Verflucht

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. April 2013
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09855-1 (ISBN)
 
Schau der Hexe nicht in die Augen!

Das Moor, das gleich hinter ihrem Haus anfängt, hat die 16- jährige Lexi schon immer als Bedrohung empfunden. Ebenso die Geschichten von der Hexe, die dort seit Urzeiten leben soll . Als ein fremder Junge im nächtlichen Nebel vor ihrem Fenster auftaucht, ahnt Lexi, dass etwas Unheimliches geschehen wird. Und tatsächlich: Etliche Kinder aus dem Dorf verschwinden spurlos. Ihre Eltern verdächtigen schon bald den fremden Jungen, der wie ein Spuk mal hier, mal da erscheint. Doch Lexi weiß, dass etwas anderes dahintersteckt - etwas, das aus dem Moor kommt .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,60 MB
978-3-641-09855-1 (9783641098551)
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KAPITEL ZWEI

»Lexi.«

Das Licht sickert zwischen den Laken hindurch. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und merke, wie meine Gedanken zum vergangenen Abend wandern, zu Schattenformen auf mondhellem Moor.

»Lexi«, ertönt die Stimme meiner Mutter erneut und dringt diesmal bis in meinen Deckenkokon hinein. Sie gräbt sich zu mir hindurch, zusammen mit dem Morgenlicht. Die Erinnerung scheint zu verblassen.

Von meinem Nest aus höre ich das Getrappel von Füßen, gefolgt von einer kurzen Stille. Ich wappne mich und bleibe völlig reglos, als ein Körper auf dem Bett landet. Kleine Finger zerren an den Decken.

»Lexi«, sagt eine neue Stimme, eine hellere Variante meiner Mutter. »Steh jetzt auf.« Ich täusche immer noch Schlaf vor. »Lexi?«

Blitzschnell strecke ich die Arme aus und packe durch die Laken hindurch meine Schwester, um sie in eine Bettdeckenumarmung zu ziehen.

»Hab dich!«, rufe ich. Wren quietscht begeistert auf. Dann windet sie sich aus meinem Griff, woraufhin auch ich mich aus den Decken befreie. Die dunklen, widerspenstigen Locken fallen mir ins Gesicht. Wren hockt auf der Bettkante und lacht ihr ansteckendes Lachen. Ihr Haar ist blond und ganz glatt. Es umfließt wie immer geschmeidig ihr Gesicht und hängt brav auf die Schultern herab. Ich vergrabe meine Finger darin und versuche, es zu zerzausen, aber sie lacht bloß und schüttelt den Kopf, woraufhin sich ihre Haare wieder in perfekter Ordnung glätten.

Das sind unsere Morgenrituale.

Wren hüpft davon und läuft in die Küche. Ich stehe auf und gehe zur Kommode, um mir etwas zum Anziehen zu holen, wobei ich einen schnellen Blick durchs Fenster und in den Morgen hinein werfe. Die Moorlandschaft mit ihrem zerzausten Gras und den verstreuten Felsbrocken wirkt so sanft und überschaubar, wie sie sich da im frühen Tageslicht erstreckt. An diesem grauen Morgen wirkt sie wie eine ganz andere Welt. Zwangsläufig frage ich mich, ob das, was ich letzte Nacht gesehen habe, nur ein Traum war. Ob er nur ein Traum war.

Ich berühre mit den Fingerspitzen die Fensterscheibe, um zu testen, wie warm es draußen ist. Der Sommer neigt sich dem Ende zu und wir befinden uns in jener kurzen Zeitspanne, in der die Tage angenehm, ja sogar warm sein können, oder eben klar und kalt. Das Glas ist kühl, die beschlagene Fläche um meine Finger gleicht einem kleinen Heiligenschein. Ich ziehe die Hand zurück.

Dann gebe ich mir alle Mühe, die Locken über der Stirn zu entwirren und sie zu einem Zopf zu bändigen.

»Lexi!«, ruft meine Mutter wieder. Das Brot ist wohl fertig.

