Herbstblüten und Traubenkuss

Roman
 
 
Goldmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-22611-4 (ISBN)
 
Als Mona unerwartet ihren Job verliert, bewirbt sie sich in einer Detektei. Ihre erste Aufgabe: Sie soll Oliver Feeberger ausfindig machen und ihn überreden, auf das großelterliche Weingut am Wiener Stadtrand zurückzukehren. Um zu verhindern, dass ein Nobelheuriger den familiären Buschenschank übernimmt, willigt Oliver ein - aber nur, wenn Mona die restliche Saison auf dem Weingut mitarbeitet. Obwohl in derselben Stadt, findet sich die junge Wienerin in einer neuen Welt wieder. Zwischen Weingärten, Heurigenausschank und Hofladen muss Mona erst ihren Platz suchen. Aber ist ihr Herz nicht schon längst angekommen?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Goldmann
  • 1,36 MB
978-3-641-22611-4 (9783641226114)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Emilia Schilling ist das Pseudonym einer jungen österreichischen Autorin, die romantische Frauenromane schreibt. Schilling, Jahrgang 1988, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem kleinen Ort in Niederösterreich.

»Was sind Ihre Stärken, Fräulein Böse?«

Meine wohl größte Stärke ist es, in diesem Moment nicht an die Decke zu gehen.

Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, und die Anrede Fräulein war vor vielleicht fünfzig Jahren angemessen. Vor fünfzig Jahren steckte mein Gegenüber aber sicher noch in den Windeln, weshalb er sich das ebenso sparen könnte wie die Art, meinen Nachnamen auszusprechen. Als hätte er drei »Ö« in der Mitte. Da werde ich erst recht böööse.

Statt diesem Herrn Kööönig meine Meinung zu sagen, lächle ich mit aller Kraft meiner Selbstbeherrschung und besinne mich auf die Worte, die ich mir genau für diese Frage zurechtgelegt habe.

»Zu meinen Stärken zählen Zahlenaffinität, eigenständiges Arbeiten und eine hohe Konzentrationsfähigkeit.«

Meine Freundin Bianca, bei der ich vorübergehend untergekommen bin, wäre ebenso stolz, wie mein eigenes Spiegelbild es ist. Jene beiden Gesichter, vor denen ich für die bevorstehenden Vorstellungsgespräche geübt habe. Mal abgesehen von Biancas Kindern, die sich köstlich über unsere inszenierten Bewerbungen amüsierten. Da ich aber bis vor drei Wochen noch nie ein richtiges Vorstellungsgespräch geführt hatte, wollte ich mich bestens vorbereiten. Denn das ist das A und O meines Lebens. Planung, Vorbereitung und Konsequenz.

»Zahlenaffin, so, so.« Herr Kööönig schiebt seinen ergrauenden Schnurrbart hin und her, während er auf den ausgedruckten Lebenslauf blickt, den ich mitgebracht habe. »Und Eigenständigkeit also.« Er brummt, und ich habe gerade die Erkenntnis, dass er zumindest nicht taub ist. Was mich angesichts des Telefonats, das er zuvor geführt hat, erstaunt, denn sein Telefon ist auf die höchste Lautstärke gestellt, sodass ich sogar aus dem kleinen Warteraum vor dem Büro jedes Wort seines Gesprächspartners verstehen konnte.

Ich behalte mein - wie ich finde äußerst professionell wirkendes - Lächeln bei und warte eine weitere Reaktion ab. Bianca und ich haben befunden, dass der Begriff Eigenständigkeit besser klingt als die Erklärung, dass ich lieber allein statt in einem Team arbeite. Auch wenn für viele Firmen außer Frage steht, dass potenzielle Mitarbeiter des Alphabets mächtig sowie Teamplayer sein sollten.

»Eigenständigkeit ist gut«, murmelt er und beginnt, mit seinen plumpen Fingern in den Unterlagen auf seinem unordentlichen Schreibtisch zu wühlen. Angesichts der sieben leeren Limonadenflaschen und der drei Burgerschachteln im Papierkorb neben seinem Schreibtisch kann ich mir gar nicht vorstellen, wie er stundenlang in ein Auto gequetscht ausharrt und jemanden observiert. Herr König (ich verzichte der Lesbarkeit wegen auf die weitere Ausführung der drei Ö - außer er nennt mich noch einmal Fräulein Böööse) ist nämlich seines Zeichens Privatdetektiv mit Schwerpunkt Personenbeschattung.

