Brasil

 
 
TWENTYSIX (Verlag)
  • 4. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 158 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7407-4030-6 (ISBN)
 
Ollin gehört zum indigenen Volk der Baniwa, welches im Bundesstaat Amazonas nordwestlich von Manaus lebt. Eines Morgens überfallen Unbekannte das Dorf und bringen alle Bewohner bis auf den erst sieben Jahre alten Ollin und seine Schwester Safia um. Vom Überleben seiner Schwester weiß Ollin nichts und irrt mehrere Tage allein durch den Urwald ... Wird Ollin jemals die Wahrheit über das Verbrechen erfahren und den inneren Konflikt zwischen Rache und Vergebung überwinden?
4. Auflage
  • Deutsch
  • 0,62 MB
978-3-7407-4030-6 (9783740740306)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ulas Senkal, geb. 1987, ist ein Sozialpädagoge aus Wien, der sich intensiv mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt. Mit seinem Debütroman Brasil möchte er die Leserinnen und Leser für den Umweltschutz, insbesondere für den Schutz der Regenwälder und ihrer Bewohner, sensibilisieren.

Kapitel 2


Alles war anders hier in dem Dorf. Ollin erschien es, als habe er eine fremde Welt betreten. Wo ihm zu Hause alles vertraut gewesen war, blieb es ihm hier fremd. Da waren die vielen Regeln, die es zu beachten galt, etwa, dass man für seine Notdurft jenen widerlichen Verschlag aufsuchte und sich auf ein Brett mit einem Loch setzte. Es stank abscheulich dort und es wollte ihm nicht in den Kopf, warum die Menschen dazu nicht einfach in den Wald gingen, so wie man es in seinem Dorf getan hatte.

Auch lief man nicht nackt herum, selbst wenn man vom Baden im Fluss kam. Immerzu musste man sich bedecken und den Mädchen keine Blicke zuwerfen, wenn sie über die Straße gingen, die ihrerseits züchtig die Augen zum Boden richteten.

In allem lag eine Strenge, die für Ollin manchmal kaum zu ertragen war. Das Leben, so sagte alles, war schwer und sollte schwer sein, kein Moment der Leichtigkeit war erlaubt. Am Morgen gingen die Frauen, auch Mirtha, hinaus auf die Felder, die sie dem Urwald abrangen, um Bohnen, Mais und Maniok anzubauen, während die Männer im Dorf saßen, rauchten, spielten und tranken. Ab und zu fuhr einer von ihnen auf den Fluss hinaus, doch Fische fingen sie nur selten, lieber saßen sie herum und stritten. Zu essen gab es selten genug und wenn, dann waren es kümmerliche Speisen. Die Not sprach aus allem, aus Mirthas abgetragener Kleidung und der ärmlichen Hütte, aus dem Hunger und aus den zerschlissenen Laken, mit denen sie sich in der Nacht bedeckten, während die Moskitos um sie herumschwirrten. Mirtha betete oft, auf den Knien, die Augen geschlossen, das Gesicht vor dem toten Gott am Kreuz gesenkt, murmelte sie Worte, die Ollin nicht verstand. Sie hatten etwas Bittendes, Flehendes an sich. Wollte der Gott am Kreuz denn nicht gefeiert werden, mit wilden Tänzen, Feuer und Musik, mit Opfergaben und Schmuck, so wie die Götter seines Volkes? Offenbar war er ein Gott der Trauer.

Vitor, Mirthas Ehemann, hatte kein großes Aufheben darum gemacht, als er in die Hütte zurückkehrte und dort Ollin vorfand. Er hatte sein zahnloses Lächeln gelächelt und mit den Schultern gezuckt, so als sei es eben Schicksal, dass der Junge aus dem Wald bei ihnen auftauchte und nicht mehr fortging. Ein Kind, von dem niemand wusste, woher es kam und zu wem es gehörte, so erzählte man sich im Dorf. Mirtha und Vitor gaben Ollin zu essen und zu trinken und ein Lager, auf dem er schlafen konnte. Schon am Morgen nach seiner Ankunft hielt Vitor ihm ein Beil hin und deutete mit dem Kopf nach draußen. Er zeigte dem Jungen, was er von ihm erwartete. Vor der Hütte hatte er begonnen, Holz zu hacken, eine undankbare, schwere Arbeit, und nachdem er die ersten Scheite gespalten hatte, hielt er Ollin das Beil hin und nickte, Ollin verstand sofort.

