Mehr als ein bisschen Frieden

Autobiographie
 
 
LangenMüller (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. September 2020
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7844-8389-4 (ISBN)
 
Ralph Siegel hat über 50 Jahre die deutsche Musikszene entscheidend mitgeprägt. Mit über 2.000 veröffentlichten Songs und Produktionen sowie 25 Teilnahmen am "Eurovision Song Contest" ist er eine der erfolgreichsten Persönlichkeiten der Showbranche. Mit dieser Biografie gewährt uns Ralph Siegel einen spannenden Blick in sein Leben und hinter die Kulissen der Musikbranche: Studios auf dem Dachboden, Ausflüge in die Spielhöllen von Paris, die ersten Erfolge und Misserfolge, die Frauen, der Durchbruch - Ralph Siegel lässt nichts aus und erzählt mit viel Humor von den Wendepunkten und prägenden Momenten in seinem Leben.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 26,01 MB
978-3-7844-8389-4 (9783784483894)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Von Rimsting nach Prien am Chiemsee

Im Schuljahr 1956 begann das erste Jahr an der Ludwig-Thoma-Oberrealschule, und hier wehte ein neuer Wind. Diese Schule war eine neue Herausforderung, und ich versuchte, meinem Drang, Sprachen zu sprechen, zu folgen - bei dem Vorbild in der Familie eine logische Folgerung - Englisch ganz klar und ab 1958 dann Wahlfach: Latein! Das bereue ich bis heute. Mein Vater meinte, es sei gut, denn damit würde ich später die romanischen Sprachen leichter erlernen. Ich für meinen Teil hätte lieber gleich Französisch genommen, denn Arzt oder Priester wollte ich sowieso nie werden, und meine späteren Lehrjahre in Paris wären mir bestimmt auch leichter gefallen. Aber Papa bestand auf Latein, und ich quälte mich mit Julius Cäsar.

Zu Hause lief alles wie immer. Die treuesten aller Hausmeister, Maria und Josef, waren vom Irschenberg zu uns an den Chiemsee gezogen und helfende Hände in vielen Belangen. Dazu gehörte auch, dass jemand darauf achtete, dass ich Hausaufgaben machte und zum Musikunterricht ging. Also lernen, lernen, lernen, Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Fußball und Leichtathletik waren ja auch noch vorrangig in meinem jungen und bereits erfüllten Leben.

Gott sei Dank tat sich da etwas ganz herrlich Neues auf - die Liebe! Durch meinen Besuch der Oberrealschule führte mich mein Weg natürlich immer nach Prien, und so lernte ich Traudl kennen. Traudl war ein paar Jahre älter - hatte schon einen Führerschein und ein Auto dazu. Mann, war die klasse, und da ich inzwischen vom Micky zum Ralph gewachsen war, kam ich eben schon mit eins achtzig daher und konnte als junger Mann durchgehen, wie man so sagt. Was Traudl besonders spannend machte, war ihre ständig wechselnde Haarfarbe. Im Wochenrhythmus leuchtete ihr Haar immer wieder in einer anderen und meist auffälligen Farbe. Sie war die Erste, die mir so richtig den Kopf verdrehte. Wir waren verliebt und trafen uns heimlich in unserem Gästehaus und fingen an, uns zu küssen und zu streicheln - ich wäre fast schon gekommen, bevor mein erstes Mal wirklich stattgefunden hatte.

Schlimm aber war nur, dass ausgerechnet, als wir uns in die Arme nahmen, die Haustür krachte und Hausmeister Josef durch das Treppenhaus lief.

Wir sprangen auf und versteckten uns im großen, mit Rosen bemalten Bauernschrank und sahen leicht zitternd durch die Ritze der Schranktüren, wie Josef kurz ins Zimmer kam, sich wunderte und wieder von dannen zog.

