Der Freiwillige

Roman
 
 
Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 3. Mai 2021
  • |
  • 688 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-8025-7 (ISBN)
 
Der Junge weint zum Steinerweichen. Er ist mit ein paar Dollar in der Tasche am Flughafen Hamburg ausgesetzt worden. Niemand versteht, was der verzweifelte Kleine sagt, also verstummt er, und dieser Roman muss seine Geschichte für ihn erzählen. Sie beginnt zwei Generationen vorher, als sich ein Mann aus einer Laune heraus freiwillig für den Vietnamkrieg meldet ... Eine moderne Odyssee, die sich über ein halbes Jahrhundert erstreckt. Über den Krieg und seine Folgen im Frieden - emotional und klug lotet Scibona aus, wie wir unsere wahren Familien gleichermaßen erfinden und entdecken.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 4,23 MB
978-3-8270-8025-7 (9783827080257)
Salvatore Scibona, 1975 in Cleveland geboren, ist einer der wichtigsten amerikanischen Autoren der jüngeren Generation. Scibona wuchs im großen Kreise seiner italienischstämmigen Familie auf. Vor allem seine Großeltern, von denen er viele Geschichten erzählt bekam, beeinflussten sein späteres Schreiben. Bereits mit seinem ersten Roman, "Das Ende" wurde er für den National Book Award nominiert. "Der Freiwillige" ist sein zweites Buch. Salvatore Scibona lebt in New York City.

1


Tilly erzählte den Leuten, er käme aus Davenport, Iowa. Sein Geburts- und sein Taufschein waren auf eine Adresse in Davenport in der Greeley Street 14 ausgestellt. Wenn jemand auf die Idee gekommen wäre anzumerken, dass eine solche Straße auf neueren Stadtplänen nicht existierte, hätte er gesagt, es sei eine Vorfahrtsstraße, die zwischen einer Ansammlung von Hütten im Überschwemmungsgebiet hindurchführte; Post werde dort nicht zugestellt. In den Urkunden hieß es, er sei das Kind einer gewissen Ida Elizabeth Tilly, zwanzig Jahre alt, Vater unbekannt, geboren am 14. November 1948. In seinen Entlassungspapieren aus dem Marine Corps wurde das gleiche Datum genannt, allerdings mit dem Jahr 1947. Davon abgesehen stimmten die Angaben in allen seinen wichtigen Papieren überein.

In Wahrheit hatte eine Person namens Ida Tilly niemals gelebt. Der Mensch, der zu Dwight Elliot Tilly werden sollte, war nicht 1948 oder 47 geboren, sondern 1950. Nicht in der Stadt Davenport, sondern auf einer 112 Hektar großen Farm in der Prärie nördlich davon, mit Calamus als nächstgelegenem Ort. Nicht als Kind von Ida Tilly, sondern von Annie Frade, sechsundvierzig, und Potter Frade, dreiundfünfzig.

Die Frades hatten erst ein Jahr davor geheiratet, beide zum ersten Mal. Eine Mischehe, sie Katholikin, er Presbyterianer. Als sie am Morgen nach der Hochzeitsnacht aufwachten, waren sie beide sicher, dass sie die Sache falsch gemacht hatten. Fast alles, was sie darüber wussten, wussten sie von den Nutztieren. Welche weit hergeholten Hoffnungen sie auch immer gehabt haben mochten, dass in ihrem Alter aus ihren Bemühungen noch ein Kind hervorgehen könnte, beide genierten sich viel zu sehr, darüber zu sprechen.

Sie brachte den unwahrscheinlichen Jungen in der guten Stube der Frades zur Welt, wo sie den Teppich mit den Zeitungsseiten aus dem Quad County Advertiser abgedeckt hatten. Potter Frade, der sich mit Kälbergeburten auskannte, holte ihn, wischte ihn mit einem Küchenhandtuch sauber und pinselte ihm den Nabel mit Jod ein. Annie inspizierte ihn, stellte fest, dass alles in Ordnung war, und gab ihm die Brust, und er trank und boxte in die Luft. Er war zornig und kräftig. Wäre er ein Kalb gewesen, hätte er bereits gestanden. Aber er glich eher einem Gemüsesamen, der im Herbst in der Erde geblieben war, den Schnee überlebt und im Frühjahr von selbst ausgetrieben hatte. Sie riefen ihn Volunteer, den Freiwilligen, so wurden solche Überlebenskünstlersamen genannt. Später dann einfach Vollie. Seinen richtigen Namen benutzten sie nie.

