Hochdeutschland

Roman
 
 
Klett-Cotta (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. März 2018
  • |
  • 214 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-608-11051-7 (ISBN)
 

Victor kann sein albernes Siegerdasein als erfolgreicher Investmentbanker schon lange nicht mehr ernst nehmen. Alle Versuche, sich zu verlieben, scheinen ebenso zum Scheitern verdammt zu sein, wie es seine Ehe war. Er ist ein Produkt der marktorientierten deutschen Gesellschaft und dieselben Fähigkeiten, auf denen sein Erfolg in diesem System basiert, weisen ihm jetzt den Ausweg - eine Revolution.

Er bewohnt eine gläserne Villa im Taunus, hat bei Bedarf Sex im Spa-Bereich des Hotel Adlon und schafft es, die Work-Life-Balance der Mitarbeiter seiner Bank in einem rentablen Ungleichgewicht zu halten. Doch all das führt zu nichts. Zum Glück lernt er den italophilen Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland kennen, dessen Lebenstraum es ist, nach seiner politischen Laufbahn als steinreicher Investmentbanker mit dem Ferrari durch Mailand zu gleiten. Dafür braucht er Victors Hilfe und unterstützt ihn im Gegenzug dabei, eine populistische Bewegung zu gründen, deren rohe Lebendigkeit Victor erlösen wird. In seinem Roman wirft Alexander Schimmelbusch ein grelles Licht auf die deutsche Volksseele und stellt die zentralen Fragen unserer Zeit: Ist unser System kaputt? Was ist Elite? Können wir überhaupt noch kommunizieren? Haben wir Prinzipien? Welchen Preis zahlt man dafür, nach seinen eigenen Regeln zu leben? Ist es Zeit für einen radikalen Neuanfang? Für eine Stunde null, wie nach einem Krieg?

1. Aufl.
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 2,48 MB
978-3-608-11051-7 (9783608110517)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Alexander Schimmelbusch, geboren 1975 in Frankfurt am Main, wuchs in New York auf, studierte an der Georgetown University in Washington und arbeitete dann fünf Jahre lang als Investmentbanker in London. Sein Debüt "Blut im Wasser" gewann den Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage. "Hochdeutschland" ist sein vierter Roman.

Zwei


Als Victor den Shere Khan wieder in die Hügel hinaufsteuerte, lag die Vapiano-Carbonara wie ein marktradikaler Pflasterstein in seinem Magen. Die Pasta hatte einen intensiven Geschmack nach Brühwürfeln in seinem Mund hinterlassen, sodass er eine Cola getrunken hatte, um den Geschmack zu neutralisieren, was er sonst nie tat und was auch nicht funktioniert hatte. Das Resultat war, dass er sich wie vergiftet fühlte, ja, wie verstrahlt beinahe.

Er hörte Rammstein, während er durch die Schatten segelte, auf seinem Raumklangsystem von Burmester, dessen 24 Lautsprecher so präzise aufeinander und das Interieur seines Porsches abgestimmt waren, dass die Musik nicht aus deren Membranen, sondern direkt aus dem moosigen Waldboden zu kommen schien.

Auf der B455 donnerten in Formation zwei Biturbo-Familienkombis von Mercedes an ihm vorbei, mit jungen Frauen am Steuer, deren Rennsportreifen vom Typ Continental Sport Contact sich gierig in den makellosen Asphalt hineinkrallten. Vor zweitausend Jahren war der Taunus ein geschlossener Urwald gewesen, in dem sich Plinius dem Älteren zufolge »die Kälte mit der Dunkelheit vermählt« hatte. Nun drückten in Design-Hainen aus Edelkastanien Frauenfüße Titan-Gaspedale auf Fußmatten aus Schurwolle nieder, auf die Milchstraßen aus Mercedes-Sternen gestickt worden waren.

