Die Zürcher Schule

Und der Kampf um Friedrich Lieblings Vermächtnis
 
 
Edition 381 (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. November 2019
  • |
  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-907110-07-2 (ISBN)
 
Dreissig Jahre lang (1952-1982) existierte in Zürich die Psychologische Lehr- und Beratungsstelle unter der Leitung von Friedrich Liebling. Mit Josef Rattner, später mit seinen Schüler/innen und Mitarbeiter/innen, beschritt er neue Wege in der Psychologie; deshalb nannten sie sich ab 1967 auch Zürcher Schule für Psychotherapie. Jede und jeder, unabhängig von finanziellen Möglichkeiten oder bildungsmässigem Hintergrund, konnte psychologische Beratung und Ausbildung erhalten, niemand wurde abgewiesen oder ausgeschlossen. Die psychologische Arbeit basierte auf den Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Gewaltlosigkeit und gegenseitiger Hilfe. Bei Friedrich Lieblings Tod 1982 standen 3000 Menschen in regelmässiger Verbindung mit diesem Forschungs-, Lehr- und Beratungszentrum.
Die Autorin schildert, wie sie die Zürcher Schule ab 1972 erlebte, sowie die Entwicklung nach dem Tod des Gründers. Was war passiert, dass es bereits nach einem Jahr zu Mitarbeitsverboten und Ausschlüssen kam? Wie konnte es geschehen, dass sich die psychologische Schule spaltete und Positionen vertreten wurden,
die der früheren Intention entgegengesetzt waren? Zusammen mit Jutta Siegwart-Gensch, einer engen Mitarbeiterin Friedrich Lieblings, bemühte sich die Autorin, die Ursachen der Fehlentwicklung aufzudecken. Die Ergebnisse legt sie in diesem Buch vor.
  • Deutsch
  • 0,83 MB
978-3-907110-07-2 (9783907110072)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Marianne Schuler, 1951, ist Lehrerin und Heilpädagogin; bis zu ihrer Pensionierung 2012 arbeitete sie an einer Primarschule im Kanton Zürich.

2 Angriffe und
Abwehr


Zu Beginn der 1980er-Jahre griff die Presse, besonders der »Tages- Anzeiger«, die Stiftung Psychologische Lehr- und Beratungsstelle massiv an. Im November 1981 nahm der Regierungsrat Stellung zu angeblichen negativen Einflüssen der »Liebling-Schüler« im Erziehungswesen. Der damalige Erziehungsdirektor Dr. Alfred Gilgen bestätigte namens des Regierungsrates, dass man die Entwicklung beobachte, zurzeit aber nicht einschreiten könne, und er verwies auf die laufende Pressekampagne. Im Februar 1982 erfuhr die Öffentlichkeit, dass Friedrich Liebling und eine Mitarbeiterin wegen angeblicher Übertretung des Gesundheitsgesetzes und Verstosses gegen die Ärzteverordnung zu einer Höchstbusse verurteilt worden seien. Am 5. 3. 1982 erschien eine kurze Notiz, die den Tod Friedrich Lieblings am 28. 2. 1982 im Alter von 88 Jahren meldete.

Doch der Reihe nach.

Am 25. 7. 1977 rief Fürsprecher1 Bernhard Hahnloser, Chef der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht und Stellvertretender Generalsekretär des EDI, die Rechtsabteilung des Kantonalen Steueramts des Kantons Zürich an. Der Inhalt dieses Telefonats wurde vom Steuersekretär und Juristen Dr. Eugen Gallasz in einer Aktennotiz festgehalten. Fürsprecher Hahnloser beschuldigte nun Friedrich Liebling und die Stiftung, dass angeblich »die Geschäftsführung der Stiftung und die private Buchhaltung des Stifters Friedrich Liebling derart ineinander verflochten seien, dass eine klare Übersicht über die Buchhaltung und Finanzlage der Stiftung nicht möglich sei«. Die Kontrollstelle habe »verschiedene Positionen der Bilanz sowie die Gewinn- und Verlustrechnung 1976 beanstandet und den vorbehaltlosen Kontrollstellbericht verweigert. Schon gemäss Bilanz 1975 der Stiftung seien 600 000 Franken ohne ersichtlichen Grund auf das Privatkonto des Friedrich Liebling übertragen worden.« Gallasz hielt zum weiteren Vorgehen fest: »Bei dieser Sachlage drängt sich eine Kontrolle der Steuerbefreiung auf. Wir teilen Fürsprecher Hahnloser mit, dass wir in der nächsten Zeit ein Überprüfungsverfahren über die der Stiftung mit Verfügung der Finanzdirektion vom 17. Oktober 1974 gewährte Steuerbefreiung eröffnen werden.«2 Eugen Gallasz hatte drei Jahre zuvor die Verfügung vom 17. 10. 1974, mit der der Stiftung die Steuerbefreiung gewährt wurde, unterzeichnet.

