Maddrax - Folge 307

Späte Vergeltung
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 25. Oktober 2011
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-1354-0 (ISBN)
 
Nachdem Meister Chans Plan aufzugehen scheint, ziehen nun für ihn dunkle Wolken auf: In der Gedankensphäre in Agartha hat er einst den Geistkörper einer jungen Frau verfolgt und vergewaltigt - und dieser Geist ist nun zurück in seiner heutigen Inkarnation: Xij. Ohne Matt über ihre wahren Beweggründe zu informieren, drängt sie darauf, Rulfans Burg aufzusuchen - wissend, dass Glasgow und damit Chan nicht weit sind. Von Rachegelüsten getrieben, drängt sie auf eine späte Vergeltung.
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • Deutschland
  • Breite: 125 mm
  • 2,04 MB
978-3-8387-1354-0 (9783838713540)
3838713540 (3838713540)

Die Gestalt in der Kutte entspannte ihre Finger, die sich um einen Kampfstock und ein unscheinbares Fläschchen geklammert hatten. Sie atmete auf und musterte den Wach-Sooldscher keines Blickes mehr. Die geheime Formel, die sie als Mitglied der Reenscha-Elitetruppe auswies, hatte nach wie vor Gültigkeit. Die erste Hürde war somit genommen.

Ihre Zuversicht stieg weiter. Mit raumgreifenden Schritten ging die Gestalt zum Ende der Straße. Die Kutte wehte hinter ihr her, die Kapuze schob sich dabei ein wenig zurück und entblößte für einen Moment die bleiche Stirnpartie und ein funkelndes Augenpaar, in dem wilde Entschlossenheit brannte.

An der Ecke verharrte der Kuttenträger erneut. Die Festung Eibrex breitete sich nun in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit vor ihm aus. Der Riesenbau stand inmitten eines freien Platzes und wurde von vier hintereinander liegenden hohen Stacheldrahtzäunen mit jeweils mehreren Schleusen gesichert. Schwer bewaffnete Wachen patrouillierten zwischen den Zäunen oder standen anscheinend gelangweilt bei den Schleusen.

Auch das Dach von Eibrex war mit Stacheldraht überzogen, dazwischen gab es zwei der berüchtigten Maschiingun-Stellungen, die aber momentan nicht besetzt waren. Dafür hingen zahlreiche Kolks gerupft in den Stacheldrahtverhauen, schwärzer, als sie im Leben gewesen waren. Das hieß, dass sie gegrillt worden waren; die Verhaue standen also zusätzlich unter Strom. Den scharfen Augen des Kuttenträgers entging nichts. Zumal das Licht, das aus den hohen Scheinwerfermasten strahlte, das komplette Areal um Eibrex ausleuchtete.

Das Knattern von Motoren erfüllte die Luft, laute Schreie mischten sich hinein. Eibrex schlief nie ganz, es war immer Betrieb um die Festung.

Einen Moment lang beobachtete der Kuttenträger die vier Jäger, die auf ihren Traiks die Westschleuse passierten. Gleich dahinter folgten ein Widdergespann und ein großer Track, der entweder zu den Jägern gehörte oder dessen Besatzung die Aufgabe hatte, Uisge zu kaufen und in die Festung zu transportieren. Als der erste Traikfahrer die Sicherheitszone verlassen hatte, ließ er den Motor mächtig röhren. Die riesigen Widder bewegten sich unruhig im Geschirr.

Schließlich löste sich der Kuttenträger aus den Schatten und ging mit sicheren Schritten auf die Schleuse zu, die direkt vor ihm lag. Zwei mit Schnellfeuergewehren bewaffnete Sooldschers sahen ihm entgegen. Sie trugen schwarze Kampfanzüge mit dem Emblem der Reenschas auf der Brust, einem blauen Kreis mit einem aufgerichteten roten Löwen darin. Der vor der Schleuse hatte sich das Gewehr lässig über die Schulter gehängt und hielt ein rauschendes Kästchen in der Hand. Der Kuttenträger wusste, dass die Wachen in der Straße jeden durchgelassenen Ankömmling per Funkgerät zum Zaun meldeten.

