Funkers Notizen

1941 - 1945
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 29. Januar 2018
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  • 423 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7460-8183-0 (ISBN)
 
Mit offenem Herzen für die melancholische Schönheit der baltischen Landschaft erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs: Erinnerungen und Tagebuch-Auszüge eines Kriegsberichters für die Feldzeitung und Funkers der 61. Infanterie-Division im Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion. Erlebnisse im Baltikum, vor Leningrad und auf der Flucht vor der Roten Armee, bis zum Entkommen aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,36 MB
978-3-7460-8183-0 (9783746081830)
3746081831 (3746081831)
Der Autor ist Sohn des Zeitzeugen. Er hat die Texte aus den Tagebuchaufzeichnungen und Erzählungen seines Vaters zusammengestellt und überarbeitet.

1941


05.06.1941- 16.06.1941
Hofgeismar


Als einer von mehreren hundert jungen Männern aus Frankfurt und Umgebung, die am 5. Juni morgens im Hof der Gutleut-Kaserne in Frankfurt zu einem Rekrutentransport zusammengestellt wurden, gelangte ich am gleichen Tag in mehrstündiger Eisenbahnfahrt nach Hofgeismar. Vom Bahnhof marschierten wir geschlossen zur Manteuffel-Funkerkaserne, einem weitläufigen alten Gebäudekomplex, wo wir militärisch ausgebildet werden sollten. Bei der sofort vorgenommenen Einteilung kam ich zur 3. Kompanie (Funkkompanie) und wurde der Stube 60 zugewiesen, die am äußersten Ende des Hauptgebäudes im Obergeschoß lag. Die Gesamteinheit, zu deren Bereich außer der Funkerkaserne noch eine weitere Mannschaftsunterkunft in Hofgeismar gehörte, war die Nachrichten-Ersatz-Abteilung 9.

Die Ausbildung, an der ich zunächst zehn Tage lang teilnahm, erstreckte sich auf Exerzieren, Geländedienst, Schießübungen, allgemein-militärischen Unterricht, vor allem aber auf Funkdienst, hinter dem die übrige Ausbildung zurücktrat. Wir wurden stubenweise in die Grundlagen der Telegrafie (Morse-Alphabet) eingeführt und nahmen bald darauf an den ersten Funkübungen von Stube zu Stube und im Kasernenhof teil.

Im Hören und Geben (Tasten) machte ich gute Fortschritte. Auch die Ausbildung auf dem Exerzierplatz und im Gelände bereitete mir nur wenig Mühe, da der Dienst, verglichen mit meinen Erfahrungen im Reichs-Arbeitsdienst, in durchaus gemessenen Formen vonstatten ging.

Unsere Ausbilder waren Unteroffizier Staderberg, ein angenehmer Korporalschaftsführer mit urwüchsigen Redensarten, der kurz darauf durch den jüngeren und lebhafteren, doch ebenfalls erträglichen Unteroffizier Wilke abgelöst wurde; ferner Oberfunker Graf, ein etwas dienstälterer Soldat, der mit uns in Stube 60 wohnte und von uns laut Vorschrift als "Herr Oberfunker" angeredet werden mußte; weiterhin mehrere Wachtmeister und Offiziere. Von fast allen Vorgesetzten wurden wir verhältnismäßig anständig behandelt.

Unsere Korporalschaftsstube war mit zweistöckigen eisernen Betten, Spinden (zu je zwei Mann ein Spind), einem Tisch und Hockern ausgestattet. Ich hatte das untere Bett an der Fensterseite bezogen. Mehrmals wurden wir bei Nacht durch Fliegeralarm aufgeweckt. Wir mußten uns dann im Dunkeln ankleiden und den Luftschutzkeller aufsuchen, der in einem entfernten Teil der Kaserne lag. Bomben fielen nicht.