Ich ziehe mir ein langes, schlichtes, in der Taille gerafftes Kleid über. Was gäbe ich für ein Paar Hosen! Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich mein Vater selbst dann noch in meine Mutter verliebt hätte, wenn sie Kniehosen und einen Jägerhut getragen hätte, selbst wenn sie bereits sechzehn, also im heiratsfähigen Alter, gewesen wäre. In meinem Alter. Heiratsfähiges Alter, spotte ich innerlich und betrachte verzweifelt das Paar mädchenhafte Halbschuhe. Mit ihrer hellgrünen Farbe und der dünne Sohle stellen sie einen sehr schlechten Ersatz für die alten Lederstiefel meines Vaters dar.

Ich blicke auf meine nackten Füße hinab, gezeichnet von den vielen Meilen, die sie übers unwegsame Moor gewandert sind. Ich würde lieber für immer hierbleiben und das Brot meiner Mutter austragen, lieber alt und krumm werden wie Magda und Dreska Thorne, als in Röcke und Pantoffeln gezwängt an einen Dorfjungen verheiratet zu werden. Ich schlüpfe in die Halbschuhe.

Obwohl ich fertig angezogen bin, kann ich das Gefühl nicht abschütteln, dass noch etwas fehlt. Ich drehe mich zu dem kleinen Holztisch neben meinem Bett um und atme tief durch, als mein Blick auf das Messer meines Vaters, im dunklen Lederschaft, fällt, der Griff von seiner Hand ganz abgewetzt. Ich mag es, meine schmalen Finger in die Vertiefungen zu legen, denn dann kommt es mir vor, als könnte ich seine Hand in meiner spüren. Früher habe ich es jeden Tag getragen, bis Ottos Blick zu streng wurde, und selbst dann wagte ich es manchmal noch. Offensichtlich bin ich heute mutig, denn meine Finger schließen sich um das Messer und sein Gewicht fühlt sich gut an. Ich binde es mir um die Taille wie einen Gürtel, die Schneide in ihrem Futter hinten im Rücken, und fühle mich wieder sicher. Angezogen.

»Lexi, jetzt komm schon!«, ruft meine Mutter und ich frage mich, was um alles in der Welt die Eile soll, denn die frisch gebackenen Laibe werden sowieso abgekühlt sein, bis ich bei den Kunden ankomme. Doch dann dringt eine zweite Stimme durch die Wände zu mir durch, ein tiefes, angespanntes Murmeln, das sich in den höheren Tonfall meiner Mutter mischt. Otto. Der Geruch nach leicht verkohltem Brot begrüßt mich, als ich die Küche betrete.

»Guten Morgen«, sage ich und blicke in zwei Augenpaare, das eine blass und müde, aber doch wachsam, das andere dunkel und zwischen tiefen Furchen vergraben. Die Augen meines Onkels gleichen so sehr denen meines Vaters - dasselbe intensive Braun, umrahmt von einem dunklen Wimpernkranz. Doch während die meines Vaters stets zu tanzen schienen, sind Ottos Augen von Falten umrahmt und reglos. Er beugt sich mit hängenden Schultern nach vorn, über seinen Kaffee.

Ich durchquere den Raum, um meine Mutter auf die Wange zu küssen.

»Wird auch Zeit«, meint mein Onkel.

Wren kommt hinter mir hereingehüpft und schlingt ihm die Arme um den Bauch. Er taut ein bisschen auf und streicht ihr leicht übers Haar, doch gleich darauf ist sie schon wieder verschwunden. Otto wendet seine Aufmerksamkeit wieder mir zu, als warte er auf eine Antwort, eine Erklärung.

»Weshalb die Eile?«, erkundige ich mich, während der Blick meiner Mutter auf meine Taille und den Ledergürtel über meinem Kleid fällt. Sie sagt jedoch nichts, sondern wendet sich bloß ab und gleitet zum Ofen hinüber. Die Füße meiner Mutter berühren selten den Boden. Sie ist weder schön noch bezaubernd, außer auf jene Weise, wie es alle Mütter für ihre Töchter sind, aber sie bewegt sich mit natürlicher Anmut.