Fürsprecher Hahnloser stellte in seinem Telefonat seine Behauptungen so dar, als handle es sich um Tatsachen. In Wirklichkeit hatte er zur Jahresrechnung 1975 keine Auskünfte verlangt, und der Kontrollstellbericht und die Jahresrechnung 1976 wurden sogar erst später verfasst.3 Fürsprecher Hahnloser hatte nicht einmal den schriftlichen Bericht der Kontrollstelle für das Jahr 1976 abgewartet, geschweige denn dem Stiftungsrat oder dem Stifter rechtliches Gehör gewährt, bevor er mitten in den Sommerferien zum Hörer griff.

Eine Kontaktaufnahme der Stiftungsaufsichtsbehörde mit der Steuerbehörde ist sehr ungewöhnlich. Die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates befasste sich 1986 schwerpunktmässig mit den Aufgaben der Stiftungsaufsicht. In ihrem Bericht an die Nationalversammlung hielt sie fest: »Eine besondere Zurückhaltung auferlegt sich die Stiftungsaufsicht zu Lebzeiten des Stifters, solange dieser die Geschäfte führt, da vermutet werden darf, dass er der beste Garant für eine zweckgerechte Auslegung seines Willens ist. Gegen Missbräuche wird jedoch eingeschritten. Die Stiftungsaufsicht greift nicht in den Aufgabenbereich der Steuerverwaltung ein. [.] In Extremfällen kann die Aufsichtsbehörde die Steuerverwaltung einschalten.«4

Beinahe drei Jahre lang blieben der Stiftung die Anzeige der Aufsichtsbehörde und auch der Inhalt der Vorwürfe verborgen. Als sei nichts geschehen, forderte die Stiftungsaufsicht die Stiftung drei Wochen später auf, den Bericht und die Rechnung für das Jahr 1976 einzureichen.5 Auch eine Fristerstreckung wurde mit einem weiteren vorgedruckten Formularbrief, diesmal unterzeichnet von Bernhard Hahnloser persönlich, gewährt.6

Der Kontrollstellbericht für das Jahr 1976 datiert erst vom 06. 10. 1977 und traf am 17. 11. 1977 bei der Aufsichtsbehörde ein. Die Stiftung schloss wieder mit einem sehr guten Ergebnis ab. Obwohl der Kontrollstellbericht in scharfer Form abgefasst war, bestätigte er inhaltlich die gravierenden Anschuldigungen der Stiftungsaufsicht nicht. So führte die Treuhandstelle entlastende Momente auf, wenn sie von »Verflechtung« sprach: Sie meinte damit Ein- und Auszahlungen, die noch aus der Zeit vor Gründung der Stiftung stammten, und fügte bei: »Dies ist in Anbetracht der Langfristigkeit der erbrachten Leistungen an sich auch verständlich.«7 Eine weitere Kritik betraf Eintragungen mit dem Vermerk »oR«, was »ohne Rechnung« bedeutete. Auch hier meinte sie: »Es ist dies im Rahmen Ihrer gemeinnützigen Tätigkeit auch ohne weiteres verständlich.« Und abschliessend bemerkte sie: »Die relativ umfangreichen Beanstandungen unsererseits könnten nun den Eindruck entstehen lassen, Ihr Rechnungswesen sei in jeder Beziehung ungenügend. Ein solches Urteil steht uns aber nicht zu, denn wir haben ebenfalls bemerkt, dass sich die von Ihnen mit der Administration und Buchführung beauftragten Personen redlich Mühe geben. Es will uns aber scheinen, dass bis heute diesen doch sehr wichtigen Belangen einfach zu wenig Bedeutung beigemessen worden ist. Als Stiftung unterstehen Sie aber der Aufsicht durch das Gemeinwesen, weshalb wir Ihnen neuerdings wärmstens empfehlen, alles daran zu setzen, um gegenüber der Aufsichtsbehörde jederzeit und über alles Rechenschaft ablegen zu können. Als Kontrollstelle Ihrer Institution machen wir Sie in aller Deutlichkeit auf diesen Umstand aufmerksam.«8