"Exekutor", sagte die Wache mit dem Funkgerät respektvoll, während der Sooldscher hinter der Schleuse die Gewehrmündung wie zufällig in Richtung des Kuttenträgers hielt. "Du willst in die Festung?"

Der Angesprochene nickte kurz und herrisch.

"Du kennst die Prozedur." Der Sooldscher drückte routiniert auf den verschmierten Bildschirm der Bedienkonsole, die auf eine brusthohe Säule montiert war. An der Innendecke der Schleuse leuchteten drei nebeneinander liegende gelbe Lichter auf. Dann gab der Mann die Schleuse frei.

Der Kuttenträger atmete einmal kurz durch, zögerte einen kaum merklichen Moment und trat dann entschlossen in die Schleuse. Sie sah harmlos aus, wie drei breite Bretter, die zu einem übermannsgroßen Tor zusammengesetzt waren. Dass in den "Brettern" modernste Tekknik steckte, wussten nur Eingeweihte.

Wieder umklammerte der Kuttenträger das Fläschchen und den Kampfstock. Wenn es drauf ankommt, muss ich blitzschnell sein. Die Wachen machen einen nachlässigen Eindruck, aber ich darf sie nicht unterschätzen.

Das durchdringende quäkende Signal blieb aus. Stattdessen sprangen die Lichter auf Blau, der Sooldscher senkte sein Gewehr und salutierte. Der Kuttenträger atmete auf.

Auch die weiteren Schleusen passierte er unbeanstandet. Schließlich baute er sich vor dem letzten Sooldscher auf, einem wahren Hünen. Das sah lächerlich aus, da die Wache mehr als einen Kopf größer und fast doppelt so breit war. Trotzdem zeigte sie Respekt. Exekutoren galten als unbesiegbar.

"Ich muss den Erleuchteten aus dem Inneren Kreis sprechen, der die Neuigkeiten entgegen nimmt. Hol ihn her. Es ist wichtig. Äußerst wichtig, verstehst du?"

Der Hüne salutierte. "Natürlich, Exekutor. Ich versuche Bruder Zing sofort zu erreichen. Folge bitte meinem Kameraden."

Der Kuttenträger nickte. Er folgte dem Sooldscher, der ihn durch eines der zahlreichen Tore ins Innere der Festung führte. Vor ihm erstreckte sich ein langer schmuckloser Gang mit zahlreichen Türen an beiden Seiten. Der Gast landete im ersten Raum links und musste warten.

Wie eine gefangene Wildkatze ging er auf und ab. Sieben kleine Zeiteinheiten1) dauerte es, bis sich die Tür öffnete. Ein kleiner alter, unglaublich dürrer Mann mit unzähligen Falten im Gesicht und auf den Handrücken betrat den Raum. Er hatte schrägstehende geschlitzte Augen wie alle Erleuchteten, jene Kaste also, die das Privileg hatte, den Herren am nächsten zu sein, sie vielleicht sogar hin und wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Der fast pilzförmige Kahlkopf und die sieben dünnen Barthaare, die zu beiden Seiten der Oberlippe herabhingen, verstärkten den Eindruck des Fremdartigen noch.

Der müde aussehende Mann trug eines der für die Erleuchteten typischen Gewänder, die wallend bis zum Boden reichten und weibisch wirkten. Es leuchtete in einem intensiven Gelb. Auf Brust und Rücken prangte, mit feiner Seide aufgestickt, der rote Löwe im blauen Kreis. Darüber verlief eine Reihe seltsamer Zeichen.

"Ich bin Bruder Zing und ich nehme die Neuigkeiten für die Herren entgegen", sagte das Männchen mit leiser, lispelnder Stimme. "Was kannst du berichten, Exekutor?"