Etwa nach sieben Tagen Ausbildung befiel mich während des Dienstes eine krankhafte Müdigkeit mit fiebrigen Erscheinungen, die mehrere Tage anhielt. Ich meldete mich jedoch nicht krank, weil ich möglichst schnell eine erfolgreiche Ausbildung hinter mich bringen wollte, um dann den "Ersatzhaufen" verlassen zu können. Am 15. Juni (Sonntag) fühlte ich mich wohler, doch zeigten sich jetzt scharlachartige Ausschläge am Körper. Nachmittags nahm ich noch die zum ersten Mal gebotene Möglichkeit wahr, im Ausgehanzug die Kaserne zu verlassen, und sah am Abend zusammen mit einigen Kameraden im Kino den Film "Die schwedische Nachtigall". Am Morgen des 16. Juni begab ich mich dann zum Abteilungsarzt. Es wurde einwandfrei Scharlach festgestellt. Ich durfte nicht mehr zu meiner Stube zurückkehren und wurde noch am gleichen Tag in einem Dienstauto nach Kassel zum Lazarett überführt.

16.06.1941- 29.07.1941
Kassel


Im Reservelazarett IV, das sich im Gebäude der Kunstakademie am Rand der Karls-Aue bei Kassel befand, verbrachte ich die nächsten sechs Wochen. Die Krankheit bereitete mir keinerlei Beschwerden. Abgesehen von einem Katarrh, den man durch Inhalation von Kamillendampf behandelte, und einem Furunkel an der Nase, den der Arzt aufschnitt, fühlte ich mich völlig gesund. Ich mußte jedoch wie jeder Scharlachkranke 42 Tage lang zur Quarantäne in der Infektionsabteilung des Lazaretts verbleiben. Währenddessen wechselte ich dreimal das Zimmer.

Meine Umgebung bestand aus ebenso beschwerdefreien Scharlachkranken, die hier ihre vorgeschriebenen 42 Tage absaßen. Sie stammten aus den Wehrmacht- und SS-Kasernen in Kassel und Umgebung. Auch einige Funker aus Hofgeismar waren unter ihnen.

Sobald es der Arzt erlaubte, stand ich täglich auf und übernahm mehrmals freiwillig den Stubendienst, um beweglich zu bleiben. Später hielt ich mich des öfteren im Lazarettgarten auf. Da überwiegend trübes Wetter herrschte, blieb ich dort meist allein und genoß den Anblick des dunklen Sommerwaldes der Karls-Aue, von dem das Lazarettgelände durch einen hohen Zaun abgetrennt war.

Am 22. und am 23. Juli besuchte mich mein Vater, der aus Koblenz, wo er als Offizier Dienst leistete, nach Kassel gekommen war. Ich verbrachte an beiden Tagen mehrere Stunden mit ihm im Garten. Am 29. Juli wurde ich entlassen und kehrte mit der Eisenbahn in Begleitung anderer entlassener Lazarettinsassen nach Hofgeismar zurück.

29.07.1941- 29.08.1941
Hofgeismar


Ich zog wieder in Stube 60 ein. Die Korporalschaft war vier Wochen lang isoliert gewesen, hatte währenddessen nur Funkausbildung in der Stube von Graf erhalten und war in den letzten zwei Wochen wieder voll ausgebildet worden. Ich machte die fortgeschrittene Ausbildung ohne Schwierigkeiten mit. Ich wurde zunächst in die fünfte (schwächste) Hörklasse eingeteilt - während meiner Abwesenheit war man zur Hörausbildung in Klassen entsprechend der individuellen Qualität übergegangen -, konnte aber schon nach wenigen Tagen in die vierte Hörklasse aufrücken. Im Geländedienst fiel ich durch meine präzise Geländebeschreibung, beim Schießen durch meine überdurchschnittlichen Schießergebnisse auf. Am 3. August (Sonntag) machte ich nachmittags eine Wanderung zum Galgenberg, einer Erhebung westlich von Hofgeismar, wohin wir einige Tage vorher beim Dienst marschiert waren.

Am 4. August traten in verschiedenen Stuben neue Scharlachfälle auf. Auch in Stube 60 wurde ein Funker krank und kam nach Kassel. Unsere Stube wurde (ebenso wie die andern betroffenen) isoliert. Dreieinhalb Wochen lang war unser Verkehr mit der übrigen Kaserne unterbunden. Die Insassen der Stube 61, die nur durch unsere Stube betreten werden konnte, teilten unser Schicksal. Unsere Tür wurde von außen verschlossen und nur geöffnet, wenn man uns das Essen hereinreichte. Außer Hör- und Tastübungen, die uns von außen befohlen und von Graf geleitet wurden, hatten wir keinen Dienst und waren uns selbst überlassen.

