Das Fleisch der Welt oder die Entdeckung Amerikas durch Niklaus von Flüe

Roman
 
 
Zytglogge (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. September 2017
  • |
  • 267 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7296-2163-3 (ISBN)
 
- Romandebüt des Jungautors Adam Schwarz
- Tollkühne postfaktische Geschichtsschreibung
- Der Schweizer Nationalheilige auf Abwegen

Als sein Vater Niklaus beschliesst, die Familie zu verlassen, um Eremit zu werden, ist Hans von Flüe schockiert. Drei Jahre später jedoch hat sich der junge Bauer an die väterliche Abwesenheit gewöhnt. Er hat eine Menge zu tun, bewirtschaftet einen eigenen Hof und hilft seiner Mutter und den Geschwistern.

Da tritt sein Vater auf einmal wieder in sein Leben und fordert Hans auf, ihn auf eine letzte Pilgerreise zu begleiten. Zögernd willigt Hans ein. Die Reise führt das ungleiche Paar nach Westen, immer dorthin, wo Niklaus' Vision sie führt. Als sie am Atlantik ankommen, glaubt Hans, die Reise sei nun Ende. Ein Irrtum, denn Niklaus möchte sich mit einem Floss auf den Ozean wagen .

«Das Fleisch der Welt» ist ein wilder spätmittelalterlicher Road Trip, der daran erinnert, dass man weder vor der Welt, noch vor der eigenen Familie und schon gar nicht vor sich selbst fliehen kann. Glaube, Unglaube, Wahrheit, Moral und die Kolonialisierung bekommen in diesem gewieften Text einen ernsthaften Platz zugewiesen, und so ermöglicht das Buch neue Einsichten in die Welt von Niklaus von Flüe. Auch wenn es ganz anders gewesen sein kann.
  • Deutsch
  • Muttenz/Basel
  • |
  • Schweiz
  • Neue Ausgabe
  • 2,34 MB
978-3-7296-2163-3 (9783729621633)
3729621637 (3729621637)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Geb. 1990 in Bülach, hat in Basel Philosophie und Germanistik studiert und lebt in Leipzig. Er arbeitet als freier Journalist (Neue Zürcher Zeitung, Literarischer Monat, VICE) und ist Redaktor der Oltner Literaturzeitschrift . 2015 erschien sein Prosadebüt .
  • Intro
  • Titel
  • I.
  • II.
  • III.
  • IV.
  • V.
  • VI.
  • VII.
  • VIII.
  • IX.
  • X.
  • XI.
  • XII.
  • XIII.
  • XIV.
  • XV.
  • XVI.
  • XVII.
  • XVIII.
  • XIX.
  • XX.
  • XXI.
  • XXII.
  • XXIII.
  • XXIV.
  • XXV.
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  • XXVII.
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  • XXIX.
  • XXX.
  • XXXI.
  • XXXII.
  • XXXIII.
  • Danksagung
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  • Über das Buch
  • Über den Autor
  • Backcover

III.


Bis kurz vor Sonnenuntergang hatte ich genug Holz gesammelt. Ich kehrte zum Hof zurück, trat in unsere Stube, setzte den Korb vor dem Ofen ab und gab dem Elsi einen Kuss. Täuschte ich mich, oder war ihr Bauch seit dem Morgen noch größer geworden? Ich wusch mich kurz am Brunnen, danach machten wir uns auf den Weg hinunter zu Mutter. Die Familie wartete schon auf uns.

Im Abendlicht sehen die Höfe mächtiger aus, als sie sind. Der dunkle Kasten lag auf der Schiblochmatte wie eine trächtige Wildsau. Die Fensterlöcher sahen in Richtung Ranft. Rundherum Gras, gegen das Dorf hin unser Stall und viel weiter hinten, Richtung Sachseln, der Hof der Spichtigs. Das Vieh war gerade dabei, in den Stall zurückzutrotten. Die Glocken bimmelten träge. Mein Bruder Welti trieb sie hinein. Er knallte ihnen mit dem Stock auf den Arsch. Wer war bloß auf den Einfall gekommen, das Vieh nach draußen zu lassen? Es war viel zu früh, vor zwei Wochen war die Erde noch gefroren gewesen. Vater, dachte ich, hätte die Tiere nicht so früh rausgelassen. Ich zählte das Vieh, wie es meine Gewohnheit ist, das beruhigt. Sämi, unser Hund, rannte uns entgegen und sprang so lang an mir hoch, bis ich sein Fell kraulte. Er folgte uns bis an die Haustür, vor der er stehenblieb. Auf einmal fing er an, mit den Zähnen zu fletschen. Als die Tür aufging, stand ein langer Kerl im Schatten. Es war Vater. Er wirkte ernst. Erst als er das Elsi erblickte, schaute er etwas freundlicher drein.

