Bettler, Kriegsinvaliden, Körpersensationen

Beeinträchtigte Menschen in printmedialen Diskursen des 17. und 18. Jahrhunderts
 
 
Campus (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. November 2017
  • |
  • 549 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-593-43750-7 (ISBN)
 
Körperliche und sensorische Beeinträchtigungen - etwa der Verlust von Gliedmaßen, Lähmungen, Blindheit oder Gehörlosigkeit - waren auch in der frühen Neuzeit ein fester Bestandteil der menschlichen Existenz. Sie stellten die Betroffenen und ihr soziales Umfeld vor andere, aber ähnlich tief greifende Herausforderungen wie heute. Patrick Schmidts Grundlagenstudie rekonstruiert anhand von Artikeln und Anzeigen aus britischen, französischen und deutschen Zeitungen und Zeitschriften, in welchen Zusammenhängen - etwa Armut und Armutspolitik, Krankheit und Heilung, Pädagogik und außergewöhnliche Körperlichkeit - "Behinderung" im 17. und 18. Jh. wahrgenommen und thematisiert wurde.
  • Deutsch
  • Frankfurt / New York
  • Neue Ausgabe
  • 8,30 MB
978-3-593-43750-7 (9783593437507)
3593437503 (3593437503)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Patrick Schmidt, Dr. phil., ist Privatdozent an der Universität Rostock.
Inhalt
Vorwort 9
Einleitung 13
Zur methodischen Grundhaltung dieser Arbeit 13
Ein erster Blick auf die Forschungslage 21
Untersuchungsgegenstand und Untersuchungsziele 27
Der Quellenkorpus und die Methoden der Erhebung
und Auswertung 34
Die Wahl der Untersuchungsräume und die Möglichkeiten
und Grenzen eines vergleichenden Ansatzes 45
Zum Aufbau des Buches 52
1. Zur Theorie der Disability Studies und der Disability History 55
1.1 Die Modernisierungskritiken der Disability Studies: eine kritische Perspektive 55
1.1.1 Die zwei Stränge der Modernisierungskritik in den Disability Studies 56
1.1.2 Mechanismen einer Idealisierung der.Vormoderne und Negativbewertung der Moderne 62
1.1.3 Die Ambivalenzen der modernen >Behindertenhilfe< 76
1.2 Gemäßigter Konstruktivismus und Methodenpluralismus
Die theoretischen Voraussetzungen dieser Studie 79
1.2.1 Grundfragen des Nachdenkens über "Behinderung":
Natur und Kultur, Erfahrung und Diskurs, Konstanz und Historizität 79
1.2.2 Zentrale Positionen der Disability Studies und die Debatte über das "soziale" und das "kulturelle" Modell von Behinderung 84
1.2.3 .Ein Plädoyer für theoretischen und methodischen Pluralismus 96
1.3 Kritische Bemerkungen zur Foucault-Rezeption in den Disability Studies 102
2. Das diskursgeschichtliche Profil dieser Studie 112
2.1 Die Diskurstheorie des beeinträchtigten Körpers 112
2.2 Die methodische Herausforderung: Eine historische
Diskursanalyse ohne Diskurs? 126
2.3 Zu den in dieser Arbeit (re)konstruierten Diskursen und zur diskursgeschichtlichen Methodik 135
3. Forschungsüberblick: Studien über körperlich und sensorisch beeinträchtigte Menschen in der Frühen Neuzeit 148
4. Die britische, deutsche und französischsprachige Presse im 17. und 18. Jahrhundert 161
5. Vier Diskurse, in denen Beeinträchtigungen häufig thematisiert wurden 188
5.1 Armut und Armenfürsorge 188
5.1.1 Verlautbaren und erläutern: obrigkeitliche Politik 199
5.1.2 Repräsentationen mittelloser Behinderter zwischen verschämten Armen und betrügerischen Bettlern 208
5.1.3 Mittellose Behinderte in aufklärerischen Reformdiskursen 232
5.1.4 Kriegsinvaliden im Ancien Régime und im Zeitalter der Revolutionen 247
5.1.5 Zwischenfazit 277
5.2 Der Diskurs der außergewöhnlichen Körperlichkeit 279
