Der Zentaur im Garten

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. September 2013
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81231-2 (ISBN)
 
"Der angesehenste Schriftsteller Brasiliens!"
The New York Times

Ganz in der Tradition lateinamerikanischer Literatur steht dieser hochgerühmte Roman, dessen Übersetzung in den achtziger Jahren erschien. Scliar erzählt mit großer Fabulierlust die unglaubliche Geschichte von Guedali Tartakovsky. Als Zentaur geboren, ist der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in Brasilien in doppelter Hinsicht fremd. Guedali sucht Trost in Büchern, bis ihn die Abenteuerlust packt und er sich auf eine tollkühne Reise macht.
Eine großartige Wiederentdeckung.

Guedalis Vermutung, dass ein gefährliches Leben gleichsam ein intensiveres ist, bewahrheitet sich aufs schönste. Nach allerlei Eskapaden, darunter ein kurzfristiger Aufenthalt beim Zirkus, wo man den Zentauren als Attraktion begrüßt, bis man bemerkt, dass er echt ist, trifft Guedali tatsächlich auf ein weibliches Pendant. Tita wird zu seiner Gemahlin, und alles könnte gut sein, wäre sie nicht von dem Wunsch besessen, sich ihres Pferdeparts zu entledigen. Tragikomisch beschreibt Scliar das Schicksal der Außenseiter und nutzt die Sicht des Zentauren zur Verfremdung des Alltäglichen. Auf vergnügliche Weise macht er dadurch die Erfahrungen all jener greifbar, die der Norm nicht entsprechen. Ein überbordender Roman voller Phantasie, Philosophie und Erotik.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,86 MB
978-3-455-81231-2 (9783455812312)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Moacyr Scliar (1937-2011) wurde als Sohn einer jüdischen Familie in Porto Alegre, Brasilien, geboren. Er studierte Medizin und schloss sein Studium 1962 in Israel ab. Im selben Jahr erschien sein erstes Buch. Neben Romanen veröffentlichte er Erzählungen, Kinderbücher und Essays. Er wurde in die brasilianische Akademie der Literatur gewählt und erhielt für seine Werke zahlreiche Auszeichnungen, darunter mehrmals den brasilianischen Literaturpreis Prêmio Jabuti de Literatura. Der Zentaur im Garten erschien erstmals 1985 auf Deutsch.

São Paulo Tunesisches Restaurant »Garten der Köstlichkeiten«


21. September 1973

Kein Galopp jetzt mehr. Jetzt ist alles gut.

Jetzt sind wir wie alle anderen. Niemand wundert sich mehr über uns. Vorbei die Zeit, wo man uns als sonderbar bezeichnete – weil wir niemals an den Strand gingen, weil Tita, meine Frau, immer Hosen trug. Sonderbar, wir? Nein. Vergangene Woche kam der Geisterbeschwörer Peri zu Tita, der allerdings ist sonderbar – ein kleiner, schlanker Indiomischling mit spärlichem Bartwuchs, behängt mit Ketten und Ringen, einen Stab in der Hand und dazu kaum zu verstehen. Man mag sich ja wundern, dass ein so seltsamer Mensch zu uns kommt; aber schließlich kann jeder an der Tür klingeln. Und außerdem – sonderbar gekleidet war er, nicht wir. Wir? Nein. Wir sehen ganz normal aus.

Nun sitzen wir hier mit unseren Kindern und unseren Freunden und den Kindern unserer Freunde und essen im tunesischen Restaurant zu Abend. Früher kamen wir häufiger hierher. Nachdem Tita und ich nach Porto Alegre umgezogen sind, wurden diese Abendessen seltener, dafür sind sie jetzt Anlass, den alten Kreis zusammenzubringen. Heute übrigens aus einem besonderen Grund: Ich habe Geburtstag. Achtunddreißig Jahre. Achtunddreißig, das war das Kaliber der Revolver, die die Wachposten im Wohnpark benutzten, falls ich mich recht entsinne. Ein prächtiges Alter. Ein Alter der Reife, aber auch der Kraft; in diesem Alter hat man viel Verständnis und weiß gute Dinge zu schätzen, wie dieses ausgezeichnete Essen im »Garten der Köstlichkeiten«, ein angenehmes Lokal, wo man sich wie zu Hause fühlt. Auch wenn mir eben gerade beim Anblick des arabischen Kellners mulmig geworden ist. Unsere erste Reise nach Marokko fiel mir ein, der ekelerregende Gestank auf dem Schiff. Das brachte mich aus dem Gleichgewicht, ich zitterte sogar. Paulo, der an dem langen Tisch neben mir saß, sagte: Guedali, du bist ja ganz blass! Es ist nichts, antwortete ich, nur ein leichtes Unwohlsein, schon vorbei, es ist schon wieder gut. Bei der Gelegenheit fragte er mich, ob ich noch immer laufen gehe, wie wir es früher gemeinsam getan haben. Leicht verschämt gestehe ich, dass ich es nicht mehr tue. Seit geraumer Zeit laufe ich nicht mehr, treibe keinen Sport mehr. Ich bin nur häufiger mit meinen Söhnen, begeisterten Fans des Sportclubs von Porto Alegre, zum Fußball gegangen, das ist alles. Ach so, sagt Paulo triumphierend, deshalb hast du so einen Bauch und deshalb fühlst du dich nicht wohl. Sieh mich an, Guedali, ich bin in bester Form. Ich laufe nach wie vor jeden Abend, ganz regelmäßig. Du darfst nicht aufhören, Guedali. Geh laufen, Mann, gib dir einen Ruck. Nicht wegen des Joggens, sondern wegen der Herausforderung. Ein Leben ohne Herausforderungen ist sinnlos. Hör auf den alten Paulo, deinen Freund.