Komisch, dass in seinen Urkunden Davenport als Geburtsstadt stand. Seine Mutter sprach von Davenport nur, um darüber zu schimpfen. Lediglich Finanziers und Chiropraktiker gediehen dort. Sogar der Mississippi sei in Davenport korrupt. Sie trinke dort kein Leitungswasser. Die Frades und die Marquettes, ihre eigene Familie, kämen nicht aus Davenport, schließlich kämen Fohlen ja auch nicht von Säuen.

Die Frades fuhren nur nach Davenport, um ihre diversen Hypotheken abzuzahlen. Annie saß am Steuer; Potter sah schon nicht mehr gut. Vollie stand bei seinem Vater auf dem Schoß und inspizierte die Landstraße, während Potter den Jungen am Hemd gepackt hielt, einen Arm um seinen Bauch gelegt, ihn hätschelte und ihm die Familiennamen der Anwesen beibrachte, an denen sie vorbeifuhren. Sein Vater zahlte alle seine Schulden (immer) persönlich. Annie leistete ihm Dienste als Prüferin von Verträgen und Rechnungen. Wenn seine Unterschrift auf einem Papier verlangt war, malte er ein Gebilde aus handfesten geraden und kurvigen Linien, eine Signatur, die in nichts den Worten »Potter Frade« ähnelte, sondern ein beliebiges Gekrakel darstellte, das einzige, das er sich je beigebracht hatte. Tilly hatte diese Unterschrift nie vergessen und konnte blitzschnell eine glaubhafte Version davon aufs Papier werfen: Seine Hand erinnerte sie wie eine Melodie auf dem Klavier. Doch ihren Ursprung kannte er nicht.

Dies war ihr Ursprung: Sein Vater hatte als Sechsjähriger in der Flat Rock Presbyterian Church gesessen und die goldgeprägten Buchstaben auf dem Rücken eines Gesangbuches mit dem Finger nachgezogen: Gott ist Liebe, stand da, aber das wusste der kleine Potter nicht. Nach einem halben Jahrhundert harter Arbeit war die Hand geschwollen und verdreht, und die Unterschrift ähnelte kein bisschen mehr dem ursprünglichen Satz, dessen Kopie sie einmal gewesen war. Stattdessen standen da die Runenzeichen des alten Potter Frade. Sie bedeuteten, Wir Werden Zahlen.

 

EIN WINTERMORGEN.

Alle drei Frades hatten den Kopf über ihr Frühstück gesenkt - Apfelmus, Schweinespeck, Toastbrot, Spiegeleier, Orangenmarmelade, Milch, Schmandkuchen, Kaffee. Annie Frade dankte für Gottes Gnade und für den Volunteer. Vollie dankte für seinen Taschenkamm und, nachdem er dazu aufgefordert wurde, für den Kuchen. Potter Frade hielt die Augen fest geschlossen, alle Aufmerksamkeit nach innen gerichtet. Sein alter Hals und sein alter, von silbrigem Haar umkränzter Kopf ragten aus seiner alten Jacke, der Kopf steinern und glänzend wie ein poliertes Fünfcentstück. Er sagte, Für ihre Färsen auf der Weide, für Annie, für den Jungen, für ihre Scheibenegge, für seine Knie.

Vollie aß seinen Teller leer und marschierte vier Kilometer über den eisweißen Kies am Rand der Farmwege zur Schule, einem Schindelhaus. Die Lehrerin, Miss Travers, rief die Schüler einzeln auf. Vier fehlten. Alle anwesenden Schüler zwischen sechs und vierzehn Jahren standen mit der Hand auf dem Herzen da und schworen der Flagge der Republik ihre Treue. In der Mittagspause unter dem Klettergerüst teilte das Quäkermädchen Carleen mit Vollie das große Stück Buttertoffee aus ihrem Henkelmann und er mit ihr sein Schinkensandwich. Ein schwarzer Wagen näherte sich durch den mittäglichen Schneematsch auf der Straße. Mr. Strieg, der Superintendent, kletterte heraus und hinkte eilig, sein knieloses, einer Kriegsverletzung geschuldetes berühmtes Holzbein schwingend, ins Schulgebäude. Als Carleen gerade nicht hinsah, wandte Vollie das Gesicht zu den dunklen Wolken hinauf und dankte Gott für all unsere Knie - die Knie seines Vaters, Carleens Knie und besonders für das Knie an Mr. Striegs anderem Bein, das noch funktionstüchtig war.

