Air

Roman
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. April 2021
  • |
  • 380 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-7055-9 (ISBN)
 
Ein Sommertag im Jahr 2060 ...
Die Menschen warten ungeduldig auf den Verkaufsstart der neuen Sauerstofftabs des Pharmaunternehmens Swenaira, deren Produktion unter strenger Geheimhaltung erfolgt. Währenddessen muss die 15-jährige Sula mitansehen, wie eine Mitschülerin unter Atemnot leblos zusammenbricht, nachdem sie noch versucht hat, ihr etwas mitzuteilen. Dann erleidet Sula selbst einen Schwächeanfall. Als sie im Berliner MedicalCare Center wieder zu sich kommt, stellt sie zu ihrem Entsetzen fest, dass auf ihrem Zirkon - ein kleines Gerät am Hals, das alle Gedanken und Ereignisse aufzeichnet - ein Teil ihrer Erinnerungen fehlt. Durch heimlich entwendete Patientenunterlagen findet sie heraus, dass sie nicht die Einzige ist, die unter mysteriösen Erinnerungsverlusten leidet. Zusammen mit ihren Freunden kommt sie dem dunklen Rätsel auf die Spur - und merkt zu spät, dass sie in eine Falle getappt ist.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,66 MB
978-3-7534-7055-9 (9783753470559)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ute Schwarz, Jahrgang 1970, geboren in Ludwigshafen am Rhein, lebt mit ihrem Mann, den beiden Töchtern und einer Hündin im Landkreis Fürth/Bayern. Der Gewinn des Emotion-Wettbewerbs 2015 sowie die Veröffentlichung mehrerer Kurzgeschichten in Anthologien waren für sie der Anlass, sich eine vorübergehende berufliche Auszeit von ihrer Verwaltungstätigkeit zu nehmen, um sich mehr dem Schreiben widmen zu können.

1. Kapitel


Sula rutschte auf ihrem Stuhl herum, bis sie eine bequemere Position gefunden hatte. Die Luft im Klassenzimmer war so stickig und sauerstoffarm, dass eine Kerze erloschen wäre, falls man sie unter diesen Bedingungen überhaupt anbekommen hätte. Erschöpft blickte sie zum Whiteboard. Die in den Raum projizierte Mathelehrerin war nicht sehr groß, hatte eine fahle Haut und ebenso fahles Haar. Die Augen hinter der Nickelbrille blickten erschrocken wie die einer Nachteule, so dass Sula fast Mitleid empfand. Frau Ottmers hatte eine komische Art, sich zu bewegen, den Kopf gesenkt und den Körper dabei kerzengerade, als hätte sie einen Stock verschluckt.

Sula blickte auf die Uhr an der Wand. Die Zeit schien erstarrt. Gerade einmal vierzig Sekunden waren verstrichen. Nur vierzig Sekunden. Sie seufzte und blinzelte durch die Ritzen der Jalousien nach draußen. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ein derartiger Traumsommer ausgereicht, sich glücklich zu fühlen, aber für die Menschen waren die Stunden, in denen die Sonne vom Himmel brannte, mittlerweile die reinste Hölle, unerträglich heiß und schwül, von den wahnsinnigen Stürmen, die in immer kürzeren Abständen über das Land hereinbrachen, ganz zu schweigen.

Um sich wach zu halten, rieb Sula sich die brennenden Augen und wippte mit den Füßen. Als auch das nichts half, gähnte sie ausgiebig. Im Internet hatte sie mal gelesen, dass sich das Gehirn beim Gähnen herunterkühlte. Seitdem stand ihr jedes Mal das Bild eines Kühlschranks vor Augen, wenn sie gähnte. Tatsächlich gefiel ihr diese Vorstellung. Es war, als wollte ihr Körper sie daran erinnern, wie es funktionieren konnte: Ausgiebiges Gähnen gleich starke Kühlung, kurzes Gähnen gleich schwache Kühlung.

