Erzähl doch mal von früher

Loki Schmidt im Gespräch mit Reinhold Beckmann
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 266 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85086-4 (ISBN)
 
"Geblieben ist eine große Dankbarkeit für all das, was ich gesehen habe." - Loki Schmidts sehr persönliche Reise durch ihr Jahrhundert, das facettenreiche Lebensbild einer selbstbewussten, engagierten Frau, die heute vielen ein Vorbild ist.
Für Loki Schmidt war es schon als Kind das Schönste, wenn ihre Eltern oder Großeltern "von früher" erzählten. Ihr selbst war es ein Anliegen, die nächsten Generationen an ihren Erfahrungen und Einsichten teilhaben zu lassen. Für dieses Buch ließ sie Lebensabschnitte Revue passieren, die ihr Schicksal, aber auch das unseres Landes entscheidend geprägt haben: ob es der Alltag in den zwanziger Jahren ist, Hitlers Einzug in Hamburg, Giscard d'Estaing an der Hausbar oder das Nachdenken über die letzten Dinge.
Anschaulich und pointiert erzählte Erinnerungen an das zwanzigste Jahrhundert und ein selbstbewusstes Frauenleben.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 5,62 MB
978-3-455-85086-4 (9783455850864)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Loki Schmidt, 1919 in Hamburg geboren, machte sich u. a. durch ihr Engagement für den Pflanzen- und Naturschutz einen Namen, wofür sie den Professorentitel und die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Biologie der Universität Hamburg erhielt. Bei Hoffmann und Campe veröffentlichte sie unter anderem Loki. Hannelore Schmidt erzählt aus ihrem Leben (2003), Mein Leben für die Schule (2005), Erzähl doch mal von früher. Loki Schmidt im Gespräch mit Reinhold Beckmann (2008) und Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde (2010). Loki Schmidt starb 2010 in Hamburg. Im Herbst 2014 erschien bei Hoffmann und Campe von Reiner Lehberger Loki Schmidt. Die Biographie.

»Honni, Honni, aus dem Land von Karbonni«


Eine Kindheit in Hamburg

3. März 1919, Hannelore Glaser kommt in einem Hamburger Arbeiterviertel in Hammerbrook in der Schleusenstraße zur Welt. Was war das für ein Haus, und wer wohnte alles dort?

Es war ein großes Etagenhaus. Ich vermute einmal, 1880 gebaut, mit drei oder vier Etagen. Meine Großeltern, meine Eltern und die zwei jüngeren Schwestern meiner Mutter mit ihren Männern wohnten da. In einem kleinen Zimmer wohnte Thora. Sie hieß eigentlich Viktoria Griese und war die Tochter einer Nachbarin meiner Großeltern, einer ledigen Mutter – das hat es immer gegeben. Sie lebte in einer winzigen Wohnung mit ihrer kleinen Tochter. Tagsüber ging sie arbeiten. Dann bekam sie Tuberkolose und starb. Daraufhin haben meine Großeltern Thora zu sich genommen: »Eine mehr, darauf kommt es auch nicht an.« Sonst hätte sie sofort ins Waisenhaus gemusst.

Von dem Tag an gehörte Thora fest zur Familie?

Ja, meine Großeltern, meine Mutter und meine Tanten waren ihre Familie. Nebenbei erwähnt: Von Vater Staat gab es keine finanzielle Hilfe, wenn man ein Kind aufnahm.

Was war mit Haustieren?

Ein Hund war im Haus: Wulli war ein kleiner Dackel. Er kniff mich als Dreijährige immer in die Waden. Dann kletterte ich auf einen kleinen Stuhl und rief Großmuddel, die mich retten musste.

Als Dreijährige mit »Bodderlecker« und von der Mutter genähtem Kleid. Das Bilderbuch gehörte dem Fotografen; zu Hause gab es keins.

Quelle: Archiv Helmut Schmidt

Die Lage der Schleusenstraße in Hammerbrook war ja nicht ganz ungefährlich.

Ich weiß, dass meine Großmutter mit mir, wenn Hochwasser eintrat, die Straße entlangging. Es gab eine kleine Anhöhe, von der aus man in den Hafen gucken konnte und wo eine richtige Kanone stand. Mit der wurde »Hochwasser geschossen«.

Sie sind ein paar Jahre später umgezogen.

