Feuerteufel

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10319-4 (ISBN)
 
»Du hörst nicht, wenn ich aufhöre zu atmen.«

An einem dunklen Augustabend erreicht ein Notruf den Rettungsdienst von Hagfors: Ein Einfamilienhaus steht in Flammen. Als die Journalistin Magdalena Hansson zum Ort des Geschehens kommt, ist das Haus fast niedergebrannt. Die Bewohner kommen in den Flammen um. Einige Tage später brennt das nächste Haus. Wieder sterben Menschen. Die Polizei von Hagfors steht vor einer ihrer größten Herausforderungen, während sich in der kleinen värmländischen Stadt Angst und Schrecken verbreiten.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,71 MB
978-3-641-10319-4 (9783641103194)
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1

Jetzt war sie also wieder mal allein. Eine ganze Woche. Magdalena setzte sich auf die Stufen der Terrasse und schaute über den See. Unten am Steg, knapp fünfzig Meter entfernt, lagen immer noch die Badehandtücher, die Petter und sie benutzt hatten.

Ein stiller, drückender Augustabend. Nur ein Bootsmotor und das gleichmäßige Spritzen des Rasensprengers auf dem Grundstück von Bengt und Gunvor waren zu hören. Die Wasserstrahlen wiegten vor und zurück und machten einen kleinen Regenbogen neben der Eberesche.

Magdalena stand auf und ging in die Küche, um eine Dose für die Himbeeren zu holen. Im Flur drehte sie sich mit dem Rücken zum Spiegel, zog das Hemd aus und sah sich über die Schulter. Die Haut auf den Schultern leuchtete rot zwischen den Sommersprossen. Sie hatte sich tatsächlich einen Sonnenbrand geholt. Nun war sie fast vierzig und wusste immer noch nicht, wie viel Sonne sie vertrug!

Schließlich fand sie in dem vollgestopften Schrank über der Mikrowelle eine alte Eisschachtel mit Deckel und ging wieder hinaus. Der Wohnzimmerboden war voller Grashalme und Fußspuren nach dem warmen, faulen Badewochenende, aber jetzt hatte sie keine Lust, sich damit zu befassen. Später, dachte sie. Morgen.

Magdalena ging über die Terrasse in den Garten zur Himbeerhecke. Das trockene Gras pikte unter den Füßen, als würde man über Tannenzweige laufen. An der Ecke des Vorratsschuppens hingen verblühte Lupinen mit Samenkapseln, die an einen verbogenen Kamm erinnerten.

Zusammenziehen. Petter hatte das Thema wieder angeschnitten. Eigentlich wäre das selbstverständlich, denn sie verbrachten fast alle freie Zeit, die sie hatten, gemeinsam. Trotzdem widerstrebte ihr der Gedanke daran.

Vorsichtig zupfte Magdalena eine Himbeere ab und ließ sie in die Plastikdose fallen, wo sie mit einem sanften Plumpsen auf dem Boden landete.

Sie würde niemals den Tag vergessen, an dem Ludvig völlig ohne Vorwarnung verkündet hatte, dass er sich scheiden lassen wolle und seine Taschen gepackt hatte. Ihr hatte es den Boden unter den Füßen weggezogen. Mit einem Mal gab es weder Alltag noch Zukunft, nichts von alledem, was früher einmal Wirklichkeit gewesen war.

Sie erinnerte sich an die Welle der Kälte, die sie in den ersten Monaten kurz vor dem Aufwachen überrollte, an das seltsame Zucken in der Zunge, wenn sie an seine neue Freundin dachte, und wie sie die Formulierungen feinschliff, um ihm begreiflich zu machen, wie sehr er sie verletzt hatte.

In irgendeinem Selbsthilfebuch hatte sie gelesen, dass man niemals wichtige Entscheidungen treffen sollte, wenn man deprimiert war, doch mit einem Mal hatte sie in einem großen Haus voller Umzugskartons gesessen und auf ein neues Leben in ihrer alten Heimatstadt gehofft. Oder wenigstens auf ein Leben, das es wert war, gelebt zu werden.