Die Stimme der Lehrerin wurde lauter und leiser, sie klang eifrig, es ging um Gleichungen und um die Frage, unter welchen Voraussetzungen Forderungen an die Variablen erfüllbar sind. Sula verzog die Mundwinkel. Aufhören!, hätte sie am liebsten gerufen. Begreift denn hier niemand, dass es um etwas ganz anderes geht? Doch sie blieb einfach sitzen und betrachtete ihre Hände, die sich gegen die Innenseiten der Oberschenkel pressten. Wer brauchte schon Mathe, wenn ohnehin bald niemand mehr auf der Erde überleben würde?

Norje, die neben Sula saß, lächelte ihr zu. Ihre Gelassenheit wunderte Sula nicht, weil Norje während Frau Ottmers Unterricht nur noch Ohrenstöpsel trug. »Für das seelische Gleichgewicht«, pflegte sie zu sagen.

»Nicht vergessen: Am Donnerstag schreiben wir einen Test. Seht euch daher die Funktionsgleichungen an und wiederholt bis dahin die gesamten Einträge.« Allgemeines Aufstöhnen. Mit der Hausaufgabenansage verschwand auch die Lehrerin von der Bildschirmfläche.

Endlich! Sula schüttelte den Kopf, um die trüben Gedanken loszuwerden. Dann schaltete sie ihr Deskpad aus und gähnte noch einmal herzhaft. Dabei blieb ihr Blick an Julana hängen, die eine Reihe vor ihr saß. Julanas Kopf hing zur Seite und sie schnarchte in staccatohaften Stößen. Ausgerechnet Julana, die Oberstreberin! Mit der nur die wenigsten etwas zu tun haben wollten, weil sie ihre Mitschüler gern bei den Lehrern verpfiff. Die niemanden abschreiben ließ und hämisch lachte, sobald andere eine schlechte Note bekamen.

Kurz überlegte Sula, ob sie Julana wecken sollte, beschloss dann aber, dass es lustiger wäre, diesen Anblick zu filmen. Ihre Finger glitten über die Tastatur und ließen den Live-Stream ihres Pads anspringen.

»Träum ruhig weiter, meine Süße«, flüsterte sie und stellte Julanas Gesicht mit dem halb geöffneten Mund in den Speakview Chat der Schule.

Zufrieden verließ Sula den Unterrichtsraum, um den anderen in die Mensa zu folgen. Obwohl sie nicht allzu schnell unterwegs war, ging ihr Atem bald schwer, und halb erwartete sie, dass ihr schwindelig wurde. Selbst schuld, dachte Sula. Schließlich gab es Rollbänder. Ein stechender Schmerz schoss ihr durch die Brust und die Schwüle brachte ihre Augen zum Tränen.

Juli war echt der schlimmste Monat. Die heißen Temperaturen hielten sich hartnäckig und machten das Atmen noch schwerer, als es ohnehin war.

Sula seufzte. Erst heute morgen hatten sie in den News gebracht, dass der Sauerstoffgehalt in der Luft auf einen noch nie dagewesenen Tiefstwert gesunken war. Namhafte Wissenschaftler aus aller Welt hatten sich zu Wort gemeldet, ihre Analyseergebnisse präsentiert und auf die enormen gesundheitlichen Gefahren hingewiesen.

Auch wenn Sula das alles schon oft gehört hatte, war in diesem Moment Angst in ihr hochgekrochen. Was, wenn es schon bald nicht mehr genügend Luft zum Atmen gab? Zwar waren in der Vergangenheit zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung des Klimaschutzes ergriffen worden. Trotzdem war es bisher weder Politikern noch Wissenschaftlern gelungen, das Sauerstoffproblem in den Griff zu bekommen. Und bei alledem ging es den Menschen immer schlechter. Als erste Todesfälle auftraten, wurden Sauerstofftabs auf den Markt gebracht, die den Körper zumindest für ein paar Stunden mit genügend Sauerstoff versorgten.

