Die Hundefrau

 
 
Wieser Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 7. Dezember 2017
  • |
  • 180 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-99047-096-1 (ISBN)
 
Was treibt Giulia an, streunende Hunde aufzusammeln? Sind es Liebe und Mitleid, oder macht etwas anderes sie zum Animal Hoarder, zur Tiersammlerin? Diese Frage stellen sich auch die Behörden des toskanischen Ortes Verdalmasso, an dessen Rand die alte Dame aus der Schweiz in Einsamkeit lebt. Der Bürgermeister muss sich allerdings nicht nur mit der "Hundefrau" auseinandersetzen, sondern auch mit der Johannisnacht, die das Dorf seit jeher zur Bühne für Familienzusammenkünfte der etwas anderen Art macht. Valeria, die Psychologin, die sich Giulias Problem annehmen soll, wurde in diese Welt hineingeboren: Sie ist eine direkte Nachfahrin der Etrusker, die ihre Spuren nicht nur in den Gräbern außerhalb des Dorfs, sondern auch in einer architektonischen Besonderheit im Dorf selbst hinterlassen haben: den Totentüren, denen man nachsagt, sie hätten die Macht, den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen.
  • Deutsch
  • 0,44 MB
978-3-99047-096-1 (9783990470961)
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Sibyl von der Schulenburg, Tochter von Werner von der Schulenburg und Isa Carsen-Iser von der Schulenburg, beide Schriftsteller. Wächst im Tessin/Schweiz auf, studiert in Italien, wo sie heute lebt. Sie verfasst zunächst einen biografischen Roman über ihren Vater, und danach den historischen Roman über das berühmteste Mitglied der Familie. Sibyl von der Schulenburg veröffentlicht Essays, historische und psychologische Romane; viele renommierte Literaturpreise. Ihre Bücher erscheinen auf Italienisch, Deutsch, Griechisch und Englisch.

Nina Tamara Schön wurde 1985 in Klagenfurt geboren, hat in Graz Romanistik studiert und ein Auslandssemester in Bologna verbracht. 2010 hat sie ihren Lebensmittelpunkt wieder nach Kärnten verlegt und arbeitet seitdem als selbstständige Übersetzerin.

1.


»Maremma bonina!«, rief Paolo aus, während er seinen Motorroller an der Landzunge abstellte. Hinter ihm lag ein Kilometer Schotterstraße voller Schlaglöcher und Staub, der sie alle einhüllte, doch vor ihm lag das schönste Panorama der Etruskischen Küste. In der Ferne lag das von weißen Segeln gesprenkelte Meer, in dem sich die Sonne spiegelte.

Ein paar Meter darunter, jenseits des in Terrassen angelegten Olivenhains, lag der Bauernhof, der durch die alten Ziegelsteine zu schwitzen schien. Das Dach war noch immer dasselbe wie vor 100 Jahren, als das Haus noch von einer großen Familie bewohnt war und im Stall Kuh und Esel einander Gesellschaft leisteten. An mehreren Stellen waren die Dachschindeln durch Flickmaterial ersetzt worden und der typisch toskanische Hof hätte dringend eine Entrümpelung nötig gehabt. Zu seiner Rechten erhob sich der Wald.

Paolo kratzte sich an seinem hervorstehenden Bauch, bevor er zu dem Gutshof hinunterging; er passierte das letzte Schild mit der Aufschrift Privatbesitz und suchte den Haupteingang. Ihn empfing eine Mischung aus Jaulen, Heulen und Bellen.

Auf der Tenne mit Lehmboden, vor der langen, dem Meer zugewandten Fassade, stand ein schmutziger Geländewagen mit fremdem Kennzeichen. Überall lag Abfall aller Art, Plastik, Dosen, Karton und anderes, herum; nicht ein Quadratmeter war frei von Müll. Die Brise, die vom Meer kam, wehte Paolo den Gestank von Fäkalien und Aas in die Nase. Alle Fenster waren geschlossen: Die innenliegenden, hölzernen Fensterläden waren geschlossen.