Wagte sie, sich dem noch einmal auszuliefern? Alles zu setzen mit dem Risiko, alles zu verlieren? Schaffte sie das?

Sie pflückte noch ein paar Himbeeren, doch ihr Blick wurde zu der großen Birke am Seeufer gezogen, die schon gelbe Einsprengsel bekommen hatte. Nicht mehr lange, und die Luft würde herbstlich frisch sein und nach Schulanfang riechen.

Schulanfang. Magdalena versuchte, den Gedanken wegzuschieben, doch es gelang ihr nicht.

Dieses Jahr wird es besser für Nils werden, entschied sie. Neue Schule. Neue, freundlichere Klassenkameraden. Alles wird besser werden.

»Magda«, rief jemand hinter ihr.

Magdalena sah von der Dose auf. Bengt Berglund stand auf seiner Terrasse jenseits der Hecke und winkte ihr mit zittriger Hand.

»Ich g., ich glaube, es wird ein Unwetter geben.«

Magdalena sah zum Himmel. Aus Nordosten kamen dicke blaulila Wolken angerollt.

»Ja, uh, wie fies!«, rief Magdalena.

»D. du wirst doch keine Angst vor einem kleinen Gewitter haben«, fuhr Bengt fort.

Das Sprechen war zumindest im Laufe des Sommers besser geworden. Anfangs war es fast unmöglich gewesen, zu verstehen, was er sagte.

»Manchmal schon«, gestand Magdalena.

Wenn ich ganz allein bin.

»Ist Petter schon gefahren?«

»Ja, der sitzt jetzt wahrscheinlich schon mit Vendela und Vanessa in der Hütte, mitten im Wald und ohne Handynetz. Keine Ahnung, warum man sich das antun sollte.«

Bengt lachte. Das klang jedenfalls völlig unverändert.

»Manchmal kann man nicht . glauben, dass du hier aufgewachsen bist.«

Das stimmte. Obwohl es ihre eigene Entscheidung gewesen war, nach Hagfors zurückzukehren, fand sie immer noch, dass Birkenreisig zusammen mit Osterfedern in große Eimer auf den Hötorget in Stockholm gehörte. Aber das würde sie natürlich niemals laut sagen, weshalb sie auch niemandem erzählt hatte, dass sie ihre Tannenzweige für den Weihnachtsschmuck immer kaufte.

»D. du kannst gerne zu uns kommen, wenn es zu schlimm wird.«

»Vielen Dank, Bengt. Das ist nett von dir.«

Obwohl das Schlafzimmerfenster offen stand, hing die dünne Gardine vollkommen still. Kjell-Ove Magnusson drückte Mirjam näher an sich, vergrub die Nase in ihren Haaren und schloss die Augen. Er lauschte auf ihrer beider Atemzüge, manchmal hörte er sie einzeln, dann wieder gleichzeitig, zu einem Atem verschmolzen.

Wenn es doch nur immer so einfach sein könnte.

Kjell-Ove sog den Duft des Shampoos ein und tat so, als ob alles anders wäre.

»Was denkst du?«, fragte Mirjam und hob den Kopf von seiner Schulter.

»Dass ich hierbleiben will.«

Mirjam antwortete nicht, sondern legte sich nur wieder hin, nahm seine Hand und flocht vorsichtig ihre kleinen Finger zwischen seine.

Kjell-Ove hatte irgendwo mal gehört, dass die Hände das Alter einer Frau verraten würden. Das traf auf Mirjam nicht zu. Ihre Hände waren immer noch glatt und ein wenig rundlich, so wie der Rest von ihr auch. Manchmal dachte er, dass sie ihre ganze Welt auf diesen Händen trug. Ständig waren sie mit irgendetwas beschäftigt: Kartoffeln schälen, Fenster putzen bei der Tochter, Lose für den Bandyclub verkaufen. Und jetzt hatte sie ein kleines Enkelkind, das sie umsorgen konnte, das sie genau richtig anziehen und für das sie Patchworkdecken nähen konnte.

