Mary Swann

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2018
  • |
  • 358 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-99110-0 (ISBN)
 

Ein vielschichtiger, mit bissigem Humor geschriebener Roman über den Literaturbetrieb und über menschliche Wahrnehmungen und Wunschprojektionen von Pulitzer-Preisträgerin Carol Shields

Mary Swann, eine Bäuerin, wird von ihrem Mann ermordet. Sie hinterlässt eine Tüte voller großartiger Gedichte. Wer war diese Frau? Wie kam sie dazu als einfache Frau solch vollendete Lyrik zu verfassen? Ein Symposium soll das Geheimnis lüften, doch plötzlich verschwinden Mary Swanns Spuren ...

"Einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe - subtil, witzig, ergreifend, voller Überraschungen und wunderschön komponiert." Margaret Atwood

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Piper ebooks in Piper Verlag
  • 4,88 MB
978-3-492-99110-0 (9783492991100)
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Carol Shields, geboren 1935 in Oak Park, Illinois, übersiedelte 1957 nach Kanada und war dort Professorin für Anglistik an verschiedenen Universitäten. Sie gehört zu den renommiertesten Autorinnen ihres Landes. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und Kurzgeschichten, für »Das Tagebuch der Daisy Goodwill«, wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerlisten in Amerika und England, wurde sie mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, für »Alles über Larry« mit dem Orange Prize. 2002 wurde ihr der Order of Canada verliehen. Zuletzt lebte sie mit ihrem Mann in Victoria, British Columbia, wo sie 2003 starb. Auf deutsch erschien 2005 ihr letzter, für mehrere Preise nominierter Roman »Die Geschichte der Reta Winters«.

9


Es ist seit einigen Tagen verschwunden. Seit Montag vermutlich, vielleicht Dienstag.

Ich bin noch nicht bereit einzugestehen, daß es unwiederbringlich verloren ist; ich habe es nur - was? - verlegt. Jeden Tag, vielleicht morgen, werde ich es unter einem Stapel Briefe in meiner Schreibtischschublade finden. Es könnte hinter ein Bücherbord gerutscht sein, es ist so klein, eines von diesen kleinen Spiralheften von der Farbe billiger Schokolade. Es wartet bloß hämisch, um mich eines Tages, wenn ich es am wenigsten erwarte, zu überraschen. Es könnte unter einer Teppichecke liegen. Oder irgendwo ganz auffällig, meine Augen sind nur zu hektisch, um sich auf die Stelle zu konzentrieren.

Ich bin nicht von Natur aus unachtsam, obwohl ich mir ein dutzendmal am Tag, gewissermaßen zur Beschönigung, in Erinnerung bringe, daß es nicht das erste ist, was ich verloren habe. Als ich mit Olaf verheiratet war, habe ich einmal meinen Trauring verloren. Ich war untröstlich, fast krank, und außerstande, es Olaf zu sagen, weil ich wußte, daß er es als Vorzeichen ansehen würde; und zwei Wochen später war der Ring wieder da, in einer kleinen Keramikschale, wo ich meine Büroklammern aufbewahre. Ein andermal verlor ich meine Erstausgabe von Das zweite Geschlecht, die ich in der guten alten Zeit für zehn Dollar bei Stanton gekauft hatte. Monatelang schlich ich wie eine Verrückte herum, riß Kissen von Sesseln und jammerte die Wände an: »Bücher stehen nicht einfach auf und gehen weg.« Im Frühling fand ein guter Freund, Lorenzo Drouin, der Mittelalter-Forscher, es in meinem Wohnzimmer, hinter einem Heizkörper eingeklemmt.

Wegen des verlorenen Notizbuches ist meine Mutter mitfühlend, aber unbestimmt. Sie fragt, ob ich in den Taschen meines Regenmantels nachgesehen oder es einer Freundin geliehen oder mit den Zeitungen weggeworfen habe - absurde Fragen, die ihre fundamentale Hilflosigkeit bezeugen und beweisen, wie wenig sie mein Leben versteht. »Es wird schon auftauchen«, murmelt sie wieder und wieder, mein tröstlicher feister Spaniel von einer Mutter. Aber hilflos, hilflos.

Ich besuche meine Mutter jeden Sonntag. Die anderen Leute in Chicago wachen Sonntag morgens auf und denken: Wie verbringe ich diesen Tag? Welche Überraschungen hält er für mich bereit? Sonntag ist ein Tag mit einem gewissen Glanz, einem gewissen Summen. Die ungeplanten Stunden locken oder drohen, je nach Umständen, Geld, Freunden, Gesundheit oder Wetter; aber ich bin überzeugt, immer ist ein erwartungsvolles Rascheln da, ein Vorhang, der sich vor Möglichkeiten öffnet.

