Ein fatales Erbe

Roman
 
 
Hoffmann u Campe Vlg GmbH (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81007-3 (ISBN)
 
Andrij ist tot. Die junge Anwältin Kate schwört angesichts der Ermordung ihres Freundes, die Hintergründe zu untersuchen. Sein Tod muss mit ihrer gemeinsamen Suche verknüpft sein - der Suche nach dem verschwundenen Goldschatz des Zaren. Nun ist Kate auf sich allein gestellt und ahnt nicht, dass sie keineswegs die Einzige ist, die das brisante Rätsel um Europas Vergangenheit und Zukunft aufdecken will ... Als der russische Geheimdienstmitarbeiter Taras Petrenko bei Recherchen auf die Akte N1247 stößt, ist ihm die Reichweite seines Fundes zunächst nicht bewusst. Obwohl drei entscheidende Dokumente fehlen, erkennt er aber schnell, dass der über 200 Jahre alte Fall das Potenzial birgt, Europas Machtgefüge in seinen Grundfesten zu erschüttern und die bisher gekannte Ordnung zu zerstören. Die Akten scheinen den Raub des legendären Goldschatzes von Zar Peter dem Großen durch den Kosaken Polubotok zu belegen. Auf der Suche nach Beweisen trifft Petrenko auf die Londoner Anwältin Kate, die ebenfalls in diesem Fall ermittelt. Der Wettlauf beginnt: Wer von ihnen kann zuerst das Geheimnis um das Zarengold lösen?

Anna Shevchenko, aufgewachsen in der Ukraine, studierte Sprachwissenschaften an den Universitäten von Kiew und Cambridge. Sie spricht sieben Sprachen. Nach ihrem Studium begann sie als Übersetzerin, Beraterin und Unterhändlerin zu arbeiten. Shevchenko ist für hochrangige politische Anlässe und Organisationen tätig und leitet überdies eine Agentur für interkulturelle Mediationsberatung. Sie hat bereits einiges zu interkultureller Kommunikation geschrieben. Ein fatales Erbe ist ihr erster Roman, er erschien Anfang 2010 in England. Im März dieses Jahres erhielt sie den Hosking Trust Prize für Writer in Residence.
  • Deutsch
  • 0,57 MB
978-3-455-81007-3 (9783455810073)
3455810071 (3455810071)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anna Shevchenko, aufgewachsen in der Ukraine, studierte Sprachwissenschaften an den Universitäten von Kiew und Cambridge. Sie spricht sieben Sprachen. Nach ihrem Studium begann sie als Übersetzerin, Beraterin und Unterhändlerin zu arbeiten. Shevchenko ist für hochrangige politische Anlässe und Organisationen tätig und leitet überdies eine Agentur für interkulturelle Mediationsberatung. Sie hat bereits einiges zu interkultureller Kommunikation geschrieben. Ein fatales Erbe ist ihr erster Roman, er erschien Anfang 2010 in England. Im März dieses Jahres erhielt sie den Hosking Trust Prize für Writer in Residence.

PROLOG

Cambridge, 1. April 2001

»Es liegt an der Beleuchtung«, beruhigt sie sich selbst. »Die gruslige Beleuchtung ist der Grund.« Die Fliesen unterhalb der Leuchtstoffröhre glänzen. Im künstlichen blauen Schimmer, der den Raum erfüllt, wirkt sein Gesicht bleich, die Sommersprossen wirken wie abgewaschen. Sie steht an der Rollbahre und weiß nicht, was sie mit ihren Händen anfangen soll.

Plötzlich verspürt sie den Drang, das Laken glatt zu ziehen, zwei unscheinbare Falten unter seiner Schulter auszubügeln. Als ihre Finger die Rollbahre berühren, zieht sie sie rasch wieder zurück, so kalt kriecht die Kälte des Stahls durch ihre Fingerspitzen, den Arm hinauf bis in die Schultern und dann in den Brustkorb. Eisig ist es hier. Na ja, denkt sie, warum auch nicht. Für diesen Ort ist das ja ganz normal.

Die Tür steht halb offen, und sie sieht einen Mann in einer langen Gummischürze, der mit dem Schlauch eine weitere stählerne Rollbahre abspritzt. Das Wasser ist rosa und schaumig, eine Mischung aus Blut und Reinigungsmittel. Akribisch, verbissen ist der Mann damit beschäftigt, wie so oft die letzten Spuren eines Lebens abzuwaschen. Er richtet den scharfen Strahl in die Ecke, und da fällt ihr ein, dass sie dieses Geräusch schon einmal gehört hat. Regen, der auf ein Blechdach prasselt – letzte Woche, als sie sich versteckten.

