Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Erzählungen
 
 
Suhrkamp Verlag AG
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. März 2011
  • |
  • 350 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-74590-8 (ISBN)
 
Eines Tages ist es da. Steht am Ende einer Sackgasse mitten in der Stadt. Es ist ein großes Kind. Den Blick hält es demütig zu Boden gesenkt, seine Haut ist rissig. Tagsüber versammeln sich die Bewohner der Stadt um dieses Kind, veranstalten Kundgebungen und Konzerte. Nachts schlagen sie auf es ein, mit Fäusten, Stöcken und Ketten ? auf die Skulptur aus weichem, niemals trocknendem Lehm, auf das Mahlstädter Kind. Der Künstler hat es ihnen zur Vollendung überlassen, hat ihnen die Aufgabe übertragen, es »in die allgemein als vollkommen empfundene Form eines Kindes zu bringen«. Zuerst treibt die Kunstbegeisterung die Bewohner der Stadt, dann kommen sie als Pilger ihrer Wut, verlieren prügelnd die Kontrolle über sich und beinahe auch ihren Verstand. Nach den beiden von der Kritik bejubelten und mit Preisen ausgezeichneten Romanen "Söhne und Planeten" und "Die Frequenzen" legt der österreichische Autor Clemens J. Setz nun einen Band mit Erzählungen vor. Es sind Geschichten gespickt mit grotesken Ideen und subtilem Horror, voller gewalttätiger Momente und zärtlicher Gesten. Wie in den Romanen präsentiert sich Setz auch in der kurzen Form als scharfer Beobachter der menschlichen Natur und einfühlsamer, geradezu liebevoller Porträtist ihrer Eigenarten.
  • Deutsch
  • 1,41 MB
978-3-518-74590-8 (9783518745908)
3518745905 (3518745905)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik sowie Germanistik studierte und heute als Übersetzer und freier Schriftsteller lebt. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Sein Roman Indigo stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2012 und wurde mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2013 ausgezeichnet. 2014 erschien sein erster Gedichtband Die Vogelstraußtrompete. Für seinen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015.

1 - Cover [Seite 1]
2 - Informationen zum Buch/Inhalt [Seite 2]
3 - Impressum [Seite 4]
4 - Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes [Seite 5]
4.1 - Milchglas [Seite 9]
4.2 - Die Waage [Seite 39]
4.2.1 - 1 [Seite 39]
4.2.2 - 2 [Seite 41]
4.2.3 - 3 [Seite 44]
4.2.4 - 4 [Seite 45]
4.2.5 - 5 [Seite 47]
4.2.6 - 6 [Seite 49]
4.2.7 - 7 [Seite 51]
4.2.8 - 8 [Seite 52]
4.2.9 - 9 [Seite 54]
4.2.10 - 10 [Seite 56]
4.2.11 - 11 [Seite 59]
4.3 - Die Visitenkarten [Seite 62]
4.4 - Das Gespräch der Eltern in Hänsel und Gretel [Seite 75]
4.5 - Die Vase [Seite 79]
4.6 - Weltbild [Seite 86]
4.7 - Der Schläfer erwacht [Seite 98]
4.7.1 - 1 [Seite 98]
4.7.2 - 2 [Seite 102]
4.7.3 - 3 [Seite 106]
4.7.4 - 4 [Seite 109]
4.7.5 - 5 [Seite 114]
4.7.6 - 6 [Seite 119]
4.8 - Die Blitzableiterin oder Éducation Sentimentale [Seite 124]
4.8.1 - 1 [Seite 124]
4.8.2 - 2 [Seite 131]
4.8.3 - 3 [Seite 138]
4.8.4 - 4 [Seite 146]
4.8.5 - 5 [Seite 154]
4.8.6 - 6 [Seite 164]
4.9 - Mütter [Seite 173]
4.10 - Die Leiche [Seite 188]
4.11 - Das Herzstück der Sammlung [Seite 196]
4.12 - Condillac [Seite 208]
4.13 - Das Riesenrad [Seite 216]
4.14 - Character IV [Seite 239]
4.15 - Eine sehr kurze Geschichte [Seite 255]
4.16 - Kleine braune Tiere [Seite 256]
4.16.1 - 1. Wer war M. D. Regan? [Seite 256]
4.16.2 - 2. Das Spiel [Seite 261]
4.16.3 - 3. Inspiration und Rezeption [Seite 271]
4.16.4 - 4. Die Suche nach dem letzten Level [Seite 278]
4.17 - Die Entschuldigung [Seite 287]
4.17.1 - 1 [Seite 287]
4.17.2 - 2 [Seite 292]
4.17.3 - 3 [Seite 297]
4.17.4 - 4 [Seite 300]
4.17.5 - 5 [Seite 303]
4.17.6 - 6 [Seite 308]
4.18 - Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes [Seite 310]
5 - Inhalt [Seite 351]

