Mit der Geschwindigkeit des Sommers

Roman
 
 
Piper ebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-492-97635-0 (ISBN)
 
»Niemand, nicht einmal ihr Liebhaber, ahnte etwas von dem Vorhaben meiner Schwester. Alle Möglichkeiten hatten ihr offengestanden nach dem Fall der Mauer, sie hätte ihrem Leben eine völlig neue Wendung geben können. Und vielleicht hätte ich ihre tragische Entscheidung rückgängig machen können, wäre ich nur ein wenig aufmerksamer gewesen.«
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  • 1,00 MB
978-3-492-97635-0 (9783492976350)
3492976352 (3492976352)
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Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, lebt nach Aufenthalten in Bukarest und Paris als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Für ihr von der Kritik hochgelobtes Erzähldebüt »Der Körper des Salamanders« wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises und dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Nach dem für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman »Mit der Geschwindigkeit des Sommers« erschien zuletzt »Selbstporträt mit Bonaparte«.

 


Die war: viel flaches Land, Greifvögel, Felder und Wald und in den Wäldern zugewachsene Seen, Tümpel. Die satte, üppige Landschaft stand in seltsamem Gegensatz zu der Armut, die zu früheren Zeiten unter den Leuten in dieser Gegend geherrscht hatte. Fischer und Ackerbauern. Die Dörfer, die nie mehr gewesen waren als eine lose Ansammlung von Katen und schilfgedeckten Fachwerkhäusern, hatten weder Marktplätze noch Festwiesen. Die ewig unterspülten Felder machten das Bewirtschaften schwer. Während anderswo die Landwirte dickbäuchig auf dem Kutschbock durchs Dorf gefahren waren, lief man hier neben den Fuhrwerken her, schonte die klapprigen Pferde.

Nach dem Krieg hatte der sozialistische Staat den Landstrich entdeckt, dieses dünnbesiedelte Land, dessen Nutzlosigkeit ein strategischer Vorteil war. Unter dem Grün des Pflanzendickichts ließ sich einiges verbergen, Panzer und Geschütze, eine halbe Armee, auch die Schüsse von Übungsgefechten verloren sich in der Weite dieser Ebene.

Das Militär hatte das Dorf in eine kleine Stadt verwandelt. Man baute nicht nur Kasernen in die Wälder und Häuser, auch eine Schule, ein Kino, eine Sporthalle, bis es alles gab, was zu einer rasch errichteten Phantasiewelt gehört. Der spöttische Ton meiner Schwester, wenn sie sagte: Stadt. Erst später, als sie schon übriggeblieben ist, als einzige von uns dort, und auch der Ort schon ein anderer geworden ist, wird mir die Künstlichkeit dieses Gebildes auffallen, das gleichermaßen aus Gehöften, kleinstädtischen Geschäften und einer Ziegelei bestanden hatte, aus Kopfsteinpflaster und betonierten Wegen und, wie als Krönung, den Inseln der Modernität.

 

Ich weiß nicht, ob es da schon anfing, so früh. Schon beim ersten Anblick der Wohnsiedlung, die man für die neuankommenden Familien errichtet hatte. Aber ich stelle mir vor, daß meine Schwester die fünfzehn oder zwanzig vollkommen identischen Blöcke nicht anders als verächtlich hat anschauen können. Wo ein Wald oder ein Feld gewesen war, hatte man fünfgeschossige Häuser gebaut. Graubraunweiß. Übereinandergestapelte Boxen. Es muß in dieser quadratischen, aus einheitlichen Platten hergestellten Welt gewesen sein, daß sie mit dem gelegentlichen Starren begann, mit dem sie ihre Verachtung ausdrückte. Statt abfällig zu reden oder sich abzuwenden, starrte sie die zu verachtende Person oder den Gegenstand nur an, die Backenzähne aufeinandergepreßt, daß die Kieferenden hervortraten. So steht sie auf einem Foto neben mir, in dem abgezirkelten Karree aus Häusern, an denen das 21. Jahrhundert schon abzulesen war. Das Urbild einer Zukunft, die aus dem gleichförmigen Stein bereits herüberleuchtete zu uns.