Auch das sind Morgenrituale. Der Kuss meiner Mutter. Ottos Erscheinen in unserer Küche, so regelmäßig, dass sein Schatten zu bleiben scheint. Seine ernsten Augen, während mich sein Blick erfasst und auf das Messer meines Vaters fällt. Ich warte auf seinen Kommentar, doch er schweigt.

»Du bist früh hier, Otto«, stelle ich fest und nehme mir eine Scheibe warmes Brot und eine Tasse.

»Nicht früh genug«, erwidert er. »Inzwischen ist schon das ganze Dorf auf den Beinen und redet.«

»Und worüber?« Ich schenke mir Tee aus einem Kessel neben dem Herd ein.

Meine Mutter dreht sich zu uns um, die Hände mit Mehl bestäubt. »Wir müssen in die Stadt.«

»Ein Fremder«, brummt Otto, während er in seine Tasse starrt. »Ist gestern Abend durch die Straßen gezogen.«

Ich spiele am Kessel herum, wobei ich mir fast die Finger verbrenne.

»Ein Fremder?«, hake ich nach und hindere die Kanne gerade noch am Umkippen. Also war es weder ein Traum noch ein Phantom. Es stand tatsächlich jemand dort draußen.

»Ich will wissen, was er hier will«, fügt mein Onkel hinzu.

»Ist er denn immer noch da?« Ich versuche, die Neugier in meiner Stimme zu unterdrücken. Weil ich hastig einen Schluck Tee trinke, verbrenne ich mir den Mund. Otto nickt nur kurz und leert seine Tasse. Ehe ich mir auf die Zunge beißen kann, sprudeln die Fragen heraus.

»Wo kommt er her? Hat jemand mit ihm gesprochen?«, erkundige ich mich. »Wo ist er jetzt?«

»Lexi, es reicht.« Ottos Worte durchschneiden die Wärme in der Küche. »Das sind bisher alles nur Gerüchte. Zu viele Stimmen, die gleichzeitig schnattern.« Vor meinen Augen verwandelt er sich: Er richtet sich auf, und aus meinem Onkel wird der Dorfvorsteher, der genau weiß, welche Würde sein Amt mit sich bringt. »Ich weiß bisher nicht mit Sicherheit, wer der Fremde ist oder wo er herkommt oder wer ihm Unterschlupf gewährt hat«, fügt er hinzu. »Aber ich bin fest entschlossen, es herauszufinden.«

Also hat ihn tatsächlich jemand bei sich aufgenommen. Ich beiße mir auf die Lippe, um das Grinsen zu unterdrücken. Wetten, dass ich weiß, wer den Fremden versteckt. Was mich aber vor allem interessiert, ist, warum. Also trinke ich meinen zu heißen Tee in großen Schlucken und zwinge den Hitzestrom bis hinunter in meinen Magen, denn ich will unbedingt los. Ich will wissen, ob ich recht habe. Und falls ja, dann will ich vor meinem Onkel dort sein. Otto erhebt sich vom Tisch.

»Geh du ruhig schon vor.« Ich zwinge mich zu einem unschuldigen Lächeln.

Otto stößt ein raues Lachen aus. »Nein, das werde ich nicht. Nicht heute.«

Meine Miene verdüstert sich. »Und warum nicht?«

Otto sieht mich unter seinen buschigen Brauen heraus an: »Ich weiß, was du vorhast, Lexi. Du willst selbst nach ihm fahnden. Aber das werde ich nicht zulassen.«

»Was soll ich dazu sagen? Ich bin eben die Tochter meines Vaters.«

Otto nickt grimmig. »Daran besteht nicht der leiseste Zweifel. Und jetzt zieh dich an. Wir werden alle zusammen ins Dorf gehen.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Bin ich nicht angezogen?«

Otto beugt sich langsam über den Tisch. Seine dunklen Augen bohren sich in meine, als könnte er mich damit einschüchtern, doch seine Blicke sind lang nicht so intensiv wie die meiner Mutter, und sie drücken auch nicht annähernd so viel aus. Gelassen halte ich stand,...

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