Hausbrand

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. September 2018
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7979-4 (ISBN)
 

»Isma würde ihre Maschine verpassen. Mit dem Verhör hatte sie gerechnet, aber nicht mit der stundenlangen Warterei ...« Es ist kein Zufall, dass man Isma am Londoner Flughafen derart in die Mangel nimmt. Schon ihr Vater war ein Dschihadist, und nun hat sich ihr kleiner Bruder dem IS angeschlossen. Der ultimative Verrat, denn ihn und seine Zwillingssschwester Aneeka hat Isma großgezogen. Nach dem frühen Tod beider Eltern hatte sie ihr Studium abgebrochen, um für die jüngeren Geschwister die Mutterrolle zu übernehmen. Als die Zwillinge auf eigenen Füßen stehen können, bekommt Isma in den USA ein Stipendium und könnte dort weiterstudieren. Und das Wunder geschieht - sie darf einreisen. Dort angekommen freundet sie sich mit Eamonn an, einem jugnen Engländer, der wie sie pakistanische Wurzeln hat, aber aus priviligierten Verhältnissen stammt. Als ihr kleiner Bruder dem IS den Rücken kehren will, könnte Eamonns einflussreicher Vater - er ist der Innenminister Großbritanniens - helfen. Doch der ist ein Hardliner, wenn es um die >Sicherheit< der Engländer geht ...

Was ist Recht? Was Gerechtigkeit? Um diesen Konflikt, der uns seit Sophokles' Antigone beschäftigt, hat Kamila Shamsie einen herzzerreißenden Roman geschrieben.

1. Auflage
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,70 MB
978-3-8270-7979-4 (9783827079794)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Kamila Shamsie wurde 1973 in Karatschi, Pakistan, geboren und lebt in London und Karatschi. Im Berlin Verlag erschienen bisher »Kartographie« (2004), »Verbrannte Verse« (2005), »Salz und Safran« (2006), »Verglühte Schatten« (2009) und »Die Straße der Geschichtenerzähler« (2015). Shamsie schreibt regelmäßig für den »Guardian« und erhielt für ihr literarisches Werk zahlreiche Preise, u. a. wurde sie 2013 als »Granta Best of Young British Novelists« ausgezeichnet. Für ihren Roman »Hausbrand« wurde ihr der renommierte Women's Prize for Fiction verliehen.

 

2 Den ganzen Morgen über tat sie so, als würde sie nicht bemerken, dass er im Souterrain des Cafés auf der anderen Seite des Raumes saß und ein Kreuzworträtsel löste.

Aber als sie sich zum Lunch ein Sandwich holte und an ihren Tisch brachte, kam er herüber und sagte, er wolle sich auch gerade einen Happen holen und ob es in Ordnung sei, wenn er sich zu ihr setzte.

»Preston Road«, sagte er, als er ein paar Minuten später mit einem Teller Pasta zurückkam. »Das kam mir irgendwie bekannt vor, als Sie sagten, dass Sie dort aufgewachsen sind, aber ich wusste nicht, warum, bis ich auf dem Stadtplan nachgeschaut habe. Das ist in Wembley. Die Familie meines Vaters wohnt da irgendwo. Ich war jedes Jahr zum Opferfest zu Besuch.«

»Ach, tatsächlich?«, sagte sie und beschloss, nicht zu erwähnen, dass sie genau wusste, wo die Familie seines Vaters gewohnt hatte, und dass sie auch wusste, was er nicht zu wissen schien, nämlich dass sie weggezogen waren, nach Kanada.

