Der graue Unterstrom

Walfänger und Küstengesellschaften an den tiefen Stränden Afrikas (1770-1920)
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 6. April 2017
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  • 682 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43645-6 (ISBN)
 
Walfänger aus Nordamerika und Europa operierten im 18. und 19. Jahrhundert auch vor den Küsten Afrikas. Bei ihren Zwischenhalten zur Verproviantierung gingen die Seeleute, den imaginären Fährten ihrer Beutetiere folgend, Austausch- und Kommunikationsbeziehungen mit afrikanischen Küstengesellschaften ein. An Land wie auch an Bord der Schiffe zogen diese Kontakte tief greifende Veränderungen nach sich. In acht lokalgeschichtlichen Fallstudien erzählt Felix Schürmann von lange vergessenen Begegnungen und Interaktionen, in denen sich - über die Ozeane hinweg - ein bedeutender Unterstrom der Geschichte globaler Verflechtungen zu erkennen gibt.
  • Dissertationsschrift
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  • Frankfurt am Main
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
48 Abbildungen
  • 37,21 MB
978-3-593-43645-6 (9783593436456)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Felix Schürmann, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiter am LOEWE-Schwerpunkt "Tier - Mensch - Gesellschaft" der Universität Kassel.
Inhalt

Einleitung: Outward bound 7

Passagen I: Wale jagen vor der Küste Afrikas S.49
1. Vom Walgrund zum Handelshafen: Walvis Bay, 1780-1860 S.81
2. Die Zuspitzung der Zwietracht: Delagoa Bay, 1780-1845 S.143

Passagen II: Die Welt auf einem Walfänger erfahren S.191
3. Stabilisierende Warenflüsse: Saint Augustin, Madagaskar, 1830-1860 S.257
4. Der Provianthandel als Machtressource: Mutsamudu, Anjouan, 1835-1890 S.291
5. Verheißung und Wagnis: Port Louis, Mauritius, 1789-1878 S.339

Passagen III: An Land gehen S.395
6. Im Zeichen der Abolition: Cabinda, 1850-1885 S. 441
7. Die Herausbildung einer westafrikanischen Walfanggemeinschaft: San Antonio, Annobón, 1825-1950 S. 485
8. Walfänger zu Migrationsvehikeln: Furna, Brava, 1770-1920 S. 537

Schluss: Homeward bound S. 613
Dank S. 621
Quellenverzeichnis S. 623
LiteraturverzeichnisS. 643
Register S. 675
Einleitung:
Outward bound
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit überfielen am 19. August 1727 vier Männer in einer der besten Gegenden Londons Charles Rambouillet, einen Offizier des traditionsreichen First Regiment of Foot Guards. Sie raubten ihm Geldbörse, Uhr, Gehstock, Hut und einen Ring, verletzten ihn schwer und verschwanden unerkannt in der Finsternis. Der Überfall auf Rambouillet reihte sich in eine lange Kette nächtlicher Verbrechen ein, die dadurch begünstigt wurden, dass London zu den dunkelsten Großstädten Europas zählte. "London, that used to be the most safe and peaceful city in the universe, is now become a scene of rapine and danger", empörte sich 1729 der hier beheimatete Schriftsteller Daniel Defoe. Die Straßen der Stadt müssten des Nachts glanzvoll erleuchten, forderte er, damit das Leben in London nach Sonnenuntergang so sicher werde wie es nach Sonnenaufgang sei.
Bis zu Defoes Tod 1731 verbesserte sich der Zustand der Straßenbe-leuchtung kaum. Über die gesamte Stadt verteilt gab es nur rund 1.000 öffentliche Lampen. Neben Ayutthaya, Edo, Konstantinopel und Paris zählte London zu den größten Städten der Welt, doch gewissermaßen handelte es sich bei der Metropole um zwei völlig verschiedene Orte - in den Worten des Historikers Eric Dolin: "one by day and another by night." Bereits Anfang der 1740er Jahre aber - Charles Rambouillet hatte den Überfall überlebt und trat nun seinen Ruhestand an - galt London als die wohl am besten ausgeleuchtete Stadt weltweit. Innerhalb weniger Jahre hatte der Stadtrat nicht weniger als 5.000 Öllaternen aufstellen lassen. Weitere 10.000 Laternen kamen in den 1760er und 1770er Jahren hinzu. Um 1780 gab es davon allein in der Oxford Road mehr als in ganz Paris, wo die Straßenbeleuchtung bereits rund einhundert Jahre zuvor ihren Anfang genommen hatte. Das Erleuchten Londons führte zu einem deutlichen Rückgang der nächtlichen Kriminalität und strahlte weit über Großbritannien aus: Birmingham, Hull und andere Orte folgten dem Vorbild der Hauptstadt und stellten Tausende Straßenlaternen auf.