Aber nicht bei mir. Man könnte sagen, ich bin von Beruf Tochter, oder es ist wenigstens ein ernstgenommenes Hobby. Sonntags steige ich in die Linie L und besuche meine Mutter, die im Westen der Stadt in einer Wohnung im dritten Stock lebt. Sie erwartet mich um ein Uhr mittags, plus/minus fünf Minuten. Sie sieht mich am Fenster die baumgesäumte Straße entlang schlendern, schiebt die Messingkette am Schloß zurück, schließt mich in ihre heißen, flügelgleichen Arme und sagt: »Hallo, Herzchen.«

Sofort setzen wir uns in die Eßecke, um eine komplette Mahlzeit zu verzehren, Brathuhn oder Schinken mit Kartoffelpüree, tiefgekühlten Erbsen oder grünen Bohnen, und zum Nachtisch Eis in einer Cornflakesschüssel. Meine Mutter und ich reden und reden, und wenn ich jetzt einhalte, um an die verstreuten anderen Leute draußen in den Straßen oder Parks von Chicago zu den?ken, die frei über den Tag verfügen, tue ich es mit spöttischem Mitgefühl. Die lockenden Sonntagsschauplätze werden in ihrer ganzen Schmuddeligkeit enthüllt. Die Möglichkeiten, die sich am Morgen blinzelnd und schnatternd angepriesen haben, sind um diese Zeit verstummt, und ich sitze hier, die glücklichste aller Frauen, bis oben angefüllt mit Hausmacherkost und der steten, unkonzentrierten Liebe meiner Mutter.

Trotzdem bin ich heute sprunghaft und fahrig.

»Etwas beunruhigt dich«, ahnt sie.

»Dieses dämliche Notizbuch«, wüte ich. »Ich hab? das verdammte Ding noch immer nicht gefunden.«

»Ach du liebe Zeit.« Der mildeste Fluch bringt sie aus der Fassung. »Hier, trink noch einen Kaffee. Der beruhigt.«

Meine Mutter ist die einzige Person, die ich kenne, die glaubt, daß Kaffee beruhigende Eigenschaften besitzt. Sie nimmt die Kaffeekanne, hält den Deckel fest und schenkt ein. Licht sickert durch die Jalousie. Auf einem kleinen Bord über ihrem Kopf sind ihre Hummel-Figuren und Delfter Teller aufgereiht. Auf einer Seite eingequetscht steht auch eine kleine Muttergottesstatue, die sie als junges Mädchen geschenkt bekam. (Ich wäre ein besserer Mensch, wenn ich solche Dinge nicht bemerkte.) Meine Mutter hat heute einen Hosenanzug an, ihren neuen korallenroten aus doppelt gewirktem Jersey, großzügig geschnitten und bequem um die Hüften. Sie trug nie Hosen, bis sie Ende Fünfzig war; dann verloren ihre schönen Beine die Form, wurden über Nacht gerade und dick wie Wasserrohre. Ihre grauen Haare sind immer zu einer Rolle am Hinterkopf gekämmt und gesteckt; nur einen halben Zentimeter höher, wäre die Haarrolle modisch statt matronenhaft. Trotzdem, sie gibt sich Mühe mit ihrem Aussehen. Sogar wenn sie allein in ihrer Wohnung ist, legt sie Lippenstift auf, ein leuchtendes Rosa, und einen Hauch blauen Lidschatten. Sie trägt auch große knopfförmige Ohrringe; sie liebt Silber, natürlich kein echtes Silber - sie hat nie einen Sinn darin gesehen, teuren Schmuck zu kaufen. Sie besitzt ungefähr zwanzig Paar von diesen großen runden Ohrringen, die sie auf einem Ohrringständer aus durchsichtigem Plastik auf ihrer Kommode verwahrt.

Alles, was meine Mutter und mich trennt, sind belanglose Vorlieben für Ernährung, Lektüre und Dekor. Ich besitze keinen Ohrringständer wie den auf ihrer Kommode, und sie hat nie von Muriel Rukeyser gehört. Und was noch? Nicht viel. Ein Stipendium, ein paar Examen, ein paar Buchstaben hinter meinem Namen statt davor. (Mrs. - sie hätte gern, daß ich eine Mrs. wäre, eine verheiratete Frau.)