5.2.1 Missgebildete Neugeborene als Prodigien 288
5.2.2 Der medizinische Blick: Sektionsberichte und Diagnosen 298
5.2.3 Behinderung als Spektakel: Druckmedien im Umfeld der Freakshows 311
5.2.4 Zwischenfazit 341
5.3. Der Diskurs der Krankheit und Heilung 343
5.3.1 Die Heilungsversprechen der Quacksalber 343
5.3.2 Hoffnung auf Heilung im alten und neuen Gewand: Heilbäder und Elektrizität 359
5.3.3 Die Hoffnung auf Heilung und die Wahrnehmung beeinträchtigter Menschen 363
5.4 Der pädagogische Diskurs: Berichterstattung über Blinden- und Gehörlosenbildung 368
5.4.1 Gelegentliche Nachrichten: Sonderpädagogische Versuche vor 1750 373
5.4.2 Die Berichterstattung über die Blinden- und Gehörlosenbildung im Zeitalter ihrer Institutionalisierung 383
5.4.3 Zwischenfazit 399
6. Interpretationsperspektiven 403
6.1 Behinderung und Geschlecht 405
6.2 Behinderung in den sozialen Eliten 426
6.3 Behinderung und Religion 441
6.4 Behinderung und Arbeit 454
6.5 Behinderung als Argument, Metapher und Allegorie 464
6.6 Übereinstimmungen und Differenzen,
Kontinuität und Wandel 485
7. Schlussbetrachtung 505
Anhang 517
Verzeichnis der zitierten Artikel und Werbeanzeigen aus Zeitungen und Zeitschriften 517
Quellen- und Literaturverzeichnis 522
Vorwort
Den ersten Denkanstoß, mich mit der Geschichte beeinträchtigter Menschen zu beschäftigen, gab mir eine Quelle, die ich während der Recherchen für meine Doktorarbeit im Cabinet des Estampes et dessins in Straßburg entdeckte. Auf der Suche nach Zeugnissen zünftischer Erinnerungskulturen fand ich in einem Zunftbuch einen handschriftlichen Eintrag und ein Selbstporträt Matthias Buchingers, der den Lesern auf den folgenden Seiten mehrfach begegnen wird. Buchinger hat der Straßburger Zunft zur Stelz wahrscheinlich nicht angehört - aber die Korporation gab ihm 1711 Gelegenheit, sich in ihrem Stammbuch zu verewigen. Buchinger war von sehr kleinem Wuchs - im zeitgenössischen Sprachgebrauch ein "Zwerg" - und war ohne Hände und Füße zur Welt gekommen. In dem Straßburger Zunftbuch betont er, dass er sowohl sein Porträt als auch den begleitenden Text selbst mit "der fädter gezeignet und geschrieben" habe. Obwohl mein Erkenntnisinteresse damals ein ganz anderes war, habe ich diesen Quellenfund im Gedächtnis behalten. Er hat mir vor Augen geführt, dass es - was eigentlich selbstverständlich ist - auch in der Frühen Neuzeit Menschen gab, die in der Gegenwart als "körperlich behindert" bezeichnet werden würden. Zugleich war mein Eindruck, dass damals, im Jahr 2004, aus der Forschungsliteratur über diese Menschen kaum etwas zu erfahren war.
Aus dieser >Begegnung< mit Matthias Buchinger hat sich auf etwas verschlungenen Wegen mein Habilitationsthema entwickelt. Die Biographie eines solchen Menschen zu schreiben, wäre mir reizvoll erschienen, aber mir wurde bald klar, dass die Quellenüberlieferung ein solches Buch nicht hergeben würde. Menschen wie Buchinger konnten als "armless wonders" zu kleinen Berühmtheiten werden. Aber sie waren nicht prominent genug, um die umfangreiche und einigermaßen lückenlose Überlieferung zu hinterlassen, die erforderlich wäre, um ihre Lebensgeschichten zu schreiben. Auch schien mir, dass etwas Anderes für die Geschichtswissenschaft relevanter wäre: Nämlich zu rekonstruieren, was in der Frühen Neuzeit über körperlich und sensorisch beeinträchtigte Menschen gedacht, geschrieben und publiziert werden konnte. Dies zumindest in Ansätzen zu leisten, ist das Ziel des vorliegenden Buches.