Ich glaube, meine Schwester bezweifelte, daß sich in dieser Art Beton etwas einnisten, daß hier irgend etwas würde zurückbleiben können von uns.

 

Möglicherweise hat es ihn gegeben, einen exakt bestimmbaren Augenblick, den Zeitpunkt, an dem das Bild meiner Schwester sich zu verändern begann. Ich kenne ihn nicht.

Ich könnte von Ahnungen reden, von Vorgefühlen bei unserem letzten Gespräch, davon, daß sie sich da bereits verwandelte, vor meinem inneren Auge, wie es immer heißt. Ihre Stimme, der Ton. Daß all das sie schon entfernter wirken ließ, und heller auch, eine Bewegung weg aus der Dunkelheit. Aber das wäre leichthin gesagt. Nein, erst seitdem ich zurückgekehrt bin (zu spät), seitdem ich versuche, die drei, vier Wochen, in denen ich nichts von ihrem Tod wußte, die Wochen also meines arglosen, sträflichen Vergessens, dieses alltäglichen Vorgangs, wieder einzuholen und dem Halbgehörten sein wahres Gewicht zu geben, schiebt sich allmählich ein Bild über das andere. Denn die Bilder verschwimmen nicht. Sie liegen ausgestanzt nebeneinander, jedes in seine Zeit gehörend, jedes vom nächsten getrennt. Man muß das richtige sich vordrängen lassen, bis dem letzten, endgültigen, Platz gemacht ist.

 

Wir haben später nie gesagt, wir würden von dort stammen. Wie auch hätten wir den Zufall unserer Anwesenheit vergessen können. Zu Kinderzeiten war der Gedanke fortzugehen leicht erschienen. Ruhig und gleichmütig sprach man davon, wie man verkündet, man werde sich im nächsten Jahr das Haar lang wachsen lassen oder Fahrradfahren lernen. Eine Selbstverständlichkeit, die weniger war als ein Plan, schon gar keiner, den man sich faustschüttelnd schwor. Man war hineingeraten in diese Landschaft, irgendwie, und genauso rasch und unspektakulär würde man sie wieder verlassen. Noch dazu, wo uns nichts gehörte, nichts hier hatte mit uns zu tun. Diese Armseligkeit, die nicht auffiel, niemandem. Kein Erbe, kein Besitz. Bis auf eine Garage oder eine Gartenparzelle besaßen die meisten nichts. Die einzigen - letzten, wie es hieß - Besitzer im Ort waren oft trunksüchtige Einzelgänger: der Säufer von der Tischlerei, der dauerkranke Eisbudenbetreiber. Auch Umsiedler, die nach dem Krieg hier hängengeblieben waren, verstörte Alte, die mit Handkarren voll Holz durch den Ort zogen. Sie würden bald aussterben, sie gehörten in eine andere Zeit. Die überwunden war, die aus Besitzern und Besitzlosen bestand, aus Herren und Knechten, aus Unterdrückern und Unterdrückten, allem möglichen. Die jedenfalls für immer überwunden war, wie man uns sagte.

 

Genau wie andere Menschen hatte auch meine Schwester Vertrauen gehabt, daß ihre Zukunft, das für sie Vorgesehene, etwas gänzlich anderes wäre. Dies hier war nur ein etwas unpassender Beginn. An diesem Ort. Man würde nur abwarten müssen, die Schule beenden. Sich im richtigen Augenblick einfädeln in die Ordnung der Welt. Sich so fügen, daß es sich leben ließ. Mit dem Auftrag, und an einem Platz, den es doch zu geben schien, für jeden. Man mußte sich nur fallenlassen in die vorsortierten Möglichkeiten. Würde sich auf den fertigen Bahnen bewegen, sich dort einrichten, wo es denkbar war. Was hieß: wo man vom Staat, der Gesellschaft, erwartet wurde.

Sie beendete die Schule. Sie beendete eine Ausbildung in der Kreisstadt (sie war jetzt Schaufenstergestalterin). Bevor sie anfangen konnte zu arbeiten, wurde sie schwanger. Sie heiratete. Sie bekam ein Kind. Sie blieb. Punkte eines tabellarischen Lebenslaufs. Zu denen, nehme ich an, auch der Soldat zu rechnen ist.

