Der Junge mit den lichten Augen - Aus dem Tagebuch eines hellsichtigen Jungen

 
 
Aquamarin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Juli 2020
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-96861-165-5 (ISBN)
 

Ein kleiner Tagebuchschreiber, von Geburt an hellsichtig, erkennt nicht, dass seine Fähigkeiten eine besondere Gabe darstellen. Er wundert sich, wenn seine kleine Schwester nicht die „Lichter" (Aura) um andere Menschen sieht. Es ist ihm unbegreiflich, warum er bestraft wird, wenn er von seinen Spielkameraden, den Elfen und Zwergen, berichtet. Dieses Buch ist erfüllt von herzerfrischender Menschlichkeit, übersprudelnder Situationskomik und tiefer Weisheit. Sie werden es lieben, darüber lachen, aus ihm lernen - und es immer wieder zur Hand nehmen, denn so werden die Kinder der Zukunft sein!

1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,48 MB
978-3-96861-165-5 (9783968611655)
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1885

1. Januar

Arnold, mein bester Freund, sagte, er wolle im neuen Jahr ein Tagebuch führen, und so sagte ich, dass ich auch eines führen wolle. Ich hoffte, es würde eines Tages gedruckt werden, so wie das Tagebuch von Herrn Pepys, das in Papas Regal stand. Als ich dies Mildred (meiner älteren Schwester) erzählte, wettete sie mit mir um Bonbons für einen Penny, dass ich in einer Woche damit aufhörte. Doch als ich mich an Papa und Mama wandte, meinte Papa: »Ja, mein Junge, es ist schön, dass du ein Tagebuch führen willst. Denke aber daran - eine Sache, die man beginnt, ist es wert, mit Aufmerksamkeit getan zu werden. Halte dich daran, und wenn du nicht weißt, wie man ein Wort buchstabiert, dann frage jemanden, der es weiß.« Mama sprach: »Vergiss nicht, was Vater sagte.« Also antwortete ich, dass ich immer daran denken würde, obwohl ich mich ziemlich angegriffen fühlte, denn ich kann nichts tun, ohne dass meine Eltern versuchen, mir eine Lektion zu erteilen. Mildred ist mieser Laune, da man uns soeben berichtete, dass unser Unterricht am Dienstag beginnt. Mildred meint, es wäre schrecklich unfair von Papa, unsere Ferien zu kürzen; die Schulferien wären auch länger. Papa hält nichts von langen Ferien. Kinder kommen nur auf dumme Gedanken, wenn sie nichts zu tun haben. Mildred nennt Papa einen alten Sklaventreiber. Wie ärgerlich wäre er, wenn er das wüsste . Mir fällt heute nichts mehr ein.

2. Januar

Papa stand heute mit dem verkehrten Bein auf. Er klagte über Leberbeschwerden und schimpfte mit Mama. Der Schinken sei salzig, die Eier zu hart und überhaupt. Ich fühlte mich unwohl und dachte, es wäre nicht fair, denn es war Susans Fehler und nicht der meiner Mutter. Es ist nicht Vaters Aufgabe, sich um diese Dinge zu kümmern. Außerdem war Papa wütend, da der Kater ins Haus gepinkelt hatte. Wir sollten keine Haustiere halten, wenn wir nicht imstande seien, sie bessere Manieren zu lehren. Dann reagierte Mildred sauer. Wir könnten nichts dafür, wenn der Kater Durchfall habe. Zur Strafe für dieses Benehmen ließ Mama Mildred etwas auswendig lernen. Ich wünschte, Mildred würde sich Vater gegenüber keine solchen Freiheiten herausnehmen. Ich weiß, dass Papas Lichter schmutzig sind, wenn er es mit der Leber hat - und sie sollte das auch wissen. Es hat keinen Sinn, mit Mildred darüber zu reden. Sie sagt dann nur, ich solle meinen Mund halten.

4. Januar

Man verlangt von mir, am Sonntag nur über heilige Dinge in meinem Tagebuch zu schreiben, über die Kirche und all das. Über die anderen Dinge könne ich am nächsten Tage berichten, wenn ich wolle. Heute, nach dem Gottesdienst, fragte ich, was es bedeute »Ehebruch zu begehen«. Papa schaute irgendwie zur Decke hoch und fragte: »Was nun?« Mama wurde rot und bemerkte: »Frag nicht so viel!« Von Janet waren Geräusche zu vernehmen. Sie verließ das Zimmer Hals über Kopf, und wir hörten, wie sie vor der Tür in Lachen ausbrach.

