Sommer mit Lilo

Ein Hiddensee-Roman
 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Mai 2017
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1534-8 (ISBN)
 
Die Künstlerin Theresa Weiland ist fast dreißig, frisch getrennt und neu auf Hiddensee, als sie bei einem Spaziergang eine verträumte Fischerkate entdeckt. Kurzentschlossen kauft sie ihr Traumhäuschen für wenig Geld und macht sich an die Renovierung. Theresa ist überglücklich und voller Tatendrang - bis plötzlich ihre anstrengende Mutter Lilo vor der Tür steht. Lilo führt seit Jahren ein Hippieleben auf Mallorca, musste nun aber wegen Streitereien ihre Kommune verlassen. Das Verhältnis von Mutter und Tochter ist von jeher nicht das beste, und nun sollen die grundverschiedenen Frauen unter einem Dach leben? Theresa nimmt zunächst Reißaus, und Lilo überschreitet ihre Grenzen. Doch nach vielen Reibereien und einem großen Knall gibt es für die beiden einen echten Insel-Neuanfang.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 2,52 MB
978-3-8437-1534-8 (9783843715348)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Rieke Schermer ist das Pseudonym der Autorin Susanne Lieder. Sie wurde 1963 in Ostwestfalen geboren, ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann auf einem kleinen Resthof in der Nähe von Bremen.

GINSTERGELB


Hiddensee im Juli

Streitsüchtig hatte Cornelius sie genannt.

Sie und streitsüchtig! Lächerlich!

Sie hatte es einfach nur sattgehabt und ihn bei ihrem letzten Streit angebrüllt, dass sie ausziehen würde. Und zwar auf der Stelle. Wutschnaubend war sie aus der gemeinsamen Wohnung gestürmt und hatte dabei die Türen so geknallt, dass die Fensterscheiben geklirrt hatten.

Wie gut das getan hatte!

Cornelius und sie, das ging einfach nicht. Zwischen ihnen lagen nicht nur Welten, ein ganzes Universum befand sich dazwischen.

Zur Not würde sie vorübergehend in ihrem Atelier wohnen, wenn sich nichts anderes fand.

Sie hatte ihre Freundin Ella angerufen, die mit ihrer einjährigen Tochter in einer kleinen Dachgeschosswohnung lebte. »Ich brauche Asyl, Ella, dringend.«

»Ach herrje, das ist ganz blöd, Theresa, meine Schwester ist gerade für ein paar Tage bei mir. Und du kennst meine Wohnung. Natalie geht's nicht gut. Aber sie wird bestimmt nicht lange bleiben.«

Theresa hatte geahnt, dass Ella mit »bestimmt« gleichzeitig auch »hoffentlich« meinte. »Kein Problem, ich finde schon was anderes.«

Das war leider nicht der Fall gewesen. Die Insel war um diese Zeit voller Touristen, es gab kein freies Zimmer weit und breit.

Aber zu Kreuze kriechen und Cornelius um Verzeihung bitten, nur damit sie wieder ein Dach über dem Kopf hätte?

Nein, ganz bestimmt nicht.

Und so wohnte sie nun seit drei Wochen in ihrem Atelier.

An diesem Morgen schien die Sonne durchs Fenster, und Theresa gönnte sich noch einen Moment und blieb faul liegen.

Sie verschränkte die Arme im Nacken und beobachtete die Sonnenstrahlen, die durchs Zimmer tanzten.

Als sie vor zwei Jahren auf die Insel gekommen war, war sie wie elektrisiert gewesen. Sie hatte sich gleich heimisch gefühlt, mehr noch, sie hatte sofort gewusst, dass dies ihr neues Zuhause sein würde. Ihr erstes richtiges Zuhause.

Als Kind war sie ständig mit ihrer Mutter umhergezogen, hatte dreimal die Schule wechseln müssen. In Berlin, wo sie Abitur gemacht und anschließend Kunst studiert hatte, war dann Cornelius in ihr Leben getreten. Er war fünfzehn Jahre älter als sie und hatte ihr das gegeben, wonach sie sich gesehnt hatte: Sicherheit und Beständigkeit.

