Finnische Märchen in deutscher Sprache

Finnische Märchen übersetzt von Emmy Schreck, mit einer Einleitung von Gustav Meyer
 
 
neobooks Self-Publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 3. Dezember 2017
  • |
  • 1 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7427-6292-4 (ISBN)
 
Die vorliegende Uebersetzung finnischer Märchen ist durch mich veranlasst worden, und darum habe ich mich der Aufgabe nicht entziehen wollen, sie beim Publicum mit einigen wenigen Worten einzuführen, die es allerdings nur doppelt schmerzlich werden empfinden lassen, dass nicht ein Besserer, wie sonst so häufig, auch in dieser Sache das Wort ergriffen hat. Vor etwa zwei Jahren, wo ich mehr als heut in Mussestunden folkloristische Thätigkeit pflegen konnte, hatte sich mir im Verlaufe einer Arbeit die Wahrnehmung aufgedrängt, dass für eine vergleichende Behandlung des Schatzes an Thiermärchen bei den verschiedenen Völkern unsere Quellen, selbst für europäische Völker, noch bei weitem nicht reichlich genug fliessen. Bei meinen Bemühungen, diese Lükken nach Möglichkeit zu ergänzen, erfuhr ich durch einen sich dafür lebhaft interessirenden Freund, dass seine Schwägerin, Frau Schreck in Leipzig, eine geborene Finnländerin, gelegentlich eine Uebersetzung finnischer Thiermärchen angefertigt habe. Meine Bitte, mir das Manuscript dieser Märchen zu überlassen, erfüllte die Uebersetzerin aufs freundlichste, im weiteren Verlaufe des sich daran knüpfenden, für mich an Genuss und Anregung überaus reichen Brief- wechsels machte ich ihr den Vorschlag, eine grössere Auswahl finnischer Märchen zu übersetzen, und das Ergebniss davon liegt in dieser Sammlung vor, welche dank dem freundlichen Entgegenkommen des Herrn Böhlau in Weimar das Licht der Welt erblickt hat.
  • Deutsch
  • 0,70 MB
978-3-7427-6292-4 (9783742762924)
Autorin

