Quo Vadis? Band II

Historischer Roman in drei Bänden
 
 
Quo-Vadis?-Trilogie (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Mai 2020
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96130-252-9 (ISBN)
 
Dieses ist der zweite von drei Bänden des monumentalen Werkes. Der Umfang des zweiten Bandes entspricht ca. 250 Buchseiten. Die QUO-VADIS?-Trilogie Anno 64 n. Chr.: Der dekadente Führungsstil Kaiser Neros lässt zunehmend Unruhe im Volke Roms aufkommen. Nero versucht, das Volk mit Brot und Spielen bei Laune zu halten. Dazu instrumentalisiert er die verbotene Glaubensgemeinschaft der Christen und lässt diese verfolgen und zur Belustigung des Volkes und Sicherung seiner Herrschaft als vermeintlich Schuldige auf grausame Art und Weise hinrichten. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund trägt sich die wechselhafte und dramatische Liebesgeschichte zwischen dem römischen Tribun Vinicius und der schönen Christin Lygia zu. Sienkiewicz gelingt auf insgesamt knapp 700 Seiten eine authentische und eindrückliche Darstellung des Gegensatzes zwischen der Kultur des römischen Reiches und dem christlichen Glauben. »Quo Vadis?« war ein maßgeblicher Grund dafür, dass Henryk Sienkiewicz den Nobelpreis für Literatur erhielt. Das Meisterwerk liegt hier in einer Neuauflage als Roman-Trilogie vor.
1. Auflage
  • Deutsch
apebook Verlag
  • 2,30 MB
978-3-96130-252-9 (9783961302529)

KAPITEL I


Petronius an Vinicius.


»Es steht schlimm mit dir, carissime! Unzweifelhaft hat Venus dir den Sinn verwirrt und Verstand, Gedächtnis und die Fähigkeit geraubt, an etwas anderes als an die Liebe zu denken. Lies einmal, was du mir auf meinen Brief geantwortet hast, und du wirst daraus entnehmen können, wie gleichgültig du auf alles herabsiehst, was nicht Lygia ist, wie dein Denken sich nur mit ihr beschäftigt, immer wieder zu ihr zurückkehrt und sie gleichsam umkreist wie ein Falke die erschaute Beute. Beim Pollux! Finde sie schnell, sonst wird aus dir, soweit die Flamme dich nicht in Asche verwandeln konnte, ein ägyptischer Sphinx, der, wie man sagt, von Liebe für die blasse Isis ergriffen, taub und gleichgültig für alles ist und nur die Nacht erwartet, um mit versteinertem Auge nach der Geliebten zu schauen.

Durchstreife des Abends verkleidet die Straßen, besuche selbst in Begleitung deines Philosophen die christlichen Bethäuser. Alles, was Hoffnung erweckt und die Zeit totschlägt, ist lobenswert. Aber um meiner Freundschaft willen tu das eine: jener Ursus, der Sklave Lygias, ist anscheinend ein Mann von unglaublicher Körperkraft; dinge dir daher Kroton und gehe nur mit zwei Begleitern aus. Das wird sicherer und vernünftiger sein. Da Pomponia Graecina und Lygia zu den Christen gehören, so sind diese gewiß keine solchen Schufte, wie man allgemein annimmt; bei der Entführung Lygias haben sie aber den Beweis geliefert, daß, wenn es sich um ein Lamm aus ihrer Herde handelt, mit ihnen nicht zu spaßen ist. Wenn du Lygia erblickst, so weiß ich, du wirst dich nicht mäßigen können, sondern den Versuch machen, sie auf der Stelle fortzutragen. Wie solltest du dies aber allein mit Chilon fertig bringen? Kroton aber wird sich schon Rat wissen, selbst wenn zehn solcher Männer wie Ursus Lygia verteidigten. Laß dich von Chilon nicht ausbeuten, spare aber bei Kroton das Geld nicht. Von allen Ratschlägen, die ich dir geben kann, ist dies der beste.