Kurz darauf kam Miss Travers heraus und blies die Trillerpfeife. Die Kinder versammelten sich im Klassenzimmer. Der Superintendent gab jedem ein Blatt mit blauen Anweisungen, noch feucht vom Vervielfältigungsapparat. Alle gingen sofort nach Hause. Sie sollten nicht zu zweit oder in Gruppen gehen.

Vollie fand seinen silbergrauen Vater in der Scheune und gab ihm das hektografierte Blatt. Der schaute eine Weile darauf oder knapp daneben, dann lächelte er, faltete es zweimal und stopfte es in die Tasche im Brustlatz seines Overalls, und das war das erste Mal, dass Vollie den Verdacht hegte, sein Vater könne nicht lesen. Später, beim Abendessen, wühlte der Alte in der Tasche, brachte das hektografierte Blatt zum Vorschein und reichte es der Mutter des Jungen, die es, da sie ihre Brille nicht aufhatte, am ausgestreckten Arm über den Tisch hielt.

Etwas war nicht in Ordnung.

Seine Mutter zog ihn sofort gleich da in der Küche aus. Sie ließ ihm ein Bad einlaufen. Sie sagte ihm, er solle sich gründlich schrubben, und eilte mit seinen Sachen davon.

Vollie badete, trocknete sich ab, stieg die Treppe hoch in sein Zimmer, wo die Scheibe des einzigen Fensters unnatürlich orange und blau zu flackern schien. Er ging hin und sah hinaus über die nächtlichen schneebedeckten Felder.

Was er dort sah, jenes schauerliche Ritual, grub sich tief in sein Bewusstsein ein, hinterließ seine Konturen in seinem tiefsten Inneren und verschwand im Nu: Schon am nächsten Morgen sollte er sich niemals wieder daran erinnern, was er gesehen, ja, dass er es überhaupt gesehen hatte. Aber der Eindruck sollte sich mit der Zeit verfestigen, und die Bedeutung, die der Eindruck in ihm hinterließ und als ein Gefühl zugleich vollkommener Angst und vollkommenen Friedens in ihm fortlebte, schien ganz und gar selbstverständlich und galt wahrscheinlich für jeden.

Im Hof sah er sich selbst in Flammen stehen.

Sein Vater stand an einem Ölfass. Daraus züngelten Flammen. Er hielt einen Schürhaken, an dessen Ende die brennende Gestalt hing, aufgespießt an der Schulterpartie, genau an der Stelle, an der sein Vater ihn immer festhielt, wenn sie im Auto fuhren. Aus den Ärmeln, dem Kragen loderten die Flammen empor. Vollie beobachtete, wie auch seine Beine Feuer fingen; die Asche der Hose schwebte in der Hitze. Seine Mutter kam mit seinen Schulschuhen aus dem Haus und warf sie ebenfalls ins Feuer.

Vollie stand in Unterwäsche oben am Fenster, erfasst von einer Angst, die die Göttin aller bisherigen Ängste war, sie alle in sich einschloss, sie zu jener vollkommenen Angst vereinigte, die sich in diesem Augenblick manifestierte: Sein Vater und seine Mutter verbrannten ihn bei lebendigem Leibe. Schwarzer Qualm, das Einzige, was von ihm blieb, stieg auf und verschwand im Nichts des nächtlichen Himmels. Dunkelheit - auf immer und ewig und ganz und gar. Und doch.

Und doch, wenn Vollie sich da draußen gerade in nichts auflöste, was war dann das mit Gliedmaßen ausgestattete Wesen im Inneren des Hauses, das alles dies beobachtete und vor Kälte zitterte und noch immer hungrig auf das Abendessen wartete?

Sein Ich war ein »wer«, das die Flammen verzehrt hatten; aber das Wesen war ein »was«, das sogar dies zu ertragen in der Lage war. Das Ich, das sein Alles gewesen zu sein schien, war nur ein Teil; er konnte es abstreifen und hinter sich lassen.

Ein Windstoß ließ das Haus erbeben und rüttelte an den...

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