Ihm fiel ein, dass auch Maia einen solchen Kombi fuhr, obwohl sie keine Kinder hatte - ein Hinweis ihres Gatten darauf, dass er den Zeitpunkt für Nachwuchs gekommen sah, für einen Statthalter eigenen Blutes, den er würde lehren können, ordnungsgemäß Bambi zu entleiben. Schon bei diesem ersten Gedanken an Maia spürte Victor seine Zegna-Hose spannen. Er hatte nicht vor, wieder die Nacht mit ihr zu verbringen, da er am nächsten Tag voll einsatzbereit würde sein müssen; da er es mit der Niederschrift seines Pitches mal wieder auf den letzten Moment hatte ankommen lassen. Aber es schien beinahe so, als ob er ein Interesse an ihr entwickelte.

Er wusste kaum etwas über sie. Möglicherweise war sie Historikerin, denn sie kam auffallend oft auf das Dritte Reich zu sprechen. Ein einziges Mal war er bei ihr zu Hause gewesen, in ihrer Küche nur, für eine halbe Stunde ungefähr. Er hielt ihr zugute, dass sie offenbar keine Kreative war, denn er hatte in ihrem Haus keinen Hinweis auf hausgemachte Kunst entdecken können. Er hatte keine Staffeleien darin gesehen, keinen Sperrmüll für Installationen, keinen zum Studio umfunktionierten Wintergarten.

Es war die zweite Verabredung der beiden gewesen. Sie hatte ihm eine Nachricht geschickt, dass er schnell kommen sollte, da sie von ihm geträumt habe in der Nacht, dann beim Waldlauf, dann beim Mittagsschlaf; Victor war im Silberturm in die Tiefgarage hinabgefahren und in seinen Shere Khan eingestiegen. Sie hatte ihn in die Küche gezogen, sie hatte gleich seinen Schwanz hart geblasen, um ihm dann ungeduldig ihren Hintern zu präsentieren.

Victor hatte sich auf seine Erektion reduziert gesehen, was er aber nicht als störend, sondern als befreiend wahrgenommen hatte. Für den Augenblick im Einklang mit seinem Dasein, hatte er also begonnen, die Frau seines Nachbarn ohne Kondom von hinten zu penetrieren.

Die Atmosphäre in ihrer Küche, hatte er dabei gesehen, prägten Gemälde von Jonathan Meese, die aussahen - Runen, Stahlhelme, Hühneraugen, Fäkalien -, als hätte ein debiler Gestapo-Offizier sie gemalt. Die Affinität zur Nazi-Symbolik in der zeitgenössischen deutschen Kunst empfand Victor als unangenehm. Natürlich war der Vorwurf des Transports totalitären Gedankenguts in diesem Kontext fehl am Platze, da man seinem Gegenüber in Deutschland damit ja nicht nur einen respektlosen Umgang mit den Lehren der Geschichte, sondern immer gleich die explizite Befürwortung der millionenfachen maschinellen Menschenvernichtung unterstellte.

So war die Wahl von Maias Gatten sicher nicht aufgrund seiner Billigung der Endlösung der Judenfrage, sondern nur deshalb auf Meese gefallen, da an dem Tag, an dem er in der Champagnerlaune gewesen war, um auf einer Kunstauktion mal so richtig aufzuschlagen, dort eben Meese auf dem Programm gewesen war, dessen Namen er wahrscheinlich irgendwo schon einmal gelesen hatte. Und ihm war aufgefallen, dass dieser Nazi-Style, so rein ästhetisch betrachtet, doch super mit den Taunuswäldern harmonierte, ja, sogar mit der Pelztierjagd, die nach dem Erkalten der sexuellen Ebene seiner Ehe zu seiner seelischen Wärmflasche geworden war.

Andererseits war bei cleveren Nazi-Zitaten immer eine Verlogenheit im Spiel, so sah es Victor, da jeder Künstler, auch wenn er vorgab, mahnen zu wollen oder spielen zu wollen oder die Nicht-Vergangenheit der Vergangenheit vergegenwärtigen zu wollen, eine verbotene Romantik der Auslöschung heraufbeschwor, indem er solche Zeichen setzte - also Stollen, Gruben, Gräben, Haare, Stiefel, Zähne, Orden, Fackeln, Fahnen, Fell, Filz, Fett, Knochen, Plomben, Rauch und Schienen. Ein finsteres Strahlen, in dem sich Künstler und Werk als moralisch ambivalent und somit als rätselhaft und bedrohlich inszenieren ließen.

