Glänzende Aussichten

Roman
 
 
Nagel + Kimche Verlag Ag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 176 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-312-01076-9 (ISBN)
 
Seit dem Tod ihres Vaters betreibt Pia die Tankstelle außerhalb des Dorfes allein. Doch zu Beginn der 1980er Jahre sind zunehmend Großtankstellen mit Do-it-yourself modern. Pia soll, das raten der Benzinlieferant und Pias boshafter Exfreund Luc, die Tankstelle verkaufen. Aber Pia will nicht; sie beschließt die Flucht nach vorn. Sie kauft eine riesige Autowaschstraße, die ultramodern ist und neueste Technik bietet. Die Einweihung wird zu einer furiosen, erotischen Feier, die alles auf den Kopf stellt. Mit ihrem eigenständigen, bildstarken Erzählen und ihren originellen Heldinnen gehört Margrit Schriber zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Schweiz.
  • Deutsch
  • 1,76 MB
978-3-312-01076-9 (9783312010769)
3312010764 (3312010764)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

2


Der Plüschhund auf der Registrierkasse heißt Waldi.

Er wackelt, wenn die Geldschublade aufspringt, und bringt die Kunden zum Lachen. Je kräftiger ich auf die Taste haue, desto länger freut sich Waldi.

Ich werde im Juni 1980 fünfundvierzig Jahre alt. Und bin noch immer an der Tankstelle.

«Ist es nicht einsam hier draußen? Ist es nicht gefährlich? Luc ist einiges zuzutrauen.»

Man fragt mich. Ich lache. Waldi wacht. Dann ist tagsüber ja auch der Gebrauchtwagenhändler Gigi in Rufnähe, ein Hüne. Mit einem Ruck kann er einen Kleinwagen an der Hinterachse hochstemmen und ihn in die Gegenrichtung drehen. Ihm gehört das Gelände neben der Tankstelle. Er hat Vaters Werkzeug übernommen.

Einen Sprenzel wie Luc nimmt Gigi in den Schwitzkasten und lässt ihn eine Zigarettenpause lang in der Luft zappeln.

Und jeden Tag kommt Luisa. Sie ist eine gute Kundin. Mehr als das, sie ist eine Freundin.

Ich habe keine höhere Schule besucht. Vater war mein Lehrer.

«Wenn du Tankwartin werden willst, dann lerne sorgfältig mit Vorräten, Geld und Kundschaft umzugehen. Willst du Geschäftsfrau sein, lerne geschickt durch Soll und Haben, Ertrag und Verlust zu lavieren.» Er fand, ich solle auf einen einzigen Menschen bauen: auf mich.

Doch er war auch der Meinung, wir könnten von anderen Leuten lernen. Wir müssen bloß Augen, Herz und Verstand offen halten. «Schaue! Überlege! Übe! Wenn nichts auf deinem Teller liegt, dann hast du Fehler gemacht.»

Eine Benzingesellschaft mit Servicestationen weltweit hat mir eine Beteiligung am Benzinverkauf angeboten. Der Gebietsleiter Egon Bolt betreut die Tankstellen in der Deutschschweiz und machte mich mit den Einzelheiten des Geschäfts vertraut. Unsere alte Benzinsäule mit Handpumpe wurde ausgemustert, Bolt ließ geräumigere Tanks in den Boden legen und stellte drei vollautomatische Zapfsäulen auf eine mit weißem Rand bemalte Betoninsel. Ich ließ diese Plattform überdachen und anstrahlen, jetzt sieht es aus, als wären die Säulen von einer Kreppmanchette umfasst.

Die einsame Tankstelle hat etwas Rührendes, besonders nachts, wenn der Rand leuchtet. Sie hebt sich aus der Dunkelheit hervor wie eine Geburtstagstorte.

Egon Bolt war es auch, der mir empfahl, einen Autoshop zu eröffnen, um Kunden an die Tankstelle zu binden. Die Benzingesellschaft bestimmt die Preise, Öffnungszeiten und empfiehlt das Sortiment. Alles andere bestimme ich.