Dies noch vielleicht soll erwähnt sein: Im selben Jahr, in dem die Hochzeit meiner Schwester stattfand, ging es mit dem Kommunismus in Europa zu Ende. Im Frühjahr 1989 wußte sie davon allerdings ebensowenig wie die übrigen Menschen in der Welt. Jetzt, fast zwanzig Jahre später, könnte man sagen, daß der Umsturz damals den Zeitstrahl ihres Lebens teilte, ihn glatt zerschnitt, so daß er in zwei gleich große Hälften zerfiel.

Dieser Blick, der erst funktioniert, wenn etwas ganz und gar zu einem Ende gekommen ist.

Plötzlich der Gedanke: Eine schillernde Saga über all das zu schreiben (sich also in dem Stoff zu aalen), würde bedeuten, sich damit auszusöhnen. Was wiederum hieße: Verrat.

 

Er war immer der Soldat.

Jahrelang haben meine Schwester und ich von ihrem Liebhaber gesprochen, als wäre er ein fester Bestandteil auch meines Lebens: Was macht der Soldat? fragte ich beiläufig, wenn ich mit ihr telefonierte, oder sie, in einem ironischen Geständniston: Letzte Woche hat er wieder angerufen, der Soldat.

Er war nicht mehr beim Militär. Trotzdem nannte sie ihn so, noch immer. Es war leichter für sie, den Ehemann mit einem Menschen zu betrügen, dessen Bezeichnung aus einer anderen Wirklichkeit stammte. Die heimlichen Ausflüge mit ihm waren dann weniger verräterisch: Sie passierten mit jemandem aus einer Zeit, die es längst nicht mehr gab, einer Zeit, die vor der Heirat lag, vor den Kindern. Wenn sie Soldat sagte, war sie sicher. Ihr Liebhaber gehörte in eine gänzlich andere Geschichte, ein anderes Jahrhundert sogar.

In den achtziger Jahren war er wegen seines Militärdienstes in den Ort gekommen. Für die meisten Rekruten, die es per Einberufungsbefehl in diese Gegend verschlug, war es eine Katastrophe. Kiefernwälder, hochstehende, von Sandkuhlen unterbrochene Wiesen, mit dem Zug brauchte man einen ganzen Tag, bis man heraus war aus dieser Ödnis. Oft zu lang für eins der seltenen Urlaubswochenenden. Die, die doch versuchten zu fliehen, für eine Nacht, ein paar Stunden, stürzten am Samstag aus dem Kasernentor zu den Schwarztaxis. Man sah sie zum Bahnhof rasen, wo ein einziger Zug vom einzigen Gleis abging, Richtung Süden, der Hauptstadt zu. Die meisten aber blieben, vergruben sich während der zwei, drei Jahre in sich selbst, tranken viel.

 

Man hat später gemeint, die Abgeschiedenheit sei Heimtücke gewesen, auch in dieser Hinsicht. Daß man die jungen Männer so zum Bleiben zwang. Die Großstädte weit entfernt. Am nächsten, nur ein paar Kilometer weit, Stettin, auf der anderen Seite der Grenze. Doch diese Tatsache ist bedeutungslos. Uninteressant auch, daß es Szczecin heißt, nicht Stettin, eine Schulaufgabe, denn die Stadt könnte auch Hanoi oder Paris heißen, Nowosibirsk oder Buenos Aires. Seit 1980, erst recht ein Jahr darauf, seit in Polen Kriegsrecht herrschte, war sie nicht mehr als ein Name auf der Landkarte. Als das geschah, als sich die Grenzen schlossen, fiel das Land dahinter ins Vergessen. Es ist die verschlafenere Grenze, bewacht zwar, aber nicht von Hunderiegen, nicht von Scharfschützen dicht an dicht, eher schon könnte man sich auf einem Traumgang im Gestrüpp dieses Hinterlands verfangen. Unsere letzten Erinnerungen an das so plötzlich verriegelte Land: nicht mehr...

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