Zwänge bei Kindern und Jugendlichen

Ein Ratgeber für Kinder und Jugendliche, Eltern und Therapeuten
 
 
Hogrefe (Verlag)
  • 3. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Februar 2021
  • |
  • 183 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8444-3070-7 (ISBN)
 
Zwangsstörungen rufen gewöhnlich einen hohen Leidensdruck hervor und können die Lebensqualität des betroffenen Kindes oder Jugendlichen erheblich beeinträchtigen. Die neue Auflage des Ratgebers beschreibt die Erscheinungsformen von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen sowie die verursachenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen und berücksichtigt dabei aktuelle Erkenntnisse der Zwangsforschung. Anschaulich werden zudem verhaltenstherapeutische Behandlungsmöglichkeiten dargestellt.
Teil I des Ratgebers richtet sich an erwachsene Leser und Teil II an betroffene Kinder und Jugendliche, die in leicht verständlicher Sprache die wichtigsten Informationen zu Zwangsstörungen erhalten. Anhand des Beispiels eines 13-jährigen Jungen, der unter einem beharrlichen Fragezwang, einem Tic und Trennungsangst leidet, sowie des Beispiels einer 16-Jährigen mit Wiederholungs-, Ordnungs-, Kontroll- und Waschzwängen wird veranschaulicht, wie mühsam der Weg aus einer Zwangsstörung sein kann, aber auch wie diese bewältigt werden kann. Durch die Beispiele wird nachvollziehbar, wie ein individuelles Störungsmodell entwickelt werden kann, wie Ziele zur Bewältigung der Zwänge daraus abgeleitet werden können und wie schließlich die Behandlung der Zwangsstörung geplant und durchgeführt werden kann. Die Kinder und Jugendlichen sowie deren Eltern und Erzieher erhalten konkrete Hinweise zur Selbsthilfe und zur Bewältigung von Zwängen.
3., überarbeitete Auflage 2021
  • Deutsch
  • Betroffene Kinder und Jugendliche, Eltern, Lehrkräfte, Therapeut_innen, Angehörige.
  • 4,30 MB
978-3-8444-3070-7 (9783844430707)
10.1026/03070-000
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|63|2  Therapeutische Vorgehensweise - Anleitung zur Selbsthilfe


Zwänge sollten unbedingt behandelt werden,

  • weil sie großen Leidensdruck hervorrufen und derart beeinträchtigen können, dass der Bewegungs- und Handlungsspielraum von zwanghaften Kindern und Jugendlichen eingeengt wird und sie nicht mehr zu spontanem Handeln fähig sind,

  • und weil Zwangssymptome unbehandelt nur selten von alleine wieder verschwinden (remittieren).

Am besten wäre es, einen Fachmann aufzusuchen und unter dessen Anleitung eine Psychotherapie mit dem zwanghaften Kind und seiner Familie durchzuführen. Laut neuester internationaler Therapieforschung ist kognitive Verhaltenstherapie unter Einbezug der Familie die wirkungsvollste psychotherapeutische Vorgehensweise bei Zwängen. Studien zufolge machen aber bedauerlicherweise nur ein Drittel der Verhaltenstherapeuten Konfrontationsübungen (S. 74), teils weil sie sehr anstrengend für Zwangspatienten sind und ihnen das leidtut, teils weil sie sich selber mit der Durchführung nicht überanstrengen wollen. Konfrontation ist aber die wichtigste therapeutische Vorgehensweise.

Nun zeigt die Erfahrung, dass einige Familien mithilfe eines Selbsthilfebuches wie diesem die Zwangsstörung in Eigenregie bewältigen können. Das Kind/der Jugendliche hält sich an die hier empfohlene Vorgehensweise und setzt vor allem den entscheidenden Behandlungsschritt um, regelmäßig Konfrontationsübungen mit Reaktionsunterlassung zu machen. Damit wird Vermeidungsverhalten erfolgreich abgebaut und das Kind hemmt seine Angst und benötigt das Zwangsverhalten nicht mehr.

Die Therapiewirkungsforschung belegt, dass die Mehrzahl der Patienten recht gut auf kognitive Verhaltenstherapie anspricht. Bei einigen kehren die Zwänge jedoch wieder. Um einem Rückfall entgegenzuwirken, sollten Zwangspatienten deshalb Vorgehensweisen erlernen, mit denen sie ihre Zwangserscheinungen selbstständig und gegebenenfalls erneut unter Kontrolle bringen können.

Es gibt wissenschaftliche Belege dafür, dass Kinder und Jugendliche mit mehreren Angststörungen und auch noch Depressionen (als Folge der |64|Angststörungen) ebenfalls gut von dieser Vorgehensweise profitieren (trans-diagnostische Wirkungen).

Zunächst müssen die Zwangssymptome des betreffenden Kindes oder Jugendlichen genauer beobachtet und diagnostiziert werden. Ohne eine genaue Diagnose ist eine wirkungsvolle Behandlung nicht möglich.