»Keiner da?«, rief er in Richtung Natursteinfassade.

Die Tür im Erdgeschoss öffnete sich gerade so viel, dass eine dünne Gestalt hindurchschlüpfen und sie sofort wieder schließen konnte. »Was wollen Sie?«

»Post! Ein Telegramm. Brauch 'ne Unterschrift.«

Die Frau hielt auf den Stufen zum Eingang mit flatternden Augenlidern inne. Sie führte die Hand an die Stirn und blickte zu dem Mann. »Für mich?«

»Giulia Regazzoni. sind das Sie?«

Die Frau, die wohl etwa siebzig Jahre alt war, strich eine graue Strähne hinters Ohr. »Das bin ich, aber ich kenne niemanden.«

»Das hier kommt aus. Bellinzona in der Schweiz.« Der Briefträger näherte sich der Frau mit geöffnetem Registerbuch.

»Oh .«, Giulia hüllte sich fester in die schmutzige Strickjacke und senkte den Blick. »Da gibt es also noch jemanden.«

Zwei Schritte von der Frau entfernt rümpfte Paolo die Nase und blieb stehen. Er streckte den Arm aus und hielt ihr das Buch mit dem an einem Faden befestigten Stift hin.

Mit zitternder Hand kritzelte die Frau hinein und gab ihm das Buch zurück.

Der Postbote zeigte auf das Auto: »Ist das ein Schweizer Kennzeichen?«

»Ja, aber es funktioniert auch hier.« Giulia starrte auf das weiße Kuvert. »Was wollen Sie denn noch .«

Paolo ging zwei Schritte zurück und blickte sich um. Aus der Scheune drangen Hundelaute. »Halten Sie Jagdhunde?«

»Sie sind wie meine Kinder.«

»Ich jag' ab und zu Wildschweine, aber hier sind wir im Naturschutzgebiet, da schießt man nicht. Was machen Sie hier mit den Hunden?«

»Ich pflege sie, weil keiner sie will. Ich gebe ihnen ein Zuhause.«

»Das scheinen aber ganz schön viele zu sein .«

»Es gibt Unmengen an Streunern. Die Menschen sind schlecht, sie lassen sie einfach zurück.« Die Frau strich sich über die Schulter. »Und die Jäger erst. Bestien!«

Eine neue Dunstwolke erreichte Paolos Nase. »Hier muss irgendwo ein verendetes Wildschwein liegen«.

Giulia blickte in Richtung des Meers. »Kann schon sein.«

»Schade, dass Sie die Hunde hier nicht frei laufenlassen können, aber Zäune darf man hier im Naturschutzgebiet ja leider keine bauen. Dabei gibt es so viel Platz.« Der Postbote blickte nach unten, während er mit der Schuhspitze eine Dose, die am Boden lag, nachzeichnete. »Viel Natur .«

»Ich hab nachgefragt, vor ein paar Jahren, als ich hierhergekommen bin. Sie haben nein gesagt.«

»In der Gemeinde hat es Änderungen gegeben, vielleicht geht's jetzt, wenigstens hier rund ums Haus.« Der Mann machte eine Kreisbewegung mit seinen Armen, die die Tenne und die Nebengebäude miteinbezog. »Und die Fassade der Scheune könnte auch ein bisschen Putz vertragen.«

»Ich finde, der passt schon so. Gut, er ist ein bisschen abgebröckelt, aber er hält noch.«

»Wenn Sie etwas brauchen, ich mache solche kleinen Arbeiten, auch wenn da und dort ein bisschen Dreck weggeräumt werden soll.«

»Das ist kein Dreck, ich hab nur noch keine Zeit zum Aufräumen gehabt.«

Der Briefträger steckte das Buch in die schwarze Umhängetasche und schwang sich auf seinen Motorroller.

