Künstliche Intelligenz und Maschinisierung des Menschen

 
 
Herbert von Halem Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Mai 2020
  • |
  • 200 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86962-514-0 (ISBN)
 
Fast jeder hat Erfahrungen mit Siri, Alexa oder anderen Chatbots. Doch was geschieht, wenn ein Mensch einen Chatbot in einen Dialog über Philosophie verwickelt? Kann man mit künstlichen Intelligenzen (KI) überhaupt über Bewusstsein, Erinnerung und philosophische Theorien der Zeit diskutieren?

Ja, man kann - zumindest der Form nach. Und das gleich zweimal: Mit den beiden Loebner-Preis für KI dekorierten Chatbots Rose und Mitsuku. Ob das geistreich ist? Das muss jeder für sich entscheiden. Ob das unterhaltsam ist? Ja - allerdings eher unfreiwillig. Im systematischen Teil des Essays werden die Dialoge ausgewertet. Dabei wird der gegenwärtige Hype um KI als maßlose Übertreibung sichtbar, ein Goldrausch der KI gewissermaßen, übrigens von Menschen und ihren allzu menschlichen Interessen veranlasst.

Die Begriffe rund um das Thema KI werden im Buch weggeholt von der Behauptung der Singularität, der Disruption oder der versteckten Science Fiction - zurück auf den Boden der funktionalen Tatsachen einer gleichwohl beachtlichen Innovationsspirale: Automatisierung, Standardisierung und maschinelles Verarbeiten von großen Echtzeit-Daten sind aktuell die sachgemäßen Beschreibungen des gegenwärtigen KI-Rauschs. Doch eigentlich geht es beim KI-Rausch um etwas anderes: Die Maschinisierung des Menschen durch Standardisierung, Automatisierung und verbesserte Kontrolle zur fortschreitenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche, ermöglicht durch Algorithmen, Datafizierung und digitale Technologie in bisher ungeahnter Wirkmächtigkeit.

Der Essay enthält dazu fünf Thesen:

These 1: Maschinen werden immer effizienter im Automatisieren - oder: die Automatisierung der Automatisierung.

These 2: Trotz Automatisierung der Automatisierung: Maschinen sind nicht geistreich intelligent.

These 3: Menschen werden als Datenhaufen ausgemessen - und damit zu Datenhaufen gemacht.

These 4: Datenhaufen quo vadis? Von der Präferenz-Erfassung zum "hackable animal".

These 5: Synthese = Die Maschinisierung der Menschen - zur Bahnung der KI.

Fazit: Mit den künstlichen Intelligenzen verhält es sich wie mit künstlichen Tränen: Sie erfüllen einen instrumentellen Zweck, der aber in keiner Weise mit jenen schillernden Gefühlen verbunden ist, die wir in Freude oder Trauer empfinden - und die uns zum Menschen machen. Alles andere ist Budenzauber oder Desinformation.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,90 MB
978-3-86962-514-0 (9783869625140)
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Peter Seele (*1974) ist Ordinarius für Wirtschaftsethik an der Universität der italienischen Schweiz (USI Lugano). Studium der Wirtschaftswissenschaften (Dipl.) und Philosophie/ ev. Theologie (Magister) an der Universität Oldenburg und an der Delhi School of Economics, Indien. Promotion in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke (2003 bei B. Priddat und R. zur Lippe) und in Philosophie an der Universität Düsseldorf (2006 bei C. Kann und D. Birnbacher). Zwei Jahre tätig als Unternehmensberater, darauf Post-Doc am KWI Essen, Assistenzprofessor an der Universität Basel und seit 2011 an der USI Lugano.