Hier hat man bereits aufgehört, von der kleinen Augusta oder davon zu sprechen, daß sie infolge von Zauberei gestorben ist. Poppaea gedenkt ihrer noch zuweilen, aber des Caesars Geist ist mit etwas anderem beschäftigt; wenn es übrigens wahr ist, daß sich die göttliche Augusta wieder in anderen Umständen befindet, so wird auch bei ihr die Erinnerung an dieses Kind spurlos verschwinden. Wir waren jetzt einige Tage in Neapel oder vielmehr in Bajae. Wenn du noch an etwas zu denken vermagst, so muß ein Echo von unserer Lebensweise an deine Ohren gedrungen sein, denn ganz Rom spricht gewiß von nichts anderem. Wir begaben uns geradeswegs nach Bajae, wo uns anfangs Erinnerungen an die Mutter und Gewissensbisse befielen. Aber weißt du, wie weit es mit dem Rotbart schon gekommen ist? Daß selbst der Muttermord für ihn nichts anderes ist, als ein Stoff zu poetischer Behandlung und zum Vorwurf einer Tragikomödie. Früher fühlte er in der Tat Gewissensbisse, aber einzig und allein nur darum, weil er ein Feigling ist. Jetzt, wo er sich überzeugt hat, daß die Erde nach wie vor unter seinen Füßen feststeht und daß kein Gott an ihm Rache nimmt, heuchelt er sie nur, um das Volk durch sein Schicksal zu rühren. Manchmal springt er in der Nacht auf, da er sich von den Furien verfolgt glaubt - weckt uns, sieht sich scheu um und nimmt die Haltung eines Komödianten an, der die Rolle des Orestes spielt, und zwar eines schlechten Komödianten, deklamiert griechische Verse und gibt acht, ob wir ihn auch bewundern. Und wir bewundern ihn augenscheinlich, und statt ihm zu sagen: »Geh' zu Bett, du Possenreißer!« jammern auch wir in tragischem Tone und beschützen den großen Künstler vor den Furien. Bei Kastor! Die Nachricht wenigstens muß dir zugegangen sein, daß er schon öffentlich in Neapel aufgetreten ist. Alle griechischen Tagediebe waren aus Neapel und den benachbarten Städten zusammengeströmt und erfüllten die Arena mit einem so durchdringenden Knoblauch- und Schweißgeruch, daß ich den Göttern dankte, daß ich, anstatt in den ersten Reihen mitten unter den Augustianern zu sitzen, mit dem Rotbart hinter der Szene war. Und wirst du es glauben, daß er Furcht hatte? Er fürchtete sich in der Tat! Er nahm meine Hand und legte sie sich aufs Herz, das in der Tat in beschleunigten Schlägen klopfte. Er atmete kurz, und als er auftreten mußte, wurde er blaß wie Pergament, und seine Stirn bedeckte sich mit Schweißtropfen, obgleich er sah, daß in jeder Reihe mit Knütteln bewaffnete Prätorianer saßen, bereit, im Notfalle mit diesen die Begeisterung anzufachen. Aber dieser Fall trat nicht ein. Keine Affenherde aus der Umgegend Karthagos könnte so heulen, wie es dieser Pöbel tat. Ich sage dir, der Knoblauchgeruch drang bis auf die Bühne, Nero aber verbeugte sich, legte die Hand aufs Herz, warf Kußhände und brach in Tränen aus. Dann stürzte er wie ein Betrunkener auf uns zu, die wir ihn hinter der Szene erwarteten, und rief: »Was sind alle Triumphe im Vergleich zu dem meinen!« Dabei heulte der Pöbel noch unaufhörlich und klatschte Beifall, da er sehr wohl wußte, daß er es in seinem eigenen Interesse tat, für Geschenke, Schmausereien, Lotterielose und ein abermaliges Auftreten des kaiserlichen Possenreißers. Ich wunderte mich nicht darüber, daß sie klatschten, denn etwas derartiges hatten sie bis dahin noch nicht gesehen. Und jeden Augenblick wiederholte er: »Ja, die Griechen! Ja, die Griechen!« Und es will mir scheinen, als ob seine Abneigung gegen Rom noch im Wachsen begriffen sei. Er ließ sofort Eilboten nach Rom mit der Nachricht von dem Triumphe entsenden, und wir erwarten in diesen Tagen den Dank des Senats. Unmittelbar nach dem ersten Auftreten Neros ereignete sich hier ein sonderbarer Vorfall. Das Theater brach plötzlich zusammen, aber erst dann, als sämtliche Zuschauer es verlassen hatten. Ich war am Orte des Unglücks und bemerkte keine einzige Leiche unter den Trümmern. Viele, selbst unter den Griechen, betrachten dieses Ereignis als Strafe der Götter für die Erniedrigung der Caesarenwürde; er dagegen erblickt darin eine Gnade der Götter, welche seinen Gesang, und diejenigen, welche ihm lauschten, in ihren augenscheinlich Schutz genommen hätten. Es wurden daher in allen Tempeln Opfer dargebracht und feierliche Dankgottesdienste veranstaltet - für ihn aber ist es eine neue Aufmunterung zu der Reise nach Achaja. Vor einigen Tagen sagte er jedoch zu mir, er besorge, daß das römische Volk damit unzufrieden sei und sich empören werde, sowohl aus Liebe zu ihm wie aus Furcht, die Getreideverteilungen und die Spiele könnten im Falle einer längeren Abwesenheit des Caesars unterbleiben.