»Es gab ein Lied, das meine Cousinen immer für meine kleine Schwester gesungen haben, wenn die Erwachsenen nicht da waren. Eine Zeile ging mir jahrelang nicht aus dem Kopf. Macht mich wahnsinnig, dass ich den Rest nicht mehr zusammenkriege, und meine Schwester kann sich nicht mehr erinnern. Kennen Sie's?« Wie aus dem Nichts fing er an, einen pakistanischen Popsong aus der Zeit vor seiner Geburt zu singen - er war vier Jahre jünger als sie, wie sie herausgefunden hatte. Sie erkannte den Song eher an der Melodie als am Text, der sich nach Kauderwelsch mit ein bisschen Urdu drin anhörte. Er sang zwei Zeilen, ganz sanft, er wurde rot - eine Unsicherheit, die sie, vor allem wegen seiner sehr schönen Stimme, nicht erwartet hatte. Sie rief aus der Musikbibliothek auf ihrem Handy den Song für ihn auf und beobachtete ihn dabei, wie er seine Kopfhörer einstöpselte - unverschämt teure Dinger; Parvaiz hatte sich ein solches Modell sehnlichst gewünscht. Er lauschte mit geschlossenen Augen, sein Gesichtsausdruck verriet eher Wiedererkennen als Genuss.

»Danke«, sagte er, als er fertig war. »Was heißt das genau?«

»Es ist ein Lobgesang auf hellhäutige Mädchen, die im Leben nichts zu fürchten haben, weil alle immer ihre helle Haut und ihre blauen Augen lieben werden.«

»Ja, natürlich«, sagte er lachend. »Ich wusste das mal. Sie haben es gesungen, um meine Schwester zu hänseln, aber sie hat es als Kompliment aufgefasst und hat es zu einem gemacht. Typisch meine Schwester.«

»Und Sie? Sind Sie ähnlich drauf?«

Er runzelte ein wenig die Stirn, schob die Zinken seiner Gabel in die kleinen Pastaröhrchen. »Nein, ich glaube nicht«, sagte er auf jene wenig überzeugte Art, die man von Leuten kennt, die es nicht gewohnt sind, gebeten zu werden, ihren eigenen Charakter zu beurteilen. Er hob die Gabel vors Gesicht und sog mit einem leisen Schlürfgeräusch die Pastaröhrchen in den Mund. »Oh, Entschuldigung. Normalerweise sind meine Tischmanieren besser.«

»Stört mich nicht. Können Sie Urdu?« Er schüttelte den Kopf, eine Antwort, die sein Gesang hatte ahnen lassen, und sie sagte: »Dann verstehen Sie nicht, was bai-takalufi heißt.«

Er setzte sich gerade hin und hob den Arm wie ein Schuljunge. »Das Wort kenne ich. Es bedeutet Ungezwungenheit als Ausdruck von Intimität.«

Einen Moment lang war sie erstaunt darüber, dass ein Vater, der seinem Sohn nicht einmal Grundkenntnisse in Urdu vermittelt hatte, darauf bedacht gewesen war, ihm ausgerechnet dieses Wort beizubringen. »Intimität würde ich nicht sagen. Es geht darum, sich mit jemandem wohlzufühlen. So wohl, dass man die guten Tischmanieren vergisst. Richtig verwendet, ist es eine Art Ehre, die man der anderen Person erweist, indem man sich in ihrer Gegenwart derart wohlfühlt, vor allem wenn man den anderen noch nicht lange kennt.« Die Worte purzelten aus ihr heraus, um zu verdecken, wie sich ihre Stimme an »Intimität« verhakt hatte.

»Okay«, sagte er, als würde er einen Vorschlag akzeptieren. »Fühlen wir uns also wohl miteinander und vergessen alle Tischmanieren.« Er schob seinen Teller in ihre Richtung. Mit großer Geste stippte sie ihre Brotrinde in seine Pastasoße und lehnte sich über seinen Teller, um abzubeißen.

Nach einem entspannten Lunch, der wie im Fluge verging, stand er auf und sagte: »Sehe ich Sie an einem der kommenden Tage hier wieder? Ich habe festgestellt, dass dieser Laden, sofern die Kaffeemaschine funktioniert, den besten Cappuccino in der ganzen Stadt hat.«

»Ich hab nur Nachmittagsseminare, und hier verbringe ich am liebsten meine Vormittage«, sagte sie. Manchmal, wenn es hier zu voll war, ging sie auch in ihr zweitliebstes Café, aber mal ehrlich, wozu solche umständlichen Erklärungen?