Die Waage


1


Das Treppenhauslicht ging aus, und Daniel stand in vollkommener Dunkelheit vor einer Wohnungstür im vierten Stock. Die Musik, die aus der Wohnung dröhnte, klang in dem nackten, fensterlosen Korridor hart und unveränderlich. Daniel schaltete das Licht wieder ein; er musste sich weit vorlehnen, um den Lichtschalter zu erreichen. Das Türschild, auf das Daniel zuletzt gestarrt hatte, erschien wieder und hieß genauso wie vorher, Gerd & Elfriede Kaiser.

Daniel stand eine Weile da und hörte zu, wie sich die Musik in einen weiteren epileptischen Anfall hineinsteigerte – dann ließ er sich von seinen Füßen umdrehen und ging die Treppe hinunter, zurück in die Wohnung.

– Und?

– Ich hab’s ihnen gesagt, sagte Daniel.

Er bückte sich und zog sich die Schuhe aus. Seine Frau ging sofort ins Schlafzimmer.

– Keine Spur leiser, rief sie von dort.

– Was?

Daniel legte die Kleider ab, die er über seinen Pyjama angezogen hatte.

Rita kam aus dem Schlafzimmer zurück.

– Nicht der geringste Unterschied, sagte sie.

– Mehr als es ihnen sagen kann ich nicht.

– Und was genau hast du gesagt?

– Dass sie die Musik leiser stellen sollen, sagte er. Weil hier Leute wohnen, die schlafen möchten.

– Und?

– Also der Mann, der aufgemacht hat, hat einfach nur genickt und die Tür wieder geschlossen. Aber nicht unfreundlich. Es hat zumindest nicht so ausgesehen, als würde er mich verarschen oder ignorieren oder … Vielleicht will er sich nur das eine Lied noch zu Ende anhören.

– Es ist halb zwei!

– Ja, ich weiß.

– Außerdem hört der keine Lieder, sagte sie, das ist irgend so eine endlose Technoscheiße.

– Ach, das kommt uns hier unten wahrscheinlich nur so vor, sagte Daniel.

Er fragte sich, ob er rot geworden war. Sein Gesicht fühlte sich heiß an. Er versuchte, Rita nicht anzusehen.

– Weißt du was?, sagte sie. Der da oben schert sich einen Dreck um das, was du ihm gesagt hast!

– Kann sein. Ich habe getan, was ich konnte, sagte er und ging an Rita vorbei ins Badezimmer.

Er wusch sich die Hände und klatschte sich ein wenig kaltes Wasser auf die Wangen.

Später musste er wieder an das Türschild denken und die Namen, die darauf standen, selbst jetzt noch, während er längst im Bett lag und versuchte, die in den Wänden feststeckende Musik zu vergessen.

