Verbiss

Kriminalroman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Oktober 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11303-2 (ISBN)
 
"Ich werde dich so lange füttern, bis du verhungerst."

Franzas neuer Job entwickelt sich zum Alptraum: Die pubertierende Celina stopft sich mit Sahnetorte voll, anstatt abzunehmen. Als dann auch noch ihr Vater, hoher Beamter im Ministerium für Landwirtschaft und Forsten, spurlos verschwindet, gerät sie zwischen alle Fronten: Im scheinbar idyllischen Wald herrschen kriegsähnliche Zustände, am Ammersee wird eine Leiche mit Kopfschuss gefunden. Plötzlich steht Franza unter Mordverdacht. Ihr Freund, Hauptkommissar Felix Tixel, wendet sich enttäuscht von ihr ab. Allein ihr treuer Hund Flipper lässt sie nicht im Stich.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,92 MB
978-3-641-11303-2 (9783641113032)
weitere Ausgaben werden ermittelt

5

»Celina ist in ihrem Zimmer«, teilte mir Frau Vogt über die Sprechanlage mit, als ich Punkt acht vor der Haustür stand. Sie ging also davon aus, dass ich mir wie gestern vom Garten aus Zugang zu dem Problempubertätspickel verschaffen würde. Flipper lief voraus. Diesmal stand die Terrassentür offen, und Flipper machte keine großen Umstände von wegen anklopfen und so. Kaum war er durchgeschlüpft, schloss sich die Tür. Na super. Mein Hund im Haus, die Chefin muss leider draußen bleiben. Was war das für ein verzogenes, unangenehmes, widerborstiges Gör. Aus dem Zimmer drang Lachen. Wahrscheinlich schleckte Flipper sie ab. Hoffentlich erlitt er keine Herzverfettung.

Ich muss mich zusammenreißen, ermahnte ich mich. Sie ist ein Kind, sie kann nichts dafür, sie hat Pubertät. Das ist wie eine Krankheit. Sie weiß nicht, was sie tut. Sie mag sich selber nicht. Sie ist zu dick. Ich muss ihr helfen. Aber ich wollte nicht. Ich wollte weg. Weg von diesem von Lübtow, weg von der unglücklichen schwerhörigen Frau Vogt, weg von Celina. Sie war zirka einen Meter fünfundsechzig groß und wog mindestens neunzig Kilo, vielleicht auch hundert oder mehr, das war schwer zu beurteilen unter ihren dunklen Wallawallaklamotten. Ihre Haare waren schwarz gefärbt, schulterlang, fettig. Ihre Zunge war gepierct. Sie sah aus wie ein zerzauster, unglücklicher Rabe. In einer Vogelauffangstation könnte man sie vielleicht kurieren. Aber ich war allein beziehungsweise zu zweit. Schwerstarbeit für Flipper und mich.

Irgendwann öffnete sich die Terrassentür einen Spalt. Ich stieß sie auf. Der Rabe hockte auf dem Boden, vor sich eine Schwarzwälder Kirschtorte, Flipper in ordentlichem Sitz mit einem langen, silbrig glänzenden Speichelfaden aus dem Maul daneben. Mit beiden Händen griff der Rabe in die Torte und stopfte sie sich in den Mund. Bis zu den Backen war sein Gesicht sahneverschmiert, im Kauen und Schlucken wurden die kleinen Äuglein, die tief im Fett hockten, zu Schlitzen. Vor einem halben Jahr hatte ich beziehungsweise Flipper eine grünlich verweste Leiche gefunden. Das war kein schöner Anblick gewesen. Doch was ich hier sah, stand der Leiche um wenig nach, auch wenn es besser roch. Falls die Torte rund gewesen war, hatte Celina bereits ein Viertel intus. Wie ein Käfer, rechts, links, rechts, links schaufelte sie schnaufend, schluckend, aufstoßend den fetten Brei in sich hinein. Kalt schaute sie mich dabei an. Ich erwiderte ihren Blick ebenso kalt. Dreihundert Euro am Tag, sagte ich mir vor. Die Körperprämie konnte ich vergessen. Hoffentlich kam Lübtow nicht auf die Idee, sie von mir zu fordern, denn wenn Celinas Diät so aussah, würde sie pro Tag ein Pfund zunehmen.

