Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siecle

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Horst Günther
 
 
Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. März 2017
  • |
  • 384 Seiten
 
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978-3-99040-448-5 (ISBN)
 
Wien um 1900: ein Experimentierraum der Geistes, ein Labor von Ideen, Visionen und Emotionen, von politischen Leidenschaften und Gefühlen. Die habsburgische Metropole ist Schauplatz einzigartiger künstlerischer und wissenschaftlicher Leistungen: Musik und Literatur, bildende Kunst und Architektur finden zu aufregenden Ausdrucksformen, die Psychoanalyse Freuds zeichnet ein revolutionäres Bild vom Menschen.
In seiner meisterhaften Stadtanalyse zeigt Carl E. Schorske, wie diese einzigartige Atmosphäre den Weg der Donaumetropole in die Moderne beflügelte.
  • Deutsch
  • Graz
  • |
  • Österreich
  • 18,45 MB
978-3-99040-448-5 (9783990404485)
3990404482 (3990404482)
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CARL E. SCHORSKE (1915-2015) lehrte Europäische Geschichte mit dem Schwerpunkt Kultur- und Geistesgeschichte an der Wesleyan University, an der Universität Berkeley und in Princeton. Für seine Studie "Fin-de-Siècle Vienna" wurde er 1981 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Ab 2012 Ehrenbürger von Wien.

Otto Wagner, Entwurf Wientallinie, Haltestelle Karlsplatz, 1898

CARL E. SCHORSKE UND
DIE WIENER MODERNE


Vorwort von Jacques Le Rider

Wien zählte Ende des 19. Jahrhunderts und während der Belle Époque neben Berlin, London oder Paris zu den wichtigsten Zentren europäischer Kultur - seit dem Erscheinen dieses Werkes von Carl E. Schorske 1980 in New York stellt das niemand mehr in Frage. Obwohl inzwischen eine große Anzahl an Studien über die Wiener Moderne erschienen ist, hat das Schlüsselwerk von Schorske nichts von seiner erhellenden und anregenden Wirkung eingebüßt.

Wien. Geist und Gesellschaft im Fin de Siècle ist eine Sammlung von sieben Studien, die größtenteils zwischen 1960 und 1970 veröffentlicht worden sind und eine Einheit bilden. Sie verstehen sich nicht als vollständiges Abbild, sondern lediglich als eine Reihe von Fallstudien, die auf den ersten Blick zwar sehr unterschiedlich sind, aber eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, die sich dem Leser im Laufe der Kapitel über leicht erkennbare gemeinsame Merkmale erschließt. Die Autoren, Künstler, Maler oder Musiker, Architekten und Städteplaner sowie Politiker, die Schorske als unterschiedliche Vertreter des »modernen Wieners« auswählte, hatten alle - bewusst oder unbewusst - den kulturellen Wandel und die moderne Lebensweise thematisiert.

Um »die Verbindung zwischen dem kulturellen Wandel und dem Wandel der Identität einer Generation herstellen«10 zu können, schildert Schorske die fortwährend auftretenden Konflikte zwischen der Elterngeneration und der Jugend. Mit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich 1867 nahm die Liberalisierung des Reiches ihren Anfang. Aber bei diesem Liberalisierungsprozess der politischen Institutionen, der sowohl von einem rationalistischen Geist geprägt als auch sehr auf rechtliche Aspekte bedacht war, wurden sämtliche Ideale eines Nationalstaats sowie alle sozialen Forderungen beiseitegelassen. Die habsburgische Politik, die Kohäsion des Reiches aufrechterhalten zu wollen, indem den einzelnen Nationalitäten große kulturelle Autonomie zugestanden wurde, stellte die Vormachtstellung der Deutschen in Cisleithanien in Frage. Bei der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurden die Deutsch-Österreicher links liegen gelassen, doch das Zugehörigkeitsgefühl zu Österreich-Ungarn blieb für viele weniger stark als die Verbindung zur deutschen Kultur und Nation.

Anton Ritter von Schmerling, ehemaliges Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung bis 1848, wesentlich beteiligt an der Ausarbeitung der Februarverfassung 1861 und ein perfekter Vertreter dessen, was Schorske als liberale Kultur bezeichnet, erklärte 1861, dass die liberale Regierung so lange warten könne, bis die verfeindeten Parteien im Reichsrat wieder zur Vernunft gekommen wären. »Wir können warten. Wissen macht frei.«14 Mit dem Ende des Liberalismus der »alten Liberalen«, die in den 1860er-Jahren zu Regierungsämtern gelangten, treten an die Stelle der »Politik der Vernunft«, wie Schorske sie bezeichnet, neue politische Strömungen, die Glauben, Illusionen, Leidenschaften und Vorurteile wecken: der Nationalismus, der Antisemitismus, der Wunsch nach einer Rückkehr zur sozialen Ordnung des Biedermeier - zu einer Ordnung, die gerade durch die kapitalistische Modernisierung durcheinandergebracht wird.

