Die Gesellschaft der sexuellen Gewalt

Ein persönliches Essay
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 7. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. August 2020
  • |
  • 126 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7494-0521-3 (ISBN)
 
Die MeToo-Bewegung schlug in der Medienlandschaft nicht nur hohe Wellen, sondern brachte auch mit voller Wucht zum Vorschein, dass die "Sexuelle Freiheit" an ihre Grenzen stiess. Im Buch wird versucht, die strukturellen Ausgangsbedingungen der sexuellen Gewalt verschiedener Couleur zu beleuchten. Dabei wird aufgezeigt, dass nicht etwa "böswilliges", subjektives Kalkül einiger Unbelehrbaren die strukturelle Gewalt reproduziert, sondern eher der geisterhafte Beweger einer subjektlosen, entfremdeten "Macht", das auf die Menschen einwirkt und von ihnen mitgestaltet wird, und weshalb reformistische Ansätze, welches diesen Sachverhalt ignorieren, scheitern müssen.
7. Auflage
  • Deutsch
  • 0,44 MB
978-3-7494-0521-3 (9783749405213)
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Dorian Senn, männlich, geboren Mitte der 1990er, lebt in der Schweiz und schreibt Bücher zu gesellschaftlichen und politischen Themen unter eben jenem Pseudonym.

Konkurrenz auf dem Beziehungsmarkt


Offensichtlich wird und wurde (wie im Falle von MeToo) das Problem nur aus einer utilitaristischen Perspektive angeschaut: Handlungen werden bloss auf das Nutzen-Kalkül einer Person/einzelner Personen reduziert. Die Täter jedoch sind lediglich die Objektivierung des Systems. Sie haben das System der sexuellen Gewalt nicht erstellt, sondern sind wie das Opfer eher ein Rad, das die ganze "Maschine" am laufen hält. Um das besser zu verdeutlichen, muss man verstehen, wie sich das Verhältnis von Liebes - als auch Sexualbeziehung zu unserer Konkurrenzgesellschaft verhält. Man kann sagen: so, wie wir uns auf dem Arbeitsmarkt gegen die Konkurrenten respektive Bewerber durchsetzen müssen, so vereinnahmt dieser Konkurrenzgedanke auch unsere erotischen Liebesbeziehungen. Dieser repressive Zusammenhang wird nicht durch äussere Kräfte zusammengehalten, sondern resultiert aus der Verinnerlichung der "Vergleichgültigung" seiner eigenen Bedürfnisse und seiner selbst. Die Menschen gehorchen blind und ohne äussere Gewaltanwendung dem "stummen Zwang der Verhältnisse", gehen also "freiwillig" einer Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt nach, bekannt als "abstrakte Arbeit", das an sich völlig sinnentleert und keine Eigenqualität besitzt, sondern einzig als die Verausgabung des Selbst durch das zum Selbstzweck gewordenen Geldes dient, der Verwertung des Werts, und nicht in soziologistischer Erklärungsweise auf den Antagonismus zwischen Arbeiter und Kapitalisten sich definieren lässt. "Es handelt sich um eine Erweiterung der Produktion um ihrer selbst willen - um einen irrationalen Selbstzweck" (Robert Kurz, 2006). Dieser Fetisch respektive Mechanismus wurde von Karl Marx unter dem Term des "automatischen Subjekts" benannt:

"Vielmehr sieht es plötzlich so aus, dass die Klassen und überhaupt sämtliche sozialen Kategorien im Kapitalismus gleichermassen und gemeinsam blosse Funktionskategorien jenes ihnen übergeordneten automatischen Subjekts sind, das somit den eigentlichen Gegenstand der Kapitalismuskritik bilden müsste. Die Kapitaleigentümer und Manager sind, wie auf einer tieferen Stufe der kapitalistischen Funktionshierarchie auch die Lohnarbeiter, keineswegs die selbstherrlichen Subjekte der kapitalistischen Veranstaltung, sondern selber blosse Funktionäre der Kapitalakkumulation als Selbstzweck. Um die Paradoxie auf die Spitze zu treiben, ist das wirkliche Herrschaftssubjekt ein toter Gegenstand, das Geld, das in der Rückkoppelung auf sich selbst zum geisterhaften Beweger der gesellschaftlichen Reproduktion wird (...) Eine flächendeckende Geldwirtschaft und Marktwirtschaft entsteht überhaupt erst durch die kapitalistische Rückkoppelung des Geldes auf sich selbst. Dabei geht es nicht mehr um die Produktion von Waren als Endzweck, sondern die Warenproduktion dient nur noch als Mittel für den Verwertungsprozess des Geldes als Selbstzweck, für die endlose Aufhäufung von Geldkapital um seiner selbst willen" (Robert Kurz, Marx lesen!, 2006, S.57).