Anfangs erleuchtete vor allem Rapsöl die Straßen Englands. Doch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rückten Tran und Walrat zu den meistgenutzten Beleuchtungsmitteln auf. Tran, das aus dem Fettgewebe von Walen gewonnene Öl, brannte heller als Rapsöl und hatte den zusätz-lichen Vorteil, nicht zu rußen. Walrat, ein aus dem Schädel beziehungs-weise der Nase des Pottwals gewonnenes Flüssigwachs, konnte sowohl in Lampen gefüllt als auch zu Kerzen geformt werden und galt als besonders hochwertiges Beleuchtungsmittel. Um die Gewinnung von Tran und Walrat anzuregen - in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten britische Reeder nur wenige Schiffe für den Walfang ausgerüstet -, verdoppelte die Regierung 1750 ihre Zuschüsse für Walfänger von 20 auf 40 Shilling pro Tonne Raumgehalt.
Im Zusammenspiel mit der wachsenden Nachfrage führte diese Maß-nahme ab 1753 zu einem schwunghaften Anstieg des britischen Walfangs. Der allein reichte jedoch nicht aus, um den Bedarf zu decken, bei weitem nicht. Denn auch die aufstrebende britische Industrie verlangte nach Tran als Schmieröl und Reinigungsmittel. Den größten Teil des Trans, den Großbritannien verbrauchte, bezog es aus seinen nordamerikanischen Kolonien - insbesondere aus Massachusetts, wo sich Walfänger auf Sperm oil spezialisiert hatten, den besonders gefragten Pottwaltran. "The purest sperm oil lubricated the finest machines of the industrial revolution, illuminated the nation's lighthouses and along with spermaceti candles lit the interiors of factories and the better houses", bilanziert der Historiker Dale Chatwin über die Bedeutung der Pottwalprodukte. 1754 führten die neuenglischen Kolonien über 4.000 Tonnen Tran allein nach London aus, 1763 überschritten die Exporte die Schwelle zu 5.000 Tonnen, und 1771 waren es bereits 8.000 Tonnen. Anders als britische Walfänger steuerten die Schiffe aus Massachusetts nicht die Randmeere zwischen dem Atlantik und dem Arktischen Ozean an. Sie wandten sich nach Süden, wohin sich Walfänger bis dato kaum gewagt hatten. Das Erschließen von Jagdgebieten im Zentral- und Südatlantik markierte den Beginn des Aufstiegs der amerikanischen Walfangindustrie, die für mehr als ein Jahrhundert die größte der Welt sein sollte.

***

Während in London erste Straßenzüge glanzvoll erleuchteten, luden Skla-venhändler im Mai 1739 in Anomabu, einem Handelszentrum an der Küste des heutigen Ghana, 87 Menschen auf die Charming Susanna aus Rhode Island. Einer von ihnen war Broteer Furro, ein kaum zehn Jahre alter Junge aus dem Hinterland. Für ihn hatte der Schiffssteward Robert-son Mumford vier Gallonen Rum und ein Stück Stoff an einen Zwischenhändler gezahlt. Er hatte damit von einem alten Recht Gebrauch gemacht, das es Seeleuten erlaubte, Handelsfahrten für eigene Nebengeschäfte zu nutzen. Seeleute bezeichneten ein solches Geschäft als Venture, und so nannte Mumford auch den jungen Broteer Furro, den er im August 1739 als Hausdiener an die Küste Connecticuts brachte.
Im Erwachsenenalter wurde Venture mehrfach weiterverkauft. Neben der unbezahlten Sklavenarbeit konnte er durch verschiedene Nebentätig-keiten eigenes Geld ansparen. Damit gelang es ihm 1765 als einem von nur wenigen amerikanischen Sklaven seiner Zeit, sich von seinem Herrn freizukaufen. Venture nahm den Nachnamen Smith an und ging nach Long Island, wo er das nötige Geld verdiente, um auch seine Frau und seine drei Kinder aus der Sklaverei zu kaufen: Mehrere Jahre fällte er tagsüber Holz, fing nachts Fische und Hummer und fand bisweilen auch noch Zeit, Wassermelonen an Seeleute zu verkaufen.