Hier auf Hiddensee konnte sie endlich so arbeiten, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Die Umgebung, die Luft, das Rauschen des Meeres, der Wind, all das war eine einzige große Inspiration.

Und dann die Farben, an denen man sich kaum sattsehen konnte. Das helle Grün der Wiesen, das Gelb der Ginsterbüsche, der ockerfarbene Sand und das ganz besondere Blau des Himmels.

Im Frühling war es, als würde eine federleichte zartgrüne Decke über der Insel liegen, die stückchenweise heruntergezogen wurde. Tag für Tag wurde ein kleiner Zipfel freigelegt.

Sie musste lachen. Sie hatte ohne Zweifel eine lyrische Ader. Vielleicht hätte sie doch Schriftstellerin und nicht Malerin werden sollen.

Ihre Mutter hatte früher manchmal Gedichte oder Kurzgeschichten geschrieben, wahrscheinlich hatte das auf sie abgefärbt.

Theresa schwang die Beine von der Liege und streckte sich. Jeder einzelne Knochen im Leib tat ihr weh.

Noch drei Wochen auf dieser Liege, und sie hätte einen Bandscheibenvorfall.

Sie brauchte dringend eine eigene Wohnung, zur Not auch ein möbliertes Zimmer. Die meisten Möbel hatte sie sowieso bei Cornelius gelassen. Ein Fehler? Ja, wahrscheinlich.

Ihr Handy klingelte irgendwo, und sie machte sich auf die Suche danach.

Was nicht leicht war, denn in ihrem Atelier herrschte, seitdem sie hier wohnte, ein ziemliches Chaos.

Gestern hatte sie bis in die Nacht hinein gearbeitet. Im August hatte sie eine Ausstellung in Rostock, bis dahin mussten noch ein paar Bilder fertig werden.

Wie besessen, Kopfhörer mit lauter Rockmusik auf den Ohren, hatte sie an einem Bild gemalt, das den Strand in Vitte darstellte.

Ah, da war ja ihr Handy. »Ja?«, fragte sie atemlos.

»Ich bin's.«

»Hallo, Bille.«

Bille war eine alte Schulfreundin aus Berlin. Die beiden hatten den Kontakt nie abbrechen lassen, auch wenn sie sich in den letzten Jahren nur selten gesehen hatten.

»Was machst du so?«, fragte ihre Freundin.

»Rufst du extra an, um mich das zu fragen, Bille? Für gewöhnlich schläfst du um diese Zeit doch noch.«

Bille gähnte herzzerreißend, als wolle sie demonstrieren, dass sie tatsächlich noch müde war. »Ich hab miserabel geschlafen, bin früh aufgewacht und dachte, ich rufe mal meine alte Freundin Theresa an und erkundige mich, wie's ihr so geht.«

»Gut geht's ihr.«

»Du klingst auch richtig gut. So aufgeräumt und fröhlich.«

Theresa lachte. »Wenn du wüsstest, Bille. Bei mir geht gerade alles drunter und drüber. Ich hab mich von Cornelius getrennt und hause seitdem mit Sack und Pack in meinem Atelier.«

»Und das erzählst du mir erst jetzt?«

»Entschuldige, aber du hast selbst genug um die Ohren.«

»Du wolltest mich schonen? Komm schon, Theresa, wozu sind Freunde da, wenn man sich nicht bei ihnen ausheulen kann?«

»Ich muss mich nicht ausheulen, Bille.« Das musste sie wirklich nicht. Nach ihrer Trennung hatte sie nicht ein Mal das Bedürfnis gehabt, sich auszuweinen.

»Okay, ich geb's zu, ich bin beleidigt, dass du mir nichts gesagt hast.«

Theresa kannte ihre Freundin viel zu gut und wusste, dass das nicht ernst gemeint war. Sie lachte.

