Stets sollst du schweigen

Kriminalroman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. Januar 2018
  • |
  • 446 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-4994-8 (ISBN)
 
Anna-Karin Ehn arbeitet als Sozialhelferin und ist immer wieder mit Fällen häuslicher Gewalt konfrontiert. Als sie eines Abends nicht von der Arbeit heimkehrt, benachrichtigt ihr Mann die Polizei. Seine Frau war oft Drohungen der Männer ausgesetzt, die verdächtigt werden, ihre Frauen zu schlagen.
Kurz darauf entdeckt man Anna-Karins Auto einsam und verlassen mitten in einem Waldgebiet. In dem Wagen sind Blutspuren. Sie selbst ist jedoch unauffindbar. Eine fieberhafte Suche beginnt.


1. Aufl. 2018
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 1,37 MB
978-3-7325-4994-8 (9783732549948)
3732549941 (3732549941)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2


Magdalena Hansson zerrte die saubere Wäsche aus dem Trockner in die IKEA-Tasche und warf sich diese über die Schulter. Die dritte Runde an diesem Abend. Es fröstelte sie ein wenig in dem dünnen T-Shirt, sie schaltete das Licht aus und beeilte sich, aus der Waschküche zu kommen.

Als sie an der Tür zum Abstellraum vorbeikam, hielt sie inne. Vielleicht konnten sie den ja zu einem Zimmer für eines der Zwillingsmädchen umbauen. Auch wenn die beiden nur jede zweite Woche bei ihnen wohnten, so reichte das kleine Gästezimmer, das sie sich dann teilten, nicht mehr aus.

Magdalena öffnete die Tür und sah hinein. Doch, der Raum war groß genug. Und er hatte zwei Fenster, die ausreichend Licht hereinließen.

Aber dann musste sie sich mal an die Kartons ranmachen.

Seit ihrem Umzug aus Stockholm standen die immer noch entlang der einen Wand aufgestapelt. Das war jetzt fast drei Jahre her.

Magdalena betrat den Raum und klappte einen der Kartons auf.

»Artikel usw.«, stand in eilig hingekritzelten Buchstaben darauf. Sie erkannte ihre Handschrift kaum. Der Karton war vollgestopft mit Mappen, Blöcken und Kassetten mit alten Telefoninterviews. Hatte sie das alles etwa eingepackt? Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Magdalena klappte den Karton zu, öffnete den nächsten mit der Aufschrift »Erste Kleider Nils« und holte einen kleinen Pullover mit einem Igel darauf heraus.

Den hier sollte sie wirklich mal durchsehen, vielleicht gab es darin sogar ein paar Teile, die Liv jetzt anziehen könnte.

Sie fuhr zusammen, als das Handy in ihrer Schlafanzughose zu klingeln begann.

Petter.

»Hallo Schatz«, sagte sie. »Wie läuft es bei dir?«

Magdalena klappte den Karton zu, rückte die IKEA-Tasche, die in die Schulter einschnitt, zurecht und ging langsam die Treppe hoch.

»Mit dem Fundament bin ich zumindest fertig. Ich wollte nur hören, ob Vendela und Vanessa vom Handball nach Hause gekommen sind.«

»Sie sind beide ungefähr vor einer Stunde eingetrudelt.«

»Das ist gut. Vendela hat nicht geantwortet, und ich wollte nur sicher sein.«

Keiner von ihnen sprach es aus, doch beide wussten, was der andere dachte. Aber solange die beiden Mädchen gemeinsam nach Hause gingen, dürfte keine Gefahr bestehen.

»Wie lange brauchst du noch?«, fragte sie.

»Anderthalb Stunden, zwei vielleicht. Ich würde es gern noch abisolieren, ehe ich gehe.«

»Okay«, sagte sie und versuchte, nicht enttäuscht zu klingen.

Er musste diese zusätzlichen Jobs annehmen, vor allem jetzt in der Elternzeit. Doch dadurch sahen sie sich kaum noch. Sobald Magdalena von der Arbeit nach Hause kam, fuhr er zu seinem Job. Manchmal schafften sie es noch, zusammen zu Abend zu essen, doch meistens nicht.