2


Im Postkasten fand er einen Brief, in dem etwas über Zeit stand – dieses Wort blitzte in Großbuchstaben einige Male aus dem Text hervor. Es handelte sich um ein Werbeschreiben einer neuen Versicherung. Er hatte Mühe, den Text zu lesen, da es im Stiegenhaus dunkel war und seine Augen in den letzten Monaten wieder schlechter geworden waren. Er hatte noch keine Zeit gefunden, sich eine neue Brille zu besorgen. Dazu kam die Schlaflosigkeit, die machte alles noch schlimmer.

Er drehte den Werbebrief unschlüssig zwischen seinen Fingern, dann legte er ihn zu den bunten Gratisbroschüren, die in den Müll wandern sollten.

Er sperrte den Postkasten zu, steckte den Schlüssel ein und ging durch die Hintertür in den Hof. Grelles Sonnenlicht empfing ihn. Er schirmte seine Augen mit einer Hand ab.

Zuerst hielt er das, was er neben den Mülltonnen stehen sah, für eine große Uhr; eines jener altertümlichen Exemplare, die sich in adligen Landhäusern finden und in deren Bauch man melancholische Pendel und Zahnräder dabei beobachten kann, wie sie sich zu einer geheimen Trauermusik bewegen.

Er trat näher. Ein kleiner Metallkasten hockte links über dem Uhrengesicht, auf dem Kasten drei stilisierte Münzen und darunter die Zahlen 2, 1 und 50. Die Waage hatte eine metallene Trittfläche, auf der die stilisierten Abdrücke zweier nackter Füße zu sehen waren.

Jemand schien das monströse Ding entsorgen zu wollen. Andererseits, dachte Daniel, wurde Sperrmüll hier gar nicht mitgenommen.

Daniel setzte vorsichtig einen Fuß auf die Trittfläche der Waage und ließ ihn wippen. Nichts geschah. Er versuchte es mit mehr Kraft und sah, dass der kleine schwarze Zeiger ein wenig zu zittern begann. Die Münzautomatik funktionierte offenbar noch, die Waage war nicht kaputt. Seine Hand wanderte, ohne nachzudenken, in seine Hosentasche, auf der Suche nach Kleingeld, dann schüttelte er den Kopf über diese dumme Idee. Er hatte eine Waage bei sich im Badezimmer stehen, eine elektronische sogar. Außerdem wusste Daniel ganz genau, wie viel er wog.

Er riss sich von der Waage los und ging zum Auto. Erst als er die Wagentür schon geschlossen hatte und den scharfen Rand des Sicherheitsgurtes durch seine Hand gleiten ließ, bemerkte er, dass er die ganze Post mitgenommen hatte, ohne die Broschüren und Werbebriefe weggeworfen zu haben. Es ärgerte ihn, und er legte den Müll auf den Beifahrersitz.

Dumme Waage, dachte er, als er das Auto vorsichtig rückwärts aus der schmalen Einfahrt steuerte.

Als er im Büro ankam, warf er gleich als Erstes den Brief von der Versicherung und die andere Reklame in den Papierkorb, stopfte alles tief und fest hinein und rief seine Frau zu Hause an. Sie nahm erst nach dem sechsten Klingeln ab, sie schnaufte. Im Hintergrund hörte er Radiomusik, also befand sie sich wahrscheinlich im Zimmer, wo die Stereoanlage stand. Aber warum war sie so außer Atem?

Er hätte sie danach fragen können, aber er tat es nicht. Er erklärte ihr, was er eben im Hof gesehen hatte. Sie verstand zuerst nicht, was er von ihr wollte, dann fragte sie ihn, wieso er sie deswegen anrufe.

– Ach, nur so, sagte Daniel.

– Okay.

Sie atmete einmal tief aus.

– Kannst du mir eines verraten?, sagte er. Welcher Idiot stellt so etwas in den Garten?

– Was? Keine Ahnung, meinte sie.

– Es nimmt ungeheuer viel Platz weg, sagte Daniel. Man kommt kaum zu den Fahrrädern.

– Wie groß ist es denn?, fragte sie.