Es gibt hier nun also nicht nur Benzin, sondern auch Dinge zu kaufen, die man täglich braucht: Milch, Salami, Kaffee, Brötchen, Papiertaschentücher, Reinigungsmaterial, flaumige Lenkradhüllen, Notfallausrüstung, Zeitschriften, Straßenkarten, Unterhaltungsliteratur und aufblasbare Rückenkissen. Viele Kunden besuchen meine Tankstelle, weil sie am Weg zur Autobahn liegt und günstigere Öffnungszeiten als der Supermarkt bietet.

Zur Eröffnung schenkte Bolt mir den Spielzeughund. Waldi ist mir ans Herz gewachsen; tagsüber bewacht er den Laden, nachts meinen Schlaf.

Ich rede mit ihm, als wäre er ein Mensch.

Die Wohnung im ersten Stock hat drei winzige Zimmer, Küche und Bad. Mir genügt das. Ich genieße einen weiten Blick übers Feld bis zum Jura.

Neben der Tankstelle hat Gigi seinen Occasionsmarkt eröffnet. Tagsüber sitzt er in seinem Bürocontainer, aber er wohnt nicht hier. Seine Autos sind über das ganze Areal verstreut, die schönsten hat er in den Vordergrund gestellt. Wie farbige Perlen sind sie an der Straße aufgefädelt. Die Autobahn ist ins Feld eingebettet und wird von Hügelzügen gesäumt. Sie sind waldbedeckt bis auf wenige Felsen.

Unsere Landstraße führt zum Dorf, dessen ziegelrote Walmdächer aus dem Mosaik der Äcker und Wiesen leuchten. Das modernste Gebäude ist das Hochhaus von Baumeister Holzer. Die Rundumterrasse der Attikawohnung liegt auf der Höhe der Kirchturmspitze.

Dort wohnt Luisa.

Die Tankstelle führe ich allein. Hier werden die Kunden bedient.

Sie sitzen, ich flitze. Wo gibt es das noch?

Ich bin freundlich, aufmerksam, flink und sauber. Doch die Lastwagenfahrer mit den Fotos aus dem Playboy hinter sich an der Kabinenwand schauen in die Luft, wenn ich sie bediene. Keiner pfeift, keiner blickt mir nach. Ich bin für sie eine Latzhose. Meine Kunden kennen mich als «die von der Tankstelle» oder als «das Ladenmädchen», das nebenbei die Zapfsäulen bedient.

Ich habe mir einen Rhythmus angewöhnt. In der Früh reinige ich als Erstes die Benzinsäulen, der Lack muss glänzen, und der Zapfhahn darf nicht mit Schlieren verschmutzt sein. Ich fülle den Putzeimer mit frischem Wasser und lege saubere Tücher dazu. Dann fege ich den Platz.

Morgen werde ich es genauso halten und übermorgen auch. In all den Jahren, die noch kommen. Bis ich keinen Lappen mehr in den Fingern halten und nicht mehr hinter dem Besen hermarschieren kann.

«Ist diese Tankstelle das Richtige für dich, Pia?»

Luisa stellt Fragen, die mir im Traum nicht einfallen.

Ich kenne nichts anderes. Die Tankstelle ist alles, was ich habe. Doch sie will diese Antwort nicht gelten lassen. Sie meint, in meinem Alter bleibe mir noch wenig Zeit, etwas Neues, vielleicht Sinnvolleres anzufangen.

«Soll ich das?» Waldi kümmert nicht, was ich mache.

Luisa ist Fachfrau für Versicherungen. Sie macht etwas Sinnvolles. Jeden Tag fährt sie in die Stadt, dort hat sie ihr Büro in einem großen Glasgebäude und ist erfolgreich.

Sie ist erst dreißig, und schon seit dreizehn Jahren das Täubchen von Baumeister Holzer.

«Ich bin sein ehebrecherisches Verhältnis, das Luder, das Dorfgeschwätz.»

«Sei froh um Willi Holzer. Er ist gut zu dir», rate ich.

Er ist viel älter als Luc. Und er behandelt Frauen mit Respekt. Auch lebt er nicht auf Pump wie Luc. Luisas Geliebter hat mehr Geld, als er jemals ausgeben kann, mehr, als eine Tankwartin sich vorstellen kann. Seine Abende verbringt er mit seiner Frau Greta in der Villa. Darum klammert sich Luisa an meine Tankstelle. Ich bin immer da.