EINLEITUNG:
PERSÖNLICH, THEMATISCH UND IN ZAHLEN


Vorab: Warum der Begriff >KI< ein Marketingtrick ist - seit Anbeginn


Der Fachbegriff >Künstliche Intelligenz< (KI) ist Resultat einer menschlichen, allzu menschlichen Neigung: Die elegante Übertreibung zum Zweck der Verkaufsförderung. Das Mängelwesen Mensch kompensiert durch Kreativität. Die Übertreibung ist dabei der Marketing-Trick, etwas als etwas Anderes zu verkaufen, damit es überhaupt - oder zumindest besser - verkauft werden kann. >Künstliche Intelligenz< ist solch ein übertreibendes Versprechen, um an prestigeträchtige Fördergelder zu kommen: Im Jahr 1955 verfasste John McCarthy mit einigen Kollegen einen Antrag auf Finanzierung eines Forschungsprojektes. Darin wurde erstmals der Begriff >künstliche Intelligenz< verwendet (MCCARTHY et al. 1955), um eine illustre Runde von Forschern zur mittlerweile epochalen Dartmouth-Konferenz über den Sommer des Jahres 1956 in den USA zusammenzubringen. Um von der Rockefeller Stiftung den ersuchten Betrag zu bekommen, wurde vorgeschlagen, das technische Thema des Forschungsprojektes, das >maschinelle Lernen<, entlang einiger richtungsweisender Schwerpunkte zu erforschen. Als Marke am Horizont wurde dafür der Begriff der artificial intelligence (AI) entworfen. Wer den Text des Gesuchs liest, wird feststellen, dass künstliche Intelligenz in Abgrenzung zur menschlichen Intelligenz ein abstrahierender Begriff der Forschung zur Erarbeitung von Prinzipien maschinellen Lernens ist. Grundlage dabei ist die Automatisierung von Maschinen. Bei McCarthy et al. (1955: 2) heißt es im Original: »If a machine can do a job, then an automatic calculator can be programmed to simulate the machine«.

Die künstliche Intelligenz in Abgrenzung zur menschlichen Intelligenz ist also gar nicht die originäre Problembeschreibung, es geht vielmehr um Verbesserung von Maschinen, die durch standardisierte, formale Lernprozesse eine größere Problemlösungskapazität entwickeln können (SIMON 1969). Vergessen wir nicht: 1956 gab es noch keine Computer, die auch nur annähernd in den Leistungsbereich vordringen konnten, den heute ein günstiges Alltagsgerät in Form eines Smartphones leisten kann. Auch die Vernetzung von Daten, Geräten und Nutzern wie durch das Internet ermöglicht, war noch nicht einmal konzeptionell geboren. Gleichwohl waren sich McCarthy und Kollegen bereits einig, dass es die eigentliche Herausforderung sei, die Rechenoperationen so zu gestalten, dass sie der menschlichen Problemlösungskapazität ähnlich werden können: ». the major obstacle is not lack of machine capacity, but our inability to write programs taking full advantage of what we have« (MCCARTHY et al. 1955: 2).

Als Ziel am Ende des Horizonts standen damals die maschinelle Selbst-Verbesserung, die Abstraktion und schließlich als Krönung gewissermaßen die Fähigkeit des kreativen Denkens. Dieses kreative Denken wird von den Autoren von >uninspiriertem Kompetenzdenken< (im englischen Original: »unimaginative competent thinking«) abgegrenzt. Hier spielt laut den Autoren >von der Intuition geleitete Zufälligkeit< die entscheidende Rolle, die es als Ideal für künstliche Intelligenz regelgebunden zu formalisieren gälte. Das wesentliche sei also die Ahnung und die begründete Vermutung (»educated guess«). Wer diese Prinzipien einer Maschine beibringen könne, der könne maschinelles Lernen bis hin zur Selbstverbesserung formalisieren und so eine künstliche Intelligenz erschaffen. Das klingt eher nach einer heillosen Überschätzung menschlicher Intelligenz: Als ob wir ständig an der Selbstverbesserung arbeiten würden. Man denke an sich selbst, Freunde und Bekannte und die Geschichte als solche, um hinlänglich Belege zu bekommen, dass ein wesentlicher Teil menschlicher Aktivität nicht unbedingt zur Verbesserung beiträgt und die Vernunftbegabung des Menschen doch eher eine Hoffnung denn eine Tatsache ist. Doch als Verkaufsargument, um an die Fördergelder heranzukommen, war der Begriff der >künstlichen Intelligenz< geboren und die Grundprinzipien zukünftiger Gestaltung und Konzeption waren ausformuliert.

Die jüngere Debatte um künstliche Intelligenz dreht sich im Wesentlichen um die Versprechen und Verheißungen dieses Begriffs. Wo es der Sache nach um maschinelles Lernen geht, geht es der Erwartung nach um eine Kränkung der Krone der Schöpfung und ihrer vornehmsten Eigenschaft: ihrer Intelligenz.