»Was machen deine Seitenschmerzen?« frage ich, um das Thema zu wechseln. »Was hatte LeBlanc dazu zu sagen?«

»Doktor LeBlanc?« Ihre listige Höflichkeit. »Er sagte nur, wir müssen das beobachten.« Sie schüttelt den Kopf, gibt sich alle Mühe, heiter dreinzusehen. »Aber weißt du, ich glaube, es geht von selber weg.«

»Gut.«

»Ja, ich habe so ein Gefühl .«

»Dann halten die Schmerzen dich nicht wach?«

»Himmel nein, du kennst mich doch, ich schlafe wie ein Murmeltier.«

»Vorigen Sonntag hast du gesagt .«

»Meinem Schlaf fehlt nichts. Ich habe immer gut geschlafen.«

»Hmmmm«, sage ich. Ich kenne die Gewohnheiten meiner Mutter, ich weiß, daß sie bis zwei Uhr morgens aufbleibt und sich Talkshows im Fernsehen ansieht und dann bis halb sieben hellwach ist. Sie sitzt am Tisch, die schweren Schultern gestrafft, vor sich eine Schüssel Kleie, eine Tasse Kaffee, und wartet auf die Sieben-Uhr-Nachrichten im Küchenradio, bereit, nach ihrer ersten Zigarette des Tages zu greifen.

Meine Mutter hat das Leben leidlich gemeistert, in Gang gehalten, wie meine Schwester und ich glauben, von ihrem natürlichen Hang zur Traurigkeit, was sie zu einer Art Novizin macht, die sich ihren Weg durch kleine, unbedeutende Akte der Zerknirschung bahnt. Sie scheint immer frisch dem Tal der Tränen entstiegen, obgleich ich sie nicht mehr weinen sah, seit Olaf und ich unsere Scheidung verkündeten. Die Scheidung machte sie niedergeschlagen, vielleicht weil sie ein uneingestandenes Motiv erspürte. Die Scheidung meiner Schwester rief ähnliche Bestürzung und Verwirrung hervor, doch scheint es ihrer Traurigkeit, abgesehen vom Tod meines Vaters und den zwei Scheidungen, an spezifischen Umständen zu fehlen. Wie eine Spinne, die ihr Männchen frißt, hat sie die Traurigkeit der Welt ihren schweren Knochen und ihrem Kreislauf einverleibt. Einem leichten Fieber ähnelnd, ist sie immer gegenwärtig.

Ich bin erstaunt, wie sie trotzdem zurechtkommt. Sie liest Zeitung, geht zur Messe, spielt Canasta. Heute stützt sie sich auf den Tisch und spricht ruhig über den Preis für Jungrindsleber. Danach erzählt sie mir von einem Artikel im Hobbyteil der Zeitung: Wie man Gladiolenzwiebeln von Blasenfüßen befreit.

Ich weiß, woran sie leidet: Sie leidet an »ihr«. Der namenlosen Krankheit. Einer Herbstzeitstimmung. Konstitutionsbedingte Melancholie. Ennui. Angst würde ich sagen, wäre es nicht so eine billige Scheuerbürste von einem Wort. Einmal habe ich versucht, meiner Mutter Angst zu erklären. Sie meinte, die Vorstellung sei ihr unbegreiflich. Aber tatsächlich leidet sie unter Existenzangst, ein schlimmer Fall, ein Verdacht - sie würde es nie zugeben - von Leere im Kern des Lebens.

Ich stelle mir vor, daß mein Vater das Gespenst dieser großen, ständig trauernden Frau mit Verwunderung betrachtete. Meine mit Koks vollgepumpte Schwester Lena wurde von diesem Gespenst zur Maßlosigkeit getrieben. Neue Städte, neue Liebhaber und eine Reihe absonderliche Jobs. Und ich wurde zu unbekümmertem Überschäumen gezwungen; die Malaise meiner Mutter, oder was immer es ist, hat bewirkt, daß die Bereiche der Verzweiflung mir immer verschlossen bleiben und daß die alte Sarah Maloney, an die selbst ich mich verschwommen erinnere, weit zurückgefallen ist - jene sanfte, Thomas Hardy lesende katholische Tochter mit schulterlangen Haaren und weiten Faltenröcken. Eine andere Sarah hat sie abgelöst, achtundzwanzig, leichtblütig, erwartungsvoll, unbeschwert, die sich und anderen ständig etwas vormacht. Ihre schrecklich muntere, unbezähmbare Persönlichkeit stößt mich ab. Wie kommt es, daß dieses flatterhafte Mädchen und...

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