Es zu schreiben, ist für mich zu einer besonderen intellektuellen und ethischen Herausforderung geworden. Anders als es bei Zeithistorikern der Fall ist, sind Frühneuzeit-Spezialisten meist in der komfortablen Lage, sich in ihrer Forschung nicht mit drängenden politischen oder moralischen Fragen auseinandersetzen zu müssen. Zwischen der Gegenwart und der Epoche, die wir untersuchen, liegt eine so große Distanz, dass es nicht nur gestattet, sondern auch wissenschaftlich geboten erscheint, die letztere nicht an den Maßstäben der Ersteren zu messen: Kein frühneuzeitliches Gemeinwesen war im modernen Sinne demokratisch oder rechtsstaatlich verfasst; keines hat die Gleichberechtigung der Geschlechter realisiert; ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten zu diskriminieren, war in ihnen Normalität; ebenso wie die Anwendung militärischer Gewalt als Mittel der Politik. Im Weltbild der Epoche war die Annahme fest verankert, dass Menschen ungleich geboren werden und nicht gleich. >Unsere< politischen und ethischen Idealvorstellungen können daher kein sinnvoller Maßstab zur Beurteilung frühneuzeitlicher Gemeinwesen sein. Das schien mir klar, als ich anfing, mich mit der Geschichte beeinträchtigter Menschen zu beschäftigen.
Doch schnell wurde ich mit dem Umstand konfrontiert, dass Disability Studies und Disability History Forschungsfelder sind, in denen dies geradezu systematisch anders gesehen wird. Aus vielfältigen und guten Gründen fassen diese Disziplinen historische Forschung als politisch auf - auch dann, wenn sie sich weit zurückliegenden Epochen widmet. Viele Vertreter der Disability Studies möchten gesellschaftsverändernd wirken - helfen, eine gerechtere Welt zu schaffen. Und sie erforschen Geschichte, um sowohl die Wurzeln moderner Diskrimierungspraktiken zu finden als auch alternative Entwürfe für ein inklusiveres Zusammenleben beeinträchtigter und nicht-beeinträchtigter Menschen.
Das erscheint mir einerseits legitim und wichtig. Andererseits lag und liegt mir das Ideal einer möglichst >werturteilsfreien< Forschung am Herzen. Und die Generalthese der Disability Studies, der zufolge Menschen in keiner Weise durch ihre Körper "behindert" sein, sondern ausschließlich aufgrund gesellschaftlicher Praktiken und Diskurse "behindert" werden können, hat mich nie gänzlich überzeugt. Solche Praktiken und Diskurse prägen zweifellos das Leben von Menschen, deren Körper von normativen Erwartungen abweichen, in hohem Maße. Aber ist tatsächlich eine Gesellschaft denkbar, in der es keinerlei Nachteile bedeuten würde, blind, gehörlos oder querschnittsgelähmt zu sein? Wenn ich mir solche skeptischen Fragen in bezug auf Grundpositionen der Disability Studies und der Disability History stellte, war mir indes zugleich klar, dass es mir als einer "temporarily abled person" nicht möglich war und ist, die Erfahrungen von Menschen, die als "behindert" etikettiert werden, nachzuvollziehen. War meine Skepsis gegenüber den gerade skizzierten Positionen nicht dem Dünkel und der Ignoranz eines Menschen zuzuschreiben, der nicht beurteilen kann, wovon er spricht?
Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen hat mich Zeit und Mühe gekostet. Sie hat mich in einer Weise mit mir selbst konfrontiert, wie es vorherige Forschungen nicht ansatzweise getan haben. Und sie hat in dem recht ausführlichen theoretischen Teil der Studie ihren Niederschlag gefunden. Ob ich den Fragen gerecht geworden bin, mögen die Leser dieses Buches beurteilen.
Mein herzlicher Dank gilt zunächst Horst Carl, Markus Völkel und Hillard von Thiessen. Sie alle haben das Entstehen dieser Studie mit freundlichem Interesse begleitet und mich ermuntert, obwohl - oder weil - die Disability History für sie Neuland war. Eine Reihe von Institutionen haben mir durch materielle Förderung das intellektuelle Abenteuer, das ein solches Projekt darstellt, erst ermöglicht. Das gilt für die Alexander von Humboldt Stiftung. Sie hat das Projekt mit einem Feodor-Lynen-Stipendium und einem sich anschließenden Rückkehrstipendium gefördert. Diese haben es mir ermöglicht, in Cambridge und Konstanz wichtige intellektuelle Anregungen zu empfangen. Das Deutsche Historische Institut in London hat mir mit einem Postdoc-Stipendium für einen Monat Forschungen in der British Library ermöglicht. Das Deutsche Historische Institut in Paris hat mir kein Geld gegeben - aber ein Zimmer und ein Bett. Die Möglichkeit der Unterbringung in den Gästezimmern des Instituts hat meine Forschungen in Paris enorm erleichtert. Die Gerhard Oestreich-Stiftung hat die Entstehung dieses Buches mit einem Druckkostenzuschuss gefördert. Allen diesen Institutionen gilt mein Dank. Richard J. Evans, Ulinka Rublack und Rudolf Schlögl haben meine Bewerbungen bei der Humboldt-Stiftung unterstützt, wofür ich dankbar bin.