»Hat er dich rausgeworfen?«

»Nein, ich bin gegangen.«

Jetzt lachte Bille lauthals. »Gegangen? Wie lange kennen wir uns jetzt, Theresa?«

»Na schön, ich bin wie ein Berserker aus der Wohnung gestürmt.«

»Das klingt schon eher nach dir. Und es klingt nach jeder Menge Stress.«

»Nein, komischerweise überhaupt nicht. Seit drei Wochen habe ich endlich wieder das Gefühl, als gehöre mein Leben mir.«

»Verstehe.« Bille kannte Cornelius, wahrscheinlich verstand sie es wirklich. »Du hast einen Vaterkomplex, und Väter neigen nun mal dazu, einem Vorschriften zu machen und mit Argusaugen über einen zu wachen.«

»Ach ja?« Woher glaubte Bille das zu wissen? Sie war ohne Vater aufgewachsen, hatte ihn nicht mal kennengelernt.

»Komm schon, du weißt, dass du einen Vaterkomplex hast, Theresa.«

»Das meinte ich nicht. Es bezog sich auf deine Aussage, dass Väter Vorschriften machen und so.«

»Ich hab mal so was gehört.« Bille seufzte. »Darf ich ehrlich sein? Gut, dass du den alten Griesgram endlich los bist.«

Theresa verkniff sich eine Erwiderung.

»Und jetzt? Du kannst doch nicht ewig in deinem Atelier wohnen.«

»Drei Wochen reichen mir eigentlich schon völlig.«

»Warum suchst du dir keine Wohnung?«

»Weißt du, wieso ich mit dir befreundet bin, Bille?«

»Weil ich immer den Durchblick habe? Verständnisvoll und mitfühlend bin?«

Theresa musste wieder lachen. »In ungefähr der Reihenfolge, ja. Nein, im Ernst, im Moment sieht es mit freien Wohnungen sehr schlecht aus. Ganz abgesehen von den Mietpreisen. Wer kann sich das leisten? Arme, aufstrebende Künstlerinnen jedenfalls nicht.«

»Dann muss die aufstrebende Künstlerin eben mehr Bilder verkaufen«, schlug Bille vor.

»Deine Tipps und Ratschläge schätze ich übrigens auch.«

»Ich könnte schwören, dass das gerade sarkastisch gemeint war.«

»Ich hatte gedacht, ich könnte vorübergehend bei Ella unterschlüpfen. Fehlanzeige. Ihre Schwester braucht noch dringender Asyl als ich.«

»Wenn alle Stricke reißen, wohnst du halt eine Weile bei mir.«

»In Berlin? Nein, danke. Das ist wirklich lieb von dir, aber hier ist mein Lebensmittelpunkt. Ich liebe die Insel, ich glaube, ich möchte nie mehr woanders leben. Ich hab mein Atelier, was soll's. Obdachlos bin ich ja nicht.«

»Ja, dann .« Ihre Freundin seufzte. »Mit mehr Tipps und guten Ratschlägen kann ich nicht dienen, tut mir leid. Du schaffst das, Theresa, du bist ein Stehaufmännchen.«

»Bin ich das? Doch, ja, du hast recht, Bille. Eine Eigenschaft, die ich von meiner Mutter geerbt habe.«

»Wie geht's ihr eigentlich?«

»Keine Ahnung«, erwiderte Theresa kurz angebunden. Sie hatte keine Lust, über Lilo zu reden und wollte eine aufkommende Diskussion gleich im Keim ersticken.

»Du könntest dich einfach mal erkundigen. Nein, schon gut. Du wolltest ja keine Tipps mehr.«

»Stimmt auffallend.« Theresa unterdrückte ein Seufzen. »Ich bin froh, dass so viele Kilometer zwischen mir und meiner Mutter liegen, Bille. Je mehr, desto besser.«

»Sie hat nur dich, Theresa.«

Theresa verdrehte die Augen. Gut, dass Bille es nicht sehen konnte. »Und die Leute aus ihrer WG und Jacques und Lionel und Peter, und wie die Kerle sonst noch heißen.«

»Du bist schon wieder sarkastisch.«

»Allerdings.«

»Ich hab mich schon viel zu weit aus dem Fenster gelehnt, ich sage besser kein Wort mehr.«

Theresa war verstimmt, mochte das aber nicht zugeben. Bille konnte nichts dafür, dass die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter so schwierig war. »Ich wollte dich nicht anfahren, Bille. Wir geraten immer aneinander, wenn's um meine Mutter geht.«

Bille schwieg.

»Bist du noch...

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