Also mein Weib . Schön sei das .

Er streckte ihr die Hand hin, was er sonst nie tat. Elsi lächelte. Mir war, dass ich hörte, wie ihr das Herz klopfte, nun, da sie endlich meinen berühmten Vater treffen durfte. Leider verschwand der schon wieder in der Stube.

Nichts im Gang verriet, dass Vater zu Besuch war. Keine abgestellten Schuhe, kein Mantel. Nicht mal ein Geruch. Das ist mir erst an jenem Tag aufgefallen. Er roch nicht nach Tannennadeln, nicht nach Moos, nicht nach Erde, nicht nach Laub, nicht einmal nach dem fauligen Holz seiner Klause. Das musste daran liegen, dass er nicht aß wie unsereiner. So einer stinkt nicht. Fast wie ein Engel.

«Einen recht schönen Abend», rief Mutter uns zu. «Ist es nicht schön, dass der Vater einmal zu Besuch gekommen ist?»

Wir zogen die Schuhe ab und traten in die Stube. Die ganze Familie saß am Tisch: Mutter, Vater, Welti, Dorothea, Heini, Anna, Verena, Sepp, Toni, Katharina und Klaus. Dicht an dicht saßen sie. Toni und Klaus teilten sich einen Stuhl und hielten sich am Tisch fest, er war noch zu hoch für sie. Bei diesen Zusammenkünften bin ich stets der Letzte. Dabei bin ich der Erste, der aus Mutter rausgekrochen ist.

«Guten Abend, Elsi, guten Abend, Hans», sagte Mutter.

«Abend», nölten meine Geschwister.

«Müeti, wer ist das?», hörte ich Klaus fragen. Er zeigte auf Vater. Klaus war ja nur ein paar Wochen vor Vaters Weggang auf die Welt gekommen.

Vater kam natürlich nicht auf die Idee, sich vorzustellen. Er hockte vor einer Schüssel Haferbrei und sah den aufquellenden Körnern zu, als fürchtete er, der Teufel könne ihn zwingen, davon zu essen. Ich weiß nicht, warum Mutter ihm überhaupt davon geschöpft hatte.

«Du weißt nicht, wer das ist?», fragte ich. «Dein Vater ist das!»

Vater schob den Brei zur Seite und faltete die Hände. Er glaubte wohl, wir würden nun alle mit ihm beten, wie früher, als er noch bei uns gewohnt hatte.

«Ah so», meinte Klaus und schaufelte sich Brei in den Mund. Ein paar Fäden blieben an seinem Kinn kleben. Er wischte sie weg, ohne auf uns zu achten.

Eines nach dem anderen begannen die Geschwister zu schaufeln, als drohe ein Hungerwinter. Welti brauchte nicht einmal einen Löffel. Er tunkte die Hand in die salzige Masse, stopfte sich die Backen voll, dann stand er auf und verschwand. Er hatte wohl keine Lust, dem Streit zuzuhören, der - das wird er gerochen haben - bevorstand. Mutter und ich sahen uns an. Sie nahm einen großen Schluck Bier.

«Was führt dich hierher, Niklaus?», fragte sie. «Brauchst du etwas? Oder .» - ich weiß noch, wie sie zögerte, noch einen Schluck nahm: «. oder willst du gar zurückkommen?»

Vater schüttelte den Kopf und meinte, er sei nur wegen mir gekommen.

«Weißt du, wovon er redet, Hans?», fragte Mutter.

Ich erklärte ihr, dass es der Turm sei, von dem er früher immer erzählt habe. Ein Turm mit Goldkuppel, wie im alten Konstantinopel. Und nun stehe er im Norden.

«Ich weiß nicht, was es bedeutet.»

Mutter wusste es: «In die Fremde willst du? Erinnerst du dich nicht an das letzte Mal? Es war schon damals nicht sein Wille, dass du weggehst. Sonst hätt er dich in Liestal nicht zurückgepfiffen.»

Damals wäre er der Verwirrung seines eigenen Herzens gefolgt, sagte Vater. Er habe sich damals eingeredet, der HERR wolle, dass er die Ranft verlasse, dabei habe der nichts anderes gewollt, als dass er noch tiefer in sie hineingehe. Das sei dieses Mal anders. Er wisse den Heiland auf seiner Seite. Und die Ranft, die trage er immer mit sich in seinem Herzen. Aber er könne nicht alleine gehen. Der Teufel lauere ihm auf. Ich könne der Mutter ja erzählen, wie das damals gewesen sei, als ihn der Leibhaftige zerschunden hätte, als er ihn den Hang hinab in die Dornen geworfen habe.