Sebastian Barsch, Anne Klein, Pieter Verstraete, Alison Montgomery und Martin Atherton haben mir die Möglichkeit eröffnet, meine Ideen bei Tagungen zur Diskussion zu stellen. Für die Möglichkeit, dasselbe in den Forschungskolloquien der Deutschen Historischen Institute in Paris und London zu tun, danke ich Gudrun Gersmann und Andreas Gestrich. Melissa Calaresu und William O'Reilly haben mich zu einem Vortrag im Early Modern European History Seminar an der University of Cambridge eingeladen, Rudolf Schlögl ins Oberseminar für frühneuzeitliche Geschichte an der Universität Konstanz. Ihnen sei für die intellektuellen Anregungen gedankt, die ich bei diesen Anlässen erhalten habe.
Cordula Nolte und Bianca Frohne haben mich bei Tagungen des Projektes Homo debilis an der Universität Bremen als Zuhörer willkommen geheißen und mich dem dazugehörigen Forschungsnetzwerk assoziiert. Beides war sehr hilfreich. Dass aus der Habilitation das Buch geworden ist, das Sie in Händen halten, ist ganz wesentlich Gabriele Lingelbach zu verdanken, die als eine der Reihenherausgeberinnen dafür plädiert hat, die Studie in die Reihe "Disability History" aufzunehmen. Beim Campus Verlag sei Jürgen Hotz als stets freundlichem und geduldigem Lektor gedankt und Julia Flechtner für wertvolle Hinweise zur Formatierung des Manuskripts. Annedore Neumann gebührt ein großer Dank für ihr sorgfältiges Korrekturlesen. Alle verbleibenden orthographischen und grammatikali-schen Fehler habe ich selbst zu verantworten.
Danken möchte ich last but not least jenen Menschen, welche nicht beruflich, sondern privat in die Entstehung des Buches involviert waren. Sigrid Schieber und Anja Mikler haben Teile des Manuskripts kritisch gegengelesen. Ulrike Kändler, Kerstin Weiand und Dörte Lerp - um nur einige Namen zu nennen - haben als Freundinnen und Kolleginnen ein offenes Ohr für meine Gedanken zur Thematik dieses Buches gehabt. Henrike Schmidt und Annedore Albrecht waren immer davon überzeugt, dass aus diesen Gedanken schon irgendwann ein Buch wird - was sehr geholfen hat.
Ich widme dieses Buch dem Gedächtnis meiner Eltern Karin und Peter Schmidt. Und ich widme es meiner Verlobten Eva-Maria Senu. Meine Habilitation wird für mich immer mit unserer Beziehung verbunden sein - denn wir lernten uns in den letzten Monaten des Schreibens kennen.

Einleitung
Zur methodischen Grundhaltung dieser Arbeit
Im September 1780 publizierte der Mercure de France ein Gedicht unter dem Titel "Les jambes de bois, conte". Den Gegenstand des Gedichtes bildet die Begegnung des lyrischen Ichs mit einem ihm unbekannten Bauern. Dieser hat zwei Holzbeine. Das lyrische Ich beginnt ein Gespräch mit dem Bauern, das bald eine unerwartete Wendung nimmt:
Comme j'avois un peu d'ennui,
Je m'approchai, pour causer avec lui.
Tout en causant je crus bien faire
De lui jurer qu'au fond du cour
Je prenois part à son malheur.
Qu'appelez-vous, malheur? dit-il presque en colère,
Ce malheur est un bien dont j'ose me vanter,
Dont mon cour s'applaudit sans cesse;
Et si mon sort vous intéresse,
Vous devez m'en féliciter.