Im Frühling 1770 heuerte er auf einem Walfänger an. Einer seiner früheren Herrn, der Schiffbauer und Händler Oliver Smith aus Stonington, hatte unter dem Eindruck der wachsenden Nachfrage nach Tran eine Gruppe von mehr als 20 afro-amerikanischen und indianischen Arbeitern rekrutiert und an den Schiffseigner William Rotch aus Nantucket vermittelt, der Walfänger für Fahrten in den Atlantik ausrüstete. "After being out seven months", erinnerte sich Venture Smith später, "the vessel returned, laden with four hundred barrels of oil." Das galt in jenen Jahren als außergewöhnlich guter Ertrag. Smith konnte mit seinem Anteil und Ersparnissen aus der vorherigen Arbeit nicht nur seine Familie aus der Sklaverei freikaufen, sondern auch ein eigenes Stück Land in Stonington erwerben. Schließlich heuerte auch Solomon Smith, Ventures ältester Sohn, 1773 auf einem Walfänger an. Doch anders als die Fahrt des Vaters erwies sich die des Sohns als großes Unglück für die Familie: Solomon starb auf dem Schiff an Skorbut.

***

Nicht weit von Venture Smiths Anwesen, im Hafen der südlich von Cape Cod gelegenen Insel Nantucket, liefen am 30. September 1791 zwei Schiffe mit Kurs auf den Indischen Ozean aus: Die Asia und die Alliance sollten neue Jagdgebiete für Wale und Robben erkunden und so zur Wiederbelebung der hauptsächlich auf Tranprodukten fußenden Wirtschaft Nantuckets beitragen, auf die der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 eine verheerende Wirkung entfaltet hatte. Nach Zwischenhalten an den Kanaren, den Kapverden und Trindade erreichten die Schiffe im Januar 1792 das Kap der Guten Hoffnung. Um dringliche Ausbesserungsarbeiten vorzunehmen sowie Wasser, Holz und Vieh an Bord zu holen, gingen sie jeweils für einige Tage in Kapstadt und Saldanha Bay vor Anker. Von dort setzten sie die Fahrt Anfang Februar auf östlichem Kurs fort. Mit einer Kopie der Karte, die der britische Seefahrer James Cook auf seiner dritten Südseereise angefertigt hatte, durchstreiften die Asia und die Alliance einige Monate den Indischen Ozean bis nach Australien. Wale konnten sie dabei aber nur in geringer Zahl erbeuten. Nach einem Zwischenhalt in Port Louis, Mauritius, bei dem Händler den Seeleuten Ende Juli von den jährlichen Wanderungen der Buckelwale entlang der madagassischen Küste berichteten, nahmen die Schiffe Kurs auf die Nordostseite Madagaskars. Vor der ostmadagassischen Insel Sainte-Marie stießen sie im August auf ein ergiebiges Jagdgebiet für Buckelwale. Wahrscheinlich waren die Asia und die Alliance die ersten Walfänger, die je in dieses Seegebiet kamen.
Am frühen Morgen des 29. August - die Seeleute hatten gerade in einer Nachtschicht einen erbeuteten Buckelwal ausgekocht - näherte sich ein Kanu der Alliance. 15 Männer stiegen über das Schanzkleid. Einer von ihnen, "an exceeding old Gentleman with a long beard", wie es im Logbuch heißt, stellte sich als Vertreter des "king" von Sainte-Marie vor. Die Seeleute staunten über die ihnen kurios erscheinenden Zopffrisuren und Kleider der Männer, maßen der Visite aber keine große Bedeutung bei. Besuche örtlicher Machthaber und Händler waren auf Walfängern in Küstennähe keine Seltenheit. Bartlett Coffin, der Kapitän der Alliance, vereinbarte einen Besuch des Königs für den folgenden Tag, und die Besucher verließen das Schiff.
