Portugiesisches Schicksal

Ein Lissabon-Krimi
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. März 2021
  • |
  • 336 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-26459-8 (ISBN)
 

Wer nach Lissabon kommt, sollte unbedingt im Pôr do sol zu Abend essen. Die Küche ist hervorragend, und die Terrasse bietet einen traumhaften Blick auf die Altstadt und den Hafen. Womöglich ist es aber auch nicht ganz ungefährlich dort. Es heißt, dass mehrere Gäste nach dem Verzehr der portugiesischen Köstlichkeiten plötzlich verstorben sind. Der ehemalige Polizist Henrik Falkner beschließt, den Gerüchten auf den Grund zu gehen. Als Kellner mischt er sich unter die Belegschaft, um herauszufinden, wer von seinen neuen Kollegen möglicherweise ein Mörder ist .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,51 MB
978-3-641-26459-8 (9783641264598)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Luis Sellano ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Auch wenn Stockfisch bislang nicht als seine Leibspeise gilt, liebt Luis Sellano Pastéis de Nata und den Vinho Verde umso mehr. Schon sein erster Besuch in Lissabon entfachte seine große Liebe für die Stadt am Tejo. Luis Sellano lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Regelmäßig zieht es ihn auf die geliebte Iberische Halbinsel, um Land und Leute zu genießen und sich kulinarisch verwöhnen zu lassen.

2

Er konnte Catia im Laden hören, und augenblicklich fiel ihm die Sauerei mit der Wandfarbe wieder ein, die er vorhin hinterlassen hatte. Leise schlich er um die Regale herum. Sie hockte auf den neu verlegten Holzbohlen und versuchte, die weiße Tünche wegzuschrubben.

»Du musst das nicht tun!«, sagte er harscher als beabsichtigt.

Sie drehte sich nicht nach ihm um, scheuerte einfach weiter mit dem Putzlumpen zwischen ihren knochigen Händen. »Es macht mir nichts aus«, erwiderte sie.

»Ich habe das Chaos verbrochen, ich beseitige es auch!«

Da endlich hörte sie auf. Sie ließ den Lumpen in der milchigen Brühe liegen und erhob sich, wobei sie das Regal zu ihrer Rechten zu Hilfe nahm. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Ihr störrisches Haar steckte unter einem bunt gemusterten Seidentuch, doch eine Strähne war herausgerutscht und hing ihr ins Gesicht. Mit einer fahrigen Bewegung wischte sie die Haare mit dem Handrücken zur Seite und hinterließ dabei einen blassen Farbstreifen auf ihrer Stirn. Schweiß glänzte auf ihrem schmalen Nasenrücken. Nach wie vor wirkte sie ausgezehrt und zerbrechlich. Obwohl sie nun schon seit einem Vierteljahr wieder für ihn im Antiquariat arbeitete, hatte sich ihre Verfassung nicht gebessert. Sie war psychisch angeschlagen, und das spiegelte sich auch in ihrer Körperhaltung wider. Er wusste nicht mehr, was er noch für sie tun konnte, wie er mit ihr umgehen sollte. Freundlichkeit und Nachsicht halfen genauso wenig wie Distanziertheit. Mehrfach hatte er ihr versichert, dass es vorbei und die Zeit der Unruhe und Kämpfe ausgestanden war. Dass man sie nun in Frieden lassen würde. Doch sie hielt nichts von seinen Beteuerungen. Was vermutlich in erster Linie daran lag, dass er es selbst nicht glaubte. Es waren leere Phrasen, um sie zu besänftigen, und auf die fiel sie nicht herein.

»Gut, dann sortiere ich Bücher«, gab sie trotzig zurück.