Heute Abend hätte sie es gebrauchen können, mit ihm zu reden. Über Mario.

Magdalena stellte die Wäschetüte aufs Sofa und begann mechanisch, die Kleidungsstücke zu falten. Die Stapel auf dem Sofatisch wuchsen rasch. Aus dem Zimmer der Mädchen im oberen Stockwerk drang Musik, aber Nils schien dann doch endlich eingeschlafen zu sein.

Mario.

Die blauen Flecken, die sie entdeckt hatte, als er von Nils trockene Kleider ausleihen sollte. Dunkle Blutergüsse auf dem Rücken und dem Po. Er hatte sich ins Badelaken eingewickelt und versucht, sich den Pullover anzuziehen, ohne das Handtuch loszulassen, aber dann war es doch auf den Boden gefallen. Der Blick, als ihm klar wurde, dass sie es gesehen hatte.

»Was ist denn da passiert?«, hatte sie gefragt, als Nils das Badezimmer verlassen hatte.

Aber Mario beeilte sich nur, schnell in die Kleider zu kommen.

»Ist irgendjemand grob zu dir gewesen?«

Die Jogginghosen waren ein wenig zu lang und krumpelten sich über seinen Füßen.

Sie hatte sich auf den Klodeckel gesetzt und es wieder versucht.

»Mario?«

Mario zog sich die Strümpfe an und sah sie nicht an.

»Darf ich nicht erzählen.«

»Aber es hat dich jemand geschlagen?«

»Ich darf nichts sagen.«

Mit einem Mal war ihr aufgegangen, warum er in den Osterferien nicht mit ins Schwimmbad hatte gehen dürfen. Und als er sich im Schrank versteckt hatte, als es Zeit war, nach Hause zu gehen, da war auch das wohl kein Spiel gewesen.

An dem Abend hatte sie ihn nach Hause gebracht, hatte die Unsicherheit in seinem ganzen Wesen gespürt, je näher sie seinem Zuhause kamen.

Keith kam in die Diele gestampft, die tätowierten Arme standen ein Stück vom Körper ab. Seine Miene war milder geworden, als er gesehen hatte, dass Magdalena dabei war.

»Aha, so«, sagte er. »Rein mit dir, mein Junge, hattest du Spaß?«

Eine viel zu große Hand, die Mario grob und ein bisschen zu fest das Haar zerzauste. Aufeinandergepresste Kiefer.

Andrea war mit Gary, dem kleinsten der Jungs, auf der Hüfte aus der Küche geschlichen gekommen, hatte von Keith zu Magdalena und wieder zurück geschaut. Barfuß, die Haare zu einem eiligen Knoten geschlungen.

Magdalena hatte ihnen die Tüte mit Marios Kleidern hingehalten und etwas über Spielen im Wald, die Hosen und den Pullover, die er von Nils hatte ausleihen können, gesagt, aber nichts über das heiße Bad oder die vierzehn Pfannkuchen. Oder die blauen Flecken.

»Die Kleider sind sicher noch ein bisschen feucht und müssen aufgehängt werden. Schön, dass er mit war.«

Nach vielen Bedenken hatte sie ein paar Tage später beim Jugendamt angerufen und Anzeige erstattet.

»Ich darf nichts sagen.«

Hätte sie das lieber nicht tun sollen? Jetzt wurde das Ganze vielleicht nur noch schlimmer. Vielleicht würde das Jugendamt die Geschwister aufteilen und in unterschiedlichen Pflegefamilien unterbringen.

Sie musste unbedingt diese Anna-Karin morgen noch mal anrufen, um sicherzugehen, dass das nicht passierte.

*

Christer stand vorm Tor, als Petra in die Straße einbog. Hier war er also gelandet. Der weiß gestrichene Neubau mit den hohen Gauben und der zurückhaltenden Form stach aus der Reihe der Fünfzigerjahre-Häuser in der Nachbarschaft heraus.

Obwohl Christer und sie so viele Jahre zusammengearbeitet und Tag um Tag im selben Auto gesessen hatten, war ihr Kontakt doch niemals privater Natur gewesen, und sie kannten das Zuhause des anderen nicht.