Mildred und ich kicherten. Mama runzelte die Stirn und wies uns zurecht. Als ich Mildred fragte, ob sie mir die Bedeutung erklären könne, meinte sie, sie wisse es nicht. Ich fand dies sehr seltsam. Ehebruch kommt in den »Zehn Geboten« vor; der Pfarrer spricht darüber in der Kirche.

5. Januar

Mama nahm mich mit zum Zahnarzt, damit dieser meinen Zahn mit einem Zeug wie Silberpapier fülle. Ich fragte ihn, ob er gerne Zahnarzt wäre, ob es ihm Spaß mache, im Mund anderer Leute herumzustochern. Er habe nichts dagegen, sprach er. »Aber es muss doch schrecklich sein, wenn die Leute Zwiebeln gegessen haben.« Er lachte etwas und bemerkte, dass es dann nicht so angenehm sei. Mama lachte auch, sah jedoch aus, als ob es besser gewesen wäre, ich hätte diese Bemerkung nicht gemacht. Nur das gemeine Volk isst Zwiebeln. Als wir nach Hause kamen, wollte ich zum Spaß auch Zahnarzt spielen, um etwas Taschengeld zu verdienen. Ich nahm etwas Silberpapier aus einer alten Schokoladenschachtel und formte daraus kleine Kügelchen, um die Zähne damit zu füllen. Anschließend sagte ich Susan (der Köchin), dass ich für zwei Pennys ihre Zähne plombieren würde, wenn sie Zahnschmerzen hätte. Daraufhin erfuhr ich von Mildred, dass Susan falsche Zähne hat, die nicht plombiert werden müssen. Ich war enttäuscht.

8. Januar

Ich sagte Mildred heute, dass ich meine Wette gewonnen habe. Es ist mir nicht zu viel, ein Tagebuch zu führen. Mildred war nur bereit, mir die Bonbons zu geben, wenn ich sie sehen ließe, was ich geschrieben hatte.

Dies sei unfair, denn es sei privat, erklärte ich. So schnappte sie mir das Tagebuch weg und begann zu lesen. Sie lachte und stellte fest, ich wüsste nicht einmal, wie man manche Sachen schreibe. Sie schnitt Grimassen und warf mir das Buch ins Gesicht. Ich wollte, ich wäre vier Jahre älter als sie; ich würde es ihr schon zeigen .

Mama sah heute schlecht aus. Sie seufzte beim Essen und sagte, wie schon so oft: »Ich wünschte, wir könnten ohne Essen auskommen.« Mir geht es so, wenn es kaltes Hammelfleisch oder diesen schrecklichen Reispudding gibt. Vor Beginn des Nachmittagunterrichtes vertrug ich mich wieder mit Mildred. Ich erließ ihr die Bonbons gegen das Versprechen, nicht wieder in meinem Tagebuch zu lesen. Sie versprach es. Ich verstecke es trotzdem, um sicher zu sein.

Heute begannen wir wieder den Unterricht mit der Heiligen Schrift. Ich freue mich immer, wenn von Jesus die Rede ist und nicht von Jehova. Ich glaube, Jehova ist ein furchtbarer alter Herr. Ich liebe Jesus. Heute Morgen lasen wir über die Beschneidung Jesu. Ich habe soeben in der Bibel nachgesehen, denn ich weiß nicht, wie man es schreibt. Natürlich mussten wir Fräulein Griffin fragen, was eine Beschneidung sei. Sie antwortete, sie sei nicht ganz sicher, glaube jedoch, dass man etwas Haut aus der Stirn des Babys schneide und es so eine Narbe gebe. Mildred erwiderte, dies müsse ja furchtbar wehgetan haben und ob man dem Baby Chloroform gegeben habe. Fräulein Griffin begann sich anscheinend unbehaglich zu fühlen und sagte Nein.