Die meisten Frauen, die er kannte, würden schockiert sein, mit dreiundvierzig Großmutter zu werden, doch für Mirjam schien das alles ganz in Ordnung zu sein und genauso, wie sie es sich wünschte.

Jetzt bewegte sie sich unruhig auf ihm. Wieder und wieder schlossen und öffneten sich ihre Finger um seine Hand.

»Und woran denkst du?«, fragte er. »Stimmt irgendwas nicht?«

»Nein, nein, nichts«, antwortete sie mit einer Stimme, die deutlich machte, dass natürlich doch irgendwas war.

»Nun komm, sag schon«, ermunterte er sie und umarmte sie fester.

»Da ist ein Satz, an den ich immer denken muss. >Du hörst nicht, wenn ich aufhöre zu weinen<, sagt dir das was?«

»Du hörst nicht, wenn ich aufhöre zu weinen?« Kjell-Ove dachte nach. »Nein, keine Ahnung. Warum fragst du? Ist das irgendein Quiz oder so?«

»Nein, nicht direkt. Am Freitag habe ich eine Postkarte bekommen, so eine Glückwunschkarte, die man Leuten schickt, die grade ein Kind bekommen haben, mit einem kleinen Butzel im Kinderwagen auf der Vorderseite. Es gab aber keinen Absender, sondern es stand nur dieser eine Satz da.«

»Kann ich mal sehen?«

Kjell-Ove spürte, wie Mirjam den Kopf drehte.

»Nein, ich habe sie zerrissen und weggeworfen. Irgendwie war mir die Karte unheimlich.«

»Von wem könnte die denn sein?«

»Ich hab keinen Schimmer, obwohl ich über alle Möglichkeiten nachgedacht habe. Ich bin eigentlich ganz gut darin, Handschriften zu erkennen, aber mit der konnte ich gar nichts anfangen, die .«

Der Donnerschlag kam so unerwartet, dass beide zusammenzuckten.

»Gott, was habe ich mich erschreckt!«, sagte Mirjam und fuhr aus dem Bett hoch.

Sie deckte ihre Brust mit der einen Hand ab, reckte sich und zog das Fenster mit der anderen zu. Die Sommersonne hatte deutliche Abzeichen vom Bikini hinterlassen. Ein Strich verlief quer über den Rücken bis unter die Schulterblätter, und die runden Pobacken leuchteten weiß im Licht der Dämmerung.

Als Mirjam wieder unter die Decke gekrochen war, streichelte sie seine Brust.

»Nun aber. Auf mit dir. Bei Gewitter auf dem See zu sein und zu angeln ist lebensgefährlich, das weißt du doch.«

Kjell-Ove setzte sich auf die Bettkante und nahm ein Kleidungsstück nach dem anderen vom Boden auf.

Ich will nicht, dachte er, während er sich anzog. Ich kann nicht.

»Ich liebe dich«, sagte er. »Vergiss das nicht. Auch wenn es ist, wie es ist.«

»Jetzt geh.«

Das war das Letzte, was er je von ihr hören würde.

Magdalena blieb am Wohnzimmerfenster stehen und sah hinaus. Sie hatte die Polster der Gartenstühle reingetragen, alle Fenster zugemacht, die in der vergangenen Woche rund um die Uhr offen gestanden hatten, und das Stromkabel und das Antennenkabel des Fernsehers ausgesteckt. Der See war dunkel und granitgrau geworden, und das vormals leichte Kräuseln auf dem Wasser war jetzt angewachsen. Nun spülten die Wellen über den Steg.

Magdalena fischte das Handy aus der Shortstasche. Schnell klickte sie das Bild von Nils in gestreifter Schwimmweste und mit aufgekratzten Mückenstichen auf der Stirn an, das heute gekommen war. Das pechschwarze Haar war vom Wind zerzaust. Er sah glücklich aus. So glücklich hatte sie...

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