Kapitel 2


Das Teufelsschiff.
(Aus Karelen.)
Es war einmal ein Jäger, der nahm seinen Bogen auf
die Schulter, ging in den Wald und wanderte lange
drin herum; endlich kam er an den Teufelsberg. Den
Teufeln waren die Eltern gestorben, und eine grosse
Schaar Erben hatte sich versammelt. Es lagen viele
Schätze, Goldgeräthe, Goldlöffel auf dem Berge, und
Jedermann hatte einen goldenen Wagen, und alle gemeinsam
ein goldenes Schiff, welches von selbst über
das Land dahinfuhr, sobald man sich ins Schiff setzte.
Als die Teufel des Jägers mit der Armbrust auf seinem
Rücken gewahr wurden, riefen sie schnell:
»Komm, guter Mann, vertheile diese Sachen unter uns
gegen Geld und gute Worte!« Er trat heran und fragte:
»Wie bringt man diese goldenen Wagen und das
Goldschiff zum Fahren?« - Nun, man belehrte den
Mann und sagte: »Wenn man auf die oberste Segelstange
klettert und mit den Füssen die unterste tritt,
dann laufen die Wagen und das Schiff von selber.«
Als der Mann diesen Kunstgriff erfuhr, spannte er seinen
Bogen, schoss ab und rief: »Sucht, ihr Männer,
den Pfeil, der von meinem Bogen abschnellte; der
erste der ihn findet, erhält einen Wagen und das goldene
Schiff auf seinen Antheil.« Da sprangen die Teufel
dahin um den Pfeil zu suchen, und liefen so weit,
dass man sie nicht mehr sah noch hörte. Der Mann
sah wohl, dass sie weit fort waren, dachte aber doch:
»Wer weiss, ob sie nicht zu ihren Sachen zurückeilen.
« Er füllte schnell das Schiff bis an den Rand mit
den Sachen, zog alle goldenen Wagen und die andern
Schätze mit hinauf, sprang selber in das Schiff, kletterte
auf die oberste Segelstange und trat die unterste
mit den Füssen. Da fing das Schiff an über Land und
Meer zu laufen, bis es zu des Königs Schloss kam
und davor stehen blieb. Es traf sich, dass des Königs
Tochter eben auf der Schlosstreppe sass. Als sie das
Goldschiff kommen sah, winkte sie mit dem Finger
und sagte: »Das muss der höchste Kaiser auf dieser
Erde sein, der in solchem Goldschiff fährt! Nimmst
du mich, lieber Kaiser, in dein Schiff? Ich will dafür
deine Braut werden.« Wie der Mann solches hörte,
öffnete er die Thür zu seinem Schiffe und sagte: »Königliche
Prinzessin! Ich bin nur ein Bauernknecht, der
nicht werth ist, Euch die Schuhe auszuziehen. Ihr habt
ja Könige genug!« Aber obgleich das Mädchen vernahm,
dass er nur ein Bauernknecht sei, hörte sie
nicht auf zu bitten und sagte: »Lass mich nur ein! Ich
will gern deine Braut werden.« Der Mann erwiderte
jedoch: »Ihr spottet meiner nur, wie ich merke; es sind
doch Könige genug da.« Endlich brachte die Königstochter
dem Manne allerlei Speisen und Getränke ins
Schiff, dazu schöne Kleider, Mützen, Stiefel und alles
Mögliche; aber der ganze Haufen blieb auf dem Verdecke
liegen, denn der Mann getraute sich nicht einmal
die Sachen mit der Hand zu berühren. Während
der Zeit ging das Mädchen mit bitter traurigem Sinne
auf dem Schiffe herum, weil der Mann sie verschmähte.
Dieser sah sich die Sache eine Woche lang an und
merkte, dass es der Prinzessin Ernst darum war; da
sagte er endlich: »Nun, liebste Prinzessin, wenn Ihr
Euch wirklich mit einem Bauernknechte verbinden
wollt, so steigt in mein Schiff!« Und alsbald kam sie
in sein Schiff. Da kniete der Mann vor ihr nieder und
fragte: »Wohin sollen wir jetzt, liebste Prinzessin, in
dem guten Schiffe fahren?« - Die Königstochter antwortete:
»Lass uns ins weite Meer hinausfahren, da
liegt eine Insel, die zehn Meilen lang ist; auf der
wachsen Beeren in Fülle, und Früchte bedecken den
Boden.« Gut, man brachte das Schiff in Bewegung
und es lief bis in die Mitte der Insel; da blieb es stehen.
Darauf ging der Mann aus, um Beeren zu suchen;
aber kaum hatte er ein Beerchen gekostet, als er
in einen tiefen Schlaf verfiel: er schlief und schnarchte
und brachte keine Beeren aufs Schiff. Endlich ward
die Prinzessin zornig. »Magst du auf der Insel sterben,
du elender Bauernknecht!« sagte sie. »Ich wende
das Schiff und fahre heim!« Gesagt, gethan; sie wandte
das Schiff und fuhr nach Hause; aber der Mann
blieb in tiefem Schlafe auf der Insel.
Als er endlich aus diesem Schlummer erwachte,
war vom Schiff nichts zu sehen, noch zu hören; die
von den Teufeln erhaltenen Schätze und Alles war
dahin; ihm blieb nur ein Beutelchen mit Geld. Dabei
fühlte er einen grimmigen Hunger im Leibe und hatte
doch nichts zu essen. Da ging er zu einem Beerenbusch,
füllte seine linke Tasche mit den Früchten und
steckte eine Beere in den Mund, zerbiss sie und ass