Der Kuttenträger blieb stehen und verschränkte die Arme. "Ich habe eine Nachricht von ungeheurer Wichtigkeit für die Herren", krächzte er und betonte die Worte dabei auf eigentümliche Art. "Die Festung Eibrex soll überfallen und dem Erdboden gleichgemacht werden. Ich habe verlässliche Informationen."

"Ein Überfall, aha. Und wer bitte sollte Eibrex gefährlich werden können? Die Festung ist unbesiegbar."

"Möglich, Bruder Zing. Aber darauf sollten wir uns nicht verlassen, denn der Feind ist mächtig. Jed Stuart, der König von Britana, gedenkt gegen die Herren ziehen. Er fühlt sich stark genug dafür und kann eine gut bewaffnete Armee aufbieten."

"Aha, aha. Und warum sollte Stuart das tun?"

"Weil er kein zweites Machtzentrum mehr neben sich dulden will. Ich kenne fast alle Details seiner Kriegspläne, die ich aber nur den Herren persönlich mitteilen kann, weil sie zu komplex für eine Übermittlung sind. Du musst mich zu ihnen bringen."

Bruder Zing lachte entgeistert auf. "Das ist unmöglich, das weißt du doch. Du kannst nicht richtig im Kopf sein, Exekutor."

Der Kuttenträger schlug unvermittelt seine Kapuze nach hinten. Das erstaunte Gesicht des Erleuchteten verklärte sich in einem Sprühstoß, den ihm sein Gegenüber aus dem blitzschnell gezückten Fläschchen verpasste. Bruder Zing brach bewusstlos zusammen.

Der Eindringling ging vor dem Erleuchteten auf die Knie. Er fischte ein scharfes Messer mit kurzer Klinge aus den Tiefen seiner Kutte. Dann presste er den ausgestreckten rechten Zeigefinger des Bewusstlosen auf den Boden - und schnitt ihn mit einer kurzen, scharfen Bewegung vor dem zweiten Fingerglied ab. Als der Erleuchtete daraufhin zuckte und etwas brabbelte, verpasste ihm der Kuttenträger eine weitere Dosis Betäubungsspray. Dann band er ihm den Stumpf mit einem dünnen Draht fachmännisch ab und stoppte so die Blutung.

Anschließend schälte er Bruder Zing aus seinem Gewand. Es kostete ihn Mühe, sich in das gelbe Kleid zu zwängen. Es gelang ihm nur, nachdem er die eigene Kleidung abgelegt hatte. Irgendwo riss der gelbe Stoff ein, aber dann saß das Gewand... einigermaßen. Schließlich schnitt der Eindringling dem Erleuchteten die Barthaare ab und fixierte sie mit zwei Tropfen Harz an seiner Oberlippe.

Seiner Augenpartie hatte er schon zuvor mit Farbschattierungen die langgezogene Form der Erleuchteten verpasst. Und seine Glatze war fast so makellos wie die von Bruder Zing.

Er verstaute den Bewusstlosen zusammen mit seiner eigenen Kleidung in einer der abgehenden Kammern. Dann machte er sich auf den Weg in die Katakomben.

Als er die Tür am Ende des Gangs öffnete, stand er vor einer breiten Treppe, die in die Tiefen der Festung führte. Der falsche Erleuchtete sah sich plötzlich ungeahntem Prunk gegenüber. Statuen aus purem Gold standen links und rechts auf den Treppenstufen. Es handelte sich um Löwen und einen mit verschränkten Beinen sitzenden, überaus fetten Kahlkopf, der feist grinste.

Der Eindringling fühlte sein Herz nun doch höher schlagen. Er atmete tief durch und ging die Treppe nach unten. Gleich darauf fand er sich in einem wahren Labyrinth wieder, das von schummrigem Licht erhellt wurde. Und je weiter er vordrang, desto größer wurde der Prunk.

Kurze Zeit später merkte er, dass er sich verlaufen hatte. Im nächsten Moment stockte ihm der Atem. Er hörte leise Stimmen. Und schon bogen zwei Erleuchtete in hellgrünen Gewändern um die Ecke. Sie unterhielten sich...

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