Der Bauer, in der Sprache unserer Zeit ein körperlich schwerbehinderter Mensch, gibt dem lyrischen Ich, mutmaßlich einem nicht-behinderten Menschen, zu verstehen, er wolle keineswegs dafür bemitleidet werden, dass er auf Prothesen durchs Leben gehe. Im Folgenden legt er dem Passanten dar, warum er es vielmehr als vorteilhaft betrachte, zwei Holzbeine zu haben. Er spare Geld, weil er keine Schuhe und Strümpfe benötige. Im Gelände könne er sich bewegen, ohne fürchten zu müssen, er könne sich die Füße stoßen oder von einem Hund in die Waden gebissen werden. Schlamm oder Schnee könnten ihn nicht aufhalten. Auch im häuslichen Umfeld seien ihm die Holzbeine von Vorteil: Beschimpfe ihn seine Frau, könne er die Prothesen benutzen, um sie zu züchtigen. Und wenn sie nach Jahren nicht mehr zum Laufen taugten, könne er sie noch als Brennholz verwenden.
Die Aussage dieses Gedichts wirkt auf den ersten Blick erstaunlich progressiv. Die Disability Studies machen heute immer wieder darauf aufmerksam, dass viele behinderte Menschen nicht Mitleid, sondern Respekt wünschen. Der Rollstuhl ist für manche Behindertenrechtsaktivisten mehr als ein Hilfsmittel: Er ist für sie ein positiv besetztes Symbol ihrer Existenzweise, mit dem sie sich identifizieren. Das 237 Jahre alte Gedicht scheint beide Ideen vorwegzunehmen. Auf den zweiten Blick erheben sich Fragen, insbesondere diejenige, ob der anonyme Verfasser des Gedichtes diese Botschaft ernst meint oder ob es sich um ein ironisches Gedankenspiel handelt, eine Fingerübung darin, ein komisches Paradoxon zu formulieren.
Mit seiner Kernaussage - ob ernst gemeint oder nicht - steht das Gedicht unter den rund 1000 Artikeln und Anzeigen aus Periodika des 17. und 18. Jahrhunderts, die für diese Studie herangezogen wurden, allein. Zwar wurde in Frankreich 1761 ein Lobgedicht auf den Ingenieur Laurent als den Schöpfer einer ingeniösen Armprothese verfasst. Aber zum Ersten handelte es sich dabei um High-Tech nach den Maßstäben des 18. Jahrhunderts, nicht um ein simples Holzbein. Zum Zweiten wird nicht behauptet, dass der Matrose, für den die Prothese angefertigt wurde, mit dieser ein besseres Leben habe als mit dem Arm, den er in einer Seeschlacht verloren hatte. Und zum Dritten gibt das Lobgedicht auf Laurent nicht vor, einem behinderten Menschen eine Stimme zu geben, wie es in dem eben diskutierten Text geschieht.
Das vorliegende Buch versteht sich als eine diskursgeschichtliche Untersuchung zur Wahrnehmung und Deutung körper- und sinnesbehinderter Menschen in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert. Diskursanalysen zielen in der Regel auf die Rekonstruktion der zu einem gegebenen Zeitpunkt in einer gegebenen Gesellschaft vorherrschenden Denk- und Sprechweisen. Es geht in ihnen um das, was so häufig geäußert wird, dass es irgendwann als unumstößliche Wahrheit erscheint. Wenn als Einstieg in diese Studie ein Quellentext gewählt wurde, dessen Botschaft für den Untersuchungszeitraum als beinahe singulär erscheint, so ist das als ein methodisches Statement gemeint. Was auf den folgenden rund 500 Seiten ausgebreitet wird, ist eine Diskursgeschichte. Aber es ist zugleich eine Studie, deren Verfasser dem diskursanalytischen Prinzip, ausschließlich mutmaßlich vorherrschende Denk- und Sprechweisen zu untersuchen, mit einer gewissen Skepsis begegnet.
Wenn am Ende einer diskursgeschichtlichen Studie als Ergebnis der Quellenanalyse die Dominanz einer bestimmten Wahrnehmungs- und Deutungsweise eines bestimmten Gegenstandes, beispielsweise körperlicher und sensorischer Behinderungen, nachgewiesen wird, so ist das begrüßenswert. Doch in diesem legitimen Erkenntnisziel schlummert die Gefahr, diskursanalytische Studien von vornherein auf bestimmte Wahrnehmungs- und Deutungsweisen zu verengen, von denen angenommen werden kann, sie seien dominierende gewesen oder im Untersuchungszeitraum zu solchen geworden.