Nach einer Weile räuspert er sich, schiebt die Zettelwirtschaft vor sich zu einem ordentlichen Stapel zusammen und versucht sich an einem Lächeln, das misslingt. »Ich vermute, Sie haben sich für die Stelle als Buchhalterin beworben?«

Ist das eine Fangfrage?

Ich nicke. Nur ein Mal.

»Also, die Stelle ist schon besetzt.« Er winkt ab, als sei das völlig klar. »Meine Nichte hat gerade die Matura an der Handelsakademie gemacht und ist wie geschaffen dafür.«

Mir klappt der Mund auf. Aber nur ganz leicht, ich kann mich schließlich beherrschen. Auch angesichts der Tatsache, dass er die Buchführung seiner alteingesessenen Detektei einer neunzehnjährigen Schulabgängerin ohne Berufserfahrung anvertraut. Sehr schlau.

»Eigentlich suche ich noch eine Unterstützung für mich. Sozusagen einen Personal Assistent.« Mit seinem starken Wiener Akzent klingt es eher wie Pörsönäl Ässistänt.

»Tatsächlich?« Ich bemühe mich, den Mund wieder zu schließen. In mir sträubt sich alles dagegen, einem Mann wie diesem zu assistieren. Was ich aber dringender brauche als einen kompetenten und sympathischen neuen Chef, das ist: einen Chef. Denn ohne neuen Job werde ich wohl noch eine Weile bei Bianca unterkommen müssen. Und die Vorstellung, noch länger der Boxsack, die Malwand und der Schlafpolster ihrer Kinder zu sein, lässt mich schnell wieder den Fokus auf dieses Gespräch lenken.

»Und was würde mich in dieser Position erwarten?«, frage ich ehrlich interessiert.

»Das erkläre ich Ihnen nach und nach«, sagt Herr König und greift in ein Ablagefach, aus dem er gezielt eine bestimmte Akte herausholt. »Sie wachsen sozusagen mit Ihren Aufgaben. Als Erstes hätte ich hier einen kleinen Auftrag, mit dem Sie mich von Ihren Kompetenzen überzeugen können.«

Überrascht richte ich mich in meinem Sessel auf und verkrampfe mich dabei noch mehr, als ich ohnehin schon bin. Ich soll Detektivin spielen? Fast hätte ich die Frage laut ausgesprochen.

»Kennen Sie den Buschenschank Feeberger in Neustift am Walde?«

Ich schüttle den Kopf und beantworte damit auch die Frage, ob ich überhaupt einen Buschenschank kenne. Ich kann sogar an einer Hand abzählen, wie oft ich in meinem Leben bislang im 19. Bezirk gewesen bin. Dreimal, um genau zu sein, und auch nur, weil ich eine Schulkollegin hatte, die in Döbling wohnte und mit der ich an einem Projekt zusammengearbeitet habe.

»Die Besitzer sind ein älteres Pärchen, die ihren Enkelsohn suchen.« Herr König sieht in die Akte. »Sein Name ist Oliver Feeberger. Er müsste etwa in Ihrem Alter sein.« Er sieht auf, offenbar auf eine Reaktion meinerseits wartend.

Denkt er ernsthaft, ich würde alle Wiener in meinem Alter kennen? Habe ich schon erwähnt, dass ich gern eigenständig arbeite und kein extrovertierter Mensch bin?

Ich zucke mit den Schultern, was sich ein wenig wie eine Entschuldigung dafür anfühlt, dass ich Oliver Feeberger nicht kenne.

»Jedenfalls ist der Kontakt zu ihm vor fünf ­Jahren abgebrochen. Jetzt wollen die Feebergers den Buschenschank an ein Heurigenlokal verkaufen, sollte der Enkelsohn den Betrieb nicht übernehmen.« Herr König schiebt die Akte über den Schreibtisch zu mir herüber.