2.1  Diagnostische Einschätzung


Bevor eine Zwangsstörung als Diagnose in Erwägung gezogen wird, sollten auffällige Kinder und Jugendliche erst vom Kinderarzt oder Internisten gründlich untersucht werden, um körperliche Erkrankungen wie Streptokokkeninfektionen als Ursache der Zwangssymptome auszuschließen. Meist ist beim Auftreten von Zwängen ohnehin der Kinderarzt die erste Anlaufstelle. Als Eltern können Sie ihn über wichtige frühere oder aktuelle Erkrankungen informieren. Sicherheitshalber wird der Kinderarzt eine Reihe von weiteren Erkrankungen ausschließen, bei denen zwanghaft anmutende Verhaltensstereotypien vorkommen können, wie Hirntrauma nach Hirnhautentzündung (Meninghitis), Hirnentzündung (Encephalitis) oder Temporallappenepilepsie, Borreliose oder andere infektiöse Erkrankungen (vgl. S. 164). Die Verknüpfung dieser Krankheiten mit Zwängen ist allerdings selten. Beim Verdacht auf eine Zwangserkrankung wird ein Spezialist, entweder ein psychologischer Kinder- und Jugendpsychotherapeut oder ein Kinder- und Jugendpsychiater mit einer Zusatzausbildung in Verhaltenstherapie, eingeschaltet.

Zu den wichtigsten Untersuchungsmethoden für eine genaue psychodiagnostische Einschätzung gehören die Befragung des Patienten und seiner Eltern, die Beantwortung von Fragebögen und die Selbstbeobachtung der zwanghaften Symptome (vgl. Informationen zur Exploration im Anhang, S. 169, sowie Kapitel 2.2 und das Zwangstagebuch auf S. 66). Ergänzt werden diese diagnostischen Verfahren durch die Befragung von Erziehern oder Lehrern. Sie geben Auskunft darüber, ob das Kind oder der Jugendliche zwanghaftes Verhalten im Kindergarten oder in der Schule an den Tag legt. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die meisten Zwänge zu Hause auftreten. Erfragt werden auch noch die speziellen Begabungen und Bedürfnisse des zwanghaften Kindes oder Jugendlichen.

|65|2.2  Selbstbeobachtung


Um die Erscheinung und das Ausmaß der Zwangsstörung zu erfassen, ist eine genaue Beobachtung der Zwänge durch das Kind oder den Jugendlichen erforderlich. Eltern können kleinere Kinder dabei unterstützen oder die schriftliche Beobachtung für sie vornehmen. In einem Zeitraum von ein bis zwei Wochen werden die Zwangssymptome sorgfältig beobachtet und in ein tabellarisches Zwangstagebuch eingetragen. Auf diese Weise lässt sich feststellen, welche Zwangsgedanken und Zwangshandlungen beim Kind vorkommen, wie heftig seine unangenehmen Gefühle dabei sind, wie lange die Zwänge jeweils anhalten und wie sehr es von ihnen in Schach gehalten und von anderen sinnvollen Dingen abgelenkt wird. Zudem lassen sich die Intensität der Störung und das Ausmaß der Beeinträchtigung im Alltag besser einschätzen. Abbildung 2 auf der nächsten Seite zeigt einen Auszug aus Laulas Zwangstagebuch.

Im Anhang (S. 171) finden Sie eine Vorlage für ein solches Zwangstagebuch. Machen Sie sich einige Kopien davon und füllen Sie das Tagebuch entsprechend der folgenden Hinweise aus.

Welche Informationen liefern die Spalten des Zwangstagebuchs?

  • Spalte 1 gibt an, wie häufig Zwangssymptome in der Woche/im Monat auftreten, jeden Tag oder nur alle paar Tage.

  • Spalte 2 zeigt, wie oft eine Zwangssymptomatik an dem betreffenden Tag auftritt und wie lange sie anhält. An der Dauer der Zwangshandlungen lässt sich erkennen, wie stark das Kind von den Zwängen eingespannt und beeinträchtigt wird.

  • Spalte 3 gibt an, in welchen Situationen der Zwang auftritt. Sie liefert auch Hinweise darüber, worin bzw. wobei das Kind durch den Zwang behindert wird.

  • Spalte 4 ergibt besonders wichtige Informationen über die Dynamik des Zwangs und über das hohe Verantwortungsgefühl des Kindes. So bedeutsam sie sind, so schwer lassen sich diese Informationen präzise erheben. Ohne das Störungsmodell der Zwangsstörung zu kennen, ist es schwer, diese Spalte sinnvoll auszufüllen. Weil jüngere Kinder selten auf den auslösenden Gedanken kommen, kann man sich mit den Situationen, in denen die Zwangssymptome auftreten, behelfen (vgl. auch Spalte 3). Das Kind wird gefragt, vor welchem Unheil es sich |67|fürchtet und wie es glaubt, sich dagegen schützen zu können. Manchmal treten andere Gefühle auf, z.?B. Ekel, Traurigkeit oder das Gefühl, etwas nicht ganz richtig gemacht zu haben. Einige Kinder haben keine unangenehmen Gefühle, sprechen vielleicht von leichter bis ausgeprägter innerer Unruhe.

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  • |67|In Spalte 5 wird die vom Kind erlebte Heftigkeit des unangenehmen Gefühls auf einer Skala von 1 bis 10 festgehalten, wobei Stufe 1 ein ganz leicht unangenehmes Gefühl bedeutet und Stufe 10 den absoluten Gipfel des scheußlichen Gefühls.

  • In Spalte 6 werden jene Zwangshandlungen beschrieben, die das Kind zur Neutralisierung des unheilvollen Gefühls durchführt. In Laulas Fall kamen sowohl verdeckte Kontrollhandlungen wie genaues Hinschauen, Registrieren und Zählen vor,...

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