Recht hat er, der Paulo. Ich muss laufen. Ich habe schon daran gedacht, es auf der Fazenda zu tun, meinem Besitz in der Nähe von Quatro Irmãos im Inneren des Bundesstaates Rio Grande do Sul. Aber da sind jetzt alle Felder bestellt, da ist kein Platz zum Laufen. Es sind übrigens prächtige Sojafelder, die ich da habe. Versorgt wird der Hof von meinem Bruder Bernardo. Alle sagten, es sei Wahnsinn, in die Landwirtschaft einzusteigen, und dann noch mit einem so unsteten Menschen wie Bernardo, der jederzeit bereit sei, alles stehen und liegen zu lassen, um durch Brasilien zu ziehen. Aber als er zu mir kam und mich um Hilfe bat, beschloss ich, es zu riskieren. Und es ging gut. Bernardo erwies sich als landwirtschaftlicher Unternehmer ersten Ranges. Er hat Maschinen angeschafft, sich von einem Agronomen bei dem Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln beraten lassen und hält die Angestellten an der Kandare – kurz, er sorgt dafür, dass die Sache läuft.

 

Der alte Paulo. Ein guter Freund, ein guter Geschäftspartner. Seinem Weitblick ist es zu verdanken, dass wir in den Export eingestiegen sind. Eine großartige Idee. Das hat uns gerettet, denn unsere Geschäfte gingen schlecht, damals, als ich noch in São Paulo wohnte. Wir haben in der letzten Zeit irrsinnig viel verkauft, vor allem nach Marokko, wo ich gute Kontakte habe.

 

Ein wirklich guter Freund, der Paulo. Paulo und Fernanda, Júlio und Bela, Armando und Beatriz, Joel und Tânia … Alles gute Freunde. Es ist schön, mit Freunden zusammen zu sein, Wein zu trinken – der hier ist kräftig, aber süffig – und in pittoresker, gemütlicher Umgebung zu sitzen. Ja, es ist schön, hier in diesem tunesischen Restaurant zu sitzen.

Was in diesem Augenblick etwas stört, ist die schrille, viel zu laute arabische Musik. Aber selbst das hat etwas für sich; falls dort draußen über der hohen Palme, die man vom Fenster aus sieht, Flügel rauschen – ich weiß es nicht, ich kann es nicht hören. Das Geräusch, das ich höre, ist wohl der Wind, ein heißer Wind, der seit dem Nachmittag geht. Bestimmt gibt es Regen.

Tita, die mir gegenübersitzt, lächelt. Sie wird immer hübscher. Sie hat Schlimmes durchgemacht, man sieht es an ihren Falten. Aber dadurch ist ihre Schönheit gereift, sie ist tiefgründiger geworden und sanfter. Geliebte Tita, geliebte kleine Frau.

Zu meiner Linken unsere Kinder, die Zwillinge. Seit einer halben Stunde tuscheln sie miteinander, diese Satansbraten. Bestimmt hecken sie wieder irgendeinen Streich aus, das würde ihnen ähnlich sehen. Es sind gut geratene Jungen, intelligent und fleißig. Und wie sie wachsen! Bald werden sie größer sein als ich – und ich bin schon sehr groß. Es ist bereits so weit, dass sie ein Auto haben wollen; demnächst werden sie mir ihre Freundinnen vorstellen. Nicht mehr lange und sie heiraten. Nicht mehr lange und ich bin Großvater. Na gut, alles in Ordnung.