Ursprünglich für den Notfall gedacht, waren die Tabs in kürzester Zeit ausverkauft gewesen. Wegen der Luftknappheit hatte die Gesundheitsbehörde in dem Versuch, die Gemüter zu beruhigen, einen zusätzlichen Maßnahmenkatalog herausgebracht, über den Sula nur den Kopf schütteln konnte. Sie würde sich nicht vorschreiben lassen, wie lange sie draußen herumlaufen durfte. Sie musste sich einfach bewegen, auch auf die Gefahr hin, dabei zu Schaden zu kommen. Wesentlich härter traf Sula allerdings der Umstand, dass Sauerstoffklimaanlagen nur noch in Ausnahmefällen - und Ausnahmefälle gab es quasi nur für medizinische Einrichtungen - betrieben werden durften. Das machte das Leben nicht unbedingt einfacher.

Schwer atmend blieb Sula stehen und beobachtete ein paar Schüler, die lautlos auf den magnetischen Rollgleitern an ihr vorbeiglitten. Die meisten hatten blasse Gesichter, ein paar husteten und starrten vor sich hin. Auch wenn sie die Anstrengung bei fast allen sah, fragte sie sich, ob die anderen nicht trotzdem manchmal das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung verspürten.

»Wen haben wir denn da?«

Sula drehte sich um und blickte in das breit grinsende Gesicht von David. Von allen Jungs ihrer Schule konnte sie David am wenigsten leiden. Ein schmieriger Typ, der sich an jedes Mädchen heranmachte, das ihm über den Weg lief. Noch bevor Sula etwas entgegnen konnte, war er bereits vom Rollgleiter gesprungen und direkt neben ihr gelandet. »So allein unterwegs?«

Mit einem breiten Zahnpastareklame-Lächeln beugte er sich zu ihr herunter und schlang seinen linken Arm um ihre Hüfte. Sein säuerlicher Atem raubte ihr die ohnehin knappe Luft.

Mundspülung, korrigierte Sula sich in Gedanken, ein Fotoshooting für Mundspülung wäre angebrachter.

»Allerdings. Und so soll es auch bleiben.« Sula warf ihre Haare über die Schulter, riss sich von ihm los, stolperte dabei fast über das Rollband und ging heftig schnaufend weiter.

»So arrogant wie eh und je! Du wirst schon noch sehen, wie weit du damit kommst!«, schrie er ihr hinterher.

Sie hatte den Eingang zur Mensa fast erreicht, als Norje ihren hellblonden Kopf durch die Tür streckte.

»Ah, Sula. Wie immer die Letzte.«

Sula wollte gerade etwas Passendes erwidern, da hatte Norje sie schon untergehakt und in den Speisesaal geschoben. Den Bruchteil einer Sekunde beschlich Sula das Gefühl, angestarrt zu werden, und sie fühlte sich wie damals, als sie neu in die dritte Klasse gekommen war und niemanden gekannt hatte. Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe und setzte sich zu Norje an den Tisch. Unauffällig rutschte sie mit den Beinen nach vorn, um sich kleiner zu machen. Gleichzeitig ärgerte sie sich über sich selbst, woraufhin sie den Blick, selbstbewusster, als sie sich tatsächlich fühlte, durch den Raum schweifen ließ. Dabei fiel ihr auf, dass die anderen gar nicht auf sie, sondern über sie hinwegblickten. Stirnrunzelnd betrachtete sie James, der ihr gegenüber saß. Sie sah seine weit aufgerissenen Augen, das ungläubige Staunen darin.

Neben ihm Chrissie, seine Freundin, die beide Hände auf den Mund gepresst hielt und leise stöhnte.

»Was zum Teufel .?«

»Genau das frage ich mich auch«, murmelte Norje, und Sula wünschte, Norje würde weitersprechen, um ihr zu sagen, was hier eigentlich los war. Doch beim Umdrehen sah sie es selbst.

Julanas übergroßes Gesicht starrte sie von der Eingangswand der Mensa an. Sie war offenbar wach und atmete in kleinen kurzen Stößen. Hatte wahrscheinlich bemerkt, dass sie gefilmt wurde, und ärgerte sich darüber.

Sula wollte schon grinsen, als sie stutzte. Etwas an der Art, wie Julana den Kopf bewegte, stimmte nicht. Als wäre er zu schwer und könnte jeden Moment herunterfallen, sobald sie die Hände vom Hals nahm. Wie kam überhaupt der...

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