Am nächsten Vormittag verstauten die Seeleute den ausgekochten Tran im Laderaum, als sie fünf große Kanus auf die Asia und die Alliance zusteuern sahen. Als sie von den Kanus Signale aus Muschel-Trompeten und von der Insel Musketenschüsse hörten, reagierten die Schiffsführer rasch. Denn in Berichten über die Reisen James Cooks hatte ein Seemann gelesen: "The Blowing of the Shell never was known to denote peace." Sofort ließ Bartlett Coffin das Ankertau der Alliance kappen und die Segel setzen. Elijah Coffin, der Kapitän der Asia, ließ den Anker zunächst aufwinden, erkannte dann aber, dass dafür die Zeit fehlte, und ließ das Tau ebenfalls kappen. Tagelang war es nahezu windstill gewesen - doch ausgerechnet jetzt blähte ein frischer Wind die Segel. "We were wonderfully favoured [.] and delivered from the Land", notierte Andrew Pinkham, der Erste Offizier, im Logbuch der Alliance. Die Angreifer waren nur noch einen Musketenschuss weit entfernt, als auch die Asia Fahrt aufnahm. "We run for our Lives", vermerkte Sylvanus Crosby, ihr zweiter Offizier, im Logbuch.

***

Zwischen den drei hier skizzierten Geschichten besteht kein direkter Zu-sammenhang. Und doch berühren sich ihre Nebenpfade. Der Kreuzungs-punkt, an dem sie sich treffen, ist die Jagd auf Wale. Der Ausbau der Straßenbeleuchtung in London und anderen Städten Europas stimulierte den Aufstieg des Walfangs von einem Fischerei- zu einem eigenständigen Wirtschaftszweig entscheidend. Wie Venture Smith und sein Sohn Solomon versuchten Abertausende Männer mit den unterschiedlichsten Lebenshintergründen, die Jagd auf Wale für ihr eigenes Fortkommen zu nutzen. Gewissermaßen versuchten dies auch die Angreifer von Sainte-Marie - im 18. Jahrhundert ein berüchtigtes Piratennest -, die sich von der Asia und der Alliance offenbar reiche Beute versprachen. Zusammen betrachtet zeigen diese Schlaglichter, dass die Folgen des Walfangs nicht auf die Meere begrenzt blieben und auch nicht auf die Gesellschaften, die seine Produkte konsumierten oder verarbeiteten. Das Erbe des Walfangs besteht nicht allein in der Dezimierung vieler Arten bis an den Rand ihrer Ausrottung. Auf vielgestaltigen, mitunter erstaunlichen Wegen hat die Jagd auf Wale die Erfahrungen zahlloser Menschen geprägt, die mit ihr in Berührung kamen - auf den Meeren und an Land, in großen Häfen und auf kleinen Inseln, im Ochotskischen Meer und in der Großen Australischen Bucht.
Von dieser Betrachtung des Walfangs als einer mobilen Praxis mit glo-baler Tragweite und weitreichenden Nebenfolgen nimmt die vorliegende Untersuchung ihren Ausgang. Walfänger aus Nordamerika und Europa haben im Zuge der Ausweitung ihrer Fahrten auf alle Ozeane ab Mitte des 18. Jahrhunderts ein Geflecht aus Jagdgebieten, Verkehrswegen, Umladehäfen und Transportketten um die Welt gespannt - ein neuartiges Raumsystem, geschaffen und tagtäglich ausgestaltet durch Seeleute auf der Suche nach Walen. Als diese Epoche des Walfangs Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte, streiften rund 900 Walfänger gleichzeitig durch die Weltmeere, navigiert von mehr als 20.000 Seeleuten. Um sich auf ihren meist mehrjährigen Fahrten zu versorgen, suchten die Mannschaften Inseln sowie Orte an der kontinentalen Festlandküste auf, wo immer sie ihre Beute hinleitete. Entlang der imaginären, von planetarischen Strömungen vorgezeichneten Fährten der Wale entstanden Austausch- und Kommunikationsbeziehungen, die sowohl an Bord der Schiffe als auch an Land Spuren hinterließen.
Um die Tiefe solcher Spuren beziehungsweise die Prägekraft dieser Beziehungen zu bestimmen, bedarf es der Eingrenzung eines Beobachtungsbereichs. Denn gerade für den Walfang gilt, was die Historikerin Kären Wigen als eine grundsätzliche Herausforderung von Geschichtsforschung zu maritimen Themen benannt hat: "Since seafaring humans are caught up in truly global webs, even a colossal fragment like the Pacific Ocean is not big enough to contain most oceanic themes." Der Beobachtungsbereich, an dem ich die Folgen der Zwischenhalte von Walfängern bewerte, ist eine zwei Ozeane übergreifende Topographie, die Orte an der West- und Ostküste Afrikas und auf den ihr vorgelagerten Inseln umfasst.