Die kapitalistische Produktionsweise wird hier deshalb auch als warenproduzierendes System umschrieben. Ich möchte im weiteren Verlauf dieses Essays zeigen, wie Menschen eben innerhalb einer intimen Beziehung zu blossen "Funktionskategorien" degradiert werden und sie (die Beziehung) eben nicht aus "sich selbst heraus" entsteht und der eigenen Gefühlswelt gehorcht, sondern als vorpräparierter Mechanismus der eigenen Formbestimmung der Fetisch-Konstitution erlegen ist. Ohne Verdrängung des "Anderen", also der Konkurrenz, kommt diese Konstitution nicht aus. Sie müssen, wenn Sie ohne feste Stelle sind, sich zunächst einmal auf diese Form der Selbstbehauptung gegenüber anderen Bewerbern einlassen und indirekt der Verausgabung ihrer selbst zustimmen. Zweitens müssen sie Bewerbungen abschicken, sich möglichst von ihrer besten und reinsten Seite zeigen und ihre Schwächen aussen vor lassen, vielleicht auch lügen. Das Gleiche gilt bei einem Bewerbungsgespräch, wobei dort auch die Körperhaltung und Kleidung eine entscheidende Rolle spielen. Ist ein Arbeitsverhältnis hergestellt, dann zu Ungunsten einer anderen Person. Die Erfüllung aller Träume ist es sicherlich nicht, einer Abstraktion nach zu gehen, also einer Arbeit, die nicht auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist, sondern lediglich dem Lohn dient. Man wird zum Verwalter seines eigenen Lebens: morgens aufstehen, Frühstück, Arbeitsweg, Arbeiten, Mittagspause, Arbeiten, endlich Feierabend, leider müssen noch irgendwelches administratives Zeug erledigt werden, zu Hause völlig ausgelaugt, Hausarbeit muss auch noch getan werden, Fern sehen, schlafen. Trotzdem würden nur die allerwenigsten ihre Arbeit aufgeben, denn: sie bedeutet Zugehörigkeit, gibt einem in einer Arbeitsgesellschaft einen Tagesablauf, die Möglichkeit andere Leute zu sehen, und natürlich das Geld. Mit ihm können Sie nicht nur die Grundbedürfnisse decken, sondern auch knappe Güter kaufen, sich Luxus leisten, sprich: Ansehen. Plakativ gesagt: in ihren teuren Markenkleidern oder ihrer Luxuskarosse (die Liste liesse sich natürlich beliebig fortsetzen oder anders gestalten) kommt die harte Arbeit zum Vorschein und sie heben sich in der gesellschaftlichen Stellung auf, was auch auf ihr Selbstwert überschwappt. Unter diesen Voraussetzungen würden nur die wenigsten mit einem Arbeitslosen wechseln wollen. Diese Konstitution dringt auch in die Liebe und Sexualität ein und ist an ihr stark gekoppelt. Nicht ohne Grund fasste der vorher genannte Weggefährte den Versuch, mich als alleinstehender Mensch mit seiner Beziehung zu einer Frau herabzuwürdigen. Beziehung in ihrer Gesamtheit wird ebenfalls zu einem Markt, in ihrer Einzelheit zu einer Ware. Dieses Mal steht es jedoch nicht im Verhältnis von Arbeitnehmer und Arbeitgeber, sondern eher in der Relation zu einem aktiven Part, in der Regel männlich konnotiert, und einem passiven Part, in der Regel weiblich bestimmt. Vom männlichen Part wird erwartet, dass er sich um die Frau "bewirbt", den ersten Schritt macht. Männer befinden sich hierbei vor allem in vielerlei Hinsicht in einer Zwickmühle. Da sie sich um eine Frau durchsetzen müssen, also konkurrieren, wird einer von ihnen leer ausgehen. Der Mann kann nicht ewig lange warten, bis er sich endlich davon überzeugt hat, dass sie die Richtige ist. Wenn eine Stelle gerade frei wurde, würden Sie ja auch nicht ein halbes Jahr lang auf ihre Bewerbung warten, sonst wird es noch einem Fremden ausgehändigt. Deshalb muss er schnell handeln, und dies oberflächlich: der schnellste Weg ist die Reduzierung aufs Äussere, die Liebe steht hierbei aussen vor. Sobald auch nur ein Hauch von Verzücktheit sich in einem Mann regt, sollte er die Gelegenheit nutzen, sich zu bewerben oder ein Konkurrent kommt ihm zuvor. Für Innere Werte bleibt hier wenig Zeit. Als Suchender ist er in gewisser weise zum schwarz-weiss Denken gezwungen: man teilt die Frauen in mögliche und nicht mögliche Partner ein. Frauen werden somit bloss als "Vehikel" zur Steigerung des Ansehens gesehen, somit zum Objekt gemacht, denn wir wissen ja schon vom Arbeitsmarkt her, dass eine Stelle das Ansehen steigert, in diesem Falle eine Beziehung, und es spielen ähnliche Faktoren eine Rolle, sowohl bei der Stellensuche als auch bei der Beziehungssuche. Wenn wir als metaphorischen Topos eine Mauer als Grenze nehmen, welches für die Beziehung zu den Geschlechtern steht, so ist sie in den meisten Fällen, sofern keine echte Liebe eine Rolle spielt, so durch die konstitutionellen Mechanismen des Selbstzwecks samt ihrem Wettbewerbscharakter vorgeschaltet, dass lediglich diejenigen leichtes Spiel zum rüber klettern haben, die sich am besten in den jeweiligen Kriterien verausgaben können. Beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat ein Mann, der eher reif ist (somit Erfahrung vorweisen kann aus anderen Stellen), sich in seinem Bewerbungsgespräch von der besten Seite zeigen kann (Charisma bzw. die Fähigkeit haben, beim kritischen Beäugen die Nerven zu bewahren) und natürlich ein loses Mundwerk (je nach situationeller Gebundenheit etwas gescheites zu sagen haben) und wahrscheinlich auch schlicht und ergreifend der richtige Typ für die Stelle zu sein. Im Vergleich zu den anderen Punkten dürfte es jedoch eher hinten anstehen. Gutes Aussehen und lange Körpergrösse können sicherlich einen Vorteil verschaffen, sind aber nicht wirklich von entscheidender Bedeutung für ihn, eher das Tüpfelchen auf dem i, falls man "komplett" sein will. Der Passive Part, die Frau, konkurriert gegen ihre Mitstreiterinnen nicht in Form eines aktiven Handelns, sondern als "Schönheitsobjekt" respektive einer Art des sich "Bemerkbarmachens" gegenüber Männern. Sie sendet mit anreizendem Aussehen Signale, das sie als "verfügbar" kennzeichnet. Je mehr sie sich von anderen Mitstreiterinnen abhebt, desto höher die Chance von einem Mann beäugt zu werden. Dies macht Frauen somit von ihrem Aussehen deutlich abhängiger als...

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