*

Die Geschwister beobachteten einander, und sie beobachteten einander dabei, wie sie einander beobachteten. Jedenfalls fühlte es sich so an, auch wenn sie höchstwahrscheinlich die Zwillinge sehr viel genauer im Auge hatte als die Zwillinge sie. Sie sah kurz vom Bildschirm auf und stellte fest, dass Eamonn an einem Tisch saß, der nicht zu nah und nicht zu weit entfernt von ihrem war, vertieft in einen Artikel in der Lokalzeitung, sodass er nicht einmal den Blick hob, wenn er nach seinem Kaffeebecher griff und trank. Er existierte in einer gänzlich anderen Welt als jener, in die sie nun jeden Morgen um 11.00 Uhr für ein paar Sekunden eintauchte. Ihr Bruder war immer ein Mensch mit Gewohnheiten gewesen, und dafür immerhin konnte man dankbar sein, denn sonst wären wahrscheinlich jeden Tag Stunden auf diese Weise draufgegangen: Aneeka beobachten, wie sie darauf wartet, dass Parvaiz online geht, und dann der Moment, wenn das grüne Zeichen neben seinem Namen erscheint und Isma sich fragt: Was sagt er erzählt er ihr etwas das sie verstört fordert er sie auf Teil der Wahnwelt zu werden der er sich angeschlossen hat oh nein das würde er nicht tun aber warum kann er sie nicht einfach in Frieden lassen, doch jeden Tag waren es nur ein paar Sekunden, bis sein Name wieder in die Offlinespalte wanderte. Gleich darauf schickte Aneeka eine SMS an Isma, um mitzuteilen: Er hat eingecheckt. »Einchecken« pflegte ein Zwilling zum anderen zu sagen, wenn Klassenreisen oder Übernachtungen bei Freunden anstanden und sie getrennt wurden, und zu einer verabredeten Zeit kam dann eine SMS, in der nichts weiter stand als checke ein.

Wenn Parvaiz und kurz danach auch Aneeka sich ausgeloggt hatten, fühlte sich Isma von der Last des Tages befreit und schickte ein Emoji mit einem dampfenden Becher rüber zu Eamonn, der daraufhin nach oben ging und ihnen beiden Kaffee holte. Auch das war im Laufe der letzten Woche oder so zur Routine geworden - aber warum so tun, als wüsste sie es nicht ganz genau? Es war exakt neun Tage her, seit er beschlossen hatte, zwischen ihnen sollte Ungezwungenheit als Ausdruck von Intimität herrschen. »Was ist heute in der Welt los?«, fragte sie, als er zurückkam und sich ihr gegenübersetzte, und er präsentierte ihr seine Highlights an Lokalnachrichten aus der Morgenzeitung: Ein Bär hatte mit seiner Pranke ein Garagentor zerkratzt; in einem Nachbarort war es zu kurzzeitigen Verkehrsbehinderungen aufgrund eines Unfalls gekommen, in den drei Fahrzeuge verwickelt waren, bei dem jedoch niemand verletzt wurde; aus dem Garten einer Familie war eine Ronald-McDonald-Statue verschwunden. Sie sagte, keine Frage, dem Ronald gebühre die Goldmedaille für die »lokalste« der lokalen Nachrichten, doch er widersprach und erklärte, dass es sich bei Ronald um ein globales Kultobjekt handele.