Nun stand er jeden Morgen auf, hackte Holz für das Feuer und holte Wasser vom Fluss, das Mirtha lange abkochte, bevor sie daraus den geschmacklosen Maisbrei zubereitete, der nahezu jede ihrer Mahlzeiten ausmachte. Hin und wieder half ihr Ollin beim Fegen der Hütte oder beim Auswringen der Wäsche, die im dreckigen Wasser des Flusses niemals wirklich sauber wurde. Mit Vitor zu den anderen Männern ging er nicht, er wusste, dass sie ihn nicht mochten. Wenn er an ihnen vorbeiging, bekreuzigten sie sich rasch und wechselten die Straßenseite. Er verstand zwar nicht, was sie sagten, doch er begriff sehr wohl, dass sie ihn nicht mochten, ja, ihn sogar fürchteten, so als trüge er etwas Böses, Bedrohliches in sich. Er konnte es ihnen nicht verdenken.

Von den anderen Kindern hielt er sich ebenfalls fern, auch wenn er wusste und sofort spürte, dass sie ihn beobachteten, wenn er zum Fluss ging, um Wasser zu holen. Er hörte ihr Lachen, das Trommeln ihrer nackten Füße auf dem Waldboden, ihr Kichern und die Worte, die sie ihm nachriefen, er verstand sie zwar nicht, wohl aber, dass sie nicht freundlich waren.

Es machte ihm nichts aus, bei Mirtha in der Hütte zu bleiben, ihr zuzuhören, wenn sie ihm in ihrer seltsamen Sprache etwas erzählte, dabei lachte, in die Hände klatschte und manchmal auch weinte und sie schien es nicht zu kümmern, dass er nicht verstand, was sie sagte. Erst nach und nach erlernte er die ersten Worte in der fremden Sprache, die so ganz anders war als die Sprache seines Volkes. Ob ein Ding eine Seele hatte oder nicht, spielte keine Rolle, dafür aber, ob es weiblich oder männlich war und mit wem man sprach. Auch wurde in der Zeit unterschieden, ob etwas bereits Geschehen war oder noch geschehen würde, während bei seinem Volk alles eins war, gleichzeitig geschah, da die Zeit etwas von Menschen Gemachtes war, während die Geistwesen keine Zeit kannten. Wort für Wort, Satz für Satz lernte er die Sprache, bis er einfache Anweisungen verstand und sogar antworten konnte, auch wenn es seltsam klang. Es war beinahe, als weigerte sich seine Zunge, sich der fremden Sprache zu beugen, die so vieles außer Acht ließ, das für ihn von Bedeutung war. Die Welt verlor etwas durch diese Sprache und dieser Verlust setzte sich in seinem Inneren, in seiner Seele fort. Er spürte es, nahm es wahr, mit jedem Tag, der verging, mit jedem Tag, den er in dem kleinen Dorf verbrachte, und doch konnte er es nicht bewahren, nicht festhalten. Dazu war eine weitere Person nötig, die sich erinnerte; jemand, der wusste, was da verloren ging. Doch diese Person, diesen jemand gab es nicht, nur ihn und in ihm schwand es, jeden Tag ein bisschen mehr, bis nur noch eine schwache Erinnerung, ein flackerndes Leuchten tief in seinem Inneren davon übrig blieb.

»Heute gehst du zur Schule«, verkündete Mirtha ihm eines Morgens. Ollin, der gerade über seinem Maisbrei gebeugt saß und diesen hungrig löffelte, weil er bereits das Holz gehackt, die Hühner gefüttert und das Wasser für den Tag geholt hatte, ließ seinen Löffel sinken und sah seine Adoptivmutter mit großen Augen an.

