Der Wanderer

Die Götterkriege 7
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2015
  • |
  • 528 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96745-7 (ISBN)
 
Sein Debüt »Das Erste Horn« eroberte die Herzen der Fantasyfans im Sturm. Seine Romane um »Das Geheimnis von Askir« wurden von Lesern und Presse gefeiert. Seine neue Saga »Die Götterkriege« machte Richard Schwartz zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Fantasy-Autoren. Mit dem sechsten und abschließenden Band der »Götterkriege« steht nun der Höhepunkt der Serie bevor - Havald, der Engel des Todes, und der Nekromantenkaiser stehen sich in der letzten Schlacht gegenüber. Wird sich die Prophezeiung erfüllen?
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 2,87 MB
978-3-492-96745-7 (9783492967457)
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Richard Schwartz, geboren 1958 in Frankfurt, hat eine Ausbildung als Flugzeugmechaniker und ein Studium der Elektrotechnik und Informatik absolviert. Er arbeitete als Tankwart, Postfahrer und Systemprogrammierer und restauriert Autos und Motorräder. Am liebsten widmet er sich jedoch phantastischen Welten, die er in der Nacht zu Papier bringt - mit großem Erfolg: Seine Reihe um »Das Geheimnis von Askir« wurde mehrfach für den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Zuletzt erschienen die neuen Reihen »Die Eisraben-Chroniken« und »Die Sax-Chroniken«.

Nachtwache

1Die kleine Kapelle war vielleicht acht mal zehn Schritt groß, vier Säulen trugen die gewölbte und mit Bildern aus den Büchern der Götter verzierte Decke. Zur linken Hand gab es einen Säulengang, durch den die frühe Morgensonne von Eleonoras Garten schräg in die Kapelle fiel und den Staub im Licht tanzen ließ. Acht kunstvoll verzierte Eichenbänke füllten die hinteren zwei Drittel der Kapelle, jeweils vier auf jeder Seite. Auf der vordersten Bank saß ich, die Hände auf dem Knauf von Seelenreißer verschränkt, mein Kinn auf diese gestützt, und starrte auf die Bahre vor mir, die jemand vor dem aus weißem Marmor gefertigten Altar platziert hatte.

Es roch nach alter Eiche, Bienenwachs und Weihrauch und diesem undefinierbaren Geruch, den wahrhaft alte Orte oftmals an sich haben.

Mein Blick glitt über die Reliefarbeiten an der Vorderseite des Altars, der alt genug war, um neben den drei Göttern der Dreieinigkeit auch den Göttervater Nerton darzustellen. Hier war er ein alter Mann in einer Lederrüstung und einem weiten Umhang, der eine Laterne hielt. Keine Kapuze verhinderte den Blick auf sein Gesicht, er schaute versonnen in die Ferne. Wenn ich mich richtig erinnerte, hatte er einst für Weisheit und Gelehrsamkeit gestanden, doch mittlerweile ordneten wir die Weisheit Astarte und die Gelehrsamkeit Soltar zu. Meine Gedanken schweiften ab, ich fragte mich, was damals für den unbekannten Bildhauer der Grund gewesen sein mochte, hier in dieser alten Kapelle die Götter als zum Kampf gewappnet darzustellen.

Solange ich mich erinnern konnte, wurde Astarte in weiten, fast durchsichtigen Roben dargestellt, die wenig dafür taten, ihre Reize zu verbergen, hier trug sie einen langen Kettenmantel, Schild und Speer.

Es war ein begnadeter Bildhauer am Werk gewesen, Form und Haltung der Götter erweckten den Eindruck, sie wären miteinander im Gespräch, Boron, wie auch heute noch üblich in seiner schweren, archaisch anmutenden Plattenrüstung dargestellt, hatte seine gepanzerte Hand auf Astartes rechte Schulter gelegt, als ob er ihr Trost spenden würde. In der anderen Hand hielt er seinen göttlichen Kriegshammer, seine blauen Augen blickten forschend und wachsam. Soltar trug einen Kettenmantel, feiner gearbeitet als der seiner Schwester, mit einem breitkrempigen Hut, dem als Hutband eine Kette mit goldenen Münzen diente, er trug ein schmales Schwert an seiner Seite und hielt einen Stab in seiner linken Hand, einen Stab, wie ihn noch immer die Maestras der dunklen Elfen benutzten. Mit seiner rechten Hand griff er in eine weite Tasche, als ob er eilig etwas daraus hervorziehen wollte.