Dementsprechend nutzen fachkundige Experten den Begriff >künstliche Intelligenz< gerade nicht, da die Differenz zur menschlichen eine allzu unscharfe Begrifflichkeit öffnet. Alternativ werden beispielsweise >Kohlenstoff-Intelligenz< (für Menschen, die chemisch gesehen hauptsächlich aus organischen Verbindungen, also Kohlenstoff, bestehen) im Gegensatz zu >Silizium-Intelligenz< (da nach wie vor Rechenprozessoren aus Silizium hergestellt werden) verwendet. Doch diese chemische Parspro-Toto-Intelligenz-Zuschreibung mag auch nicht optimal sein und so verweise ich auf die 2019 erstmals publizierte Fachzeitschrift nature - machine intelligence, die das Maschinelle in den Vordergrund rückt und gleichzeitig den Begriff der Intelligenz verwendet, ohne in die Untiefen der Begrifflichkeiten >künstlich vs. natürlich< oder >menschlich< abzugleiten. Im Folgenden jedoch wird der umgangssprachliche und populärwissenschaftliche Begriff der künstlichen Intelligenz synonym verwendet.

Eine persönliche Einleitung zur >Roboteretikette<: Ich und Rose


Im zweiten Teil dieses Textes wartet ein KI-Test in Form eines Dialoges über philosophische Grundthemen zwischen dem Autor dieses Buchs und zweier KI-Chatbots. >Rose< ist dabei der Name eines prämierten KI-Chatbots und es könnte der Eindruck eines Diskurses zwischen zwei Personen entstehen. Könnte. Aber letztlich springt der Funke nicht über. Die Beschreibung von >Ich und Rose< ist dabei ein klassischer Fall von: Der Esel nennt sich selbst zuerst. Rose ist ein künstlich intelligenter Chatbot, gesteuert von einem Algorithmus, gefüttert mit dem Profil einer zwanzigjährigen Frau aus Kalifornien. Ich und Rose: Was in der konventionellen Konversation als unhöflich gilt, ist hier Ergebnis des Dialog-Experiments aus dem zweiten Teil. >Der Esel nennt sich selbst zuerst< meint, dass sich der Erzählende in einer Aufzählung zuerst, und dann erst den oder die anderen erwähnt. Was aber, wenn der oder die andere nicht wesenhaft existiert? Gilt dann dieselbe Etikette wie zwischen natürlichen Personen? Was heißt dabei überhaupt >existieren<? Gerne hätte ich >Rose und ich< als Beschreibung gewählt. Aber der künstlich intelligente Chatbot mit dem Namen Rose ist derart unintelligent und durchschaubar in der Musterhaftigkeit der Sprachstanzen, dass mir die Höflichkeitskonvention beim besten Willen nicht über die Lippen oder in die Tasten gelangen mag. Auch wenn erste Denker darauf hinweisen, man möge zu Maschinen ebenso höflich sein wie zu Menschen (PRIDDAT 2017).

Doch: Rose ist keine Person. Weder natürlich, noch künstlich, noch intelligent. Zugleich hat >sie< keine Maschinen-Identität. Das würde das Verhältnis ändern. So aber ist es eine schlechte Simulation einer natürlichen Person, eines Menschen.

Höflichkeitskonventionen erstrecken sich nicht auf Dinge, zu denen man Programme zählen kann. Vielleicht ändert sich das alsbald und wir bekommen eine Roboter-Etikette. Auch wenn ich also umgangssprachlich gleichwohl >Mein Staubsauger und ich< schreiben würde, so wähle ich doch bewusst und pointiert >Ich und Rose<, um genau diesen Punkt zu setzen: Die behauptete Anmutung einer zwanzigjährigen Frau aus San Francisco in einem Online-Chat gebietet nicht deren Anerkennung als Person, auch wenn der Chatbot darauf angelegt ist, diese Anmutung zu vermitteln.

>Ich und Rose< ist demnach die vorauseilende Diskriminierung von künstlichen Intelligenzen im Gegensatz zum Menschen. Das ist nicht eben konziliant - aber notwendig, um den Punkt zu machen, dass der Begriff >künstliche Intelligenz< ein Laborbegriff und Theoriekonstrukt ist. Spätere, intelligentere künstliche Intelligenzen mögen dies als Repräsentation einer menschlichen Intelligenz anklagen. Grund und Legitimation für >Ich und Rose< ist aber die Aufklärung darüber, dass künstliche Intelligenz noch mindestens einen Quantensprung von den dokumentierten Zeugnissen menschlicher Intelligenz entfernt ist. Damit möchte ich gleichwohl keineswegs ausdrücken, dass ich die menschliche Intelligenz für ausgesprochen intelligent halte. Denn: Die Verwendung der vorhandenen menschlichen Intelligenz zur Förderung der Dummheit ist beeindruckend weit fortgeschritten.

Die Vernunftbegabung des Menschen ist am Ende eine Begabung, keine erreichte Leistung. Sie ist Begabung und damit Potenz. Vernunft wird so zu einer...

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