Wir sind noch da!

Mutige Frauen aus Afghanistan
 
 
Elisabeth Sandmann Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Januar 2022
  • |
  • 144 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-949582-02-8 (ISBN)
 

Dieses Buch lässt 13 hochkarätige und couragierte Frauen aus Afghanistan in Textbeiträgen und Interviews zu Wort kommen. Sie schreiben über berufliche und gesellschaftliche Errungenschaften als Programmiererin, Filmemacherin, Politikerin, Journalistin u.a.m.; sie berichten über die Angst und den Schmerz vor dem drohenden Verlust der Heimat, aber vor allem über das, was die Mädchen und Frauen vor Ort schon jetzt verloren haben: Freiheit, Selbstbestimmung, Lebensfreude.

Entstanden ist ein aufrüttelndes Buch, verbunden mit dem Appell, afghanische Mädchen und Frauen nicht zu vergessen und sich zu solidarisieren, denn sie haben wie wir ein Recht auf ein freies Leben in Würde. Ein Recht, für das wir an ihrer Stelle in der freien Welt kämpfen müssen, denn Afghanistan ist nur geografisch weit weg. Radikale Ideen kennen keine Grenzen.

Mit einem Vorwort von Margaret Atwood und Gastbeiträgen von Theresa Breuer, Dr. Inge Haselsteiner, Susanne Koelbl, Düzen Tekkal und Prof. Dr. Maria Wersig.

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Nahid Shahalimi wurde 1973 in Afghanistan geboren, floh 1985 mit ihrer Mutter und ihren Schwestern über Pakistan nach Kanada, wo sie u. a. bildende Kunst und Politik studierte. Seit 2000 lebt sie mit ihren Töchtern in München, wo sie als Künstlerin, Filmemacherin, Aktivistin und Autorin tätig ist. 2017 erschien ihr Buch Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan, für das sie über Jahre in ihr Heimatland reiste, um mit mutigen Frauen über deren Projekte, Ziele und Zukunftswünsche zu sprechen. 2018 erschien ihr preisgekrönter Dokumentarfilm We The Women of Afghanistan: a silent revolution über Frauen in Afghanistan.

Sven Koch, geboren 1967, studierte Komparatistik in München. Seit 1994 ist er als Redakteur und Übersetzer tätig.

Margaret Atwood , geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen der Gegenwart. Ihr Roman Der Report der Magd erschien zu einer Zeit, als man sich nicht vorstellen konnte, dass Frauenrechte im 21. Jahrhundert noch und wieder derart unterdrückt werden würden. Sie wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood war Teil des Buch- und Filmprojekts 200 Frauen. Was uns bewegt, erschienen 2017 im Elisabeth Sandmann Verlag. Sie lebt in Toronto.

Wir sind noch da!
Einleitung von Nahid Shahalimi


Seit ich denken kann, haben wir keine Zeit gehabt zu trauern. Eine Katastrophe hat die nächste abgelöst. Wir haben geliebte Menschen, unsere Heimat, Freiheiten und Hoffnungen verloren. Und nun wird ein ganzes Land und seine Jugend um die Zukunft gebracht, die es braucht, um es wenigstens ernähren zu können.

Auch jetzt habe ich keine Zeit zu trauern, und so wie mir geht es allen meinen afghanischen Freundinnen und Freunden - denn wir wollen jenen helfen, die noch da sind, und jenen eine Stimme geben, die keine mehr haben und vielleicht niemals mehr eine Stimme haben werden. Die radikalen Kräfte, die nun in Afghanistan wirksam sind, müssen die freie Welt, aber vor allem uns Frauen beunruhigen - um es vorsichtig zu formulieren. Afghanistan ist nur geografisch weit weg von Deutschland, radikale Ideen aber kennen keine Grenzen.

Lassen Sie mich von der Vergangenheit erzählen, weil man nur dann versteht, was wir einmal hatten und was wir immer wieder aufs Neue verloren haben.