Er wird Euch die Geschichte sicher einmal erzählt haben, Amgrund. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Ich war noch ein Bub, höchstens sieben Jahre alt, als es passierte. Wir waren die Holdermatte hinaufgestiegen, um sie von den Dornen zu reinigen, da hatte Vater plötzlich zu brüllen angefangen, so laut und stark, als plagte man ihn mit glühenden Zangen. Mit aufgerissenem Mund fiel er nach hinten und rollte gut dreißig Schritt den Hang hinab, mitten ins Dornengestrüpp. Dort zappelte er herum, es sah aus, als ringe er mit jemandem. Ich rannte hinzu und schüttelte ihn, bis er es sich beruhigt hatte und aus dem Gestrüpp kroch. Sein Gesicht war voller blutiger Striemen, der Mund voll Schaum, die Augen rundherum verquollen und blau, als hätte ihm jemand mit der Faust draufgehauen. Ich glaube, ich habe geweint. Das war der Feind, hatte er mir gesagt. Er lasse niemals ab von ihm. «Ich habe aber nichts gesehen», sagte ich. Doch, meinte er da, doch, er sei überall und nirgends und zuvorderst in unseren Herzen.

Er wolle, dass ich ihn begleite, sagte Vater. Es dauere gewiss nicht lange.

Die Geschwister waren alle fertig mit dem Essen und baten darum, gehen zu dürfen. Mutter nickte. Sie verschwanden aus der Stube und gingen hoch in ihr Zimmer.

«Du solltest deinen Vater begleiten, sagte sie. «Es dauert sicher nicht lange. Schau zu, dass er einen sicheren Ort findet. Du weißt, wie das ist in der Fremde.»

Ich glaube, sie betrog sich selbst. Es muss ihr wehgetan haben, dass er nun schon wieder gehen wollte. Stellt Euch das mal vor: Da heiratet Ihr einen guten, rechtschaffenen Mann, und dann verlässt er Euch für den HERRGOTT.

«Ich dachte, du wolltest zu uns zurück», sagte ich.

Aber Vater meinte, ich solle mich nicht wie ein Narr aufführen. Niemals könne er zurück zu uns. Aber wenn ich ein guter Sohn sei, dann solle ich ihn auf seiner Reise begleiten. Das würde auch meiner Seele wohltun.

Mutter lachte. Allerdings klang es freudloser, als sie wohl beabsichtigt hatte.

«Du weißt doch selbst gut genug, dass dein Vater nie zu uns zurückkommen wird. Er kann nicht. Es ist, wie es ist. Wir schaffen das auch so, GOTT ist mit uns.»

«Ich kann doch meine Frau nicht zurücklassen», sagte ich.

Das Elsi hatte sich bis jetzt herausgehalten. Nun stützte sie die Hände auf den Tisch und sah uns alle an.

«Ich kann mich gut eine Weile alleine um den Hof kümmern», sagte sie. «Geht ihr Männer nur GOTT suchen! Das ist gut und recht.»

«Ich würde lieber hierbleiben», sagte ich und goss Bier nach.

«Ich gehöre hierhin.»

«Du sollst Mutter und Vater ehren», sagte Mutter. Ihre Nasenflügel blähten sich wie ein Klumpen Sauerteig. Beim Sprechen fuhr sie mit den Händen durch die Luft, sodass sie im Licht der Lampe wilde Schatten warfen.

Gehorsam sei die größte Ehre, die es im Himmel und auf Erden gebe, meinte Vater.

«Also gut», sagte ich.

Vater nickte. Er entdeckte einen Flecken Bier auf der Tischplatte und fuhr mit dem dreckigen Fingernagel darin herum.

Das sei recht, sagte er schließlich, sah auf und schlug auf den Tisch.

Das Elsi zuckte zusammen.

Vater sagte, ich solle ihm folgen.

Er erhob sich, drehte sich um, trat aus der Stube und verschwand nach draußen, ohne sich zu verabschieden. Mutter vergrub das Gesicht in den Händen und fing zu weinen an. Ich strich ihr durchs graue Haar.

«Ist ja gut, Mueti», sagte ich, «er kommt sicher zurück.»

Es war mir unangenehm, also beschloss ich, es Vater gleichzutun und das Haus zu verlassen.

Die Luft draußen roch seltsam. Sie biss in der Nase. Ich wusste nicht, was das bedeutete. Ich kannte diesen Geruch damals noch nicht. Es war das Meer. Die Tiere brüllten im Stall, als stünde ein Gewitter bevor. Das Bier hatte meinen Bauch ganz gut gefüllt, weshalb ich erst mal aufs Feld pisste. Den Mond störte das nicht. Der Strahl floss artig dahin, es dampfte und zischte. Gerade wollte ich ein Lied pfeifen, da knallte es. Meine Wange brannte. Jemand riss mich an der linken Schulter herum. Ich stand mit aufgerissenem Mund da. Es war Vater. Seine Augäpfel glänzten im Mondlicht.

«Was sollte das, verdammt?», fragte ich.

Er bekreuzigte...

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