Irgendwann meinte Mami, dass sie mehr Personal benötigte, denn Papi brachte jedes Wochenende mehr Gäste mit nach Rimsting. Papi und Mami suchten daher am besten ein Kindermädchen für den heranwachsenden Sohn, das aber im Haushalt auch mitarbeiten sollte. Papi suchte die Dame persönlich aus - und fand Giselle. Sie kam zu uns ins Haus, war gerade von einem amerikanischen GI frisch geschieden worden und daher glücklich, eine Stellung zu finden. Giselle war noch nicht richtig im Hause eingezogen, da verliebte ich mich sofort bis über beide Ohren in sie. Das Beste aber war, dass diese bildschöne 27-jährige blonde »Engelsfrau« auch mich nicht so unangenehm fand und sich geneigt zeigte, meinen Avancen nachzugeben. Verliebt bis über beide Ohren verbrachte ich die meisten Nächte bei ihr, doch als sie ein paar Wochen später bei meiner Mutter andeutete, dass sie von ihrem Sohn schwanger sei, fand das Mami gar nicht mehr komisch. Das ging schon gar nicht. Mami fuhr mit Giselle nach Prien zum nächsten Arzt, um einen Schwangerschaftstest zu machen. Nachdem das erfreulich negative Ergebnis feststand, brachte meine Mutter Giselle direkt zum nächsten Arbeitsamt. Das war's.

Und was durchlebt ein Mann, wenn die Geliebte ihn verlassen musste? Einsamkeit - und er sucht Wege, sie zu bekämpfen! Ich fand Spaß beim Fischen .

Auch wenn schon so viele Jahre dazwischenliegen, mit Giselle hatte es mich das erste Mal über die kindliche, naive Liebelei hinaus so richtig erwischt.

Was ist es, das schon einen jungen Menschen, egal ab welchem Alter, zu einem anderen Menschen hinzieht? Vielleicht die Sehnsucht nach Anerkennung? Vielleicht ist es aber auch die ganz natürliche Liebe zu jemandem, zu dem man sich hingezogen fühlt. Aber warum gerade zu diesem einen bestimmten Jungen oder Mädchen, Mann oder Frau? Warum zu der Brünetten und nicht zu der Rothaarigen, die doch eine viel schönere Figur hat, aber nicht so freundlich lächelt? Warum nicht die Blonde mit den blauen Augen, sondern eben gerade die eine, bei deren Anblick plötzlich das Herz zu pochen beginnt und vielleicht sogar bei zärtlichen Gedanken die Gänsehaut über den Rücken läuft. Ist Liebe das Schönste auf der Welt? Ich meine, ja. Ich für mich glaube, die Liebe baut auf Zuneigung, Gefühlen, Achtung und Bewunderung oder Verehrung einer anderen Person auf. Der Wunsch nach individueller Nähe, verbunden mit Sehnsucht nach mentaler oder sexueller Begegnung, wird dabei übermächtig und lenkt uns scheinbar unkontrolliert durch das Erlebnis, das wir Liebe nennen.

Da Giselle mein junges Leben auf abrupte Weise verließ, wurde mein Demo-Tonstudio, welches ich mir am Speicher mittlerweile eingerichtet hatte, Mittelpunkt meiner Gefühle und Gedanken. Ich suchte daher und fand in der Nachbarschaft bald ein paar bereitwillige liebenswerte Musikanten, die gerne mit mir musizierten.

Das Peter Elversen Septett, das damals schon ein bisschen professioneller klang, war geboren. Peter Elversen war übrigens das erste Pseudonym meines Lebens Das Peter Elversen Septett spielte auf Hochzeiten und Kinder-Faschingsbällen. Mami fuhr teilweise mit und beförderte mein Sonor-Schlagzeug zu den Festsälen, in denen wir auftraten, ich, damals noch minderjährig, konnte es ja nicht mit meinem Moped transportieren. Die Pianisten hatten es damals noch leichter - das Piano oder der Flügel war schon angeliefert oder vorhanden, und sie brachten nur ihre Noten mit. Heute ist das auch anders, denn sie schleppen mindestens ein Keyboard und noch ein paar Computer auf den Gig bzw. das Konzert - wie die Zeiten sich doch ändern.