sie auf. Aber es waren schlechte Beeren, denn danach
wuchsen ihm so ungeheure Hörner auf dem Kopfe,
dass der Nacken sie kaum tragen konnte. Nun befiel
ihn eine grosse Angst. »Es wäre ja noch Alles zu ertragen
«, meinte er, »obgleich mein Hunger schlimm
genug ist, wenn mir nicht diese Hörner auf dem Kopfe
stünden! Wenn Schiffsleute herkommen, werden sie
mich gar für ein wildes Thier halten und mich schiessen!
« So klagend kam er an einem andern Beerenbusche
vorbei, blieb stehen und füllte die rechte Tasche
mit den Früchten. Eine Beere steckte er wieder in den
Mund und zerbiss und ass sie. Diesmal traf es sich,
dass es gute Beeren waren, denn alsbald, nachdem er
gegessen, fielen ihm die Hörner ab und hinterliessen
nicht einmal eine Spur. Der Mann wurde dabei so
schön, dass man im ganzen Reiche keinen schönern
finden konnte.
Nun wartete er auf der Insel, bis Seeleute vorüberkamen;
kein Schiff konnte über das Meer fahren, ohne
an ihr vorbeizukommen, - und als er endlich sah, dass
sich ein Segel der Insel näherte, rief er laut: »Nehmt
mich auf, lieben Freunde, rettet mich für Geld und
gute Worte vom Tode auf dieser Insel! Lasst mich mit
euch ziehen und zeigt mir den Weg zu dem Königsschlosse,
von wo ich mit meinem Schiff einst ausgefahren
bin!« - Gut, sie nahmen ihn mit ans Land und
zeigten ihm den Weg zum Königsschlosse.
Da trat der Mann auf den Hof des Schlosses. Der
König hatte dort einen Trinkbrunnen mit klarem Wasser
und mit einem Krahn an der Oeffnung. An den
Rand dieses Brunnens setzte sich der Mann und fing
an mit seinen schmutzigen Füssen darin zu plätschern
und das Wasser zu trüben. Zufällig trat des Königs
Oberkoch auf die Schlosstreppe. Wenn er ein böser
Mann gewesen wäre, hätte er gleich geschrieen:
»Warum hast du unsern Trinkbrunnen verunreinigt?
Es ist schlimm genug für uns daraus zu trinken, wie
viel schlimmer für den König und seine Gemahlin!«
Dann hätte es der König gehört und hätte befohlen,
dem Manne den Kopf abzuschneiden. Aber der Koch
war ein gutmüthiger, sanfter Mann; er trat zu dem An-
dern, nickte ihm zu und sagte: »Ach du Unglücksmensch,
der du unsern Trinkbrunnen getrübt hast! Es
ist schlimm genug für uns daraus zu trinken, wie viel
schlimmer für den König und die königlichen Herrschaften!
Wenn der König es wüsste, würde er dir den
Kopf abschneiden lassen, und ich selber hätte auch
die Macht dazu!« Und er hätte sie wahrlich gehabt.
Da bat der Mann: »Lieber Herr, sagt es niemand;
dann will ich Euch ein Mittel geben, dass Ihr eben so
schön werdet wie ich!« - »Gut, ich will nichts
sagen«, antwortete der Koch, »wenn du mir solch ein
Mittel angeben kannst.« Der Mann gab ihm darauf
von den Beeren zu essen. Als der Andere eine davon
zerbiss und ass, ward auch er so schön, dass es im
ganzen Reiche keinen schönern gab; aber der Mann
selber versteckte sich, dass ihn Niemand sehen konnte.
Während dessen bereitete der Oberkoch des Königs
Mittagsmahl im Schlosse; es wurde gegessen,
getrunken, gelacht, bis das Mahl zu Ende war. Nach
dem Essen trat die Prinzessin zu dem Oberkoch und
fragte: »Woher seid Ihr, lieber Oberkoch, plötzlich so
schön geworden?« - Der Oberkoch sagte: »Es war ein
fremder Mann dort auf dem Hofe, der versteht die
Kunst Jeden, der sich verschönern lassen will, so
schön zu machen.« Da sagte das Mädchen, welches
das Schiff entführt hatte: »Wenn er mich auch so verschönerte,
wollte ich seine Braut werden!« - »Er wird
wohl schon fort sein«, meinte der Oberkoch, »er
wagte gar nicht sich zu zeigen, denn er fürchtete in
der fremden Stadt getödtet zu werden.« Aber das
Mädchen liess dem Manne sagen: »Um Alles in der
Welt soll sich der gute Mann nicht fürchten, ich
werde ihn beschützen; er möge nur in das fremde
Schloss kommen, ich werde ihm Speise und Trank
geben.« Der Mann kam herauf und wurde in eine abgelegene
Kammer geführt. Dorthin brachte ihm die
Prinzessin Speisen, Getränke und allerlei Leckerbissen;
während er ass und trank, stellte sie sich neben
ihn, redete ihn an und sagte: »Guter Mann, macht
mich so schön wie den Oberkoch! Ich will dafür Eure
Braut sein.« Aber im Herzen des Mannes kochte der
Groll darüber, dass sie ihn auf der Insel verlassen
hatte. Er ass und trank aber doch und sagte: »Liebste
Prinzessin, ich elender Bauernknecht tauge nicht zu
Eurem Gemahl; es sind ja Könige da!« - »Wenn du
mir nicht anders traust«, sagte das Mädchen, das nicht
mehr den erkannte, welchen sie auf dem Meere verlassen
hatte, »so...

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