In Schleichfahrt rollte Victor über den Kies in seine Garage, die abseits des Hauses in einem Arrangement aus Douglasien gelegen war. Er sah erst hinüber zu seinen Mountainbikes, beschloss dann aber, einfach schnell zu onanieren und früh schlafen zu gehen. Mit einem Sprachbefehl öffnete er den Tankdeckel, stieg aus, zog das Lademodul hervor und verband es magnetisch mit dem Porsche Power Port, der in den Beton seiner Garagenmauer eingelassen war.

Um die Wiese zu vermeiden, die an Maias Grundstück grenzte, nahm Victor einen Trampelpfad durch eine Senke, der ihn direkt auf seine Poolterrasse führte. Das Schwimmbecken hatte er von Montaningenieuren in eine Ader aus urzeitlichem Quarzsandstein sprengen lassen, sodass die Unterwasserstrahler es wie einen leuchtenden Felsensee erscheinen ließen.

Schon sein Großvater hatte in Falkenstein gelebt, in einer der Villen im Tudorstil unterhalb der Burgruine, die während des Krieges Günstlingen der Reichsgruppe Banken vorbehalten gewesen waren. In der Garage des Hauses hatte er nach der Kapitulation die Standartenhalter seines Dienst-Maybachs abgesägt, um das Auto privat weiter nutzen zu können. Er hatte die Nahtstellen überspachtelt, die Karosse in British Racing Green neu lackiert, und fertig war der Sonntagswagen gewesen, mit dem er in seinen letzten Jahren an jedem Wochenende beim Schlosshotel Kronberg vorgefahren war, um in dessen Rotem Salon seine Gesprächspartner zu empfangen.

Victor konnte sich noch an Besuche dort erinnern, an die ausufernde Kuchenauswahl in der silbernen Vitrine. Der Alte war in den Wirtschaftswunderjahren Chef der Degussa gewesen und hatte den herrischen Habitus danach nie wieder abgelegt. Am Kamin hatte er Victor zu sich herangezogen, um ihm von einem Vermögen zu erzählen, das er beiseitegeschafft habe - Gold in Bolivien, das war ihr Geheimnis gewesen. Es war dann aber kein Gold aus Bolivien bei ihm angekommen, da sein Großvater sechs Mal geheiratet und sein Vater das Pech gehabt hatte, dass dessen Vater diesen, der bei den Farbwerken Hoechst über den Abteilungsleiter nicht hinausgekommen war, für einen Versager gehalten hatte.

Die Strahler im Schwimmbecken warfen sanfte Wogen an die Wände seines Arbeitszimmers, als er dessen gläserne Front mit seinem Telefon entriegelte. Er fuhr den iMac hoch, den er ausschließlich für private Zwecke nutzte - zum Schreiben und zum Besuch osteuropäischer Pornowebseiten. Er hatte darauf noch keinen einzigen geschäftlichen Vorgang erledigt, um dem gedanklichen Virus seines Bankertums die Möglichkeit zu verweigern, alle Bereiche seines Lebens zu infizieren.

Seit mehreren Jahren schon, seit der Trennung von Antonia ungefähr, arbeitete Victor an einem Roman, von dem er in diesem Zeitraum aber nur eine Art Outline zustande gebracht hatte. Das Vorhaben sah er als die Folge einer Erweckungseinsicht, die er als junger Banker gehabt hatte: Ihm war klar geworden, dass er mit geschriebener Kommunikation in all ihren Formen, mit Briefen an Freundinnen, Aufsätzen in der Schule, Essays für die Zulassungsgremien elitärer Universitäten, Hausarbeiten, Bewerbungen bei Investmentbanken sowie Präsentationen und Pitches für verwöhnte M&A-Kunden in seinem bisherigen Leben nahezu ohne Ausnahme das angestrebte Resultat erzielt wie auch die antizipierte Reaktion hervorgerufen hatte.

Ihn hatte die Hoffnung ergriffen, dass er sich in der Form der schriftlichen Botschaft an unbekannte Adressaten würde kenntlich machen können, sein inneres Leben festhalten, das ja sonst verschwinden würde, ohne Spuren zu hinterlassen, als ob es gar nicht ...

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