Ich wusste nicht mehr, wie oft ich schon hier gewesen war, wahrscheinlich nicht oft genug, ich hatte so meine Probleme mit den Göttern, doch es wunderte mich, dass mir die ungewöhnliche Darstellung nicht schon früher aufgefallen war.

Keiner der Götter hielt sein Gesicht verborgen, zum ersten Mal sah ich, dass Boron strahlend blaue Augen besaß, während sein Bruder Soltar mit dunkelbraunen Augen in die Welt blickte. Der Künstler hatte für die Augen Halbedelsteine verwendet, sie glänzten feucht und lebendig, und schaute man nicht direkt zu den Göttern hin, beschlich einen wie üblich das Gefühl, dass sie es waren, die einen prüfend musterten und nicht umgekehrt.

Hätte ich es nicht besser gewusst, dieses Relief vielleicht in einem Wirtshaus gesehen, ich hätte die vier für eine Gruppe Abenteurer gehalten, die aufgebrochen waren, um die Welt zu erforschen und ihr Glück zu suchen.

Mir erschienen sie so greifbarer, verständlicher, näher als die Statuen in unseren Tempeln, die von einem heiligen Graben von den Gläubigen getrennt, in Roben gehüllt, eher geheimnisvoll und verschlossen auf mich wirkten. Ich hatte immer Schwierigkeiten damit, jemandem zu vertrauen, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte.

Der Künstler hatte verschiedene Materialien verwendet, Leder, Stoff und Stahl für die Rüstungen und Umhänge, ihnen eine lebensechte Farbe gegeben, auch hier eine Überraschung, in den Tempeln, die ich kannte, war Astarte blond und hellhäutig, hier war sie dargestellt wie die Seras aus Bessarein, mit honigfarbiger Haut und dunklen wallenden Locken, ihr Anblick erinnerte mich an jemanden, es brauchte eine Weile, bis es mir einfiel. Elsine. Göttin, Drache, Königin und Askannons ewige Liebe. Die gleiche Elsine, die es für sinnvoll erachtet hatte, hier in Illian ein Fest zu geben, mit dem der bevorstehende Sieg über die schwarzen Legionen im Land gefeiert werden sollte.

Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, irgendwie fühlte es sich für mich so an, als würde man damit die Götter herausfordern, Elsine sah es ohne Zweifel anders, nun, wenn man ein Drache war, konnte man sich etwas Zuversicht durchaus leisten.

Es war still hier in der Kapelle, ich hörte, wie irgendwo ab und zu ein Wassertropfen aufschlug, im Garten zwitscherten Vögel, als wollten sie mich aufmuntern, meine Sorgen und schweren Gedanken abzustreifen.

Eine gute Idee, meinte Hanik und klang leicht verärgert dabei. Eure Schwermut drückt mir bald noch selbst aufs Gemüt! Geht hinaus, ertränkt Euch im Wein, das solltet Ihr tun, nicht hier sitzen und Trübsal blasen!

Ich ignorierte ihn, mittlerweile besaß ich darin ja reichlich Übung.

Widerstrebend glitt mein Blick über die stille Figur auf der Bahre, ihre Formen konnte ich nur erahnen, ein weißes Seidentuch verhüllte sie, doch in meiner Erinnerung sah ich sie klar und deutlich, vor allem ihr ängstliches und doch zugleich entschlossenes Gesicht, als sie das erste Mal seit Jahrhunderten einen Tempel Soltars betreten hatte, um dort Abbitte für ihre Sünden zu leisten. Ich erinnerte mich daran, wie sie geweint hatte, nachdem der Gott sie geläutert hatte. An hochgezogene Augenbrauen, ein geheimnisvolles Lächeln, klare Augen, die einem tief in die Seele zu blicken schienen. Entschlossenheit, Mut, den Willen, das Unmögliche zu vollbringen. Wie sie mich, in den Ruinen Kelars, gehalten und getröstet hatte, nachdem sie mit mir ihre Erinnerungen, mit mir das Leid geteilt hatte, das ihr von Kolaron Malorbian angetan worden war.

