Katzenjammer

Dackel Herkules 2 - Roman
 
 
Page & Turner (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. März 2011
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-06186-9 (ISBN)
 
Wo die Liebe hinbellt

Geschafft! Endlich hat Dackel Herkules für Frauchen Carolin den richtigen Mann gefunden: Marc, Tierarzt und echter Hundeversteher. Als sie in der Wohnung über Marcs Praxis zusammenziehen, ist Herkules selig. Nur der Kater Herr Beck, Dackels bester Freund, bleibt skeptisch. Nach seiner Erfahrung ist das Leben reichlich kompliziert. Recht hat er: Denn da gibt es leider noch Sabine, Marcs Exfrau, die plötzlich wieder Interesse an ihrem Verflossenen zeigt. Und die schöne Cherie, eine elegante Golden-Retriever-Dame, die von Herkules glühend verehrt wird, aber ihrerseits den zwei Köpfe kleineren Dackel komplett ignoriert. Kurz: Schon bald hat Herkules alle Pfoten voll zu tun, seine Menschen vor neuen Katastrophen zu bewahren und Cheries Herz vielleicht doch noch für sich zu erobern .

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 0,91 MB
978-3-641-06186-9 (9783641061869)
3641061865 (3641061865)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Frauke Scheunemann, geboren 1969 in Düsseldorf, ist promovierte Juristin. Sie absolvierte ein Volontariat beim NDR und arbeitete anschließend als Journalistin und Pressesprecherin. Seit 2002 ist sie freie Autorin. Ihre Romane um den kleinen Dackel Herkules waren monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Frauke Scheunemann ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann, ihren vier Kindern und zwei kleinen Hunden in Hamburg.

EINS


Mein Leben ist schön. Und es wird täglich schöner. Zufrieden räkle ich mich auf dem kleinen Rasenstückchen unseres Vorgartens und beobachte drei Männer dabei, wie sie schwere Kartons aus unserem Haus heraustragen und in dem großen Lastwagen verstauen, der auf der Straße davor parkt.

Ein tiefes Seufzen neben mir erinnert mich daran, dass nicht alle mit dem heutigen Tag so glücklich sind wie ich. Ich schaue über meine Schulter und sehe meinen Freund, den Kater Herrn Beck, der langsam auf mich zugeschlichen kommt.

»So. Und das soll nun also das vielbeschworene Happy End sein. Na ja.« Becks negative Ausstrahlung macht mich noch wahnsinnig! Warum kann er sich nicht einfach mal mit mir freuen?

»Ja, das ist das Happy End, Punkt!«

»Meiner Erfahrung nach gibt es das bei Menschen gar nicht. Glückliche Enden, meine ich. Die finden immer ein Haar in der Suppe.«

»Okay, von mir aus. Auf alle Fälle ist es MEIN Happy End.« Beck seufzt und schüttelt den Kopf. Das sieht bei einem dicken schwarzen Kater immer sehr fatalistisch aus. »Also dann wird es jetzt ernst, oder?« Er setzt sich neben mich.

»Ja, ich schätze mal noch zehn Kartons, dann sind sie fertig. « Beck nickt und schweigt. Vielsagend, wie mir scheint.

»Nun komm schon! Für uns wird sich gar nichts ändern. Wir bleiben weiterhin die besten Freunde.« Beck sagt nichts. »Okay, ich verstehe ja, dass es für dich netter wäre, wenn wir weiterhin im gleichen Haus wohnen würden. Aber ich habe mir immer eine richtige Familie gewünscht. Und dazu gehören für mich eben mehrere Menschen. Und Kinder. Ich bin so froh, dass Carolin glücklich mit Marc ist, ich wäre mit ihr auch sonst wohin gezogen. Und jetzt ist es doch nur die andere Seite des Parks.« Beck sagt immer noch nichts. Ich unternehme einen letzten Anlauf. »Außerdem bin ich tagsüber immer noch da. Ihre Werkstatt behält Carolin schließlich hier im Haus. Es geht doch nur um die Wohnung.« Becks Schwanzspitze zuckt.

