Mit offenem Blick

Begegnungen mit fremden Kulturen
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. August 2020
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-12040-0 (ISBN)
 
In der Fremde lernen wir nicht nur unbekannte Kulturen kennen, sondern auch unsere eigene.

Gerhard Schweizer hat Europa und den Westen immer wieder hinter sich gelassen. Er ist nach Nordafrika, in dien Arabische Welt und nach Asien aufgebrochen, um unbekannte Welten zu erkunden. Eindrucksvoll schildert er Länder, Menschen und Abenteuer, die sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben.

Durch die weltweite Globalisierung und Vernetzung sind die Menschen immer näher zusammengerückt. Aber gleichzeitig fehlen uns ein tieferes Verständnis und die Akzeptanz für andere Kulturen. Nationalismus, Populismus und Rassismus sind auf dem Vormarsch. Und Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit sind in vielen Ländern Fremdwörter geblieben. Um die gegenwärtigen Entwicklungen, Veränderungen und Konflikte zu verstehen, brauchen wir eine breitere Kenntnis unseres eigenen und der fremden Kulturräume. Schlüsselbegriffe wie Individuum, Familie, Gesellschaft, Staat, Glaube und Freiheit haben von Land zu Land völlig andere Bedeutungen. Oft endet die Verständigung an deren Grenzen. Gerhard Schweizer plädiert für einen offenen Blick gegenüber dem Fremden, aber auch für eine reflektierte Wertschätzung der eigenen Kultur. Dies ist der Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander in den kommenden Jahrzehnten.
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Gerhard Schweizer, 1940 in Stuttgart menden Jahrzehnten. geboren, promovierte an der Universität Tübingen in Empirischer Kulturwissenschaft. Heute lebt er als freier Publizist in Wien. Er ist einer der führenden Experten für die Analyse der Kulturkonflikte zwischen Orient und Okzident und gilt als ausgewiesener Kenner der islamischen Welt.

Einleitung Über die eigene Kultur hinaus


Faszination und Irritation

Kamele und Dattelpalmen . Frauen in leuchtend bunten Saris, Männer mit Turban . Pagoden inmitten von Reisterrassen . Es sind stereotype Sehnsuchtsbilder für Reisende, die einen starken Kontrast zum eigenen Kulturraum suchen. Aber eine meiner ersten grundlegenden Erfahrungen unterwegs war, dass ich die größten Überraschungen nicht dann erlebte, wenn ich mich erwartungsvoll auf die Oberflächenexotik konzentrierte, die jeder Reiseprospekt anbietet. Die verblüffendsten Einsichten stellten sich vielmehr bei meinen zahlreichen, oft beiläufig erscheinenden Gesprächen mit Einheimischen ein.

So wurde ich anfangs meist gefragt, ob ich verheiratet sei, welchen Beruf ich ausübe, welcher Religion ich angehöre. Und solche Gespräche mündeten immer wieder in Diskussionen darüber, was die Unterschiede zwischen Menschen in westlichen Industriegesellschaften und denen in anderen Kulturen seien. Im Detail ging es um Differenzen im Verständnis von sozialem Leben, von Politik, von Religion, von Toleranz, von Freiheit, von Individualität. Gerade die Diskussionen, die sich meist zufällig in Eisenbahnabteilen, in Autobussen, in Teestuben, in Basaren, in religiösen Kultstätten ergaben, führten mich immer wieder über bisher vertraute Denkmuster hinaus.

Fremde Kulturen verstehen . Mit offenem Blick reisen, die Welt erfahren .

Im vorliegenden Buch schildere ich am Beispiel meiner Reisen, wie schwierig es ist, nun tatsächlich über die festgefügten Strukturen unseres eigenen Kulturraums hinauszudenken. Mögen auch die Städte weltweit in ihrem Erscheinungsbild mit Betonwohnblocks und Hochhäusern nach dem Vorbild westlicher Zivilisation immer gleichförmiger werden, mag auch die Kleidung im westlichen Stil global immer uniformer erscheinen, mag auch der Gebrauch einer international genormten Technik in die letzten Winkel der Welt vordringen - unter dem Firnis einer solchen Globalisierung überdauern trotzdem tiefgehende Unterschiede zwischen den einzelnen Kulturen. Diese Problemlage werde ich anhand zahlreicher Begegnungen während meiner Reisen veranschaulichen. Hierbei lege ich besonderes Gewicht auf Beobachtungen, wie sie jeder Reisende mit Lust am Entdecken, mit Neugier auf fremde Kulturen machen kann.

Je intensiver sich westliche Reisende - wie auch westliche Leser - auf die Begegnung mit fremden Kulturen einlassen, desto deutlicher wird für sie, dass die eigenen Maßstäbe ihre scheinbar objektive, scheinbar universale Allgemeingültigkeit verlieren. Ich versuche, die vorhandenen Vorurteile und Missverständnisse zu veranschaulichen, die sich bei dem Blick auf das Fremde ergeben, und beschreibe die Begegnung mit dem »ganz Anderen« als eine Selbsterfahrung mit vielen Entwicklungsstufen. In diesem Zusammenhang gehe ich auf den Grundgedanken ein, dass das Reisen in die Ferne auf erstaunlich verschlungenen Umwegen zu einer intensiven Begegnung mit der eigenen Kultur zurückführen kann. Der Umweg über die Ferne hilft, Europa und den »Westen« aus einer neuen Perspektive, von außen zu sehen und gerade auf diese Weise verändert wahrzunehmen.