Da ist noch ein anderes Geräusch, näher. Klick-klack. Schwarze Schuhe mit marineblauen Schnürsenkeln. Ein rastloses, ungeduldiges Geräusch. Es scheint leicht zu stottern, wie der Sekundenzeiger ihrer Bürouhr, der immer etwas nachhallt, und wie der Besitzer der schwarzen Schuhe, als er wieder ihren Namen ausspricht: »»K-K-Kate …« Sie versucht sich zu erinnern, warum sie hier ist, schaut ihn hilfesuchend an. Er sieht aus wie ein Professor – leicht zerknittert, hintergründig intelligent –, aber so sehen hier, in dieser Universitätsstadt, wahrscheinlich die meisten Polizisten aus.

Heute Morgen am Telefon haben sie noch zusammen gelacht, als er sich mit ihrem ungewöhnlichen Nachnamen abmühte, ein Cluster aus Konsonanten, vermengt mit ein paar derben Vokalen: »Wenn Sie einen Namen nicht aussprechen können, bin es vermutlich ich«, hatte sie zu ihm gesagt. Nett, gleich am Montagmorgen mit einem Fremden herumzuflachsen.

Aber das war im vorigen Leben gewesen, bevor er ihr die Nachricht überbrachte.

Sie bestätigte noch einmal Zeitpunkt und Ort des Treffens, verließ das Büro, nahm einen Zug, dann ein Taxi. Sie hat von diesem Schutzmechanismus gelesen: Menschen im Schockzustand gehen, reden, handeln oft noch eine Weile ganz normal, als wäre nichts passiert. Das Gehirn blockiert die Gefühle. Schlägt einen schweren Deckel drüber zu und wartet.

Seltsam, dass man ausgerechnet Kate darum gebeten hat. Weder ist sie mit ihm verwandt, noch ist sie eine Freundin oder vertritt das Konsulat. Sie ist einfach nur eine x-beliebige Person, von der man sich die Identifizierung seiner Leiche erhofft.

Im Kühlraum merkt sie plötzlich, dass sie zu lange schweigt, obwohl er doch angeblich nur ein Bekannter ist, und so nickt sie hastig. »Ja, er ist es.« Der Detective Inspector blickt sie verdutzt an. In Wirklichkeit hat sie kein Wort herausgebracht. Sie versucht, ihre Stimme wieder in den Griff zu bekommen. »Ja, er ist es.« Als sie seinen unenglischen Namen ausspricht, die rollenden Konsonanten, bleibt ihr die Luft weg.

»Danke, Miss L-L-L …« Er kämpft wieder mit ihrem Namen. »D-d-danke, Kate.«

Dann verlassen sie den Raum und steigen die Treppe zum nachmittagsgrauen Korridor hinauf, und sie stolpert über den Behälter für medizinische Abfälle, in dem ein narzissengelber Plastikbeutel hängt. Warum Gelb? Welch unpassende Farbe für diesen Ort! Sie ist verärgert – und doch auch froh. Froh, dem trostlosen, eisigen Raum, dem Kellergeschoss entronnen zu sein, froh, dass sie zum ersten Mal wieder etwas empfindet.

Der Detective Inspector fährt sich mit den Fingern durchs Haar, verwuschelt es aber noch mehr. Er bombardiert sie mit Fragen, wieder und wieder, bis sie schließlich antwortet.

»Wie gut haben Sie den Verstorbenen gekannt?«

Besser als mich selbst, denkt sie und antwortet laut: »So gut wie gar nicht.«

»Er hat Sie als seine nächste Verwandte in diesem Land bezeichnet – können Sie mir erklären, warum?«

Sie zuckt die Schultern, bemüht sich um eine neutrale Miene. »Keine Ahnung. Vielleicht, weil ich Anwältin bin – jemand, der seine Angelegenheiten regeln konnte, nur für den Fall …«

»Für den Fall, d-d-dass was?« Sein Stottern wird auffälliger, jetzt, da er sie unterbricht.

»Nur für den Fall.« Sie kann sich nicht mehr auf die Antworten konzentrieren.

»Befinden sich irgendwelche Dinge, die dem Verstorbenen gehörten, in Ihrem Besitz?«

Kate schüttelt den Kopf. Etwas zu heftig vielleicht.

»Wann haben Sie den Verstorbenen zuletzt g-g-gesehen?«

Warum vermeidet er den Namen und sagt immer »der Verstorbene«? Benutzen die eine bestimmte Technik, um einen von der Situation abzulenken, damit man die Fragen ruhig beantwortet, bevor einen der Kummer übermannt?

Der Polizist drängt sie förmlich zum Ausgang, unterschreibt an der Pforte und lässt Kate hinaus. Dass sie nun aber eine Gefangene ist, wird ihr klar, als er sagt: »W-wir werden Sie bald kontaktieren. B-b-bitte verlassen Sie keinesfalls das Land.« Trotz des Stotterns ist dies das nachdrücklichste Bitte, das sie je gehört hat.

Die Welt draußen umfängt sie mit Farben und Formen, doch sie nimmt nicht mehr daran teil.