»Lass gut sein, Kumpel. Ich hatte mich eben doch mehr an dich gewöhnt, als ich es selbst für möglich gehalten hätte. An einen Dackel! Das muss man sich mal vorstellen. Hätte man mir das vor einem Jahr geweissagt, ich hätte es mit Abscheu und Empörung von mir gewiesen. Offensichtlich werde ich altersmilde.«

»Nee, ich würde sagen, du bist einfach schlauer geworden und hast erkannt, dass der Hund nicht nur der beste Freund des Menschen, sondern auch des Katers ist. Ist doch nicht das Schlechteste.« Für diese Bemerkung ernte ich einen weiteren abgrundtiefen Seufzer. Gut, das hat wohl keinen Sinn. Dann soll er eben weiter hier rumhängen und Trübsal blasen. Das ist für mich an diesem aufregenden Tag natürlich keine Alternative, und ich beschließe nachzuschauen, wie weit Carolin schon mit dem ganzen Krimskrams ist, der nicht in Kartons gepackt wurde. Vielleicht kann ich noch irgendwas aus dem Kühlschrank abstauben? Ich bilde mir ein, dass der heute Morgen noch gut gefüllt war. Zumindest roch es ganz vielversprechend, als Carolin ihn öffnete, um eine Tüte Milch herauszunehmen.



Die Wohnung - unsere Wohnung! - sieht ganz seltsam aus: Das Sofa, auf dem Carolin und ich so oft zusammen gekuschelt haben, fehlt, ebenso alle anderen Möbel. Nur das kleine Tischchen mit dem Telefon steht noch im Wohnzimmer, einsam und verlassen. Ansonsten wirkt der Raum nun wie eine Halle. Ich gebe es ungern zu, aber bei diesem Anblick wird mir doch ein bisschen mulmig, und ich hoffe, dass Becks Bemerkung über Menschen und das Fehlen von glücklichen Enden nur sein übliches Geunke war. Carolin und Marc werden sich das schon gründlich überlegt haben.

In diesem Moment packen mich zwei riesige Hände und wuchten mich nach oben. Autsch! Nicht so grob!

»Na, Kleiner? Was stromerst du denn noch hier rum?« Ich blicke direkt in die Augen eines dunkelhaarigen Mannes, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Er gehört offensichtlich zu den Menschen, die gerade die Wohnung ausräumen, jedenfalls trägt er die gleichen Arbeitsklamotten wie die anderen und riecht nach Schweiß. Jetzt wiegt er mich ein wenig hin und her, als würde er überlegen, was er mit mir anstellen soll. Sofort runterlassen!, möchte ich am liebsten laut rufen, ich bin schließlich kein Möbelstück. In Ermangelung einer menschlichen Stimme muss ich mich aber leider darauf beschränken, den Typen anzuknurren. Der zieht die Augenbrauen hoch.

»Nanu? Wirste etwa frech?«

Bitte? Wer rückt denn hier wem auf die Pelle? Ich knurre noch lauter. Vorsicht! Normalerweise beiße ich nicht, aber wenn es gar nicht anders geht .

»Also gut, du hast es nicht anders gewollt.«

Mit diesen Worten setzt mich Herr Grobian in den Umzugskarton, der noch neben dem Telefontischchen steht. Bevor ich auch nur daran denken kann herauszuhüpfen, schließt er den Deckel. Um mich herum wird es dunkel, und der Geruch von Pappe und Staub steigt in meine Nase. Sofort schwappt eine Woge der Erinnerung über mich hinweg: Schloss Eschersbach, mein Geburtsort, und der alte von Eschersbach, der mich in einen ebensolchen Karton hebt. Mich, den Dackelmischling Carl-Leopold, den er in seiner Zucht nicht duldet. Mein Erstaunen, als ich beim Verlassen des Kartons feststelle, dass ich nicht mehr zu Hause, sondern an einem Ort namens Tierheim bin. Und mein Entsetzen, als sich dieser Ort als wahrer Alptraum herausstellt, aus dem mich Carolin allerdings schon nach einem Tag rettet. Und mich fortan Herkules nennt. Ich beginne zu winseln.

»He, Sie! Haben Sie da etwa gerade meinen Hund in einen Karton gesteckt?«

Durch die Pappe klingt Carolins Stimme ganz dumpf, trotzdem erkenne ich sie natürlich sofort. Der Deckel wird wieder aufgeklappt, Carolins Gesicht erscheint am oberen Rand, mit ihren großen, hellen Augen schaut sie mich mitleidig an.

»Du Armer! Kein Wunder, dass du weinst! Ganz allein in diesem dunklen, engen Karton!«

Sie hebt mich heraus und streichelt mir über den Kopf.