Er sah auf die Uhr an seinem Handgelenk, dann zu Boden. »Das reicht auch morgen, du kannst für heute Schluss machen!« Er versuchte milde zu klingen, doch Catia stand vor ihm, als wäre sie festgewachsen. Schließlich war er es, der sich abwandte und um den Tresen herum ins Büro ging. In die Abstellkammer, die ein schwerer Brokatvorhang vom Verkaufsraum trennte. Vor dem Schreibtisch blieb er stehen und horchte. Irgendwann vernahm er ihre leisen Schritte und wenige Sekunden darauf das Knarzen der Holztreppe, über die sie hinauf in ihre Wohnung unterm Dach stieg. Dort oben hatte er ihr zwei Zimmer überlassen, weil derjenige, der sie einst bewohnt hatte, nicht wieder aufgetaucht war. Henrik wusste, dass sie dort oben ausharren würde bis zum nächsten Tag - oder besser gesagt bis zu dem Moment, da er ihr wieder gestattete, im Antiquariat ihre Arbeit zu verrichten. Er wusste, dass die Musiker, die eine Etage tiefer wohnten, für sie einkauften, weil Catia das Haus nicht verließ. Sie wollte nicht oder konnte nicht. Vermutlich eher Letzteres. Ihre seelische Verfassung schien es einfach nicht zu erlauben. Auch darüber hatte er versucht mit ihr zu reden, nur um festzustellen, dass er nicht gut darin war. Er taugte nicht als Therapeut. Jeder Ansatz eines Gesprächs, das er in diese Richtung hatte führen wollen, versandete, ehe es wirklich in Gang kam. Sie brauchte professionelle Hilfe, daran hatte er keinen Zweifel, denn ihr Zustand war besorgniserregend. Und dabei hatte er ihr das Schlimmste noch gar nicht offenbart. Seit einem Vierteljahr kannte er die Wahrheit über den Verbleib ihres Sohnes Flávio, dem man ihr kurz nach der Geburt weggenommen hatte. Wie sollte er ihr jemals über dessen Schicksal berichten, ohne dass sie völlig daran zerbrach?

Überrascht stellte er fest, dass er den Aktenordner, den ihm Adriana vorhin auf die Verkaufstheke gelegt hatte, in den Händen hielt. Er hatte ihn mit ins Büro genommen, ohne es zu bemerken. Statt ihn zu den anderen Steuerunterlagen der letzten fünfzehn Jahre ins Regal zu stellen, setzte er sich damit an den Schreibtisch. Es hatte bislang keinen Anlass gegeben, an Adrianas Arbeit zu zweifeln. Nicht wenn es um fiskalische Aspekte ging. Da vertraute er ihr tatsächlich ohne großes Nachdenken. Das Finanzamt stellte seine Forderungen, die er noch immer pünktlich hatte leisten können und auf denen stets die Beträge ausgewiesen waren, die ihm Adriana vorweg genannt hatte. Keine Beanstandungen also, weder vom Finanzamt noch von ihm. Hier war diese Frau ein Profi, genau wie bei der anderen Sache. Eigentlich öffnete er den Ordner also nur, um ihn oberflächlich durchzublättern. Mehr um sich abzulenken als aus echtem Interesse. Die ersten Seiten umfassten maschinell erzeugte Schreiben des Finanzamts, von denen er mit seinen Portugiesischkenntnissen nur wenig verstand. Lediglich die Zahlentabellen sah er sich genauer an. Jene Summen, die von dem Geschäftskonto abgingen und von Geldern ausgeglichen wurden, die nicht in erster Linie von den Einnahmen aus den Verkäufen im Antiquariat oder den Mietentgelten seiner Mitbewohner stammten. Den größten Teil seiner Ausgaben deckte nämlich ein Fonds, den Martins ehemaliger Lebensgefährte, der Kunstmaler João de Castro, eingerichtet hatte. Eine lange Geschichte. Lang und traurig - denn beide waren längst tot. João ebenso wie Henriks Onkel.

Henrik versuchte auch diesen Gedanken sogleich wieder loszuwerden. Er hatte sich vorgenommen, nach vorne zu schauen. Die Probleme der nahen Zukunft anzupacken und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Zumindest für eine Weile. Doch beides gestaltete sich gleichermaßen schwierig.

