Vorgefühl der nahen Nacht

 
 
Karl Blessing Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Juni 2011
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06269-9 (ISBN)
 
Im September 1940 kommt Stefan Zweig mit seiner zweiten Ehefrau, der dreißig Jahre jüngeren Lotte Altmann, nach Brasilien. Mit seiner ethnischen Buntheit ist dieses Land für ihn ein Gegenentwurf zum in Europa herrschenden Rassenwahn. Voller Hoffnung quartiert er sich nördlich von Rio ein. Auch seine Frau knüpft an Brasilien große Erwartungen. Sie werden herzlich aufgenommen, sie werden gefeiert und sie feiern mit - sogar im Karneval. Die Farben leuchten, das Klima lässt Lotte aufleben und in Ernst Feder, dem früheren Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", gewinnen sie einen unterhaltsam ironischen Freund.

Doch Stefan Zweig ist nicht nur auf der Flucht vor den Nazis. Er flieht auch vor den Gespenstern, die ihm nachts den Schlaf rauben - die Schatten seiner toten Freunde, allen voran Joseph Roth. So fällt es ihm schwer, seiner Frau die Gefühle zu zeigen, die sie ersehnt. Umgekehrt will sie lange das Ausmaß seiner Verzweiflung nicht wahrhaben. Eine der großen Tragödien der Weltliteratur nimmt ihren Lauf.

  • Deutsch
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  • Deutschland
Blessing
  • 0,46 MB
978-3-641-06269-9 (9783641062699)
3641062691 (3641062691)
weitere Ausgaben werden ermittelt
NOVEMBER (S. 58-59)

Jeden Morgen betrachtete er von der Veranda aus die Hügel um Petrópolis, und vor seinen Augen, die seit Jahren an ein graues Einerlei gewöhnt waren, entfaltete sich die Pracht der Welt. Die Luft füllte sich mit dem Gesang der Vögel, die Erde erwachte zu neuem Leben. Manchmal dachte er: Heute wird der Wind dunkle Wolken herantragen, ein schwarzer Staub wird die Sonne erobern, die Kolibris werden einen Trauergesang anstimmen. Doch nein, jedes Mal erhellte die Morgendämmerung den Horizont.

Das Leben brach sich Bahn wie eine Welle. Er verließ seinen Vorposten, um das Frühstück einzunehmen, das die Haushälterin serviert hatte. Er trank seinen Cafezinho, dessen starker, sehr süßer Geschmack ihn das Aroma der Kaffees vergessen ließ, die er früher am Michaelerplatz in Wien zu sich zu nehmen pflegte. Anschließend schlürfte er einen Guavensaft, nahm ein Jabuticaba-Getränk zu sich und genoss einen Acai-Trank – der Rosaria zufolge verjüngende Wirkung ausübte. Aber er konnte nicht umhin, die Nachrichten zu hören. Japan bereitete sich darauf vor, gegen Amerika in den Krieg zu treten.

Die U-Boote von Admiral Dönitz verbreiteten Angst und Schrecken auf den Weltmeeren. Die deutschen Truppen rückten in der Sowjetunion vor. Der Drang nach Osten, auf nach Osten!, das war die gleiche Politik, wie Ludendorff sie 1918 betrieben hatte, aber um wie vieles effizienter war sie diesmal! Litauen, die Ukraine, die Krim waren gefallen; Kiew, Minsk, Leningrad, Riga erging es nicht besser – und wie konnte man nicht an das Schicksal dieser Millionen Juden in ihrem Getto denken, die den Nazisoldaten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren? Görings Panzer standen vor den Toren Moskaus, die Operation Barbarossa war ein ungeheurer Erfolg. Die Nazis heimsten das Gold der Welt ein und verwandelten es in Asche.

Die Deutschen hatten die Grenzen des Bösen verschoben. Man erzählte, dass die Soldaten des Reichs es auch auf Kinder abgesehen hatten. Im Osten ließ die Wehrmacht bei ihrem Vorrücken kleine SS-Bataillone zurück, deren einziges Ziel darin bestand, jedes jüdische Leben in den eroberten Ländern auszumerzen. Die Truppen leerten die Gettos. Die Soldaten jagten Müttern und Kindern, Alten und Männern eine Kugel in den Nacken. Wie weit würden sie noch gehen? Zu Beginn hatte er an diesen Zeugenaussagen gezweifelt. Doch dann deckten sich die Schilderungen gänzlich verschiedener Menschen so sehr, dass er an sich selbst zu zweifeln begann. War er selbst vielleicht schon kurz davor, den Verstand zu verlieren? Er, der außerhalb der Welt lebte. Das Grauen war die Wahrheit dieser Zeit geworden.

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