Ich besaß noch eine andere Erinnerung an sie, eine zufällige, ein Soldat des alten Reichs war ihr auf der Straße, die von der Zitadelle von Askir zum Hafen herunterführte, begegnet, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war. Später dann war er in der Ostmark dem Verschlinger begegnet, so hatte dieses Bild, diese Erinnerung ihren Weg zu mir gefunden.

Der schlanke junge Mann an ihrer Seite musste Balthasar gewesen sein, die Ähnlichkeit zu dem Gelehrten Kennard war unverwechselbar. Beide waren sie jung und voller Leben gewesen, und selbst heute noch hörte ich in dieser Erinnerung ihr sorgloses Lachen. Sie waren jung gewesen, das Leben hatte vor ihnen gelegen, warum sollten sie also nicht fröhlich sein? Beide hatten sie Roben eines Schülers der Eulen getragen, eine der größten Ehren, zu der man im alten Kaiserreich gelangen konnte, warum sollten sie also nicht unbeschwert sein? An diesem fernen Sommertag hatte es keine Zeichen gegeben, die auf die kommende Dunkelheit hingewiesen hätten.

Ich stand langsam auf und trat auf den Säulengang hinaus, der den Blick auf Eleonoras Garten erlaubte, und sah zur Morgensonne hin, die gerade hoch genug stand, um ihre ersten Strahlen über die hohen Zinnen der Kronburg zu werfen, der Garten lag größtenteils noch im Schatten.

Der frühe Morgen. Soltars Tor stand offen, um all jenen Seelen Zugang zu den Hallen der Götter zu gewähren, die in der Nacht gestorben waren.

Deshalb hatte ich die Nacht über an ihrer Bahre Wache gehalten, um ihre Seele vor der Dunkelheit zu schützen, bis der Morgen angebrochen war.

Ich war nicht immer alleine gewesen, Kennard hatte einen guten Teil der Nacht neben mir gekniet, bevor er vor etwa einer halben Kerze wortlos und mit feuchten Augen die Kapelle verlassen hatte.

Asela war seine Enkeltochter, und er hatte sie geliebt, vielleicht mehr sogar als seinen eigenen Sohn Balthasar. In ihren jungen Jahren, bevor das Schicksal in der Gestalt des Eulenschülers Orinstor sie traf, hatte ihr Liebreiz und ihr großes Herz die Herzen des gesamten Kaiserreichs erobert. Sieglinde hatte mir vor Wochen eine Ballade über die junge Asela gezeigt, die unsere Bardin in den Archiven der Federn gefunden hatte, und ich konnte sie vor mir sehen, die junge Asela, die dort besungen wurde, lachend, mit weiten offenen, neugierigen Augen und keiner Sorge in der Welt.

Ich stellte mir vor, dass die Götter ihr die Gnade gewährten, so vor sie zu treten, wie sie damals gewesen war. Nicht als das, was heute von ihr übrig war, entstellt und verbrannt, selbst für die, die sie geliebt hatten, kaum noch erkennbar.

Obwohl von dem Seidentuch verhüllt, selbst hier auf dem Säulengang und trotz des Weihrauchs und des Bienenwachses, konnte ich ihn riechen, den Geruch von verbranntem Fleisch und Blut und Tod.

Die Tür zur Kapelle knarzte leise, ich drehte mich um und sah, wie sich Leandra hindurchduckte, damals, als man die Kapelle erbaute, waren die Menschen wohl kleiner gewesen, und die Baumeister hatten nicht an eine große schlanke Königin gedacht, die auch heute noch die meisten ihrer Untertanen um einen Kopf überragte.

Als sie mich sah, huschte ein leichtes Lächeln über ihre Lippen, das jedoch gleich wieder schwand, als sie zu der leblosen Gestalt auf der Bahre hinschaute. Leandra di Girancourt, Maestra und Königin von Illian, beugte ihr Haupt vor den Göttern und führte das Zeichen der Dreieinigkeit vor ihrem Busen aus, um sich dann mit leisen Schritten zu mir zu gesellen und sich neben mir an die Brüstung anzulehnen.

Forschend musterte...

»Richard Schwartz entführt den Leser, fesselt ihn, umwirbt ihn mit einem bunten und stimmig-tiefen Meer an bildlicher und literarischer Kraft, die man eben nicht in allen Fantasy-Büchern so finden mag.«, Revolver Evolver, 09.01.2016

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