Dieser Versuchung scheinen mir die Disability History und historisch argumentierende Arbeiten in den Disability Studies besonders ausgesetzt zu sein. Dafür gibt es eine Reihe von miteinander zusammenhängenden Gründen. Ein erster liegt darin, dass beide Disziplinen im hohen Maße politisiert sind. Diese Hypothese wird an anderer Stelle eingehend dargelegt werden (vergleiche Kapitel 1.2). Hier sei sie mit einem einzigen Zitat illustriert. Der 2015 verstorbene amerikanische Literaturwissenschaftler Tobin Siebers, ein führender Vertreter der Disability Studies, hat die vordringliche Aufgabe dieser Disziplin einmal wie folgt beschrieben: "The most urgent issue for disability studies is the political struggle of people with disabilities, and this struggle requires a realistic conception of the disabled body." Die Zielsetzung der Disability Studies, den politischen Kampf behinderter Menschen um Gerechtigkeit und Inklusion zu unterstützen, resultiert daraus, dass die Vertreter dieser Disziplin den Status Quo in gegenwärtigen westlichen Gesellschaften für hochgradig kritikwürdig halten. Das betrifft naheliegenderweise Praktiken der Exklusion behinderter Menschen, aber auch Praktiken, die auf Integration zielen. Diese können in kritischer Perspektive als assimilierende wahrgenommen werden, die Menschen das Recht absprechen, >anders< zu sein als die Bevölkerungsmehrheit.
Kritisch betrachtet wird darüber hinaus die Weltsicht, die exkludierenden wie inkludierenden Praktiken zugrunde liegt, eine Weltsicht, welche Menschen den Kategorien "normal" und "behindert" zuordnet. Dieser Dualismus ist zugleich Ergebnis und strukturierende Logik eines Diskurses. Dieser wird in den Disability Studies und der Disability History zumeist als ein spezifisch moderner und für die Gesellschaften des Westens charakteristischer angesehen. So spricht Bill Hughes von "disability" als "a product of modernist bio-power" und von "impairment itself" als "a product of medico-welfare discourse". Die plausible Prämisse, es gebe einen spezifisch modernen, spezifisch westlichen Behinderungsdiskurs, hat weitreichende Konsequenzen für historische Studien auf diesem Feld. Diese werden an anderer Stelle ausführlich diskutiert werden (vergleiche Kapitel 1.1). Arbeiten zu Antike und Mittelalter gehen kontrastierend vor: Sie versuchen zu zeigen, dass die Wahrnehmung und Deutung von Behinderungen eine gänzlich andere war als in der westlichen Moderne. Studien aus dem Umfeld der Disability Studies und der Disability History, die sich mit der Geschichte der Neuzeit auseinander setzen, sind dagegen (allzu) oft auf der Suche nach den Anfängen des modernen Behinderungsdiskurses. Inwiefern kann das problematisch sein?
Erstens: In den Disability Studies herrscht ein weitgehender Konsens darüber, dass dieser Diskurs in erster Linie von der Medizin geprägt sei. Diese Prämisse kann dazu führen, dass historische Studien übermäßig darauf fokussiert sind, Indizien dafür zu finden, dass bereits in der untersuchten Periode die Medizin diese diskursbeherrschende Stellung erlangt habe. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass im jeweiligen Untersuchungszeitraum andere Wissenschaften und gesellschaftliche Kräfte die Wahrnehmung behinderter Menschen ebenso stark oder noch stärker geprägt haben könnten. Elisabeth Bredberg schreibt ohne die Spur eines Zweifels, die Medizin sei schon im 18. Jahrhundert zur "dominant institution to address disability" geworden. Stiker datiert die "emergence of a new power, medical power" in Frankreich auf das Jahr 1770, in dem die Krone begonnen habe, von ihr bezahlte Ärzte in die ländlichen Regionen des Königreichs zu entsenden. In seiner Perspektive erlangte - wie in derjenigen Bredbergs - die Medizin bereits im späten 18. Jahrhundert die Definitions- und Behandlungsmacht über Behinderungen.