Für die Wahl eines Beobachtungsbereichs um den Referenzraum Afrika gibt es zwei Gründe, der erste ist forschungspragmatischer Natur: Aus sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektive sind die Aktivitäten von Walfängern in den Meeren um den afrikanischen Kontinent kaum beforscht worden, anders als etwa im Fall des Pazifiks oder des Nordatlantiks. Zweitens kann diese Themensetzung dazu beitragen, die historischen Verbindungen Afrikas in die maritimen Welten des Atlantischen und Indischen Ozeans in ihrer Heterogenität besser zu verstehen. Denn Forschungen zu diesen Verbindungen kreisen vorwiegend um die großen Erzählungen von europäischer Expansion und atlantischer Sklaverei, von Kolonialismus und Imperialismus. Zweifelsohne ist es gerechtfertigt wie auch notwendig, diesen Zusammenhängen eine besondere Beachtung zukommen zu lassen - nicht zuletzt, weil sie die bis heute andauernde Marginalisierung Afrikas begründeten. Die intensive Beschäftigung mit Kolonialismus und Sklaverei hat aber auch machtvolle Paradigmen hervorgebracht, die mit-unter dazu verleiten, den Blick auf historisches Geschehen in afri-kanischen Küstengebieten durch die Voraussetzung allgegenwärtiger Machtunterschiede vorzustrukturieren. Die Annahme aber, jegliche Kon-takte zwischen afrikanischen Küstengesellschaften und aus Europa oder Amerika kommenden Schiffen seien durch Machtungleichheit und Unter-ordnung im Rahmen einer ubiquitären westlichen Hegemonie geprägt gewesen, ist irreführend und ahistorisch. Ein solchermaßen enggeführter Blick auf das Vergangene lässt Afrikaner und Afrikanerinnen überdies nicht als handelnde, Geschichte gestaltende Akteure erscheinen, sondern allein als passive Opfer. Zugleich erscheinen diejenigen, die auf Schiffen nach Afrika kamen, als bloße Agenten eines imperialen Projekts und eines essentialisierten "Westens". Allzu schnell treten das Unerwartete und das Uneindeutige, das Paradoxe und Gegenläufige, das Disparate und das Eigensinnige in den Hintergrund. In Forschungen zu Geschichte in Afrika hält sich dieses Problem womöglich besonders beständig, weil Historiker und Historikerinnen ihre Erzählungen oft auch deshalb streng sequentiell-kausal strukturieren, um das landläufige Klischee eines notorisch chaoti-schen und instabilen Kontinents zu entkräften. "Research on Africa has hardly stood out for its attempts to integrate nonlinear phenomena into its analysis", hat der Politologe Achille Mbembe in diesem Zusammenhang angemerkt.
Folgen und Nebenfolgen
"Es war die Geschichte von Leuten, die immer das entdeckten, was sie gerade nicht suchten", hat Umberto Eco einmal über die europäische Er-kundung des Pazifiks geschrieben. In einem weiteren Sinne verstanden lässt sich aus dieser Bemerkung ein genereller Charakterzug vergangener Zeiten ableiten: Historische Akteure handelten absichtsvoll, doch Ge-schichte, so Jürgen Habermas, folgt selten den Motiven derer, die sie ge-stalteten: "Denn der historische Zusammenhang geht nicht in dem auf, was die Menschen wechselseitig intendieren." Geschichte, so formuliert es Wolfgang Reinhard, "ergibt sich weit eher dialektisch aus den nicht beabsichtigten Nebenwirkungen" denn unmittelbar aus den Intentionen ihrer Akteure. Die Begegnungen zwischen Walfängern und afrikanischen Küstengesellschaften lassen diesen Wesenszug von Geschichte deutlich aufscheinen. Walfänger verfolgten Wale. Sie verfolgten nicht das Ziel, auf die Verhältnisse in afrikanischen Küstengebieten Einfluss zu nehmen oder sie gar umzugestalten. Das aber haben sie mitunter bewirkt, wie im Weiteren zu zeigen sein wird.