Jeden Tag nach ihrem zweiten Frühstück brach er auf zu einer »Wanderung«, per Rad oder zu Fuß, ein Christoph Kolumbus mit bescheidenen Ambitionen, der sich auf den Pfaden seiner Kindheit bewegte oder Neues entdeckte. Manchmal erschien er am nächsten Morgen im Café mit einer Opfergabe, die er von seinem Ausflug mitgebracht hatte: einem Glas Ahornsirup aus einem Süßigkeitenladen, einem Ein-Dollar-Schein, den jemand an eine Eiche genagelt hatte und aus dem die Form eines Eichenblattes herausgeschnitten war, einer Pause von Emily Dickinsons Grabstein mit der eigenartigen Formulierung »ZURÜCKGERUFEN« - was Dickinson, wie er fand, in die Nähe eines fehlerhaften Produktes rückte. Sie erfuhr über den Teil der Welt, in dem sie sich aufhielt, mehr durch seine Erzählungen als aus eigener Anschauung, aber als sie ihn nach dem Sinn hinter alledem fragte - dabei dachte sie an ein Reisebuch -, sagte er, dass Erfahrung und Beobachtung zweifellos Sinn genug seien. Was würde geschehen, wenn seine Ersparnisse aufgebraucht waren, fragte sie, und er antwortete, dass es sich bei den Ersparnissen, die er irgendwann erwähnt habe, um die Ersparnisse seiner Mutter handele - sie hatte sich jüngst zumindest teilweise aus ihren Geschäften zurückgezogen und beschlossen, dass die Menschen zu viel von ihrem Leben und ihren Beziehungen der Arbeit opferten; während es sich als aussichtslos erwiesen hatte, ihrer Tochter ihren Siebzehn-Stunden-Tag auszureden, war es ein Leichtes gewesen, ihren Sohn davon zu überzeugen, dass es noch mehr als Gehaltsschecks und Karrieren geben musste, um dem Leben Bedeutung zu verleihen. Isma fand den Gedanken überzeugend und Eamonns allenfalls halbherzige Art der Umsetzung enttäuschend. Müsste er nicht wenigstens eine neue Sprache lernen oder ein Schiff durch Gewässer steuern, von denen man wusste, dass dort Flüchtlinge auf der Suche nach Sicherheit in ihren erbärmlichen Booten zu kentern pflegten?

In den ersten Tagen hatte sie erwartet, dass er vorschlagen würde, sie sollten über das zweite Frühstück...

»Shamsie ist seit jeher an Identität interessiert. In all ihren Werken müssen sich Figuren mit der Frage auseinandersetzen, von wo sie kommen und wohin sie gehören. In >Hausbrand<, ihrem bislang besten Roman, geht es einmal mehr darum. Shamsie hört nicht auf, die richtigen Fragen zu stellen.«, Berliner Zeitung, 06.10.2018
 
»Das alles ist großartig gemacht, subtil, mit zunehmender Spannung, völlig überraschenden Wendungen, bewegend, erhellend. (.) Das Beste an diesem Buch, das für mich ganz sicher zu den Highlights des Jahres gehört, ist aber, dass man durch es übliche Denkmuster hinterfragt, über eigene Werturteile nachdenkt, Meinungen überprüft. Ein Buch, das lange nachhallt, und dabei noch höchsten Lesegenuss bietet.«, literaturreich.wordpress.com, 01.10.2018
 
»Ein Buch, das Gesellschaft, Religion und Familie auf einen literarischen Kollisionskurs bringt.«, Ostfriesen-Zeitung, 31.10.2018
 
»Shamsie erzählt mit viel Einfühlungsvermögen für ihre Figuren.«, Frankfurter Rundschau, 24.10.2018
 
»So klug komponiert wie thematisch gewagt.«, SWR 2 Lesenswert Kritik, 09.11.2018
 
»Shamsie zeigt sich mit diesem Buch auf der Höhe ihrer Kunst.«, Neue Züricher Zeitung, 14.12.2018
 
»Atemberaubender Roman.«, Stern, 20.12.2018
 
»Eine kluge wie emotionale Auseinandersetzung um Recht und Gerechtigkeit.«, Westfalenpost, 18.01.2019
 
»Eine so feinsinnige Innenansicht einer muslimischen Familie, die in die Fänge der Islamisten gerät, hat man bisher noch nicht gelesen. [.] Das Schicksal der drei Geschwister hat das Zeug zu einer modernen Tragödie antiken Zuschnitts.«, NDR, Ulrike Sárkány, 17.10.2018
 
»Kamila Shamsie erzählt in >Hausbrand< nuancenreich von Liebe und Politik in Zeiten des IS-Terrors - und zugleich eine moderne Antigone-Variation.«, Frankfurter Rundschau, 24.10.2018

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