Doch lässt der Umstand, dass im späten 18. Jahrhundert ein Prozess der Medikalisierung einsetzte, die Schlussfolgerung zu, dass Ärzte umgehend zu den beherrschenden Akteuren in einem Diskurs der Behinderung wurden? Man kann mit guten Gründen daran zweifeln. Laurence W. Brockliss und Colin Jones, die eine umfangreiche Geschichte der Medizin im frühneuzeitlichen Frankreich vorgelegt haben, konstatieren, dass die akademische Medizin zwar im 18. Jahrhundert Kompetenz in der Behandlung eines immer größeren Spektrums von Leiden beansprucht habe. Doch für Behinderungen hätten sich die graduierten Ärzte auch weiterhin nicht zuständig gefühlt und deren Behandlung im Zweifel den Chirurgen überlassen. Um ein Ergebnis der vorliegenden Arbeit vorwegzunehmen, sei angemerkt, dass die hier untersuchten Quellen nicht die Hypothese stützen, die Medizin habe bereits im 18. Jahrhundert eine diskursbeherrschende Position in der Deutung von Beeinträchtigungen erlangt.
Zweitens: Diese Verengung der Forschungsbemühungen darauf, den Zeitpunkt zu identifizieren, an dem die Medizin eine Deutungshegemonie erlangt habe, steht für eine andere verständliche, aber problematische Tendenz in den Disability Studies und der Disability History. Es gab, so lautet eine in diesen Disziplinen verbreitete Prämisse, eine vormoderne Gesellschaftsformation, die zwar einzelne Beeinträchtigungen - Blindheit, Gehörlosigkeit, Lahmheit - wahrnahm, diese aber noch nicht unter einem umbrella term wie "Behinderung" subsumierte und demnach mutmaßlich auch nicht als Erscheinungsformen ein- und desselben Phänomens deutete. Die Menschen in dieser Gesellschaftsformation mochten einzelne Beeinträchtigungen mit Vorurteilen und Ängsten verbinden: der Blinde als habgierig und betrügerisch, das mit Missbildungen zur Welt gekommene Kind als Zeichen göttlichen Zorns. Im Großen und Ganzen aber habe man die Existenz beeinträchtigter Menschen als Selbstverständlichkeit betrachtet. Dementsprechend habe man sie weder segregiert noch ihnen besondere Hilfe angedeihen lassen. Im Vergleich mit der westlichen Moderne wird diese weitgehende Gleichgültigkeit, welche vormoderne Gesellschaften ausgezeichnet haben soll, in den Disability Studies vielfach positiv gedeutet. "[P]reindustrial communities as more accepting of people with disabilities" zu sehen, ist in diesem Feld eine verbreitete Haltung.
Im 20. Jahrhundert, so lautet die zweite Prämisse, lässt sich in den westlichen Gesellschaften eine gänzlich andere Haltung gegenüber beeinträchtigten Menschen beobachten, welche die Disability Studies problematisieren. Einige Grundzüge dieser Problematisierung wurden oben bereits angedeutet. Ein gemeinsamer Nenner vieler Interpretationen ist die Beobachtung, dass die Kultur der westlichen Moderne nicht mehr dazu fähig sei, die Alterität beeinträchtigter Menschen zu akzeptieren oder wenigstens hinzunehmen. Mit dieser fundamentalen Nicht-Akzeptanz lassen sich in der Perspektive der Disability Studies gutgemeinte Integrationsmaßnahmen ebenso erklären wie Ausgrenzung und Verfolgung, welche letztere im Massenmord gipfelte, den das nationalsozialistische Deutschland an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen verübte. Medizinische Rehabilitationsprogramme oder die Einrichtung von Behindertenwerkstätten und die euphemistisch als "Euthanasie" bezeichnete Ermordung Hunderttausender können so als zwei Seiten einer Medaille erscheinen. Am deutlichsten wird diese Parallelisierung in einer Einschätzung von Bill Hughes: "Both strategies - to kill or to cure - transmit the same core cultural message: disabled people represent >what not to be< and are, therefore, ontologically invalid or >uncivilised<."