Nach Erhalt des Kontrollstellberichts reagierte Bernhard Hahnloser am 6. 12. 1977 mit einem Schreiben an den Stiftungsratspräsidenten Friedrich Liebling. Er hielt fest, dass »die Aufsichtstätigkeit nicht etwa eine Art >Vormundschaft<« sei; namentlich sei »auch einem Stifter ein recht grosser Handlungsspielraum zuzubilligen, wenn er etwa die gegründete Stiftung aus eigenem privatem Vermögen speist«. Er bat darum, »die Verbesserungsvorschläge zur Rechnungsführung möglichst bald im Schosse des verantwortlichen Stiftungsrates zu beraten und in die Tat umzusetzen«. Er verlangte einen Ergänzungsbericht, namentlich zum Posten »Miete« und zur Frage, »warum die Liegenschaften im Stiftungsbesitz keinen grösseren Ertrag abwerfen«.9 Zu seinen Behauptungen vom 25. 7. beim kantonalen Steueramt betreffend »Verflechtung« sowie angebliche Übertragung von Geld auf ein »Privatkonto des Stifters Friedrich Liebling« stellte er keine Fragen.

Der Gesamtstiftungsrat führte in einem Schreiben vom 24. 2. 1978 an die Aufsichtsbehörde aus, dass er in zwei Sitzungen den Kontrollstellbericht genau überprüft habe. »Befremden haben bei den Stiftungsratsmitgliedern die Beanstandungen ausgelöst, vor allem der Vorwurf der Verflechtung zwischen der Stiftung und Herrn Liebling, der ja die Stiftung sowohl ideell als auch materiell ins Leben gerufen hat. Die gesamte Tätigkeit der Stiftung steht unter seiner Leitung und Führung. Zu vermuten, dass von seiner Seite der Stiftung gegenüber Unregelmässigkeiten vorgekommen sind, erscheint uns umso unverständlicher, als Herr Liebling seine ganze Arbeit und Energie, ebenfalls seine freiwilligen finanziellen Zuwendungen in den Dienst der Stiftung und der Psychologischen Lehr- und Beratungsstelle stellt.« Weiter legte der Stiftungsrat grosses Gewicht auf die Feststellung, dass die Kontrollstelle »offenbar eine Informationsquelle hat, die nicht genannt werden will. Folgende Fragen drängen sich in diesem Zusammenhang auf: Bei wem wurden >Recherchen< angestellt? Von wem stammen die >uns zugegangenen Informationen<? Warum wird kein Name genannt? [.] Die unterzeichneten Stiftungsratsmitglieder betonen an dieser Stelle nochmals mit Nachdruck, dass sie dem Gründer und Präsidenten der Stiftung, Herrn Friedrich Liebling, ihr uneingeschränktes Vertrauen aussprechen.« Abschliessend bemerkte der Stiftungsrat, er wolle der »dunklen, mysteriösen Affaire« nachgehen; es scheine, dass die Kontrollstelle auf einen »falschen Informanten« hereingefallen sei.10 Das Schreiben wurde von Friedrich Liebling und 16 Stiftungsräten unterzeichnet, sechs vorgedruckte Namen blieben ohne Unterschrift.

In einem beigelegten Ergänzungsbericht, ebenfalls vom 24. 2. 1978, erklärte der Stiftungsrat, dass es sich beim Posten »Miete« um Ausgaben handle für Räume, die die Stiftung gemietet habe, »zusätzlich zu ihren Liegenschaften, die für spezielle Veranstaltungen...

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