– Na ja, irgendwie riesig …

Daniel machte sitzend eine verkrampfte Schwimmbewegung, um die enorme Größe des seltsamen Relikts anzuzeigen.

– Was heißt riesig? So groß wie ein Trampolin?

– Nein, nein, nicht so wie ein … Also höchstens so groß wie, wie …

Er suchte nach einem passenden Vergleich, aber als er merkte, dass sich seine Frau am anderen Ende der Leitung räusperte, sagte er, was ihm gerade in den Sinn kam.

– Wie ein Kind. Höchstens so groß wie ein Kind.

– Aber das ist doch nicht riesig, sagte seine Frau. Vielleicht schau ich mir das Ding später an.

– Nein! Geh nicht hinunter, rief Daniel.

Seine Frau schwieg eine Weile. Er merkte, dass er den Hörer mit beiden Händen umklammert hielt.

– Ist ja gut, sagte sie schließlich. Was ist denn los? Hast du die Waage vielleicht erfunden? Ist das wieder eine deiner Geschichten, die mich irgendwie weiterbringen sollen? Wenn du das –

– Nein, nein, sagte Daniel, ich habe nur gemeint, es ist vielleicht fremdes Eigentum.

– Schon gut, sagte sie. Du klingst gestresst. Mach ein Kreuzworträtsel.

– Okay, mache ich, sagte er und legte auf.

3


Daniels Tochter Lena hieß eigentlich Elena oder auch Helena, mit unbetontem H; in ihrer Geburts- und Taufurkunde fanden sich beide Versionen. Daniel und Rita hatten sie adoptiert. Sie kam aus Mexiko, ihre Herkunft hatte sie allerdings bereits weitgehend abgelegt. Sie erinnerte sich noch ganz gut an ihre Muttersprache, aber nur, wenn man sie auf Spanisch ansprach, was praktisch nie jemand tat, höchstens einmal ein Mensch im Fernsehen. Der Zufall wollte es, dass sie Rita ein wenig ähnlich sah. Daniel dachte manchmal über Lenas biologische Eltern nach. Ohne dass er damit etwas Bestimmtes ausdrücken wollte, stellte er sie sich stets an einem großen Fluss stehend vor.

Er hatte Rita bei der Arbeit kennen gelernt, aber kurz darauf hatte sie gekündigt. Sie hatte Architektur studiert und wollte sich nun als Designerin versuchen. Schon nach kurzer Zeit gewann sie einen kleinen Preis für ihre ersten Entwürfe; es war ein zweiter Preis gewesen. Die Urkunde hing einen Abend lang an der Wand, und sie saßen davor und betrachteten sie, während im Zimmer eine Uhr tickte. Am nächsten Tag war die Urkunde verschwunden.

Kurz darauf hatten sie das erste Mal über das Mysterium der Adoption gesprochen.

Da er sich den ganzen Tag nur schwer konzentrieren konnte, dachte Daniel an früher, und er dachte an die Waage, die im Hof stand und auf ihn – nein, natürlich wartete sie nicht; was für ein dummer Einfall.

Bei der Begutachtung eines Plans, der das geisterhaft durchsichtige Fundament eines Krankenhauses zeigte, fiel ihm eine eindeutige Fehlberechnung erst nach der dritten Kontrolle auf. Er sprach mit einem Kollegen darüber, der ihm den Plan aus der Hand nahm und schweigend Strich für Strich untersuchte, während Daniel nutzlos danebenstand und auf den Fußballen wippte.

Er fragte, ob es sehr ungelegen wäre, wenn er heute etwas früher nach Hause ginge. Der lange Bart des Kollegen streifte über den Bauplan, dann blickte er auf und nickte.

– Natürlich nicht, sagte er.

4


Als Daniel am nächsten Tag zur Arbeit fahren wollte, sah er den Hausbesitzer, Herrn Greith, im Garten. Greith trug ein T-Shirt, auf dem eine...

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