Mit Quertreibern kenne ich mich aus. Immer wieder mal tauchen sie in meinen Kursen auf. Leute, die alles anders machen. Ich sage: »Den linken Arm heben«, sie heben den rechten. Alle gehen nach rechts, sie gehen nach links. Ich sage: »Nur die Schultern bewegen«, sie kreisen mit den Armen. Diese Quertreiber kommen gern zu spät, werfen ihre Trinkflaschen um, legen ihr Schuhe ins Blickfeld anderer, stören ständig. Mittlerweile glaube ich, dass sie das nicht mit Absicht tun, also nicht alle. Viele merken es gar nicht. Als ich während meines Sportstudiums mit den Kursen begann, brachten mich die Quertreiber schnell aus dem Rhythmus. Am schlimmsten fand ich diejenigen, die lauthals gähnten. Ich hätte das als Sauerstoffmangel deuten können. Stattdessen ließ ich mich verunsichern. Langweilten sie sich? Wer vor der Gruppe steht, darf sich nicht verunsichern lassen. Das ist, als würde man im Haifischbecken bluten - sofort stürzt sich der mörderische Schwarm auf einen. Wer vor der Gruppe steht, sagt, wo es langgeht. Ich lernte, mein Ding durchzuziehen. Hörte auf, die Gruppe zu fragen, ob ihr meine Musik gefiel. Wer vorne steht, macht, was er für richtig hält, dann findet die Gruppe ihn gut. Quertreiber gingen mir inzwischen am Augapfel vorbei.

»Wir bereiten nun dein Frühstück zu«, sagte ich zu Celina, »in der Küche.«

Sie wischte sich mit dem Ärmel über ihr klebriges Gesicht und rülpste laut. Es klang, als stiege ein Schwapp säuerlicher Buttercreme in ihrer Kehle empor. »Flipper, hier!«, rief ich ihn an meine Seite, ehe er den Boden wischen würde.

»Kann er auch ein Stück Torte haben?«, fragte Celina.

»Nein. Er hat gefrühstückt.«

»Aber vielleicht hat er noch Hunger.«

»Wenn man immer dasselbe isst, gewöhnt man sich an seine Portion.«

»Woher wollen Sie das wissen? Er ist ein Hund.«

»Fett ist nicht gut.«

»Sie sind aber streng, Frau Ziska. Zucht und Ordnung, oder was?«

»Ich habe dir gestern schon gesagt, dass du mich duzen kannst. Ich duze dich ja auch.«

»Lieber wäre es mir, Sie würden mich siezen.«

»Da kannst du lange drauf warten.«

Sie verdrehte die Augen und stand betont langsam auf, stellte die Torte auf ihren Schreibtisch. Alle Möbel in dem ordentlichen Zimmer wirkten edel und teuer, die Elektrogeräte sowieso. Apple Notebook, iPad, iPod, iPhone, Flachbildfernseher. Besonders die Musikanlage von Bang & Olufsen passte vom Design vortrefflich zu den Postern von bleichen Vampiren, die ihre langen, blendend weißen Zähne, umrahmt von roten Lippen, in anmutige weiße Frauenhälse schlugen. Dabei weiß man doch, dass Eisen, wie im Blut enthalten, zu Zahnstein führt.

Ich machte Celina ein Zeichen, sie solle vorgehen. So konnte ich mich besser in dem Haus umsehen. Seit einiger Zeit träumte ich manchmal davon, mit Felix zusammenzuziehen, und wenn ich in fremden Wohnungen war, stellte ich mir gern vor, wie das wäre, hier mit ihm zu leben. Dieses Haus wäre perfekt. Natürlich wäre es zu groß, aber vielleicht könnte man einen Teil vermieten? Flipper könnte jeden Tag vom Grundstück aus ins Wasser springen. Wenn der See im Winter zufrieren würde, könnten wir Schlittschuh laufen.

