Der Mann, der Rockefeller war

Aufstieg und Fall eines bayerischen Hochstaplers
 
Mark Seal (Autor)
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 5. Dezember 2011 | 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-07187-5 (ISBN)
 
Das Buch zum Mordprozess des Jahres

In Kürze beginnt in den USA die Voranhörung. Anklage wegen Mordes? 2008 sorgte »Clark Rockefeller« erstmals für Schlagzeilen. Alle Medien berichteten über den spektakulären Fall: Der Spross des legendären Familienclans habe seine Tochter entführt und sei auf der Flucht! Doch Polizei und FBI standen vor einem Rätsel. Kein Wunder - denn sie suchten nach einem Mann, den es nicht gab. Clark Rockefeller war nur einer der vielen Namen, die sich Christian Gerhartsreiter aus dem bayerischen Bergen zugelegt hatte, der als 17jähriger in die USA eingereist war: Der Beginn einer brillanten Hochstaplerkarriere. Gerhartsreiter änderte seine Identität so schnell wie seine Brillengestelle. Er erlangte Zutritt zu den besten Kreisen, gab sich als Filmstudent und britischer Adeliger aus. 1995 heiratete er eine vermögende Harvard-Absolventin. Doch nun wird der bayerische Hochstapler wohl des Mordes an seinem ehemaligen Vermieter angeklagt. Die Beweislage scheint erdrückend. Und von der Frau des Vermieters fehlt bis heute jede Spur ...



Mark Seal arbeitet seit drei Jahrzehnten als Journalist, derzeit u.a. für Vanity Fair, und hat an zahlreichen Sachbüchern mitgearbeitet. Bei btb erscheinen »Ich gab mein Herz für Afrika. Das mutige Leben der Joan Root«, die Biographie der 2006 in Kenia ermordeten Tierfilmerin, und sein Buch über das spektakuläre Leben des deutschen Hochstaplers Christian Karl Gerhartsreiter, »Der Mann, der Rockfeller war. Aufstieg und Fall eines bayerischen Hochstaplers«, über das die New York Times urteilte: »spannender als jeder Thriller!«. Mark Seal lebt in Aspen, Colorado.
weitere Ausgaben werden ermittelt
KAPITEL ELF (S. 171-172)

»Die Gebeine von San Marino«


Ungefähr zur gleichen Zeit, als Clark Rockefeller sein neues Leben als Ehemann von Sandra Boss in New York begann, schickte das seit langem vermisste Ehepaar John und Linda Sohus ein Zeichen aus dem Jenseits. Das Verschwinden der beiden war mehr oder weniger in Vergessenheit geraten, und niemand kümmerte sich mehr darum. Schließlich handelte es sich um zwei relativ unbedeutende Leute, die schon bald auch von denen vergessen waren, die einmal mit ihnen zusammengearbeitet hatten. Nur eine Frau wollte das nicht so einfach akzeptieren: Lindas beste Freundin Sue Coffman.

Sobald die beiden mit ihrer irrwitzigen Geschichte, als Agenten für ein geheimes Regierungsprogramm zu arbeiten, verschwunden waren und nur noch bizarre Postkarten eintrafen, die Linda angeblich aus Paris geschickt hatte, wusste Coffman instinktiv, dass etwas nicht stimmen konnte. Es entstand »ein großes Loch in meinem Leben, ein großes Fragezeichen in meinem Kopf«, pflegte sie jedem zu erklären, der ihr zuhörte. Manchmal glaubte sie den Verstand zu verlieren, bei dem Versuch, die vielen scheinbar unlösbaren Fragen zu beantworten und das Rätsel des Verschwindens ihrer Freundin zu lösen.

»Ich habe oft davon geträumt«, erzählte sie, als wir in ihrem Wohnzimmer in Orange in Kalifornien saßen, unweit von Disneyland. Sue Coffman, eine schmale, gefühlvolle Frau, seit dem Verschwinden ihrer besten Freundin verheiratet und Mutter eines Sohnes, war auch noch viele Jahre später intensiv damit beschäftigt, Linda zu finden. Sie hatte eine Liste aller Vorfälle, die vor dem Verschwinden Lindas passiert waren, erstellt und ausgedruckt und zeigte mir nicht nur diese, sondern auch Fotos und andere für den Fall relevante Dinge, die sie gesammelt hatte. Mittlerweile waren beinahe dreißig Jahre seit Lindas Verschwinden vergangen.

Linda Sohus habe stets im Mittelpunkt dieser Träume gestanden, erzählte sie, und ich versuchte mir die große, rothaarige Künstlerin und Science-Fiction-Liebhaberin vorzustellen, wie sie durch die Träume ihrer Freundin wie eines ihrer hübschen gezeichneten Pferde flog. »Linda tauchte immer wieder plötzlich in meinen Träumen auf und fragte: ›Weswegen machst du dir Sorgen? Ich bin doch hier.‹« »Und warum hast du mich nicht angerufen?«, fragte Sue immer. »Ich hatte so viel zu tun«, antwortete Linda dann. Sue Coffman sah ihre Träume als Omen, als Hinweise darauf, bei der Polizei nicht lockerzulassen, sondern sie immer wieder mit Fragen nach Linda zu bombardieren. »In meinen Träumen war ich immer sehr aufgeregt, da mir gar nicht bewusst war, dass ich träume. Es fühlte sich genauso an, wie wenn ich jetzt hier sitze und mich mit Ihnen unterhalte.«

Ihre ständigen Nachfragen bei der Polizei bewirkten, dass man den Fall als Vermisstenanzeige wieder aufrollen wollte. Aber es fand sich keine neue Spur. Sue las mir aus dem Bericht eines Beamten zu Beginn des Falles vor: »Er schreibt: ›Sie ist über einundzwanzig. Sie kann verschwinden, wann sie will, und gehen, wohin sie will. Es gibt nichts zu ermitteln.‹ Dann meinte er zu mir: ›Machen Sie sich keine Sorgen, und hören Sie endlich auf, nach ihr zu suchen.‹ Seine Ermittlungen ergaben, dass John und Linda in Frankreich lebten und nichts mehr von ihrem alten Leben wissen wollten.«

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