Anschließend wollte ich über Ehebruch fragen, da Mama es mir nicht sagen wollte. Fräulein Griffin errötete nur und antwortete, wir würden dies besser verstehen, wenn wir erwachsen wären, und putzte ihre Nase. »Sie könnten uns aber wenigstens erzählen, ob Sie jemals Ehebruch begingen«, sprach Mildred. »Gütiger Himmel, natürlich nicht«, rief sie aus und wurde rot wie eine Tomate. »Dann bin ich sicher, dass Sie uns sagen können, was es bedeutet.« Mildred ließ nicht locker. »Wenn Sie es nicht tun, schaue ich einfach im Wörterbuch nach.« »Ich verbiete dir, solches zu tun. Wenn du es also wirklich wissen willst, ziehe ich vor, es dir selbst zu erklären. Wenn ein Mann so böse ist, eine Frau heiraten zu wollen, welche bereits verheiratet ist, so nennt man das Ehebruch begehen.« »Ist das wirklich alles«, wollte Mildred wissen. »Warum wollten Sie es uns dann nicht gleich sagen?« »Es machte Ihnen nichts aus, uns neulich über Kain und Abel zu erzählen. Es wäre aber schlimmer, wenn ich Mildred töten würde, anstatt Tante Maude zu heiraten, die mit Onkel John verheiratet ist«, bemerkte ich. »Niemand heiratet jemals seine Tante«, stellte Fräulein Griffin fest und wurde erneut verlegen. Fräulein Griffin verkrampft sich immer, wenn sie verlegen ist. (Arme verklemmte Jungfer ohne einen Funken Humor. Ihre Versuche, sich aus der schlimmen Lage zu befreien, in die wir sie gebracht hatten, machten zum Schluss nur alles schlimmer). Nachdem Fräulein Griffin gegangen war, benahm Mildred sich sehr ungehorsam und begab sich geradewegs zum Wörterbuch, um unter Ehebruch nachzusehen. Sie wusste aber nicht, was nur ein einziges der Wörter bedeuten sollte; ich wusste es auch nicht.

18. Januar

Während des Frühstücks erzählte ich Mama, dass ich gerne zu meinem Geburtstag ein Kästchen mit Schlüssel hätte; ich hatte dergleichen in einem Spielzeugladen gesehen. Als Mama wissen wollte wozu, sagte ich ihr, dass ich darin mein Tagebuch aufbewahren wollte. Daraufhin lachte sie. Ich würde das Kästchen bekommen, wenn ich ein lieber Junge wäre. Heute Nachmittag war Mama zu Hause, und es kamen etwa fünfzig alte Damen (eine riesige Übertreibung). Sie machten im Wohnzimmer schrecklichen Lärm, etwa so wie beim Turmbau zu Babel. Mama erschien mit einem sehr roten Gesicht in der Halle; sie errötet immer, wenn viele Leute da sind. Sie schrie, wir möchten herunterkommen, um die alte Frau Bennett zu begrüßen. (Meine Mutter schrie niemals, sie rief uns sehr melodisch.) Nachdem wir also Frau Bennett und alle anderen begrüßt hatten und ich mich bereits sehr unbehaglich fühlte, ließ uns Mama wieder gehen. Das war alles.

Als Mama danach ins Kinderzimmer kam, fragte ich sie, wer die alte Schachtel mit Augenbrauen wie Papas Bart gewesen wäre. Mama erkundigte sich, wo ich dies aufgeschnappt hätte. So berichtete ich ihr, dass Hobbs (der Gärtner) die Leute immer so nannte. Sie entgegnete, dass solches sehr ungezogen sei und sie diese Worte von mir nie wieder hören wolle. Ich schreibe so etwas mit Vergnügen in mein Tagebuch. Ich sehe keinen Grund, warum ich es nicht tun sollte.

20. Januar

Heute gingen wir zur Tanzstunde, und ich habe mich wieder verliebt. Sie heißt Florrie, hat ein süßes Gesicht und sanfte blaue Augen. Mildred sagt, sie wäre sechzehn. Ich wünschte, ich könnte sie weinen sehen. Es wird mir heute Abend nicht so viel ausmachen, zu Bett zu gehen. Ich kann dann an sie denken, mir vorstellen, dass sie weint, ich sie dann umarme und sie bitte, nicht mehr zu weinen . (Seit meinem vierten Lebensjahr verliebte ich mich immer in Mädchen, die viel älter als ich waren. Ich stellte mir sie immer verzweifelt vor, so dass ich die Rolle des Trösters spielen konnte. Manchmal genügte als Grund, mich zu verlieben,...

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