»Alles wieder gut, Herkules. Und Sie merken sich mal eines«, faucht sie den Mann an, »Finger weg von meinem Hund, sonst gibt es gleich richtig Ärger!«

Der guckt sie so blöd an, wie es tatsächlich nur Menschen können. Natürlich - wenn denkende Wesen dem Stumpfsinn anheimfallen, ist es eben viel dramatischer, als wenn beispielsweise ein Goldfisch komplett unterbelichtet ist.

»Is ja gut, is ja gut - ich wollte dem Kleinen doch nichts tun. Nur ein bisschen mit ihm spielen!«

Aha, der wollte nur spielen. Unter Hundebesitzern ja angeblich eine beliebte Ausrede für verzogene Vierbeiner. Dass jetzt schon Zweibeiner darauf zurückgreifen, sagt so einiges über den Zustand aus, in dem sich die Menschheit befindet. Carolin setzt mich wieder auf den Boden, und ich überlege kurz, ob ich an dem Idioten mein Bein heben soll - verwerfe den Gedanken aber als niveaulos. Ein Carl-Leopold von Eschersbach pinkelt nicht aufs Parkett.

Der Mann verzieht sich, und Carolin kniet sich neben mich und streicht sich eine Strähne ihres langen blonden Haares aus dem Gesicht.

»So, Herkules, den sind wir erst mal los. Aber vielleicht gehst du trotzdem wieder in den Garten? Nicht, dass dir gleich der Nächste auf die Pfoten tritt.«

Auf keinen Fall! Meine Mission lautet schließlich Kühlschrank! Ich laufe also Richtung Küche. Dort angekommen, warte ich, bis Carolin mir gefolgt ist, setze mich auf meinen Po und gucke sie so treuherzig an, wie es mir als Dackel nur möglich ist. Zur Unterstreichung meiner Bedürftigkeit fiepe ich noch ein bisschen und hebe eine Vorderpfote. Carolin lacht.

»Aha, daher weht der Wind! Monsieur hat Hunger. Na gut, ein kleiner Snack ist wohl okay.« Sie öffnet die Kühlschranktür und nimmt ein Schälchen heraus. Hm, obwohl die Portion kalt ist, breitet sich ein verführerischer Geruch in der Küche aus. Lecker! Herz!

»Also, die Mikrowelle ist schon verpackt, die Töpfe auch. Frisst du es auch kalt?«

Klaro! Immer her damit! Sie stellt mir das Schälchen vor die Füße, und ich mache mich gleich darüber her.

»Ach, hier steckst du!« Marc steckt seinen Kopf durch die Küchentür. Carolin dreht sich zu ihm herum und strahlt ihn an.

»Herkules hatte ein bisschen Hunger, und den Kühlschrank muss ich sowieso noch ausräumen. Hast du auch Appetit auf irgendetwas?«

Marc stellt sich neben sie.

»Hm, lass mal überlegen. Ja, es gibt tatsächlich etwas, worauf ich richtig Appetit habe.« Blitzschnell packt er Carolin, zieht sie in seine Arme und gibt ihr einen langen Kuss. Mir wird ganz warm und wohlig. Von wegen »kein Happy End« - die beiden sind glücklich miteinander, das sieht ein Blinder mit Krückstock. Selbst, wenn er ein Kater ist.

Carolin kichert und strampelt sich los.

»He, so werden wir hier nicht fertig! Also, möchtest du nun noch einen Joghurt oder vielleicht ein Stück Salami?«

Marc schüttelt den Kopf.

»Nein, danke! Ich wollte eigentlich nur schauen, wie weit ihr hier seid. Meinst du, ihr schafft den Rest in einer halben Stunde? Oder brauchen die Jungs noch länger? Denn dann würde ich jetzt schon mal Luisa von der Schule abholen. Sie war heute Morgen ziemlich aufgeregt, ich habe ihr versprochen, dass sie heute nicht in den Hort zu gehen braucht.«

Carolin nickt.

»Ja, das ist eine gute Idee, mach mal. Wenn sie auch nur ansatzweise so aufgeregt ist wie ich, braucht sie bestimmt ein bisschen väterlichen Beistand. Und ich glaube, wir kommen in der nächsten Stunde auch ohne dich aus.«

»Alles klar, dann düse ich mal los.« Er dreht sich, um zu gehen, überlegt es sich dann aber anders und nimmt Carolin wieder in den Arm.

»Glaub mir, ich bin auch verdammt aufgeregt. Aber auch verdammt glücklich.«...

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