Wir gehen jedoch nach Benevent, um uns die Schusterpracht anzusehen, in der sich Vatinius hervortut, und von da unter dem Beistande der göttlichen Brüder der Helena nach Griechenland. Was mich betrifft, so habe ich das eine gelernt, daß, wenn man sich unter Wahnsinnigen befindet, ebenfalls wahnsinnig wird und, was noch schlimmer ist, an wahnsinnigen Possen seine Freude findet. Griechenland und die Reise auf tausend Schiffen, einem Triumphzuge des Bakchos gleichend, umgeben von Nymphen und Bakchanten, mit Kränzen aus Myrtenzweigen, Weinlaub und Geißblatt, Wagen mit Tigern bespannt, Blumen, Thyrsosstäbe, Kränze, Evoerufe, Musik, Poesie und das beifallspendende Hellas - all dies ist schön, aber wir haben noch kühnere Pläne. Wir möchten etwas wie ein orientalisches Märchenreich schaffen, ein Reich voller Palmen, Sonnenschein und Poesie, das die Wirklichkeit in einen Traum und das Leben in ein einziges wonniges Entzücken umwandelt. Wir möchten Rom vergessen und den Schwerpunkt der Welt irgendwo anders hin, an eine Stelle zwischen Griechenland, Asien und Ägypten, verlegen, nicht das Leben von Menschen, sondern von Göttern führen, nicht wissen, was Alltäglichkeit bedeutet, auf goldenen Schiffen im Schatten purpurner Segel durch den Archipel fahren, Apollon, Osiris, Baal in einer Person sein, rosig wie die Morgenröte, golden wie die Sonne, silbern wie der Mond, herrschen, singen, träumen ... Und wirst du es glauben, daß ich, der ich ja noch für eine Sesterze gesunden Menschenverstand und für ein As Urteilsfähigkeit besitze, mich trotzdem diesen Phantomen überlasse und zwar nur aus dem Grunde, daß, wenn sie auch unmöglich zu verwirklichen, doch zum mindesten großartig und außergewöhnlich sind? Ein solches Märchenreich würde noch in ferner, ferner Zeit, nach vielen Jahrhunderten den Menschen wie ein Traum vorkommen. Solange Venus nicht die Gestalt dieser Lygia oder wenigstens einer solchen Sklavin wie Eunike annimmt und die Kunst sie verschönt, so lange ist das Leben selbst leer und trägt oft das Antlitz eines Affen. Aber der Rotbart wird seine Pläne nicht verwirklichen, wenn auch nur aus dem Grunde, weil in jenem orientalischen Märchenreiche der Poesie kein Platz sein kann für Verrat, Gemeinheit und Mord und in ihm trotz allen poetischen Scheines nichts steckt als ein schlechter Komödiant, ein ungeschickter Wagenlenker und ein einfältiger Tyrann. Doch inzwischen töten wir jeden, der in irgend einer Weise unser Mißfallen erregt. Der arme Torquatus Silanus weilt bereits bei den Schatten; er öffnete sich vor einigen Tagen die Adern. Lecanius und Licinius werden ihr Konsulat voller Furcht antreten, der alte Thrasea wird dem Tode auch nicht entgehen, denn er wagt es, ehrlich zu sein. Tigellinus konnte in bezug auf mich noch nicht den Befehl erwirken, ich solle mir die Adern aufschneiden. Man bedarf meiner noch, nicht allein als arbiter elegantiarum, sondern auch als eines Mannes, ohne dessen Rat und Geschmack die Reise nach Achaja möglicherweise mit einem Mißerfolge enden könnte. Ich muß jedoch öfters daran denken, daß ich früher oder später so enden muß, und weißt du, worauf es...

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