Ich sehe irritiert darauf. »Und was soll ich jetzt tun?«

»Oliver Feeberger finden und ihn davon überzeugen, seine Großeltern aufzusuchen.«

Das beantwortet nicht meine Frage.

»Wie denn?«

»Jetzt zeigen Sie doch mal Ihre Eigenständigkeit, Fräulein Böööse.« Der Detektiv wird ungeduldig. »Suchen Sie ihn auf Facebook oder mit einem dieser Social-Media-Kanäle.«

Letzteres klingt wie Sotschäl Midiaa.

Dann macht er eine Handbewegung, die mich wohl auffordern soll zu gehen. Automatisch erhebe ich mich und greife nach der Akte.

»Da ist doch jeder mit jedem befreundet. Sie finden ihn schon.«

Immer noch stehe ich vor seinem Schreibtisch und starre ihn an.

»Sehen Sie es als Probearbeit«, fährt er fort, bevor ich meinen Mangel an Eigenständigkeit noch mehr zur Schau stellen kann. »Wenn Sie den Auftrag erfolgreich erledigen, haben Sie den Job.«

***

Ich starre den schwarzen Satinstoff an, der ausgebreitet auf meinem Bett liegt und ein Kleid darstellen soll. Ein ziemlich kurzes und ziemlich enges Kleid. Der Kontrast zu dem Rennautobett mit Minions-Bettwäsche könnte nicht größer sein.

»Das ziehe ich bestimmt nicht an.« Ich hebe den Blick zu Bianca, die in ihrem Schminktäschchen kramt und nach einem Lippenstift in der Farbe Flittchenrot sucht. Ob sie ihn mir wirklich aufdrängen oder nur beweisen will, dass es diesen Farbton gibt, weiß ich nicht.

»Probier es mal an«, sagt sie, ohne aufzusehen. »Das steht dir bestimmt. Hat mir vor der ersten Schwangerschaft auch noch gepasst.«

Ich schiele zu Bianca. Dass sie ein paar Kilo mehr auf den Hüften hat als vor sieben Jahren, sieht man ihr zwar an, aber sie wirkt immer noch schlank. Ich mag vielleicht noch die gleichen Maße wie vor sieben Jahren haben, das bedeutet aber auch, dass ich immer noch einen Kopf größer bin als sie. Und wenn das Kleid bei Bianca - früher zumindest - zehn Zentimeter über dem Knie endete, dann hört es bei mir zehn Millimeter unter den Pobacken auf.

Ich hätte mich auch mit achtzehn Jahren niemals in einen solchen Fetzen gequetscht, also werde ich mit achtundzwanzig Jahren nicht damit anfangen.

»Ich bleibe lieber bei meinem Gewand«, murmle ich und überlege, ob ich eine schwarze Bundfaltenhose oder die dunkelblaue Leinenhose anziehen soll. Die Wahl wird mir nicht schwerfallen, denn meine Garderobe besteht aus lauter schwarzen, grauen, dunkelblauen und ausgewählten beigefarbenen Stücken, die sich problemlos miteinander kombinieren lassen. Ich hatte noch nie ein großes Interesse an Mode und noch weniger Mut zur Farbe, weshalb ich vor einigen Jahren den Trend der Capsule Wardrobe für mich entdeckt habe. Dabei beschränkt man seine komplette Garderobe auf dreiunddreißig Teile, die alle miteinander kombinierbar sind. Vielleicht war es auch die Zahl selbst, die gleich mein Interesse geweckt hat, sodass ich meinen Kleiderschrank entsprechend angepasst habe. Dass das meiste zeitlos und schlicht ist, macht die Sache für mich einfacher und für Bianca:

»Langweilig.«

Sie gähnt demonstrativ und greift nach dem Satin­kleid. »Vielleicht ziehe ich es ja an.« Sie hält es vor sich hin und betrachtet es ausgiebig. »Ich hab mir mal so einen figurformenden Body gekauft. Wenn ich den darunter anziehe, sieht es bestimmt gut aus. Und Schwarz macht ja schlank.«

Ich runzle die Stirn. Ich dachte immer, das ist etwas für ältere Frauen oder Promis, die auf dem roten Teppich eine gute...

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