Freud blieb den liberalen politischen Ideen und dem wissenschaftlichen Rationalismus treu. Er war gerade dreiundzwanzig Jahre alt, als Eduard Graf Taaffe, ein konservativer Monarchist, Sohn einer bedeutenden böhmischen Adelsfamilie und Jugendfreund von Kaiser Franz Joseph I., 1879 zum kaiserlichen Ministerpräsidenten ernannt wurde und damit das Ende der politischen Vormacht der Liberalen einläutete (Graf Taaffe steht im Mittelpunkt des »revolutionären Traums«, der in der Traumdeutung analysiert wird und dessen große Bedeutung Schorske aufzeigt22). Es kam für Freud nicht in Frage, sich gegen die Generation seiner aus Galizien stammenden Eltern aufzulehnen, die 1860 nach Wien gezogen waren und sich im Arbeiterbezirk Leopoldstadt (2. Bezirk), also weit vom sozialen Umfeld der liberalen Bürgerlichen entfernt, niedergelassen hatten. Er versuchte allerdings mit anderen Mitteln als mit politischer Beteiligung gegen den Antisemitismus sowie die neuen nationalistischen und populistischen Strömungen, die die Wiener Gesellschaft und Kultur ab den 1880er-Jahren durchdrangen, zu kämpfen. Als der christlichsoziale Karl Lueger zum Bürgermeister von Wien ernannt wird, beendet Freud gerade sein Werk Die Traumdeutung, dem Schorske eine politische Bedeutung zuschreibt, die unter den Historikern der Psychoanalyse noch heute Gültigkeit besitzt. Freud stellt sich selbst die intellektuelle Aufgabe, die »Politik zu neutralisieren, indem er sie auf psychologische Kriterien reduziert«.23

Die Christlich-soziale Partei von Karl Lueger erzielte ihren ersten großen Wahlsieg 1895 in Wien. Nachdem er versucht hatte, sich dem Wahlergebnis zu widersetzen, fügt sich Kaiser Franz Joseph I. schließlich doch und betraut Lueger im April 1897 mit dem Amt des Wiener Bürgermeisters. Dieser Konflikt zwischen der Gefolgschaft des Kaisers und dem Wiener Rathaus zeigt, dass die höchsten Verwaltungsbehörden sowie alles, das noch durch kaiserliche Befugnisse bestimmt wird, die letzte Bastion des Liberalismus darstellt: Die von Franz Joseph eingesetzten liberal-konservativen Technokraten erhalten die josephinische Tradition, den Geist des aufgeklärten Absolutismus Josephs II., bis zuletzt aufrecht.

Seit einem Vierteljahrhundert bestimmt das Werk von Carl E. Schorske die Diskussion über die Wiener Moderne der letzten 25 Jahre des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Alle Forschungsarbeiten über Literatur, Philosophie, Kunst, die politischen Ideen, den Nationalismus, den Populismus oder den Antisemitismus in Wien stellen Vergleiche mit diesem Werk an und versuchen natürlich ebenso, sich bestmöglich davon abzugrenzen.25 Ein oftmals erwähnter Aspekt des Werkes von Schorske ist seine überblicksartige Gestaltung: Auch wenn das Ziel nicht in der Schaffung einer Enzyklopädie lag, bietet das Werk den Lesern eine schöne Übersicht über einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeitspanne. Es existierte damals allerdings in Wien eine Vielzahl intellektueller Kreise, politischer Strömungen und künstlerischer Vereinigungen26 und Schorskes Kunst bestand darin, Bereiche zu vereinen, die nur geringfügig miteinander in Beziehung stehen. Er stellte Querverbindungen her und schuf eine interdisziplinäre Chronologie, die jeder Spezialist dann entsprechend seinem eigenen Fachgebiet analysieren muss. Einen solchen Mut zur Rekonstruktion des intellektuellen und politischen Systems einer ganzen Epoche trifft man seit den großen kulturgeschichtlichen Gesamtdarstellungen von Jacob Burckhardt nur mehr selten an.

Jacques Le Rider

Februar 2017

Anmerkungen


1

Carl E. Schorske. Mit Geschichte denken. Übergänge in die Moderne, aus dem Amerikanischen übersetzt von Georgia Illetschko und Erik M. Vogt. Wien, 2004. S. 33.

2

Ibid., S. 33.

3

Ibid., S. 37.

4

Ibid., S. 40.

5

Zu diesem Thema siehe Jacques Le Rider, Das Ende der Illusion: die Wiener Moderne und die Krisen der Identität, übersetzt von Robert Fleck, Wien: ÖVB 1990. Kap. I; (franz. Original: Modernité viennoise et crises de l'identité. Paris, PUF, 1990; 2e édition revue, 1994; réédition «Quadrige», 2000, chap. I.) Dieses Buch hatte einen beträchtlichen Einfluss auf das Werk von Carl E. Schorske.

6

Carl E. Schorske, Mit Geschichte denken. Übergänge in die Moderne, op. cit., S. 43 ff.

7

Ibid., S. 49.

8

Ibid., S. 29.

9 ...

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