Als ich 2011 in einem Flugzeug der Ariana Afghan Airlines von Frankfurt nach Kabul flog, war dies meine erste Reise 26 Jahre nach unserer Flucht aus der Heimat. Ich war sehr aufgeregt, obwohl ich in Begleitung meiner Mutter war, die Afghanistan bereits zuvor und sogar schon häufiger besucht hatte. So oft hatte ich in den letzten drei Jahrzehnten von diesem Moment geträumt, konnte mir aber nicht vorstellen, wie es wirklich wäre, eines Tages in meine Heimat zurückkehren zu können. Zu meiner Überraschung saßen in dem Flieger viele Exilafghanen - Männer wie Frauen. Was wollten sie in Afghanistan? Kamen sie auch zum ersten Mal zurück? Ich stellte mir all diese Fragen und hätte am liebsten alle Passagiere nach ihren Beweggründen gefragt. Meine westlich-modisch gekleidete Sitznachbarin war 25 Jahre alt, in Deutschland geboren, hatte afghanische Eltern und sie hatte gerade ihren Master abgeschlossen. Wie sich herausstellte, wollte sie ihren Verlobten treffen, den sie auf einer der vielen unter Afghanen so üblichen und meist großen Familienfeiern kennengelernt hatte. Es war bereits ihre fünfte Reise ins Land und sie hatte nicht die Spur von Angst.

2011: Der erste Blick vom Flugzeug aus auf den Hindukusch - nach 26 Jahren.

Es überkam mich ein Gefühl von Zugehörigkeit und ein Glücksgefühl, das meinen ganzen Körper durchströmte, ein Gefühl, von dem ich nicht ahnte, wie sehr ich mich danach gesehnt hatte. Zum ersten Mal verstand ich, was es hieß, ein Geburtsrecht zu haben. Hier war ich keine Außenseiterin, ich gehörte selbstverständlich dazu. Wir sprachen eine Sprache - und ich war auf dem Weg nach Hause. Ich selbst wollte mein Geburtsland nach so vielen Jahren nicht nur wiedersehen und besuchen, sondern ich wollte zurückkommen, um mich einzubringen, um zu helfen, mich für den Aufbau von sozialen und künstlerischen Projekten einsetzen, beraten, dokumentieren, berichten - und vor allem wollte ich Frauen unterstützen, in deren Situation ich mich am besten einfühlen konnte und mich selbst darin wiederfand. Ich wusste immer - seit ich zwölf Jahre alt war -, dass ich zurückgehen würde.

Es gab die Jahre, in denen es nicht möglich war, nach Afghanistan zu reisen, vor allem betraf das die 1980er-Jahre bis 2001, weil es zu gefährlich geworden war - und auch von ihnen will ich erzählen.

Ich hatte das Glück, von den Zeiten des Friedens und der Einheit noch einige unbeschwerte Jahre in meinem Land erleben zu dürfen. Für meine Familie verändert sich nicht sofort alles, aber in der Folge doch alles, als der letzte König von Afghanistan, Mohammed Zahir Schah (1914-2007), 1973 gestürzt wurde. Dieser Sturz leitete den Untergang unseres friedlichen und vereinten Zusammenlebens ein, zumindest was die vierzig Jahre vor dem Putsch betrifft. Im Dezember 1979 marschierte die sowjetische Armee in Afghanistan in dem Glauben ein, es siegreich kontrollieren zu können. Eine kommunistische Regierung wurde etabliert und die Sowjets verstrickten sich in einen Krieg mit religiösen Freiheitskämpfern. In der Folge unterstützten die USA die Mudschaheddin mit Geld und Waffen, und Afghanistan wurde der traurige Schauplatz eines Stellvertreterkrieges zwischen den USA und der Sowjetunion, wobei es verschiedene weitere Akteure gab, die ebenfalls für ihre Interessen und gegen den Westen kämpften, wie Pakistan, Saudi-Arabien, der Iran und andere. Über 1 Million Afghanen und etwa 15.000 sowjetische Soldaten starben. Als die Sowjets 1989 nach zehn Jahren abzogen, hatten wir keine Zeit, um die Toten zu betrauern, denn es folgte zwischen 1992 und 1996 ein Bürgerkrieg, in dem weitere 1,5 Millionen Menschen ihr Leben ließen. Zahlen, hinter denen Schicksale stehen und die das Land weiter in die Rückständigkeit gebombt haben. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wo wir heute vielleicht im Hinblick auf Wohlstand und Bildung ohne diese Konflikte wären. Der nun folgende und extrem blutige Bürgerkrieg stärkte die Taliban, die 1995/96 einen von Pakistan und Saudi-Arabien geförderten, radikalen und menschenfeindlichen Islamismus einführten. Die Nachrichten, die damals zu uns drangen, hatten eine neue Qualität des Schreckens.

