Venushaar

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 15. Juni 2011 | 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-09797-4 (ISBN)
 
Warum haben Sie Asyl beantragt? Diese Frage muss der namenlose Erzähler mehrfach täglich ins Russische übersetzen. Er arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde bei Vernehmungen von Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion. Doch beim Übersetzen des fremden Leids legt sich seine eigene Lebensgeschichte wie eine zweite Schicht um die Worte. Auch er ist ein Emigrant, der sich nach denen sehnt, die er nicht mehr um sich hat: nach seiner Frau und seinem Kind. Und plötzlich treten dem Dolmetscher neben seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen auch Geschichten aus anderen Welten und Zeiten entgegen. Auf faszinierende Weise erzählt Schischkin ein Jahrhundert russischer Geschichte und bettet außerdem das Leben des Dolmetschers durch Verweise in einen Kosmos der gesamten Weltkultur ein. 'Venushaar' ist eine vielstimmige Parabel auf das verlorene Paradies - kunstvoll komponiert, stilistisch virtuos.



Michail Schischkin ist einer der meist gefeierten russischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. Seit 1995 lebt er in der Schweiz. Seine Romane »Venushaar« und »Briefsteller« wurden national und international vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er als einziger alle drei wichtigen Literaturpreise Russlands. 2011 wurde ihm der Internationale Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen. Sein Roman »Die Eroberung von Ismail« wurde u.a. mit dem Booker-Prize für das beste russische Buch des Jahres (2000) ausgezeichnet und gilt als sein kompromisslosestes Werk.
Andreas Tretner
Deutsch
0,65 MB
978-3-641-09797-4 (9783641097974)
3641097975 (3641097975)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Michail Schischkin ist einer der meist gefeierten russischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. Seit 1995 lebt er in der Schweiz. Seine Romane »Venushaar« und »Briefsteller« wurden national und international vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er als einziger alle drei wichtigen Literaturpreise Russlands. 2011 wurde ihm der Internationale Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen. Sein Roman »Die Eroberung von Ismail« wurde u.a. mit dem Booker-Prize für das beste russische Buch des Jahres (2000) ausgezeichnet und gilt als sein kompromisslosestes Werk.
(S. 5-6)

Dem Dareios und der Parysatis wurden zwei Söhne geboren, ein älterer, Artaxerxes, ein jüngerer, Kyros. [Ref 2] Die Befragungen beginnen morgens um acht. Alle sind noch verschlafen, zerknittert, mürrisch – die Beamten ebenso wie die Dolmetscher, die Polizisten und die Asylanten. Die, die erst noch Asylanten werden wollen, genauer gesagt. Einstweilen sind sie bloß GS. Gesuchsteller. So heißen diese Menschen hier. Der Erste wird hereingeführt. Vorname. Zuname. Geburtsdatum. Aufgeworfene Lippen. Pickel überall. Älter als sechzehn, so viel ist klar. Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl in der Schweiz bitten. Antwort: Mit zehn kam ich ins Heim. Unser Direktor hat mich vergewaltigt. Ich bin abgehauen.

Auf einem Parkplatz hab ich Trucker getroffen, die über die Grenze fahren. Einer hat mich rausgeschafft. Frage: Warum haben Sie Ihren Direktor nicht bei der Polizei angezeigt? Antwort: Die hätten mich totgeschlagen. Frage: Wer sind »die«? Antwort: Die stecken doch alle unter einer Decke. Der Direktor hat mich und noch einen Jungen und zwei Mädchen ins Auto gepackt und auf eine Datscha gefahren. Nicht seine, die von irgendwem, keine Ahnung.

Dort trafen sie sich, die ganzen Chefs, auch der Polizeichef. Sie haben gesoffen und auch uns Alkohol eingeflößt. Dann wurden wir auf die Zimmer aufgeteilt. Das Haus war groß. Frage: Sind damit alle Gründe genannt, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten? Antwort: Ja. Frage: Beschreiben Sie Ihren Reiseweg. Aus welchem Land sind Sie in die Schweiz eingereist, und wo genau? Antwort: Das weiß ich nicht. Ich saß im Truck, hinter Kartons. Ich bekam zwei Plastikflaschen: eine mit Wasser, eine für den Urin. Nur nachts durfte ich raus. Hier ganz in der Nähe haben sie mich abgesetzt. Ich weiß ja nicht mal, wie die Stadt heißt. Ich bekam gesagt, wo ich hingehen soll, um mich zu stellen. Frage: Haben Sie sich in der Vergangenheit politisch oder religiös betätigt? Antwort: Nein. Frage: Sind Sie vorbestraft? Wurde gegen Sie ermittelt? Antwort: Nein. Frage: Haben Sie schon einmal in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt? Antwort: Nein. Frage: Haben Sie in der Schweiz eine Rechtsvertretung?

Antwort: Nein. Frage: Stimmen Sie einer Knochengewebeuntersuchung zur gutachterlichen Feststellung Ihres Alters zu? Antwort: Was? In der Pause kann man im Dolmetscheraufenthaltsraum einen Kaffee trinken. Die Fenster gehen hier auf die Baustelle, wo ein neues Empfangszentrum für Asylsuchende errichtet wird. In Abständen glüht der weiße Plastikbecher in meinen Händen auf, das ganze Zimmer erstrahlt im Widerschein der Schweißblitze. Das kommt, weil der Schweißer direkt vor dem Fenster arbeitet. Niemand sonst ist im Raum, ich kann zehn Minuten ungestört lesen. Also: Dem Dareios und der Parysatis wurden zwei Söhne geboren, ein älterer, Artaxerxes, ein jüngerer, Kyros.

Als Dareios krank war und das Ende seines Lebens vorausahnte, wollte er beide Söhne in seiner Nähe haben. Der ältere war nun zufällig anwesend. Kyros aber ließ er aus dem Herrschaftsbereich rufen, zu dessen Satrapen er ihn gemacht hatte. Auch die Buchseiten flammen auf im Blitzlicht des Schweißens. Das Lesen ist unangenehm – nach jedem Blitz wird die Seite schwarz. Es dringt selbst durch die geschlossenen Lider. Peter schaut zur Tür herein. Herr Fischer. Der Schicksalslenker. Er zwinkert mir zu als wolle er sagen: Sollen wir wieder? Und auch er wird angeblitzt wie von einem Fotoapparat. Prägt sich ein mit einem zugekniffenen Auge.
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