Das Antiquariat warf kaum etwas ab, und momentan befand Henrik sich ohnehin auf einer Durststrecke, bedingt durch die Renovierung des Hauses, die immer noch anhielt. Die Handwerker hatten keine Eile - sofern man überhaupt welche bekam. Der durch den portugiesischen Wirtschaftsaufschwung erfolgte Bauboom in der Stadt machte es manchmal unmöglich, Leute zu finden, die Böden verlegten oder Schreinerarbeiten verrichteten. Hinzu kam, dass die hohe Nachfrage die Preise nach oben trieb. Das Darlehen, das Henriks Mutter ihm für die Bauarbeiten am Haus in der Rua do Almada zur Verfügung gestellt hatte, schmolz schneller dahin als erwartet. Schließlich handelte es sich nicht mehr nur um die Schäden, die ein leckes Wasserrohr im Gemäuer des zweihundert Jahre alten Hauses verursacht hatte. Nicht allein um die durch Taubenkot und Abgase entstandenen Emissionsschäden an der Fassade. Oder um das marode Dachgebälk. Nein, da war auch noch das Feuer vor drei Monaten, das einen Teil des Ladens gefressen hatte. Ein mutwillig gelegter Brand, der Spuren vernichten sollte - und gleichzeitig neue Wahrheiten zutage gefördert hatte .

Alles hängt irgendwie zusammen! Ja, diese Einsicht quälte ihn schon, seit er sein Erbe in Lissabon angetreten hatte. Doch auch diese Dämonen wollte er ruhen lassen, bis er sich ausreichend erholt hatte. Oder bis sich neue Erkenntnisse einstellten, die ein weiteres Handeln unumgänglich machten. Besonders, was diese eine Sache anging. Kaum regte sich dieser Gedanke in seinem Kopf, fühlte er wie immer tiefe Betroffenheit. Nicht alle seine privaten Ermittlungen konnte er wirklich ruhen lassen. Wenn er sich in seiner Phase der Rekonvaleszenz auf etwas konzentrieren wollte, dann darauf, endlich Licht in das rätselhafte Ende seines Freundes Bruno zu bringen.

Der Geistliche - ein Priester der Kirchengemeinde São Vicente de Fora - war vor rund drei Monaten tödlich verunglückt. Mit dem Fahrrad. Diese Todesursache stellte für Henrik eine schmerzhafte Parallele zum Tod seiner Ehefrau Nina dar, die auf ihrem Fahrrad von einem unter Drogen stehenden Mann überfahren worden war. Nun gab es also noch jemanden, der ihm nahegestanden und den er auf tragische Weise verloren hatte. Und zwar durch die Schuld eines anderen. Jedenfalls glaubte er das, obwohl er damit bislang alleine auf weiter Flur stand.

Ja, es lag noch einiges im Argen in der Stadt am Tejo, was es umso schwerer machte, sich positiv auf die Zukunft auszurichten. Vor allem, weil sein Erscheinen in Lissabon immer wieder Auslöser für Ereignisse gewesen war, die eine Gefahr für Leib und Leben mit sich brachten - nicht nur für ihn selbst, sondern bedauerlicherweise auch für einige andere Leute. Pater Bruno mit seinem fragwürdigen Unfall zählte definitiv dazu. Und es waren in den vergangenen Jahren auch noch andere Verbrechen verübt worden, die bis heute nicht gesühnt waren. Allen voran der Tod seines Onkels. Auch dessen Mörder, der sich weiß der Teufel wo verkrochen hatte, war weiterhin auf freiem Fuß. Das Gleiche galt natürlich für den Auftraggeber des Mordes. Noch eine offene Rechnung, die es irgendwann zu begleichen galt.

Und dann war da leider Gottes noch Rafael de Bragança. Ebenfalls ein Mörder, nicht verurteilt, ja nicht einmal angeklagt. Die Beweise, dass der Adelige einst Martins Lebensgefährten João de Castro umgebracht hatte, wurden von Henrik sicher verwahrt. Auch in diesem Fall wartete er auf eine Gelegenheit, das Material der Polizei zu übergeben. Eine nervenaufreibende Lage, in der er da steckte, und das bei seinem nicht gerade geduldigen Temperament. Doch da hatte sich etwas verändert in den letzten Wochen, ohne dass er dafür eine echte Erklärung fand. Er hoffte nur, dass es ihm gelang, sich diesen indifferenten Zustand zu bewahren, ohne irgendwann zu explodieren.

Doch im Moment schien jegliche Konfrontation wie auf Eis gelegt, und auch wenn es Henrik einerseits ein Gräuel war, dass dieser Mensch trotz seiner Verbrechen immer noch alle Freiheiten besaß, war er...

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