Sie sieht sich den 3-D-Blockbuster Alltagsleben an.

Ein Krankenwagen rast vorbei und biegt mit quietschenden Reifen links in die Einfahrt der Notaufnahme.

Kate fällt ein, dass dies ja immer noch ein Krankenhaus ist, ein Ort, der eigentlich dazu dienen soll, Leben zu retten.

Ein rothaariger Junge unterhält sich an der Tür des Forschungslabors mit einem japanischen Mädchen, das eine glänzende Nylonjacke trägt. Seine Hände sprechen für ihn. Er ballt sie zu Fäusten, hebt sie vor die Brust, öffnet dann plötzlich die Fäuste, wie ein Magier, der für die Vorstellung trainiert. Der Zauber scheint zu wirken, denn das Mädchen lächelt und nickt, lächelt und nickt, wie eine übergroße Porzellanpuppe.

Daneben versucht ein Mädchen, noch zu jung für eine Ärztin, ihren hellen Kleinwagen unter dem Schild Nur für Angehörige der Universität einzuparken. Der Wagen bockt lärmend. Seine weißen Streifen sind von Rost bedeckt, aber die grüne Motorhaube ist noch unversehrt.

Kate schlendert an dem Magier, der Puppe und dem Kleinwagen vorbei und krümmt sich plötzlich vor Schmerz. Der Schlag in die Magengrube ist so heftig, dass sie sich zusammenkauern muss, gleich hier, hinter einem Polizeiwagen. Etwas schießt ihr heiß die Kehle hoch, flutet brennend durch ihren Körper.

Mein Gott, sie ist nicht bereit dafür. Für seinen Tod, für diese Qual. Und für dieses neue unbekannte Gefühl von Gefahr.

»F-f-falls sich irgendwelche Gegenstände des Verstorbenen in Ihrem Besitz befinden sollten …«, hat der Polizist zu ihr gesagt.

Ja, er hat ihr drei Gegenstände hinterlassen. Nein, er hat ihr diese drei Gegenstände überlassen, und sie ist jetzt ganz auf sich allein gestellt. Etwas aus seinem Traum. Etwas, das sein Land retten soll. Jetzt steht sie da, ohne ihn, aber mit seinem Geheimnis.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?« Der Detective Inspector steht vor ihr. Er wirkt besorgt. Selbst das Stottern scheint verschwunden. »Ich bring Sie zum Bahnhof, mit dem Auto sind das nur fünf Minuten.«

»Ich geh zu Fuß«, stößt sie hervor, aber er hält ihr schon die Wagentür auf.

Als sie im Auto sitzt, hallen ihr seine Fragen immer noch in den Ohren, brechen durch das weiße Rauschen des Schmerzes.

»Wo waren Sie gestern zwischen sieben und elf Uhr abends?«

Sie wendet sich ihm zu. »Sie sagten doch, es sei ein Unfall gewesen. Sie verdächtigen doch nicht etwa mich?«

Der Detective Inspector zuckt zusammen und schaut weg, als sei dort vor dem Fenster etwas, das Kate nicht sieht. »Da der toxikologische Bericht keinen eindeutigen Befund ergab … Es könnte sich natürlich um Suizid handeln.«

Er hält inne. Offenbar ärgert er sich über sich selbst; er hat zu viel gesagt. Schweigend fahren sie weiter. »G-g-geben Sie uns B-bescheid, wenn Ihnen etwas einfällt«, sagt er statt »Auf Wiedersehen«.

Sie muss sich bewegen, um zu überleben. Auf dem Bahnsteig bewältigt sie einen Schritt nach dem anderen, setzt die Füße vorsichtig auf den schmutzigen Asphalt. Sie wandert nach Nirgendwo. Ihre Schritte werden schwerer, ihr Herz schlägt schneller. Schneller, schwerer. Schwerer, schneller in einem ganz bestimmten Rhythmus: »Ein-Zug-der-Qual-trägt-mich-da-von …«

Wann geht der nächste Zug nach King’s Cross? Sie muss einsteigen, um von hier wegzukommen, aus dem mit Neonlicht erhellten Raum, weg von dem Mann in jenem Raum, der ihre große Liebe ist … ihre große Liebe war. Sie sieht ihn jetzt ganz deutlich auf dem Bahnsteig: Er geht von ihr weg, streicht sich mit seinen langen, aristokratischen Fingern die Ponyfransen aus der Stirn. Sie ruft seinen Namen, doch als er sich umdreht, ist sein Gesicht ein verschwommener Fleck, wie bei einem Undercover-Zeugen in einem Polizeivideo.

»Warum kann ich dein Gesicht nicht erkennen?« Sie gerät in Panik. »Was ist da sonst noch, was ich nicht sehen kann?« Sie erinnert sich an das verlegene Gemurmel des Polizisten: »Da der toxikologische...

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