Wer in den Logbüchern der Walfänger blättert, findet die ersten Seiten oft mit der Zeile Outward bound überschrieben. Outward bound, "auf Aus-fahrt", so nannten Seeleute die erste Etappe einer Fahrt nach dem Auslaufen aus dem Heimathafen. Outward bound bedeutete den Anbruch einer Zeit voller Unwägbarkeiten. Nicht nur, dass sich die Männer fortan, wie auf jedem anderen Hochseeschiff, unentwegt lebensbedrohlichen Naturgewalten ausgesetzt sahen. Im Walfang mussten sie auch mit dem Umstand leben lernen, dass sich weder Route, noch Dauer der beginnenden Reise genau vorhersagen ließ. Auf einem gut geführten Handelsschiff konnten Seeleute die Tage bis zu ihrer Rückkehr recht genau abschätzen. Auf einem Walfänger blieb einem dagegen nichts anderes übrig, als aufsteigend zu zählen, wollte man die zeitliche Dimension der erlebten Fahrt bemessen. " [The] 951st [day]", vermerkte etwa der Seemann John Coguin am 12. Oktober 1871 im Logbuch der Globe aus New Bedford, und fügte an: "May God bring the voyage to a speedy termination." Die Ungewissheit, die outward bound ihren Anfang nahm, fühlte sich auf einem Walfänger oft größer an als etwa auf einem Handelsfahrer oder einem Hochseefischer. Zumal outward bound gerade auch in räumlicher Hinsicht Ungewissheit bedeutete. Outward bound hieß im Walfang immer auch, in unvertrautes Terrain vorzustoßen und sich mit Neuem auseinanderzusetzen - mit unvorhersehbaren Begegnungen, unerwarteten Ereignissen und mit Erlebnissen, die eigene Gewissheiten irritierten.
In ihren Fragen und der Suche nach deren Beantwortung ist die vorliegende Arbeit in ähnlicher Weise explorativ angelegt. Eine Frage bildet ihr Zentrum: Was für Folgen und Nebenfolgen bewirkten Walfänger an der Küste Afrikas und auf ihr vorgelagerten Inseln? Die Art der zu ermittelnden Effekte bleibt dabei bewusst offen, weil diese unter den unterschiedlichen Bedingungen an den betrachteten Orten sehr verschiedene Formen annehmen konnten. Schließlich waren Walfänger mancherorts die einzigen, mitunter auch die ersten Schiffe, die regelmäßig an die Küste kamen. Hier wirkte sich das Erscheinen der Seeleute mutmaßlich anders aus als an Orten, die längst etablierte Knotenpunkte in maritimen Austausch- und Kommunikationsnetzen waren, bevor Walfänger sie in ihr Versorgungssystem integrierten. So verschieden wie die Orte waren auch die möglichen Dynamisierungseffekte, die sich aus den Beziehungen zwischen ihren Bevölkerungen und Seeleuten ergeben konnten. Je nachdem, welche Aspekte des Zusammenlebens der Kontakt mit Walfängern am deutlichsten veränderte, konkretisiere ich die Fragestellung in den einzelnen Kapiteln und rücke mal wirtschaftliche, mal politische und mal gesellschaftliche Gesichtspunkte ins Zentrum der Analyse.
Zwei weitere Fragen ergänzen die nach den Folgen und Nebenfolgen an der Küste Afrikas: Was bedeutete es für Seeleute im Walfang, mit Menschen an der Küste Afrikas in Kontakt zu treten? Mit dieser Frage geraten neben den Küstenorten auch die Schiffe selbst als Arenen historischen Geschehens ins Blickfeld. Ihre Beantwortung erfordert es, die Kontakte nicht allein als Vorgänge in afrikanischen Küstengebieten zu betrachten, sondern auch in eine Sozial-, Kultur- und Alltagsgeschichte des Walfangs einzubetten. Und schließlich: Wie wirkte sich der Walfang auf die maritimen Handels- und Kommunikationswege um den afrikanischen Kontinent aus? Hinter dieser letzten Frage steht die Überlegung, ob die Interaktion zwischen Walfängern und afrikanischen Küstengesellschaften einen bis dato relativ isolierten Ort dauerhaft in die Austauschnetze des Atlantischen oder des Indischen Ozeans integrieren konnte. Es ist auch eine Frage danach, wie historische Räume hervorgebracht und perpetuiert werden, ob also von den Schiffen und ihren Mannschaften hergestellte räumliche Verknüpfungen mit dem Walfang verschwanden oder über ihn hinaus Bestand hatten.