Das erinnere ich noch ganz genau – auf eine Schott’sche Karre, eigentlich nur eine Plattform mit vier Rädern und einer Deichsel, wurden die Möbel geladen, die meinen Eltern gehörten. Obendrauf kam das Bettzeug, und darauf wurde mein Bruder gesetzt. Der war ja erst drei Jahre alt. Er bekam eine Papierlaterne in die Hand mit der Weisung: Die musst du immer hochhalten, damit die Leute und die Pferdewagen auf der Straße uns auch sehen. Das Ganze fand natürlich in der Dunkelheit statt, nach der Arbeit. Drei Freunde haben geholfen. Die Wohnung kann ich noch genau beschreiben, auch die Möbel. Die Wohnung hatte höchstens 28 Quadratmeter.

Was bot die Wohnung sonst noch?

Strom gab es nicht, sondern Gas. Draußen am Haus befand sich an einem geschwungenen schmiedeeisernen Arm eine Gaslaterne. In der Wohnung gab es in der Küche und im Wohnzimmer eine Gaslampe. Die Blumensträuße, die mein Vater häufiger mitbrachte, waren nach zwei Tagen verwelkt wegen des Gases. Dass die Gasbeleuchtung auch für uns Menschen ungesund war, spielte keine Rolle, schließlich war die Wohnung billig. Mein Vater bekam in der Woche 27 Mark ausbezahlt, die Miete betrug 27 Mark im Monat.

Es blieben dann noch drei mal 27 Mark übrig für das Leben.

Meine Mutter ging häufig zum Nähen, und Thora kam, um die drei Kinder zu versorgen.

Gab’s ein WC?

Nein. Diese Wohnung – für heutige Verhältnisse unvorstellbar – hatte einen Ausguss mit einem Wasserhahn neben der Wohnungstür. Das war der einzige Wasserhahn in der Wohnung. Ein WC gab es nicht, sondern einen Austritt im Treppenhaus ohne Fenster. Ich vermute, dass da ein Goldeimer war.

Ein Goldeimer und so eine Art Plumpsklo?

Ja, ein Plumpsklo. Wir Kinder hatten vor diesem Klo im Treppenhaus eine scheußliche Angst. Deswegen stand in unserem Schlafzimmer außer den drei Betten und dem Kleiderschrank noch ein Stuhl in der Mitte, unter dem sich ein Töpfchen befand.

Um bloß nicht wieder zum Klo gehen zu müssen. Was war das Scheußliche an diesem Plumpsklo, das den Kindern so viel Angst gemacht hat?

Die Dunkelheit. Da war ja kein Fenster. Und man musste ins Treppenhaus.

Da war einem das Töpfchen doch näher.

Kalt war die Wohnung aber auch. In der Küche befand sich ein großer Herd, wie sie früher üblich waren. Darauf stand ein zweiflammiger Gasherd. Manchmal, im Winter, wurde aber auch der große Herd in Betrieb genommen. Das Kinderschlafzimmer war ungeheizt. Das Kabuff, in dem meine Eltern schliefen, natürlich auch. Nur das Wohnzimmer war noch zu heizen. Dort war ein Kohleofen.

Wie hat Mutter die Wäsche gewaschen?

Mit einem großen Topf auf dem Kohleherd und natürlich mit einer Ruffel.

Was ist eine Ruffel?

Eine Holzunterlage, ungefähr 80 Zentimeter, das heißt ein dickes Holzbrett, auf dem ein wellenförmiges Blech befestigt war.

Darauf konnte man schrubben.

Ja. Jeden Sonnabend wurde auch auf dem Kohleofen ein großer Topf mit Wasser erwärmt. Dann kam die Badewanne, eine Zinkwanne.

Eine mobile Zinkwanne. Die wurde in die Küche gestellt.

Die stand in der Küche unter einem Arbeitstisch. Sitzen konnte man in der Küche nicht. Einen Stuhl gab es nicht, sondern nur einen Arbeitstisch. Darunter stand die Wanne für die sonnabendlichen Badevergnügungen. Natürlich alle Kinder im selben Wasser.

Gab es eine klare Reihenfolge, wer zuerst in die Wanne durfte? Wie war das bei den Glasers?

