Mund. Mir gelang es mit einiger Mühe, das Ei aus ihrem Mund und die Schokolade aus der Alufolie zu befreien. Doch jetzt hatte sie sich im Gestrüpp verfangen und machte keine Anstalten, wieder hervorzukommen.

»Komm, lass uns zu Malte gehen!«, versuchte ich sie zu locken. Doch erst als ich ihr das Schokoladenei anbot, kam sie wieder hervor. Zur Belohnung bekam sie das Ei, das sie freudig verschlang, und ich fragte sie: »Wollen wir jetzt mal sehen, wo Malte ist?«

»Ist das dein Freund?«

»Das ist dein Mann.«

»Nein, ist er nicht.«

»Aber ihr habt doch geheiratet.«

»Nein, haben wir nicht. Das glauben die Leute immer. Ich wollte aber nicht, weil das muss man dann immer bleiben.«

Nach diesem Probedreh wusste ich, dass ich den Film mit meiner Mutter machen konnte. Ich wusste aber auch, dass die Zeit sehr knapp war, da sich ihr Zustand rapide verschlechterte. Im folgenden Sommer begannen wir mit dem Dreh, der in mehreren Etappen über ein Jahr verteilt stattfand. Da ich auch zwischen den Drehblöcken bei meinen Eltern wohnte, verbrachte ich in dieser Phase gut ein halbes Jahr bei ihnen. In der Gegenwart von Kamera-, Tonmann und mir, drei jungen Männern, die sich stark für sie interessierten, blühte meine Mutter richtiggehend auf.

»Die beste Therapie für Gretel sind David und der Film!«, fand mein Vater.

Eines Morgens vor Drehbeginn ging ich in das Zimmer meiner Mutter, um sie zu wecken.

»Du bist das Kind, das ist prima!«, strahlte sie mich an. »Wie geht’s dir denn?«

»Gut!«

»Das ist schön. Du bist jemand, dem gefällt, was er macht, und ich weiß nichts Neues, was ich nicht wusste.«

Ihr war zwar nicht klar, was wir vorhatten, aber das schien ihr nichts auszumachen. Immer wieder fragte sie beim Drehen neugierig, wer denn eigentlich die beiden Herren mit den Geräten in den Händen seien und warum sie denn so ernst dreinblickten.

»Guck mal, hinter dir ist einer!«, warnte sie mich vor dem Kameramann. Sehr interessant fand sie auch das Mikrofon mit dem grauhaarigen Windschutz, das an der langen Tonangel hing:

»Was ist denn das für ein Tier?«, wunderte sie sich und streichelte das flauschige Mikro. Wenn der Tonmann versuchte, ihr das an der Angel hängende Mikrofon von oben zu nähern, hatte sie Angst, das behaarte ›Viech‹ könne auf sie herabfallen.

Einmal betrachtete sie den Tonmann mitleidig, der seine Angel zu ihr ausgestreckt hielt und bemerkte: »Oh je, der Mann ist ja ganz müde.«

Als wir dann versuchten, ohne Tonmann zu drehen, um für weniger Ablenkung zu sorgen, wurde es auch nicht einfacher. Da ich nun die Tonaufnahmen machte und nicht mit der Ausrüstung im Bild stehen wollte, versuchte ich, einen Platz hinter der Kamera zu finden. Sobald meine Mutter aber mein vertrautes Gesicht sah, versuchte sie, in meine Nähe zu gelangen. So entstanden zahlreiche Aufnahmen, in denen die Kamera ihr so lange hinterher schwenkte, bis ich nicht weiter vor ihr zurückweichen konnte und sie mich mit den Worten »Ich will dich haben« in die Arme schloss, während ich versuchte, ein saubere Tonaufnahme zu machen. Dabei hatte sie ermunternde Worte für mich: »Das gefällt mir so, was du machst und wie du es machst. Das macht einfach Spaß. Da hätte ich gerne noch mehr. Mach’ ruhig weiter!«

Es war allerdings nicht so einfach, weiterzumachen, während ich mit Kopfhörer und der sperrigen Tonangel in der Hand versuchen musste, mich aus ihrer Umarmung zu befreien. Wir wurden mit der Zeit erfindungsreicher. So wollten wir zum Beispiel einmal filmen, wie meine Mutter in einer Demenz-Tagesstätte zurechtkam. Ich stattete Gretel mit einem Funkmikrofon aus und versteckte mich mit Empfänger und Aufnahmegerät im Nebenraum, damit mein Anblick nicht ihre mütterlichen Gefühle weckte. So saß ich den halben Tag in einer kleinen, dunklen Besenkammer – meinen Traumberuf als Regisseur hatte ich mir etwas anders vorgestellt!

Bei Interviews drehte Gretel oft den Spieß um und begann, mir die Fragen zu stellen:

»Was machst denn du zur Zeit gerade?«

»Na, jetzt mach’ ich gerade einen Film.«

»Und muss ich da auch wieder irgendwas?«

»Du musst nichts Besonderes machen. Du bist einfach drin.«

»Das ist wirklich interessant. Und wie weit bist du jetzt? Musst du das dann an einer Stelle aufhören oder wie ist das?«

»Na, ich filme erst eine Weile lang, und dann muss ich sehen, was daraus wird. Ich bin noch lange nicht fertig.«

»Was du machst, das würd’ ich alles gerne machen, wirklich. Irgendwann möcht’ ich mal sehen, was du da gemacht hast.«

Meine Mutter wäre nie auf die Idee gekommen, dass aus mir mal ein Filmemacher werden würde, aber sie hat meine Laufbahn, so lange sie konnte, tatkräftig unterstützt. Früher machte sie sich große Sorgen, ob ich in der unsicheren Filmbranche auch meinen...

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