Diese Fragestellung folgt dem übergeordneten Ziel, die gängigen, allzu oft dichotomistischen Vorstellungen über die maritimen Außenbeziehun-gen afrikanischer Gesellschaften im 18. und 19. Jahrhundert mit einem weitgehend vergessenen Phänomen von Austausch und Kommunikation zu kontrastieren, das sich nicht ohne weiteres in paradigmatische Interpre-tationsmuster einpassen, nicht aus Großdeutungen etwa über die europäi-sche Expansion heraus erklären lässt. Fragen nach Repräsentationen und Diskursen, wie sie gerade Historiker und Historikerinnen im Feld der Postcolonial Studies stark gewichten und mitunter überbestimmen, sind dabei nicht das vorrangige Problem. Es handelt sich um eine am Handeln, an der sozialen Praxis von Akteuren interessierte Erkundung von Geschichte. Diejenigen, die diese Situationen durch ihre Praktiken und Äußerungen gestalteten, spielen in der Geschichtsschreibung nach wie vor eine eher randständige Rolle: Es waren Afrikaner und Afrikanerinnen, deren Lebensalltag sich keineswegs darin erschöpfte, auf ihre Kolonisierung als gewissermaßen vorherbestimmtes Schicksal zu warten - weshalb mir ihre Kategorisierung als "vorkolonial" unpassend scheint -, und Seeleute, die sich gegenüber ihrer Umwelt aus einer subordinierten Klassenposition heraus behaupten mussten.
Vergangenheit, die keine Geschichte ist
Bei den Begegnungen und Beziehungen zwischen Walfängern und afrika-nischen Küstengesellschaften handelt es sich um vergangene Vorgänge, deren zeichentragende Überreste bislang kaum in sinnhafte Zusammen-hänge gebracht worden sind. Die Res gestae haben kaum eine Narratio rerum gestarum hervorgebracht, Vergangenheit ist nicht als Geschichte repräsentiert worden - anders als im Fall von Australien und Ozeanien, wozu bereits manche Geschichten über solche Begegnungen und Beziehungen vorliegen.
Dass eine solche Forschungstradition für Afrika nicht existiert, hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass das großräumige Beziehungsge-flecht, das Walfänger um den Kontinent gespannt haben, eine Vielzahl unterschiedlicher Arenen und Akteure einbezieht, die sich nur schwerlich in einen klar umgrenzbaren Beobachtungsrahmen einpassen lassen, wie ihn Historiker und Historikerinnen gerne zur Einfassung ihrer Untersuchungsgegenstände wählen. Auch die nationalgeschichtliche Orientierung vieler Forschungen zum Walfang, die diesen eher als Teil der US-amerikanischen beziehungsweise britischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte betrachten denn als Phänomen globaler Verflechtungen, mag dafür eine Rolle spielen. Allerdings gibt es eine Reihe von Untersuchungen aus den Bereichen der US-amerikanischen Geschichte, der afrikanischen Geschichte und der Walfanggeschichte, die Kontakte zwischen den Schiffsmannschaften und Küstengesellschaften zumindest als Nebenaspekt diskutieren - in einigen wenigen Fällen sogar als einen Hauptaspekt, wenn auch nur im Hinblick auf einen Küstenort. Lediglich eine Untersuchung, die allerdings unveröffentlicht geblieben ist, stellt solche Kontakte ins Zentrum ihres Erkenntnisinteresses: die 1967 an der Boston University eingereichte Dissertation "American Whalers and Africa" von Carl Norman Haywood. Im Folgenden fasse ich die Ergebnisse von Haywoods Studie und anderen relevanten Forschungen zusammen, um einen Ausgangspunkt zu bilden, von dem aus Vergangenheit zu Geschichte geformt werden kann.
Die genannte Studie von Haywood ist die bislang einzige selbstständige Schrift, die den Aktivitäten von Walfängern in den Afrika umgebenden Meeren systematisch nachgeht. Sie ist im Rahmen von Forschungen am African Studies Center der Boston University über die Rolle der Vereinigten Staaten im so genannten legitimen Handel entstanden, der im 19. Jahrhundert den atlantischen Sklavenhandel ablöste. Dementsprechend verfolgt sie eine wirtschafts- und sozialgeschichtliche Zielsetzung: Haywood fragt nach Art und Umfang des Handels, den Mannschaften amerikanischer Walfänger während ihrer Zwischenhalte entlang der Küste Afrikas zur Verproviantierung betrieben, und nach sozialen Nebenfolgen dieser Aktivitäten. Auf der Grundlage von Logbüchern, einigen Tagebüchern von Seeleuten sowie Aufzeichnungen verschiedener US-Konsulate untersucht er solche Vorgänge an insgesamt neun Orten an der West-, Süd- und Ostküste Afrikas, hauptsächlich für die Zeit von 1800 bis 1875. Im Ergebnis beurteilt er die Seeleute als zielstrebige "businessmen", die sich in ihren Handlungsstrategien vor allem von wirtschaftlichen Opportunitätsprinzipien leiten ließen.