An den Funkübungen nahm ich mit Eifer teil. Ich vervollkommnete mich und brachte es bis zur Aufhebung der dreieinhalbwöchigen Quarantäne auf 70 Zeichen je Minute im Hören. Als die Isolierung am 28. August abgebrochen wurde, atmete ich erleichtert auf.

Noch am gleichen Tag wurde aus den Funkern und Fernsprechern der Abteilung eine Marscheinheit zusammengestellt, der zu meiner großen Freude auch ich zugeteilt wurde. Die Kürze meiner Ausbildung von nur 16 Tagen bekümmerte mich nicht. Am Abend gaben wir unsere Kasernenausrüstung ab und empfingen dafür nagelneue Feldausrüstung, die alles umfaßte, von der Unterwäsche bis zu Gewehr, Stahlhelm und Gasmaske. Nur Stiefel gab man uns nicht. Wir mußten uns mit halbhohen Schnürschuhen und Segeltuchgamaschen begnügen, die wir schon bei der Ausbildung getragen hatten.

Am 29. August wurde unsere Marscheinheit mit der Eisenbahn nach Weimar überführt, wo ein Feld-Ersatz-Bataillon für die Ostfront gebildet werden sollte.


29.08.1941- 10.09.1941
Weimar bis Lihula


Wir wurden in einem neuen, modern eingerichteten Kasernengebäude untergebracht, das auf einer Höhe außerhalb Weimars lag. Wir blieben dann uns selbst überlassen. Es war offensichtlich, daß dieser Aufenthalt nur Tage dauern konnte. Am Sonntag, dem 31. August, machte ich einen Gang durch die Stadt, in der gegenwärtig gewaltige Bauten der NSDAP errichtet wurden.

Am Montag wurden wir zu einem starken Marsch-Bataillon vereinigt, das zum größten Teil aus Nachrichtenleuten, weiterhin aus Pionieren und Reitern bestand. Wir marschierten zum Bahnhof, wurden in einen Güterzug verladen und traten dann eine neuntägige Fahrt in den Osten an. In jedem Güterwagen waren etwa 40 Mann untergebracht, die auf Stroh lagen. Der Dienstälteste - in meinem Wagen ein Pionier-Obergefreiter - hatte die Aufsicht. Bei den wenigen Aufenthalten, die meistens längere Zeit dauerten, empfingen wir an der auf einem offenen Rungenwagen stehenden Feldküche das Essen. Ich erlebte diese interessante und abwechslungsreiche Fahrt durch Landschaften, die mir unbekannt waren, mit offenen Augen. Tagsüber und bis in die Nacht hinein stand ich an der geöffneten Schiebetür; schauend, beobachtend, genießend. Die andern spielten oder schliefen derweilen, mit nur wenigen Ausnahmen.

Am ersten Tag kamen wir bis Berlin, das in großem Bogen umfahren wurde. Am Dienstag durchquerten wir die Neumark und das flache Netze-Gebiet und erreichten abends Schneidemühl, dessen Güterbahnhof nichts Sehenswertes bot. Während der Nacht ging die Fahrt weiter, und am Mittwoch sahen wir die vielgenannten Kulturbauten in Westpreußen; die Weichselbrüche bei Dirschau und die Marienburg.

Die Fahrt durch das flache Ostpreußen am Donnerstag, dem 4. September, bei sonniger Witterung war etwas Ungewohntes und sehr Reizvolles für mich. In Insterburg, wo wir einen längeren Aufenthalt hatten, ging ich mit Erlaubnis des Transportleiters in die Stadt, um mir eine neue Brille für die am Vortag zerbrochene zu besorgen. Dabei konnte ich mich zum ersten Mal in einer ostpreußischen Stadt mit ihrer weiträumigen Anlage umsehen. Bei der Abfahrt an einer späteren ostpreußischen Station befand ich mich auf dem offenen Küchenwagen und konnte nicht mehr zu meinem Wagen zurückkehren. So...

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