Pflegestufe Mord

In dieser Seniorenresidenz gibt es keine "Natürliche Todesursache"
 
 
art&words Verlag für Kunst und Literatur
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. September 2018
  • |
  • 168 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-943140-60-6 (ISBN)
 
In der noblen Seniorenresidenz von Hermine Schappensiel, geht es selten beschaulich zu. Bewohner gehen, neue kommen. Und doch, hier läuft alles anders!

Mord und Totschlag stehen auf dem Programm, denn wagt man einen Blick hinter die herrschaftliche Fassade ist hier nichts geruhsam oder gar harmonisch. Da wird gezankt, intrigiert und auf sein Recht bestanden. Neid, Eifersucht, Gier und Rachsucht treiben ihre Blüten. Hinter manch einem Unglücksfall, natürlichem Tod oder gar Selbstmord steht ein perfider Plan: um an das Erbe, die Liebe eines anderen oder nur an die begehrte Penthousewohnung der Residenz zu kommen.

Fünfzehn vergnügliche Krimi-Kurzgeschichten von Sabine Giesen, Andrea Himmelstoß, Kriminalinski, Brigitte Lamberts, Jan Lammers, Kerstin Lange, Martin Meyer, Anja Puhane, Carsten Rösler, Carolin Roth, Petra Scheuermann, Ursula Schmid-Spreer und Bruno Woda.
1. auflage
  • Deutsch
  • Nürnberg
  • |
  • Deutschland
art & words
  • Digitale Ausgabe
  • 0,56 MB
978-3-943140-60-6 (9783943140606)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Tödlicher Kuchen
Brigitte Lamberts

»Helft mir! Otto stirbt!« Jemand hämmert wild an die Wohnungstür. Thomas läuft hin und reißt sie auf. Vor ihm steht die alte Dame von gegenüber. Adelheid Molitor zittert am ganzen Körper und zeigt zur ihrer Wohnung. Thomas sieht durch die geöffnete Tür ihren Mann am Boden liegen und rennt zu ihm. Er kniet sich neben ihn, löst die Krawatte und reißt das Hemd über der Brust von Otto Molitor auf. Dessen Gesicht ist blau angelaufen. Thomas legt seine Hände übereinander und drückt mit den Handflächen den Brustkorb des Bewusstlosen immer wieder hinunter. Schon ist seine Verlobte Frauke neben ihm, greift den Kopf des alten Mannes, biegt ihn vorsichtig etwas nach hinten und beginnt mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Sie sind ein eingespieltes Team, denn sie leiten gemeinsam eine hausärztliche Praxis. Wieder drückt Thomas den Brustkorb des Mannes rhythmisch hinunter.

Den Besuch bei seinen Großeltern in der noblen Seniorenresidenz hatte sich Thomas weniger dramatisch vorgestellt. Etwas nervös war er schon, immerhin wollte er Werner und Irene Kaltenbach, Frauke als seine zukünftige Frau vorstellen. Bisher lief es bestens. Frauke wurde von seinen Großeltern herzlich empfangen, sie unterhielten sich angeregt und der Kuchen war ein Gedicht. Die neue Küchenhilfe Natascha konnte wirklich hervorragend backen, alle Kuchenkreationen seien vom Feinsten, betonte Werner Kaltenbach.

Und jetzt kämpft Thomas um das Leben des besten Freundes seines Großvaters. Er weiß, wie wichtig Otto Molitor für Werner Kaltenbach ist. Die beiden kennen sich seit frühester Jugend und sie haben die Ostfront überlebt.

Wenige Minuten später eilt Dr. Braunfels, der Arzt der Seniorenresidenz, ins Zimmer. Während Thomas und Frauke mit der Wiederbelebung weitermachen, legt er eine Infusion. Doch die beiden wissen: Der Kollege will damit nur der Ehefrau Gewissheit geben, dass für ihren Mann alles getan wird.

Nach zwanzig Minuten geben sie auf.

»Bitte machen Sie weiter«, schluchzt Adelheid Molitor. »Was soll denn aus mir werden?«

Thomas schüttelt den Kopf. Frauke nimmt die alte Dame am Arm und führt sie in die Wohnung der Kaltenbachs.