Haywood hat als erster Historiker Überlieferungen von Walfängern für die historisch orientierte Afrika-Forschung herangezogen. Er hat damit einen Quellenkorpus fruchtbar gemacht, der für diesen Kontext bis dato unbeachtet geblieben war und seitdem kaum wieder genutzt worden ist. Seine Untersuchung hat manche neuen Erkenntnisse zutage gebracht, etwa über die wiederkehrenden Anlaufpunkte der Zwischenhalte von Walfängern und die zeitlichen Dimensionen ihrer Frequentierung. Für die vorliegende Arbeit nutze ich Haywoods Forschung als Referenz und ziehe sie in den einzelnen Kapiteln immer wieder heran, um seine Fragen weiterzuverfolgen. Dass ein Weiterverfolgen dieser Fragen nötig ist, liegt vor allem daran, dass Haywood selbst sie nur im Ansatz beantworten konnte: Seine Untersuchung ist zu knapp bemessen, um den spezifischen Bedingungen an den betrachteten Orten angemessen Rechnung zu tragen. Die gesamte Süd- und Ostküste Afrikas handelt er zusammengenommen auf 50 Seiten ab, die Westküste Afrikas auf 56. Die Hälfte des Kapitels zur Westküste Afrikas widmet Haywood den Azoren, obwohl diese nicht an der Westküste Afrikas liegen und generell kaum historische Verbindungen zu Afrika aufweisen. Auf den wenigen Seiten, die er für jeden Küstenabschnitt verwendet, gelingt es ihm daher auch kaum, das Gewicht der nachgewiesenen Kontakte für historische Prozesse am jeweiligen Ort zu bestimmen. Diese Schwierigkeit liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die historisch orientierte Afrika-Forschung zur Zeit von Haywoods Arbeit noch in ihren Anfängen steckte: Es lagen nur wenige Veröffentlichungen zu afrikanischen Küstengesellschaften vor, auf die sich Haywood hätte stützen können.
Neben der Dissertation Haywoods sind im genannten Forschungszu-sammenhang an der Boston University in den 1960er Jahren weitere Arbeiten entstanden, die Aktivitäten amerikanischer Walfänger in den Afrika umgebenden Meeren als Nebenaspekt diskutieren. So hat sich Alan Booth in seiner 1964 abgeschlossenen Dissertation über den Einfluss US-amerikanischer Akteure auf die Geschichte Südafrikas im 18. und 19. Jahrhundert auch mit den Operationen von Walfängern in südafrikanischen Buchten befasst. Booth stellt die politische Dimension dieser Aktivitäten heraus und betont, wie Walfänger Herrschaftsansprüche von Kolonialmächten unterminierten, indem sie deren Bestrebungen zur Kontrolle und Regulierung von Schiffsbewegungen in den von ihnen beanspruchten Küstengewässern ignorierten.
Zwei weitere Historiker aus Boston, Norman Bennett und George Brooks, haben darüber hinaus 1965 eine Quellensammlung mit Überliefe-rungen verschiedener US-amerikanischer Akteure herausgegeben, die im 19. Jahrhundert an die Küste Afrikas kamen. Neben Texten von Händlern und Konsuln enthält die Sammlung einige Auszüge aus Logbüchern von Walfängern, die unter anderem Zwischenhalte im westlichen Indischen Ozean dokumentieren, etwa an der Küste Madagaskars und auf Anjouan. Die wesentlichen Ergebnisse der Forschungen aus Boston haben die kalifornischen Historiker Peter Duignan und Lewis Gann in ihrer Gesamtdarstellung über die historischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Afrika zusammengefasst.
Jenseits der genannten Arbeiten sind Forschungen zu historischen Walfangoperationen an der Küste Afrikas auf einige verstreut publizierte Aufsätze zu jeweils einzelnen Küstenabschnitten beschränkt geblieben. Meist stehen dabei umweltgeschichtliche und meeresökologische Fragen im Mittelpunkt, vor allem nach der Zahl der erlegten Tiere und anderen Auswirkungen auf maritime Ökosysteme, wohingegen Zwischenhalte und Landgänge von Seeleuten kaum eine Rolle spielen. Andere Aufsätze ermitteln zeitliche und räumliche Schwerpunkte von Walfangoperationen in einzelnen Küstengewässern, diskutieren Kontakte zu Küstengesellschaften aber ebenfalls gar nicht oder nur am Rande.

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