Die Schweiz hat Zukunft

Von der positiven Kraft der Eigenart
 
 
NZZ Libro ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. April 2021
  • |
  • 168 Seiten
 
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978-3-907291-45-0 (ISBN)
 
Der Schweizer Pavillon an der Weltausstellung 1992 in Sevilla behauptete, «La Suisse n'existe pas». Gemeint war, dass es nicht eine Schweiz gibt, sondern viele Schweizen. Allerdings: Vielfalt ist kein Monopol der Schweiz. Was also macht die Schweiz zur Schweiz? Grundrechte, Rechtsstaat, Gewaltentrennung, Wohlstand oder Sozialstaat gibt es auch anderswo. Was die Schweiz zum Unikat macht, zum von den einen zelebrierten, den anderen verteufelten Sonderfall, sind ihre politischen Institutionen. Sie halten die Willensnation voller Gegensätze zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Stadt und Land, Zugewanderten und Einheimischen, zwischen Regionen, Religionen, Sprachen und Kulturen zusammen. Gerhard Schwarz zeigt in seinem Essay, wie die identitätsstiftenden politischen Eigenarten weiterentwickelt werden können.
  • Deutsch
  • 2,60 MB
978-3-907291-45-0 (9783907291450)
Gerhard Schwarz (*1951), Dr. oec., studierte Ökonomie in St. Gallen, Great Barrington (Mass.) und Cambridge (Mass.). 1994-2010 war er Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion, 2008-2010 stellvertretender Chefredaktor. Bis 2016 war er Direktor der Denkwerkstatt Avenir Suisse, seither ist er als Publizist und Präsident der Progress Foundation tätig.

A. Ein von unten gebauter Staat

2. Zukunft braucht Herkunft

Wer die Schweiz von heute in die Zukunft hinein weiterdenken will und dabei an den bestehenden - zum Teil vormodernen - Institutionen des Bundesstaats anknüpft, setzt sich leicht dem Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit und Vergangenheitsromantik aus. Solches Festhalten an den institutionellen Eigenwilligkeiten sei unzeitgemäss, heisst es. Es ist noch der mildeste Vorwurf, den man zu hören bekommt - mild deshalb, weil sich der Vorwurf so offensichtlich als versteckte Anmassung, genau zu wissen, was und wer denn zeitgemäss sei, entlarven lässt. Gerne wird man auch bezichtigt, den zum Teil sich widersprechenden Geschichtsmythen aufzusitzen, etwa dem Rütlischwur, dem Bundesbrief, der Tell-Sage oder den vielen, bis zur Niederlage in Marignano sehr erfolgreichen Schlachten (wie Morgarten, Sempach und Näfels). Man erliege dem Irrglauben, die direkte Demokratie, die starke Autonomie der Kantone und Gemeinden und die Partizipation der Bürger seien unmittelbare Folgen des Freiheitskampfes einfacher Bauern.

Doch trotz aller Bedenken gegen mythische Überhöhung - Mythen und Symbole gehören zur Identität jedes Landes, sie müssen nur den rechten Stellenwert haben. Man muss Geschichten und Geschichte auseinanderhalten. Dass es sich bei den Mythen um Geschichten, um Konstruktionen und Fantasien handelt, ist zweitrangig. Länder brauchen Ursprungsgeschichten, die ihre Werte und Haltungen zum Ausdruck bringen und verständlich machen, die auch Kraft geben können. Diese Erzählungen dürfen nur nicht in die anachronistische Erstarrung führen. Und die Geschichte und die Erinnerung daran braucht es erst recht. «Eine Gesellschaft ohne Erinnerung ist nicht viel mehr als ein Menschenauflauf», meinte der polnische Filmemacher Andrzej Wajda einmal.5 Sehr vieles, was die Schweiz ausmacht, ist im historischen Gedächtnis tief verankert. Und man kann eine Ordnung nicht bewahren und nicht weiterentwickeln, wenn man nicht weiss, auf welchen historischen Grundlagen sie beruht. «Zu wissen, wie es gekommen ist, den Prozess zu begreifen, den wir selbst weiterführen müssen, das können wir uns nicht ersparen.»6