»Wieso liegt dein Zimmer nicht oben?«, fragte ich Celina und deutete auf die geschwungene Holztreppe, die in den ersten Stock führte.

»Oben gehört CvL.

»Ist er auch da?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wann kommt er wieder?«

»Interessiert mich nicht.«

»Celina redet nicht mehr mit ihrem Vater«, ertönte da die Stimme der Haushälterin. Frau Vogt wies auf die Arbeitsplatte in der Mitte des Raumes, wo sich, American Style, der Herd befand. »Ich habe die Sachen von Ihrer Einkaufsliste besorgt.«

Ich bedankte mich und warf einen Blick in den Korb. Alles bio, gute Ware. »Super«, nickte ich.

Frau Vogt musterte Celina argwöhnisch. Dann öffnete sie die Tür zu einer Speisekammer, wie ich vermutete, kramte darin herum, erschien mit der Verpackung einer Schwarzwälder Kirschtorte.

»Hast du die genommen?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Du weißt genau, dass dein Vater möchte, dass du die Entnahme von Lebensmitteln mit mir besprichst.«

Celina öffnete und schloss grinsend den Mund, ohne etwas zu sagen.

»Wie bitte?«, fragte Frau Vogt.

Celina verließ die Küche.

»Halt!«, rief ich. Celina lief weiter in ihrem watschelnden Gang, die Oberschenkel rieben aneinander, wahrscheinlich waren die Innenseiten ihrer Hosen fadenscheinig bis löchrig.

»Flipper, hol das Schäfchen«, instruierte ich ihn.

Flipper stellte sich Celina in den Weg.

»Blöder Hund«, sagte sie mit weicher Stimme.

»Wir frühstücken jetzt«, sagte ich.

»Hab keinen Hunger.«

»Das ist mir egal.«

»Mein Vater hat Sie nicht engagiert, damit ich mich vollfresse. Ich soll abnehmen. Wieso wollen Sie mich zum Essen zwingen?«

»Dein Vater hat mich engagiert, damit du gesundes Essen lernst. Das Abnehmen ist ein Nebeneffekt. Aber wir können auch zuerst Sport treiben und dann frühstücken. Das ist mir ohnehin lieber. Ich würde sagen, so machen wir es von nun an. Um acht Uhr hole ich dich zum Frühsport ab, Frühstück gibt es danach. Solltest du dich vorher vollstopfen wollen, wird es dir unterwegs nicht gut gehen. Willst du mit diesen Klamotten laufen«, ich deutete auf ihren schwarzen Schlabberlook, »oder ziehst du dir was Vernünftiges an?«

Mit offenem Mund starrte sie mich an.

»Wir werden mit einer halbstündigen Waldwanderung beginnen und das Tempo jeden Tag steigern.«

»Und wenn ich nicht mitgehe?«

»Denk an dein Moped, Celina«, half Frau Vogt mir.

Celina dachte eher an Flipper. »Kann ich ihn an der Leine führen?«, fragte sie mich.

Der arme Flipper. Er muss nie an der Leine laufen. Ich nickte. Flipper war meine Trumpfkarte, und ich würde sie schamlos ausspielen. »Wenn du das übernehmen willst, gerne. Im Wald kann viel passieren, wenn du nicht auf ihn aufpasst.«

Blitzschnell riss Celina einen imaginären Colt aus ihrer Hüfte und feuerte wie wild auf Flipper. »Bum, bum, bum!« Diese Attacke kam so überraschend, dass ich mich beinahe über meinen Freund geworfen hätte.

»Celina, du sollst nicht schießen!«, mahnte Frau Vogt.

Wo war ich da hineingeraten? War das hier normal? Wurde hier auch mit scharfer Munition geschossen?

»Okay, okay, ich zieh mich um«, gab Celina klein bei und verließ die Küche. Noch nie im Leben war ich mir so sicher gewesen, dass ich keine Kinder wollte. Aus jedem niedlichen Baby konnte ein solches Monster werden. Felix tat mir heute schon leid. Gut, dass ich zu seiner...

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