»Warten Sie!«, Giulia bewegte sich zwei Schritte auf den Mann zu. Sie streifte sich die faltige Hand an der völlig verdreckten Hose ab und gab ihm das Kuvert. »Lesen Sie es mir vor?«

Paolo stieg von seinem Roller ab und stellte ihn wieder auf seinen Ständer. Er schob seine Dienstmütze zurück und kratzte sich mit dem kleinen Finger am Kopf. »Ich verstehe kein Schweizerisch .«

»In Bellinzona spricht man Italienisch.«

Der Postbote riss die kurze Seite des Kuverts auf und zog ein Blatt aus dünnem Papier mit dem Poststempel von Verdalmasso heraus. Er hielt es eine Handbreit vor seine Augen und las: »Mama .«.

Giulia biss die Zähne zusammen. »Lena. Die Vorzeigeschwiegertochter .«

»Wir reisen Montag, den 9., mit dem Zug um 15:35 Uhr am Bahnhof von Cecina an. Bis bald. Milena.«

Die Frau nahm das Kuvert, das der Mann ihr wiedergab. »Milena.«

»Das ist heute«, sagte Paolo.

»Was?«

»Der Neunte, Montag.«

»Ah .«

»Es ist schon zwei Uhr. Bis nach Cecina braucht man vierzig Minuten.«

Die Frau drehte sich um und stieg zwei Stufen bis zur Tür hinauf. »Ich weiß.«, sagte sie, bevor sie ins Haus schlüpfte.

Der alte Mitsubishi Pajero fuhr langsam hinunter ins Tal. In der ersten Serpentine rutschte das Kuvert mit dem Telegramm vom Beifahrersitz.

Giulia saß aufrecht hinter dem Lenkrad, den Blick nach vorne gerichtet, die Zähne aufeinandergebissen. »Was zum Teufel .«, murmelte sie ab und an. »Nach all den Jahren .«. Das Auto kam mit 40 Stundenkilometern voran und hinter ihr bildete sich eine lange Schlange auf der Straße, die bis ins Tal führte. Um 16:20 bog der Pajero in den fast menschenleeren Bahnhofsvorplatz ein. Nur noch eine junge Frau und ein Mädchen saßen im Schatten des Bahnhofsgebäudes auf ihrem Gepäck. Die Frau stand auf, als sie den Geländewagen sah.

Giulia parkte mit ein paar gewagten Manövern ein, stieg aus und blieb neben dem Auto stehen.

Die Frau und das Mädchen kamen näher, zwei Koffer hinter sich herziehend. »Mama«, sagte die Frau, ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet.«

»Warum bist du gekommen, Lena?«

»Ich brauche Hilfe.«

»Und da kommst du zu mir? Ich kann dir nicht helfen, das musst du selbst erledigen.«

»Zuhause glauben sie, du seist tot, du hast kein Telefon .« Milena betrachtete die Schwiegermutter, das Auto und dann wieder die alte Frau. »Geht es dir gut?«

Giulia nickte und lehnte sich an die Tür des Pajero.

»Du erinnerst dich an Lucia, meine Tochter, deine .«

Das blonde Mädchen erhob den Blick auf die Großmutter. »Hallo.«, murmelte sie, während sie die Finger in die Taschen ihrer Jeans steckte, die an ihren Hüften spannte. Das kurze T-Shirt ließ ein Fettröllchen unbedeckt, das über den Gürtel hing.

»Sie sieht dir sehr ähnlich.«, antwortete Giulia trocken. »Und warum hältst du mich nicht auch für tot?«

»Vielleicht hätte ich das gemacht, aber der Inspektor von der Pensionsbehörde ist gekommen, er will einen Lebensnachweis.«

»Ach, deshalb kommt kein Geld mehr.«

Milena seufzte. »Vielleicht bist du diejenige, die Hilfe braucht. Aber. müssen wir hier mitten auf der Straße...

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