Dazu kommt, dass nur die pragmatische Weiterentwicklung des Bestehenden einigermassen realistisch ist. Änderungen können und sollten immer schrittweise erfolgen. Utopien führen nicht zu nachhaltigen Lösungen, sie können höchstens eine vage Orientierung geben, wobei aber der Versuch einer perfektionistischen Umsetzung utopischer Zukunftsentwürfe fast notwendigerweise in die totalitäre Verirrung führt. Mein Doktorvater Walter Adolf Jöhr plädierte daher für das Prinzip der «Anknüpfung an das Bestehende».7 Heute würde man wohl eher von der Pfadabhängigkeit aller Politik sprechen. Das gilt besonders ausgeprägt für die Schweiz, die sich noch ausgeprägter als andere Länder gemäss Herbert Lüthy «nur historisch definieren» lässt.8 Die Institutionen des Landes sind zwar reformbedürftig - welche wären es nicht? -, aber so schlecht auch wieder nicht, dass man sie über Bord werfen müsste. Sie brauchen lediglich eine Frischzellenkur. Und vor allem: Womit sollte man sie ersetzen? Wo sind die in der Praxis erfolgreicheren und auf die Schweiz und ihre Geschichte passenden Alternativen?

Anknüpfung an das Bestehende bedeutet in keiner Weise eine nostalgische Verklärung der Vergangenheit. Man sollte die Vergangenheit kennen, man kann aus ihr lernen, man sollte sich aber vor der Illusion hüten, früher sei alles besser gewesen, etwa in der Aufbruchstimmung der Gründung des Bundesstaates von 1848 und den Jahrzehnten danach. Auch die insgesamt als positiv wahrgenommenen Phasen der Geschichte waren nicht ohne Schatten, selbst wenn dies der Erinnerungsoptimismus gern ausblendet. Der Staatsgründung von 1848 war mit dem Sonderbundskrieg ein Bürgerkrieg vorausgegangen, der so unblutig und «zivil» nicht war, und den Zweiten Weltkrieg konnte das Land nur weitgehend unversehrt, nicht aber unschuldig durchstehen.

Schliesslich bedeutet der Blick zurück und die Anknüpfung an das Bestehende schon gar nicht, dass man sich ein Zurück zu früheren Zuständen wünscht, ganz abgesehen davon, dass ein Zurückdrehen der Geschichte auch gar nicht möglich ist. Selbst Werte wandeln sich, aber sie tun es, wenn überhaupt, nur langsam. Darum gibt es gute Gründe, wertkonservativ zu sein. Strukturen wandeln sich dagegen sehr viel schneller, nämlich mit dem technischen Fortschritt. Das Sträuben der Strukturkonservativen gegen diesen Fortschritt ist vergeblich und sinnlos. Strukturen müssen immer wieder angepasst werden. Und gerade wer Werte in einem sich wandelnden Umfeld möglichst bewahren oder jedenfalls nur behutsam anpassen will, muss den Strukturwandel bejahen.

3. Die Idee Schweiz - der unbehagliche Sonderfall

Es fällt vielen Menschen schwer, sich zu sehr von der Gruppe, in der sie sich bewegen, zu unterscheiden. Nach einem Umzug übernehmen Kinder in der Schule und im Freundeskreis meist erstaunlich rasch den lokalen Dialekt oder die lokale Sprache, auch wenn zu Hause ein ganz anderes Idiom gesprochen wird. Sie wollen dazugehören und sich nicht zu sehr von ihrem Umfeld unterscheiden. Gewiss pflegen sie da und dort eine gewisse Individualität, etwa bei der Identifikation mit dem Fussballklub ihrer Herkunftsregion, aber gänzlich anders zu sein als der Rest, das halten nur wenige besonders starke Charaktere aus. Das gilt selbst dann, ja dann vielleicht erst recht, wenn man sich in vielen Bereichen positiv vom Rest der Gruppe abhebt. Schnell gilt man dann als Streber, als jemand, der sich bei den Lehrern, den Erwachsenen oder den Vorgesetzten einschmeicheln will, oder als jemand, der sich den anderen überlegen dünkt. Vielleicht wird man beneidet, aber das kann ziemlich unangenehm sein.