Meine Eltern haben immer erst uns drei Kinder gebadet. Obwohl sie alles andere als prüde waren, haben sie selbst nie mit in der Wanne gebadet. Sie sind zwar manchmal ohne was in der Wohnung umhergelaufen, sodass mir der Unterschied zwischen Mann und Frau selbstverständlich und vertraut war. Auch wir Kinder sind häufig nackt herumgelaufen. Aber gründlich gewaschen haben sich meine Eltern nie vor den Augen ihrer Kinder.

Waren Sie als Älteste berufen, als Erste ins Badewasser steigen zu können?

Das weiß ich nicht mehr. Ich meine, dass wir zu zweit in der Wanne gesessen haben. Wenn man die Knie hochzog, konnte einer auf der einen und der andere auf der anderen Seite sitzen. Außerdem macht es viel mehr Spaß. Nach dem Badevergnügen gab es am Sonntagmorgen frische Unterwäsche.

Gab es denn ein besonderes Erlebnis in diesen Jahren?

In den zwanziger Jahren – wahrscheinlich 1928 – kam mein Vater einmal abends nicht von der Arbeit nach Hause. Auf unser Fragen hin sagte unsere Mutter: »Papa ist einige Wochen auf Montage.« Wir erfuhren, dass unser Vater eine wichtige Arbeit zu verrichten habe: Weit entfernt von Hamburg gebe es ein kleines Schlösschen an der Elbe, erzählte sie. Sie meinte das Herrenhaus Haseldorf in der Elbmarsch stromabwärts. Dort war eine Überlandleitung neu errichtet worden, sodass der Hof mit allen Gebäuden an das Stromnetz angeschlossen werden konnte. Bis dahin hatte es nur Kerzen und Petroleumlampen als Lichtquelle gegeben. Uns Kindern erschien der Gedanke, dass unser Vater in einem Schloss arbeitete und allein alle Leitungen legen konnte, wie aus einem Märchen.

Haben Sie Ihren Vater einmal besucht?

An einem Wochenende im Sommer. Die S-Bahn bis Wedel gab es schon. Von da an folgte ein langer Fußmarsch. Unsere kleine Schwester war erst sechs Jahre alt. Aber wir erreichten Haseldorf und wurden von unserem Vater in die Arme geschlossen. Dann begrüßte uns die Wirtschafterin und brachte uns in die riesige Schlossküche. In der Mitte des Raumes stand ein so großer Tisch, wie ich noch nie einen gesehen hatte. In dem großen Raum mit niedriger Decke aßen alle Arbeiterinnen und Arbeiter von Haseldorf dreimal am Tag zusammen. Jetzt waren wir allein dort.

Und was gab es Schönes?

Die Wirtschafterin sagte zu uns: »Es gibt was Feines: Wildente mit Rotkohl.« Als wir unser Fleisch klein geschnitten hatten, steckte ich erwartungsvoll ein Stück in den Mund und kaute und kaute. Ich sah meinen Bruder an: Er kaute und kaute. Der Vanillepudding schmeckte besser. Bald mussten wir zurück. Und kurze Zeit darauf war unser Vater auch mit seiner Arbeit fertig.

Wann hat Ihr späterer Mann Sie zum ersten Mal in Ihrer Wohnung besucht?

Wir waren schon in der Lichtwarkschule, als er mir mal eine Mütze nach Hause gebracht hat.

Dann ist er den ganz langen Weg rüber von Barmbek in die Baustraße in Hamburg-Borgfelde?

Ja. Solche Wege waren eine Selbstverständlichkeit.

Haben Sie die Mütze mit Absicht vergessen, damit er mal zu Ihnen nach Hause kommt?

Nein.

Als junges Mädchen lässt man sich doch was einfallen.

Wie alt war ich da? Rechnen Sie mal! Auf die Idee wäre ich nie gekommen.

Wir sind aus der kleinen Wohnung ausgezogen, als ich elf Jahre alt war.

Ihr Mann erzählt, für ihn sei es ein einschneidendes Erlebnis gewesen, als er Ihre Baskenmütze, die Sie bei ihm zu Hause vergessen hatten, in die Wohnung Ihrer Eltern in die Baustraße in Hamburg-Borgfelde zurückbringen musste.

Sein Entsetzen habe ich nicht mitgekriegt. Das hat er mir erst viel später erzählt. Er ist in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen.

Für Ihren späteren Mann stellte sich die Frage: Wie kann man dort leben? Nach dem...

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