Das heißt, fast alles ist in Ordnung. Da sind noch ein paar Dinge, die mir zu schaffen machen. Meine Schlafstörungen, mein unruhiger Schlaf. Alle Augenblicke wache ich nachts mit dem Gefühl auf, ein merkwürdiges Geräusch gehört zu haben (das Rauschen der Flügel des geflügelten Pferdes?). Aber das ist nur Einbildung. Tita, die ein ungewöhnlich scharfes Gehör besitzt, hat nichts gehört. Sie schläft ruhig. Und träumt. Ich brauche nicht ihr Lid anzuheben, nicht durch ihre Pupille zu sehen wie durch ein Fenster, um zu wissen, wovon sie träumt. Denn wenn man lange Zeit nebeneinander schläft, kommt es zu Traumübertragungen. Das Pferd, das ich eben noch zwischen Wolken dahinschweben sah, galoppiert jetzt über die Pampas ihrer Träume. Und es stört sie nicht. Es sind meine Träume, an denen etwas geändert werden muss: Ich muss mein Pferd festhalten und es seines merkwürdigen Beiwerks entledigen. Oder es total aus meinen Träumen verbannen. Es gibt Schlafmittel, die speziell für diesen Zweck entwickelt wurden.

Außerdem passieren mir merkwürdige Dinge, die wie bedrohliche Zeichen wirken. Zum Beispiel:

Eben gerade habe ich auf der Papierserviette gekritzelt, mit dem goldenen Stift, den ich von meinen Freunden geschenkt bekommen habe, ein wunderschöner importierter Stift. Und dann ertappte ich mich dabei, dass ich den Satz Jetzt ist alles gut schrieb, einen absolut banalen Satz – aber mit grotesken, eckigen Buchstaben. Welche Kraft, welcher Magnetismus mag die Hand geführt haben, die diese Linien gezogen hat? Ich weiß es nicht. Ich muss gestehen, ich weiß es nicht, trotz meiner achtunddreißig Jahre, trotz allem, was ich erlebt habe – und das sind äußerst ungewöhnliche Dinge. Es gibt noch vieles in mir, was nicht bekannt ist, viele Geheimnisse. Wäre es nicht an der Zeit, die Schleusen zu öffnen, alles heraussprudeln zu lassen? Gestern habe ich im Fernsehen Aufnahmen von einer Überschwemmung gesehen. Tiere schwammen in dem schlammigen Wasser, suchten Zuflucht in den Baumwipfeln, die noch aus dem Wasser ragten. Das nasse Gesicht eines Affen beeindruckte mich ganz besonders, diese hilflose Unschuld. Wäre es nicht angebracht, das alles meinen Freunden zu erzählen? Es gibt nichts zu befürchten. Kein Schwanz wird sich erheben, um die Fliegen zu verscheuchen, die um mich herumtanzen. Apropos Fliegen, daran mangelt es hier wirklich nicht. Diese Leute hier können kochen, aber das Lokal ist nicht gerade eines der saubersten; bestimmt werfen sie Reste in den Hinterhof. Dennoch muss man die Augen zudrücken und darf sich nicht beschweren. Sie sind leicht reizbar und rachsüchtig. Gestern noch jagten sie auf Kamelen durch die Wüstendünen, ihre langen Burnusse flatterten im Wind. Sie wurden verraten und schworen Rache; bei der ersten Gelegenheit erdolchten sie ihre Feinde. Sie sind Berber. Natürlich reiten sie nicht mehr auf Kamelen; wenn sie das Restaurant schließen, fahren sie mit dem Auto nach Hause. Aber (vielleicht ist das jüdische Paranoia) ich sehe noch immer ein unheilvolles Funkeln in ihrem Blick.

Ja doch, ich kann alles erzählen. Bescheiden, aber selbstbewusst. Würdevoll. Ohne Anlass zu Spötteleien zu geben, ohne Wortspiele zuzulassen. Keine Anspielungen auf die Cavalleria rusticana oder auf Buridans Esel. Wenn Indianer in meiner Geschichte vorkommen – und 1935 gab es noch Indianer in der Gegend von Quatro Irmãos –, dann werden sie nicht zu Pferd kommen wie die kämpferischen Charruas, sondern zu Fuß, demütig (wenngleich geheimnisvoll) und um Arbeit bitten.

Ich werde nicht von den inneren Pferden sprechen, die in uns galoppieren – ich weiß nicht, ob es sie wirklich gibt. Und für mich ist es auch keine Kavalkade, der unaufhaltsame Gang der Geschichte in Richtung auf ein Schicksal, von dem ich nicht weiß, wie es aussehen wird. Ich sehe keinen Grund, den unaufhaltsamen Gang der Geschichte als etwas anderes zu bezeichnen als unaufhaltsamen Gang der...

»Eine unglaubliche Geschichte,
die das Gefühl des Fremdseins mythisch-fantastisch verwandelt.«
 
»Er hat nichts von seiner
Schönheit und Aussagekraft eingebüßt.«

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