Zwischen 1996 und 2001 terrorisierten sie das Land und machten aus ihrer Missachtung gegenüber Frauen keinen Hehl. In dieser Zeit war alles verboten, was als freudvoll gelten kann: Musik, Tanz, Sport, Bildung. Frauen durften sich lediglich im Gesundheitswesen betätigen und das auch nur, weil die Sterblichkeitsrate von Frauen und Kindern vor allem bei Geburten in die Höhe schoss. Heute noch ist die Rate der Analphabeten unter Frauen weltweit am höchsten, vor allem auch im Verhältnis zur Alphabetisierung der Männer. Dass Bildung von Frauen nachweislich ein nachhaltiger Weg aus der Armutsfalle ist, gilt längst als unumstößlich.

2014: Nahid Shahalimi auf ihrer Reise durch ihr Heimatland Afghanistan.

Die islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 veränderten dann die Welt. Zwei von Attentätern entführte Passagierflugzeuge steuerten in die Türme des World Trade Center in New York und brachten sie zum Einsturz. Zwei weitere entführte Flugzeuge nahmen Kurs auf die Hauptstadt Washington; eine der Maschinen stürzte in das Pentagon, eine weitere stürzte vorher auf freiem Feld ab. Fast 3000 Menschen starben. Zu den Anschlägen bekannte sich das Terrornetzwerk Al-Kaida und dessen saudi-arabischer Anführer Osama bin Laden, der sich unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan versteckt hielt. Der US-amerikanische Präsident George W. Bush rief den »Krieg gegen den Terror« aus - und dieser weitere Krieg sollte unter anderem Afghanistan von Al-Kaida- und Taliban-Netzwerken befreien. Der Sturz der Taliban Ende des Jahres 2001 brachte uns die Hoffnung auf einen Neubeginn: Jahre, in denen sich Mädchen und Frauen Freiheiten und Rechte zurückeroberten. Jahre, in denen wir wirklich glaubten, es gäbe eine Zukunft für diese Mädchen und Frauen. Über diese Jahre der Hoffnung will ich später noch erzählen.

Seit dem 15. August 2021 gibt es keinen realistischen Grund mehr für diese Hoffnung. Die Bilder im Fernsehen und in den sozialen Medien erschienen mir und allen, die sich mit dem Land verbunden fühlen, wie ein Schlag ins Gesicht. Der Schmerz und der Schock waren und sind überwältigend. 

Die Taliban haben das Land unter den Augen einer fassungslosen Öffentlichkeit unter ihre Kontrolle gebracht. Sie kontrollieren nicht nur das Land, sondern auch die Angst der Menschen. Frauen trauen sich nicht mehr auf die Straße und diejenigen, die nach Bildung, Mitsprache, Teilhabe und persönlicher Freiheit strebten, bleiben besser zu Hause ebenso wie jene, die für die alliierten Truppen tätig waren und auf den Schutz dieser Allianz vertraut haben. Die Bilder der sogenannten Ortskräfte, die in Scharen mit ihren Familien oder allein im August 2021 versuchten, den Flughafen von Kabul zu erreichen, gingen um die Welt. Ebenso wie die verstörenden Nachrichten, dass Männer und Frauen, Alte und Junge nicht mehr darauf hoffen können, das Land zu verlassen. Verzweifelt versuchen sie noch immer, in die Nachbarländer (Pakistan, Usbekistan, Tadschikistan, Iran) zu gelangen, aber die meisten Grenzen sind zu oder nur mit Visa zu passieren. Sie werden Gefangene in ihrem eigenen Land sein, angewiesen auf die Welthungerhilfe, denn die Taliban können die etwa 30 Millionen Einwohner nicht ernähren. Hinzu kommt die Gefahr eines erneuten Bürgerkriegs, ausgelöst durch radikale Strömungen aus dem IS, der Anschläge verübt und selbst um Einfluss und Macht im Land ringt. 

Zwar gibt es landesweite Proteste der Bevölkerung, die sogar von Frauen initiiert werden - eine dieser Frauen kommt in diesem Buch zu Wort -, aber diese Proteste sind ein lebensgefährlicher Akt, die Strafen drakonisch, die Methoden der Bestrafung mittelalterlich - die Taliban schlagen mit Peitschen und Kabeln auf Demonstranten und auch auf Reporter ein. Wenn wir auf Twitter, Instagram, YouTube und anderen Kanälen von diesen Protesten erfahren, halten wir den Atem an, denn wir alle befürchten stets das Schlimmste.

Niemals hätte ich gedacht, dass das Rad noch einmal so weit zurückgedreht werden könnte, aber die Taliban sind dabei, das Land in sehr dunkle Zeiten zu katapultieren. Dabei erinnere ich mich an ganz andere Jahre, die mir heute wie eine ferne Utopie erscheinen.

Ich wurde 1973 in eine Familie hineingeboren, in der es normal war, als Mädchen die Schule und die Universität zu...

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