Doch sie freute sich für ihn. Seit Christer mit Torun zusammen war, wirkte er viel ruhiger und souveräner. Es schien ihn auch nicht mehr zu grämen, dass Petra die Chefposition bekommen hatte, von der alle - sie selbst eingeschlossen - gedacht hatten, dass man sie Christer anbieten würde.

In der ersten Zeit nach Sven Munthers Pensionierung hatte sie sich Sorgen um ihn gemacht, aber das war nicht mehr nötig, und das war ein Glück.

»Tut mir leid, dass ich den Abendfrieden störe«, sagte sie, als er die Beifahrertür aufmachte und einstieg. »Schön wohnt ihr hier. Mit Zugang zum See und allem!«

»Danke«, erwiderte Christer und tastete nach dem Sicherheitsgurt. »Wir fühlen uns wohl. Glaubst du, dass er es wieder ist?«

»Keine Ahnung. Aber in dem Fall wäre er jetzt einen Schritt weitergegangen. Offenbar wird sie schon seit heute Nachmittag vermisst.«

Petra fuhr auf die Storgatan zurück und dann weiter Richtung Norden.

»Es ist schon die Anna-Karin vom Jugendamt, von der wir hier reden, oder?«

»Genau. Das wird langsam richtig unangenehm.«

Christer und sie hatten bei der Behandlung von schweren Fällen beide schon mit Anna-Karin zusammengearbeitet. Vor allem erinnerte sich Petra an den Fall, als sie einen drogenabhängigen Jugendlichen in Handschellen legen mussten, um ihn ins Auto und dann weiter in eine Klinik zu bringen. Petra hatte den Jungen noch aus Hannes' Grundschulklasse gekannt, sich aber natürlich nichts anmerken lassen. Die Mutter hatte in der Diele gestanden und geweint, dass die Mascara nur so geflossen war.

Anna-Karin Ehn war niemand, die sich selbst Gefahren aussetzte. Sie war eine ruhige Bank.

Petra fuhr langsamer und bog auf das Grundstück der Familie Ehn ein. Das Haus, eine gelbe Holzvilla mit Schnitzwerk um die verglaste Veranda, lag ein Stück zurückgesetzt von der Hauptstraße und hatte einen genau gleich aussehenden Hof als einzigen Nachbarn.

Zwischen den Höfen schien es keine Trennung zu geben, keinen Zaun, keine Hecke. Schuppen, Scheune und Spielhäuschen lagen zwischen den Häusern verstreut, und kleine Wege, nicht mehr als Fahrrinnen im Gras, verliefen kreuz und quer.

Petra parkte vor der Veranda. Hinter dem Küchenfenster bewegte sich eine Gestalt. Kurz darauf ging draußen eine Lampe an, und die Haustür öffnete sich.

Torsten Ehn ließ sie in die Diele und trat dabei ein paar Schritte zurück. Petra erkannte ihn aus einem kürzlich gelesenen Wirtschaftsartikel in der Zeitung. Da hatte er Anzug, Schlips und Seitenscheitel getragen. Nun war er mit einer Jeans und einem kleinkarierten Hemd von der teureren Sorte bekleidet. In der einen Hand kreiste ungeduldig ein Handy.

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich grundlos angerufen habe, aber das hier sieht Anna-Karin einfach nicht ähnlich. Wir wollten um fünf Uhr hier losfahren, um neue Gartenmöbel auszusuchen. Normalerweise meldet sie sich immer, wenn sie spät dran ist, aber diesmal geht sie nicht einmal ans Handy. Ich mache mir wirklich Sorgen, vor allem nach all den Überfällen in der letzten Zeit.«

In einer Ecke lehnten ein paar Walking-Stöcke. Neben dem Dielenspiegel hing ein rechteckiger Rahmen mit drei Bildern, die bei einer Fjällwanderung gemacht worden zu sein schienen. Zwei der Bilder zeigten Aussichten über schneebedeckte Berggipfel und das dritte ein Selfie von ihnen beiden, Torsten mit der Sonnenbrille...

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