»Die Schule, Ollin, wir haben darüber gesprochen. Alle Kinder gehen dorthin, du auch. Dort wirst du lernen, wie man schreibt und liest und rechnet, und vor allem wirst du viel von Gott lernen, und wenn du das fleißig tust, dann werden sie dich taufen und du musst nicht länger fürchten, dass deine Seele in der Hölle leidet.«

Davor hatte Mirtha große Angst, vor dieser Hölle, und sie betete jeden Abend dafür, dass Ollin, ihr Adoptivsohn, vor ihr verschont bliebe. Manchmal weinte sie, während sie ihre gefalteten Hände in Richtung des Kreuzes hob.

Ollin nickte langsam, nicht, weil er die Sache mit der Schule einsah, sondern weil er wusste, dass es Mirtha wichtig war und sie glücklich zu sehen, war ihm wichtig. Vitor klopfte mit den Handknöcheln auf den wackligen Tisch, sein Zeichen der Zustimmung und damit war es beschlossene Sache. Nach dem Frühstück verließ Ollin die Hütte. Mirtha hatte ihm das widerspenstige Haar gekämmt und mit Öl eingerieben, so dass es glatt am Kopf anlag. Sie hatte ihm Gesicht, Hände und Füße gewaschen, als wollte sie ihm die Haut abschrubben und seine Kleider überprüft, ob sie auch wirklich makellos waren. Dann war Vitor aufgestanden und hatte ihm feierlich einen Stift überreicht und ein Heft, in dem die meisten Seiten fehlten. So, wie Vitor sich anstellte, musste beides sehr kostbar sein, und so hatte Ollin es ebenso feierlich entgegengenommen und in seine Tasche gesteckt. Als er die Hütte verließ, drehte er sich noch einmal um. Mirtha und Vitor standen nebeneinander im Eingang und sahen ihm nach, Mirtha mit Tränen in den Augen, Vitor mit etwas, das wie Stolz aussah, auf den Zügen. Ollin wusste, er durfte diese beiden Menschen nicht enttäuschen, denn sie waren alles, was er auf der Welt hatte, ganz gleich, was ihn in der Schule erwartete. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass es schwer werden würde.

Wie schwer, das sollte er bald herausfinden. Der Unterricht fand in einem Nebengebäude der Kirche statt, der Pfarrer des Dorfes, ein strenger Mann mit einer Hakennase, unterrichtete.

Als Ollin den Hof der Kirche betrat, auf dem die übrigen Kinder Fangen spielten oder sich sonst wie die Zeit vertrieben, hielten auf einmal alle inne und starrten ihn an. Gespenstische Stille breitete sich aus und Ollin ging unsicher auf die Stufen des Schulgebäudes zu, bis ihm jemand den Weg verstellte. Er kannte den Jungen, er hatte ihn ein paar Mal im Dorf gesehen, ihn aber nicht weiter beachtet, auch wenn er Steine nach ihm warf, doch hier konnte er ihm nicht länger aus dem Weg gehen.

Der Junge war größer und stärker, wohl auch älter. Ollin betrachtete ihn, ohne Angst in den Augen.

»Was willst du hier?«, ging ihn der Junge an.

Ollin schwieg und erwiderte stumm den Blick des Jungen weiter. Dann machte er einen Schritt, um ihn einfach zu umrunden, doch wieder versperrte ihm der andere den Weg. Weitere Jungen kamen hinzu, drängten sich hinter dem Großen, als sei er ihr Anführer, und wer sich nicht dazu stellte, der sah aus sicherer Entfernung zu. Allzu deutlich spürte Ollin all die Augen auf sich ruhen. Er atmete ruhig und gleichmäßig und machte einen weiteren Schritt, mit dem gleichen Ergebnis. Also blieb er auch einfach stehen und sah dem Jungen in die Augen. Zunächst erwiderte dieser seinen Blick,...

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