Was bedeutet es, unverwechselbar ein Europäer zu sein - im Kontrast zu fremden Kulturen? Ich schildere Schauplätze von Nordafrika über Vorderasien und Indien bis in den Fernen Osten, weil ich diese seit nahezu sechzig Jahren aus eigener Erfahrung kenne - und dabei Europa verstehen gelernt und mich selbst als Europäer entdeckt habe.[1] Die Begegnung mit fremden Kulturen bedeutet gerade auch eine Selbsterfahrung, eine Begegnung mit dem eigenen Ich, oder präziser ausgedrückt: mit dem touristisch ausgeprägten Ich. Die Auseinandersetzung mit diesem Aspekt soll aber nicht das Subjektive in den Vordergrund rücken, sondern soll verdeutlichen, dass der individuelle Blick auf das Fremdartige gar nicht so individuell ist, denn dieser Blick ist stark von gesellschaftlichen Prägungen abhängig.

Diese Erfahrungen schildere ich vor dem Hintergrund, dass das Phänomen des Reisens in den vergangenen zwei Jahrhunderten epochalen Veränderungen ausgesetzt war. Über viele Jahrhunderte waren nur Diplomaten, Kaufleute und Pilger auf weiten Reisen unterwegs, ansonsten Notleidende auf Arbeitssuche und politisch Verfolgte; die touristische Neugier auf fremde Welten ist folglich eine relativ junge Erscheinung. Diese neue Form des Reisens hat Mitte des 18. Jahrhunderts in Westeuropa begonnen und Mitte des 19. Jahrhunderts breitere Schichten des wohlhabenden Bürgertums erfasst. Eine große Dynamik hat diese Entwicklung allerdings erst in den 1960er- und 1970er-Jahren erfahren, als nun in westlichen Industriestaaten auch das Kleinbürgertum und die Arbeiterschaft sich zunehmend die touristische Mobilität leisten konnten. Nach Angaben der »World Tourism Organization« wurden 1950 erst rund 25 Millionen Reisende gezählt, die von einem Land in ein anderes unterwegs waren. Im Jahr 2018 waren es bereits 1,4 Milliarden Touristen, Tendenz weiter steigend.[2] Das Bedürfnis des touristischen Reisens hat aber inzwischen auch Völker uns fremder Kulturen erfasst. All das sind Entwicklungen, deren Ursachen und Konsequenzen zu hinterfragen sind.

Meine eigene Biographie fügt sich in diesen globalen Umbruch ein. Ich wurde 1940 geboren und reiste 1960 erstmals außerhalb der Grenzen Europas. Damals konnte ich noch eindringlich erleben, was es bedeutet, in Ländern unterwegs zu sein, die bis dahin noch kaum von Touristen bereist wurden - die aber Jahrzehnte später vom Massentourismus überrollt worden sind. So gehörte etwa zu einer meiner ersten grundlegenden Erfahrungen, dass ich oft innerhalb weniger Stunden den Eindruck hatte, von einem Jahrhundert in ein anderes zu wechseln - so in Regionen, in denen noch immer das Kamel oder das Maultier und nicht das Auto für den Warenverkehr über weite Strecken zuständig war, in denen der Ochse noch immer als Zugtier für Karren diente und nicht der Traktor. Es waren Regionen, in denen die meisten Bewohner noch immer nur eine vage Vorstellung davon besaßen, was sich außerhalb ihrer kleinen überschaubaren Lebenswelt abspielte. Aber ebenso bedeutete es für mich eine grundlegende Erfahrung, dass sich solch völlig autonom existierende Kulturräume innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten drastisch veränderten, indem auch dort die westliche Zivilisation vordrang - und sich dort ein starkes Konfliktpotential entwickelte. Auf derartige kulturelle Umbrüche werde ich mit eigenen Beobachtungen besonders eingehen. Es sind Erlebnisse von der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen«, wie der Philosoph Ernst Bloch diese grundlegende Konfliktkonstellation unserer Moderne benannt hat. Und es sind Veränderungen, die wir vor dem Hintergrund der Globalisierung sehen müssen. Gekoppelt daran sind die Fragen, ob nun die positiven oder negativen Auswirkungen überwiegen, ob sich durch die Umbrüche weltweit der Wohlstand vermehrt oder ob sich nicht die Kluft zwischen reichen und armen Regionen vertieft.

Zu einer weiteren wichtigen Erfahrung gehört in diesem Zusammenhang gerade auch, mit einer harten sozialen Realität konfrontiert zu sein: mit ausgedehnten Elendsvierteln, die in den Ballungszentren großer Städte durch Zuwanderer aus verelendeten Dörfern entstanden sind. Die Probleme von Armut und sogenannter Unterentwicklung sind aber inzwischen nicht nur eine schmerzhafte Erfahrung, die man in »Entwicklungsländern« selbst machen kann. Die Situation hat sich spätestens seit den 1990er-Jahren dramatisch dahingehend verändert, dass die Wanderungsströme der Notleidenden keineswegs mehr allein in den Großstadtslums ihres Heimatstaats enden - inzwischen ist aus der Binnenmigration eine globale Migration geworden, und sie wird in westlichen Medien häufig als der »Beginn einer Völkerwanderung« bezeichnet. Die Notleidenden der sogenannten Dritten Welt gelangen aufgrund verbesserter Verkehrswege bis nach Europa und brechen in dem Glauben auf, dort noch am ehesten soziale Sicherheit zu finden sowie finanziell überleben zu können....

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