Dr. Braunfels fasst dem Toten an die Halsschlagader und leuchtet ihm mit der kleinen Stablampe in die erstarrten Augen. Dann steht er auf und setzt sich an den Couchtisch. Er zieht einen Block aus seiner Arzttasche.

»Was machen Sie da?«, fragt Thomas, obwohl er die Antwort schon ahnt.

»Ich fülle den Totenschein aus«, erwidert Dr. Braunfels.

»Ohne sich den Toten näher angesehen zu haben?«

»Ich kenne meine Patienten. Und Otto Molitor litt unter Herzinsuffizienz. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sein Herz schlapp machen würde.«

Dr. Braunfels blickt von seinem Formularblock auf. »Wer sind Sie überhaupt und was mischen Sie sich hier ein?«

Ohne zu antworten bückt sich Thomas erneut über den alten Mann und schaut sich Mund und Rachen des Toten an. »Kommen Sie mal!«, fordert er Dr. Braunfels auf. »Haben Sie das gesehen?«

»Was soll da sein?« Braunfels steht auf und beugt sich ebenfalls über den Toten.

»Sehen Sie die Ödeme im Mund- und Rachenbereich? Hier liegt ganz klar ein allergischer Schock vor.«

Thomas erhebt sich, geht zum Esstisch und probiert die Reste des Schokoladenkuchens, der dort steht. Er deutet auf den diesen. »Ein Kuchen mit Kirschsaft, der sich als Schokoladenkuchen getarnt hat.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Probieren Sie selbst.«

Thomas reicht Braunfels einen Dessertlöffel. Der Arzt der Seniorenresidenz kostet. Irritiert schaut er sein Gegenüber an. »Otto Molitor war Allergiker, vor Steinobst musste er sich in Acht nehmen, vor allem vor Kirschen. Dazu gehört auch der Saft, darauf reagierte er hoch allergisch.«

In diesem Augenblick betritt Hermine Schappensiel, die Leiterin der Seniorenresidenz, die Wohnung. Sie schaut auf den Toten und atmet einmal laut ein und aus. »Dann rufe ich gleich unseren Bestatter an.«

»Wir müssen wohl eher die Polizei verständigen«, wirft Dr. Braunfels ein.

Hermine Schappensiel bleibt wie angewurzelt stehen.

»Er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach einen anaphylaktischen Schock«, erklärt der Arzt.

»Ist das keine natürliche Todesursache?«, zischt die Leiterin zurück.

Thomas haut mit der flachen Hand auf den Esstisch. »Es ist ja wohl bekannt, dass Otto Molitor gegen Kirschen allergisch war. Wie kann er dann einen Schokoladenkuchen mit Kirschsaft bestellt haben?«

»Und wer sind Sie?« Hermine Schappensiel betrachtet Thomas über den Rand ihrer Brille.

»Dr. Thomas Kaltenbach.«

»Der Enkel von Werner Kaltenbach?«

»Ja.«

»Entschuldigen Sie, ich habe Sie nicht sofort wiedererkannt, so selten, wie Sie Ihre Großeltern besuchen.«

Was für eine herrische Person, denkt Thomas. »Also noch mal: In diesem Schokoladenkuchen ist jede Menge Kirschsaft!«

»Was wollen Sie mir damit sagen?«

»Das sieht nicht nach einem Unglücksfall aus.«

»Sie behaupten also, jemand hat mit Vorsatz den Molitors diesen Kuchen hier serviert?« Hermine Schappensiels Gesichtsfarbe wechselt in Sekundenschnelle von leicht gerötet zu aschfahl.

»Dem muss nachgegangen werden«, fordert Thomas. Als Internist weiß er nur zu gut, dass viele Kollegen mit der äußeren Leichenschau schlampig umgehen und viele Tötungsdelikte deshalb gar nicht als solche erkannt werden.

»Sie wollen wirklich, dass ich die Polizei rufe?«

»Ja, Otto Molitor muss rechtsmedizinisch untersucht werden.«

»Das haben nicht Sie zu entscheiden«, erwidert die Leiterin der Seniorenresidenz, dreht sich um und will die Wohnung verlassen, da hört sie Thomas Kaltenbach noch sagen: »Die Polizei und die Staatsanwaltschaft werden das schon anordnen.«

Thomas kehrt in die Wohnung seiner Großeltern zurück und setzt sich neben Adelheid Molitor. Sie schaut ihn erwartungsvoll an. Er schüttelt erneut leicht den Kopf. Sie schluchzt laut auf. Nachdem sie sich ein wenig gefangen hat, fragt Thomas: »Ist in letzter Zeit etwas Außergewöhnliches in der Seniorenresidenz passiert?«

Die alte Dame blickt ihn fragend an.