Sich dem Niveau anpassen und mit den anderen mitmachen ist einfacher, selbst wenn es um Aktivitäten geht, vor denen man sich fürchtet oder denen man von Hause aus mit Vorbehalten begegnet. Es ist nicht nur bequemer, sondern entspricht auch der menschlichen Natur. Der Mensch ist ein soziales Wesen, und der Gruppendruck ist gross. Wer in zu vielen Belangen anders denkt und handelt als seine Umgebung, hat Mühe, die Akzeptanz, das Wohlwollen, die Bewunderung und die Zuneigung der Mitmenschen zu gewinnen. Vielleicht erhält man Respekt, aber das ist schon fast das Höchste der Gefühle - und eher die Ausnahme.

Ähnlich wie Menschen in einer Gruppe an ihrem Anderssein leiden, tut sich die Schweiz im Verband der Staaten schwer mit ihrem Anderssein. Als ich 1969 in die Schweiz kam, um hier zu studieren, empfand ich die geradezu selbstzerfleischende Auseinandersetzung so mancher 68er-Kommilitonen mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg irgendwie übertrieben. Nicht dass es nichts aufzuarbeiten gegeben hätte: Auch die Schweiz hat grosses menschliches Leid angerichtet oder nicht abgewendet; da soll nichts verharmlost werden. Gleichwohl, da waren die Gräueltaten, die Verbrechen, der Horror jener Nachbarländer, die den Krieg mit Begeisterung begonnen und auf industrielle Weise Millionen unschuldige Menschen in Lagern vernichtet hatten, da waren jene Nachbarn, die den Faschismus als Erste gehegt und im letzten Moment die Seiten gewechselt hatten, und da waren jene, die dem siegreichen Gegner mit einem willfährigen und kollaborierenden Regime entgegengekommen waren, aber im Rückblick fast nur von der Résistance sprachen. Unmenschlichkeit lässt sich zwar nicht aufrechnen, aber irgendwie vermittelte die Beschäftigung der Schweiz mit ihren Schatten des Zweiten Weltkriegs manchmal den Eindruck, man wolle sich nur ja nicht besser fühlen als die anderen, man wolle unbedingt auch zu den Schuldigen gehören.

Diese Betonung der Verfehlungen etwa durch Max Frisch (Dienstbüchlein), Alfred Häsler und Markus Imhoof (Das Boot ist voll) sowie Niklaus Meienberg und Richard Dindo (Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.)9 wurde ohne Zweifel auch provoziert durch die weitverbreitete helvetische Heroisierung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und den Widerstandsmythos. Sie war also auch eine Art Trotzreaktion. Doch ironischerweise ging es ja in den selbstverklärenden Erzählungen der Aktivgeneration irgendwie ebenfalls um das Dazugehören, das «nicht zu sehr anders sein wollen als die anderen» - nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Man konnte mit Bekannten von jenseits der Grenze mitreden, denn man hatte schliesslich auch Krieg geführt, wenn auch einen Verteidigungskrieg. Man meinte also zu wissen, wovon die anderen redeten. Doch auch hier: Die Härten sollen gewiss nicht geringgeschätzt werden, aber in den Nachbarländern waren die jungen Männer vielfach jahrelang an der Front, nicht Hunderte, sondern Tausende Kilometer entfernt von ihren Familien, auf klimatisch und kulturell völlig fremdem Territorium. Und in fast jeder Familie gab es Gefallene, Vermisste, politisch oder rassisch Verfolgte. Und jene, die zurückkamen, waren schuldig geworden, weil es in einem Krieg fast unmöglich ist, keine Schuld auf sich zu laden.

Die Schweiz blieb also verschont, was ihr die Siegermächte zum Vorwurf machten, denn sie habe sich durchgemogelt, sie habe ihre Unversehrtheit durch die Kollaboration mit den faschistischen Staaten erreicht, womit sie den Krieg verlängert habe. Wie dem auch sei: Die Schweiz blieb von dem unermesslichen Leid der Krieg führenden und besetzten Länder genauso verschont wie von den allergrössten moralischen Verfehlungen. Niemand hat dies so differenziert, so austariert zum Ausdruck gebracht wie Friedrich Dürrenmatt, der überaus kritische Schweizer, der zugleich betonte,...

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