Ich begann auch, meine ersten Lieder zu schreiben. Papi hatte mir ein altes Telefunken-Tonbandgerät mitgebracht, das ich in meinem Studio im Speicher unterbrachte. Dort wurde es recht bald eng, und wollte man in diesem Studio nicht nur liegen, sondern auch stehen, war das durch die Schräglage des Daches ziemlich mühsam. Helmut Hertlein, der Tonmeister meines Vaters, half mir, das eine und andere Mikro anzuschließen, und das kleine Studio wuchs. Ich spielte die Lieder mit dem Akkordeon oder Gitarre auf Band, das mit rasender Geschwindigkeit (38 oder 76 Zentimeter pro Sekunde) lief. In diesen Tagen machte eine Freundin von Papi für mich die Texte, und wir schrieben Wienerlieder: »Herr Ober, zwoa Glaserl und a guats Flascherl Wein« oder »An der Donau hängt der Himmel voller Geigen« und das vielleicht schönste »Der alte Stammgast«. Robert Jung sang die ersten Demos. Wir nahmen Lieder auf wie »Tausend Dank für die Liebe« und »In der Heimat blüh'n die ersten Rosen«, die Robert sang und die ein paar Monate später dann mit Helmuts Frau »Tütchen«, besser bekannt als Bettina Carsten, und dem Quartetto Italiano in München richtig produziert wurden. »In der Heimat blüh'n die ersten Rosen« hat für mich eine besondere Bedeutung. Die Musik stammt von mir, der Text von Papi, und der Titel war der Anfang meiner Karriere als Komponist und Gegenstand meines ersten Autorenvertrags. Ja, es wurden sogar Noten von dem Lied gedruckt. Es blieb das einzige Lied, das Papi und ich miteinander geschrieben haben. Schade. Das stimmt mich heute noch traurig.

Jedenfalls war der Speicher im Rimstinger Haus mein ganz persönlicher Rückzugsort, wo ich ungestört anfing zu komponieren. Ich hatte da alles, was ich so sammelte und was mir an Dingen wichtig war, versteckt und gebunkert und fühlte mich wie in meinem eigenen Himmelreich. Die elektrischen Stromleitungen waren auch von mir verlegt worden, meiner Auffassung nach durchaus fachgerecht. So fasste ich eines Tages in ein mit 220 Volt gespeistes, offenbar nicht isoliertes Kabel. Ein großer Fehler, denn das Kabel brannte sich in meine Haut ein und blieb an meiner Hand kleben. Ich schrie laut und fiel wie tot um. Das Kabel löste sich dabei Gott sei Dank von meiner Innenhand, und ich kam kurz darauf wieder zum Bewusstsein. Den Stromschlag hatte ich überlebt, aber einen Knacks im Herzen abbekommen. Noch heute trage ich die Narben an meiner linken Hand. Meine Mutter brachte mich ins Krankenhaus, und ich bin mir sicher, dass die Extrasystolen, diese Herzschläge, die außerhalb des normalen Herzrhythmus auftreten und die ich seitdem auf den EKGs entdecken kann, von diesem Unfall herstammen. Ich hatte großes Glück, und ein paar Jahre später haben mich diese Extrasystolen vor dem Wehrdienst gerettet - untauglich, Gott sei Dank! So hat doch alles was Gutes im Leben.

Nach diesem Debakel meinte mein Vater, ich solle doch die nächsten Demos eher in München aufnehmen, bevor wieder etwas passiert. Dort, in dem Haus am Biederstein, auch wieder in einem Dachgeschoss, war für damalige Zeiten ein super eingerichtetes Studio und auch das Plattenlabel Stellina, nach Mami »Sternchen« benannt. Es war also alles bereits sehr professionell, und ein gewisser Herr Kittlitz hatte extra für uns ein Sechsspur-Tonbandgerät entwickelt. Das war echtes Neuland, denn mehr als zwei Tonspuren und somit schon Stereo kannte man damals noch nicht. Die Aufnahmen in den großen Tonstudios, wie Trixie und dem Polydor-Studio, wurden alle noch auf den großen »Kuchen« - zwei Tonspuren - produziert. »Kuchen« wurden früher die Tonbandspulen genannt. Das waren keine klassischen Spulen, wie man sie von kleinen Bändern her kannte, sondern auf...

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