Ich halte diese moralisch aufgeladene Dichotomisierung von Vormoderne und Moderne für problematisch, weil sie meines Erachtens auf einer Idealisierung der Ersteren und einer Perhorreszierung der Letzteren beruht (vergleiche Kapitel 1.1). Dies ist ebenso kritikwürdig wie die gerade in der älteren Literatur anzutreffende Tendenz, die Geschichte behinderter Menschen als Fortschrittsgeschichte zu schreiben. Henry-Jacques Stiker gelingt es, beide Tendenzen in wenigen Sätzen zu charakterisieren:
In fact, our prejudice of progress tends to make us look good. We were preceded, we assume, by a kind of barbarity that excluded the disabled or eliminated them. Inversely, we are haunted by a kind of idealistic view of earlier societies or other societies, which, not being industrialized, might have successfully realized integration.
Unabhängig davon, wie man zu solchen moralisch aufgeladenen Geschichtsdeutungen steht, kann eine starke Polarisierung von Vormoderne und Moderne dazu führen, dass historischen Studien die wünschenswerte Deutungs- und Ergebnisoffenheit fehlt. Aus der Polarisierung ergibt sich die Tendenz, die Geschichte behinderter Menschen, insbesondere diejenige des 18. und 19. Jahrhunderts, als einen Entwicklungsprozess zu interpretieren, dessen Richtung eindeutig benennbar sein müsse.
Diese Studie stellt keineswegs den Wandel in den Wahrnehmungen und Deutungen von Beeinträchtigungen und beeinträchtigten Menschen als solchen in Frage. Ich gehe von der Prämisse aus, dass es seit dem 20. Jahrhundert einen Behinderungsdiskurs und ein Behinderungsdispositiv gibt, die im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit noch nicht existierten. Es muss also in der Zwischenzeit zu tiefgreifenden Transformationen gekommen sein. Das Buch verfolgt neben anderen Zielsetzungen diejenige, solchen Transformationen auf die Spur zu kommen. Dennoch möchte ich mich, um eine Formulierung Hartmut Kaelbles aufzugreifen, "gegen das Prokrustesbett langfristiger linearer allgemeiner Entwicklungskonzepte" wehren.
Vermieden werden soll insbesondere die Annahme, dass der entscheidende Wandel sich im Untersuchungszeitraum dieser Studie, also zwischen der Mitte des 17. Jahrhunderts und dem Ausgang des 18. Jahrhunderts, ereignet haben müsse. Untersucht wird, wie in dieser Zeit körperliche und sensorische Beeinträchtigungen in einer Reihe von Diskursen thematisiert wurden. Es wäre verlockend zu postulieren, dass diese Thematisierungsweisen derart konvergierten, dass aus ihnen um 1800 herum der Behinderungsdiskurs der westlichen Moderne entstanden oder zumindest in seinen Umrissen bereits erkennbar geworden sei. Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gilt nicht nur in der Allgemeingeschichte zumindest des westlichen Europas als Zeit beschleunigten Wandels: Von der Frühen Neuzeit zur Neuzeit, oder, in einem noch weiter gespannten Deutungsrahmen: Von der Vormoderne zur Moderne. Auch Disability Studies und Disability History gehen davon aus, dass in den Jahrzehnten nach 1750 Entscheidendes geschah, etwa die Entstehung einer institutionalisierten Sonderpädagogik. Ich bin in einem früheren Stadium des Forschungsprojekts davon ausgegangen, auf der diskursgeschichtlichen Ebene eine solche klare Entwicklung nachweisen zu können: die Genese des Behinderungsdiskurses der Moderne. Als ein zentrales Untersuchungsziel habe ich dies in Stipendienanträgen benannt.
Doch vielleicht war dem gar nicht so. Dass es irgendwann zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert zur Genese des Behinderungsdiskurses der Moderne kam, muss ja nicht heißen, dass er zwischen 1650 und 1800 entstand. Auch ist es nicht gesagt, dass er durch eine Verbindung von Elementen jener Diskurse entstand, die in dieser Studie hauptsächlich untersucht werden. Ebenso sollte man nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass Entwicklungen in allen in den Blick genommenen Diskursen konvergierten oder parallel liefen. Statt also den Blick starr auf die möglichen Wurzeln des modernen Behinderungsdiskurses zu richten, statt im Forschungsprozess früh bestimmte Diskurse gegenüber anderen zu privilegieren, wird im Folgenden versucht, ein Panorama dessen zu entwerfen, was im Untersuchungszeitraum über körperlich und sensorisch beeinträchtigte Menschen öffentlich geäußert werden konnte. In einer solchen Perspektive kann und muss auch ein relativ singulärer Text wie das Gedicht über den Bauern mit zwei Holzbeinen Berücksichtigung finden.

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