»Hatte Otto Streit mit jemandem oder hat er sich seltsam verhalten?«

Adelheid Molitor wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. »Ja! Aber nichts Schlimmes, sondern etwas sehr Schönes.« Sie lächelt, doch dann kommen erneut die Tränen.

»Bitte erzählen Sie!«, fordert Thomas die alte Dame auf.

»Na ja, erst habe ich gedacht, Otto wird auf seine alten Tage zum Schürzenjäger. Es wurde schon unter den Mitbewohnern getuschelt.« Sie schaut zu Irene Kaltenbach, die ihr zunickt. »Doch dann kam Otto mit der Sprache heraus: Natascha, die neue Küchenhilfe, ist seine Enkelin.«

»Das wussten Sie nicht?«

»Nein, woher? Er selbst hatte ja auch keine Ahnung. In Russland hatte Otto damals eine kurze, aber heftige Affäre. Das war lange, bevor wir uns kennen lernten.« Sie seufzt. »Natascha erfuhr erst nach dem Tod ihrer Mutter die Wahrheit über ihren Großvater. Denn ihr fiel das Tagebuch ihrer Großmutter in die Hände, das die Mutter versteckt hatte. Also kam sie nach Deutschland, um Otto zu suchen.«

»Hat er ihr geglaubt? Oder anders gefragt: Erschien Ihnen das glaubwürdig?«

»Ja, sie hatte Fotos dabei und das Tagebuch der Großmutter. Otto ließ es übersetzen.«

»Und dann?«

»Otto war ganz vernarrt in seine Enkelin. Morgen wollte er unser Testament zu ihren Gunsten ändern.«

»Und Sie waren damit einverstanden?«

»Natürlich.« Adelheid Molitor tätschelt Thomas Hand. »Wissen Sie, Otto war so glücklich eine Enkelin zu haben, wir haben ja keine eigenen Kinder.«

»Liebe Frau Molitor, bitte entschuldigen Sie die etwas indiskrete Frage, aber hatten Sie in Ihrem Testament schon jemanden als Erben benannt?«

»Ja, selbstverständlich. Wir haben alles geregelt. Sascha, einen Pfleger hier aus der Seniorenresidenz, haben wir sehr ins Herz geschlossen. Er kümmert sich rührend um uns, weit mehr, als es seine Arbeit erfordert. Wir dachten, dass er das Geld gut gebrauchen kann.«

»Wusste Sascha, dass Sie ihn testamentarisch bedacht haben?«

»Ja, das hat Otto ihm wohl gesagt. Aber er weiß natürlich nicht, was er alles erbt.«

Adelheid umfasst das Handgelenk von Thomas ganz fest. »Aber sagen Sie mir bitte: Was ist mit Otto passiert? Alles war gut, dann hat er den Kuchen gegessen und plötzlich keine Luft mehr bekommen.«

»Es war ein Kirschkuchen.«

»Nein, das kann nicht sein. Er hat doch einen Schokoladenkuchen gegessen.«

»Da war aber viel Kirschsaft drin, haben Sie das nicht geschmeckt?«

»Oh, mein Gott.« Adelheid laufen erneut die Tränen über die Wangen. »Er darf doch keine Kirschen essen, noch nicht mal den Saft trinken .«

»Denkst du etwa, Natascha hat Otto vergiftet?«, ruft Irene Kaltenbach entsetzt.

»Ich weiß es nicht, aber nach einem tödlichen Fehler sieht mir das nicht aus«, erwidert Thomas und steht auf. »Ich bin gleich wieder zurück.«

Nachdem er die Wohnungstür hinter sich zugezogen hat, geht er durch den langen Gang bis zur Rezeption. Die Frau am Empfang lässt sich ihre Verwunderung nicht anmerken. Sie hat noch nie erlebt, dass ein Gast nach dem Weg zur Küche fragt. »Dort«, sie zeigt zu den Aufzügen, »nehmen Sie den linken von den Zweien und fahren Sie in das erste Untergeschoss, dann halten Sie sich links. Am...

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