«Warum eigentlich, Pia?»

«Weil mein Liebster eine Beere ist, die ein Vogel im Schnabel fortgetragen und fallen gelassen hat. Darum, Luisa.»

So plaudern und scherzen wir.

Ich freue mich den ganzen Tag auf den Besuch meiner besten Kundin.

Sie fährt ihren Flitzer zur Benzinsäule. Wenn sie nicht tanken muss, parkt sie hinter dem Haus. Sie kauft ein, wir halten ein Schwätzchen und trinken zusammen Kaffee. Hier kann die tüchtige Luisa sich erholen. Meine Tankstelle sei ihr zweites Heim, findet sie. Nach acht Stunden nett und freundlich sein, da ist sie ausgelaugt, abgekämpft und leer.

«Ich kann mich am Feierabend nicht einfach zuhause in einen Sessel fallen lassen, nachdem ich den ganzen Tag wie ein mechanisches Spielzeug aufgezogen war. Ich kann nicht einfach einen Schalter umlegen.»

Luisa stimmt sich an der Tankstelle auf ihre Attikawohnung ein.

Eine Tankstelle sei wichtiger, als die Leute denken, fand mein Vater. Wir bieten nicht nur Treibstoff, sondern eine Pause. Manche Leute haben gar kein Ziel oder fürchten sich vor der Ankunft, der Leere und der Stille, die sie zuhause erwarten. Hier können sie die Glieder recken und durchatmen.

Manchmal kommt auch mein Nachbar Gigi.

Luisa gefällt ihm. Sie gefällt den Männern. Ihr pfeifen alle Lastwagenfahrer nach. Sie hat einen katzenhaften Gang, im Gehen fliegen ihre Locken auf und wippen über ihre Brust. Sie hat eine wunderbare Art, den Kopf mit Schwung in den Nacken zu werfen, so dass ihr Haarbehang eine Weile um ihren Hals pendelt. Gigi und ich können die Augen nicht von diesem Pendel lösen. Auch Luisas trotzig gerecktes Kinn mit Grübchen gefällt, und wie sie mit langen schlanken Fingern die Nestel an ihrer kleinen Beuteltasche verknotet, ehe sie sie über die Schulter schwingt.

Sie genießt die Verehrung der Männer. Gerede kann ihr nichts anhaben, da sie die Welt im Sturm erobert.

Früher glaubte ich, eine Frau wie sie kenne nur Höhepunkte. Sie werde mit den Aufregungen der Liebe überschüttet, für sie opfere ein Mann ohne zu zögern die Ehefrau.

So ist es nicht! Die Zeit rieselt auch Luisa durch die Finger.

Gigi erzählt Witze. Das kann er, das macht seinen Erfolg als Verkäufer aus. Er setzt seine Witze in Szene und nimmt sich den dazu nötigen Platz. Er schleicht und wirbelt herum und schwingt die muskulösen Arme, dass man erschrocken zusammenfährt. Es sind lange Geschichten. Man lässt kein Auge von Gigi, weil er sie geschickt aufbaut, spannend entwickelt und mit einer guten Pointe abschließt. Ich schlage schreiend vor Lachen mit der Hand auf die Theke, Luisa dreht den Kopf zur Seite, zieht ein Knie an und lächelt hinter der Hand.

Das ist Luisa. Mädchenhaft und zart. Nie würde sie lauthals lachen. Sie hat etwas Sanftes und Verlockendes, während ich in meinen Arbeitsbottinen fest auf dem Boden stehe und vor Lachen wiehere. Wir sind sehr unterschiedlich. Ich verstehe, dass sie Baumeister Holzer gefällt. Sie ist anders als seine Frau Greta, die nie lächelt, nur den Mund zu einem winzigen Büschel schürzt. Sie ist klein und trägt winzige Schühchen. Sie stämpfelt mit den Füßchen oder wirft sich schluchzend über einen Ellbogen. Ein Häufchen Elend, vor dem sich Willi Holzer als Wüstling fühlt, so dass er vor Reue schmilzt. Das sei ihre Stärke, behauptet Luisa. Greta hat ihren eigenen Stil, und den zieht sie durch. Sie legt Wert auf...

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